Weiße Sandstrände, türkisblaues Wasser und – Sandsäcke. Die Bewohner der Inselgruppe Kiribati wollen ihre Heimat vor den Folgen des Klimawandels schützen. Doch das Meer lässt sich nicht aufhalten. „Anote’s Ark“ ist eine eindrucksvolle Dokumentation über einen versinkenden Staat.

„Kiribati liegt im Zentrum dieser Welt. Genau da, mitten im Pazifik“, sagt Anote Tong mit ruhiger Stimme. „Wir sind so weit weg und isoliert, dass wir dachten, wir seien immun gegen die Leiden dieser Welt.“ Der ehemalige Präsident der 33 Inseln und Korallenatolle, die den Inselstaat Kiribati bilden, beschreibt eine paradoxe Situation: Obwohl Kiribati fernab der großen Industrienationen liegt, bekommen die Bewohner die Quittung für den Klimawandel: Noch vor Ende dieses Jahrhunderts werden die Inseln im Meer versinken, sagt Tong.

Über zwei Jahre hat der aus der Schweiz stammende Regisseur Matthieu Rytz den damaligen Präsidenten auf seiner Reise um die Welt begleitet. Der Fotograf aus Kanada lernte Anote Tong auf Kiribati kennen. Sein Engagement beeindruckte ihn und er beschloss, ihn filmisch zu begleiten: bei den Treffen mit Papst Franziskus und Barack Obama und auch bei der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris, als er um internationale Unterstützung bat.

Die Dokumentation „Anote’s Ark“ ist der erste Film von Matthieu Rytz, der eigentlich als Fotograf arbeitet. Das erklärt auch, warum die Bilder eine so große Rolle spielen: Er hat mit Drohnen aus der Luft gefilmt und sich mit einer Unterwasserkamera in die Brandung gestellt. Rytz hat ein Auge für gute und starke Bilder.

Das versinkende Paradies

Im Mittelpunkt des Films steht nicht Anote Tong alleine. Der Regisseur hat mehr als acht Monate auf den Inseln verbracht und ist den dort lebenden Menschen sehr nahe gekommen, verwendet sogar einige ihrer Handyaufnahmen. Unaufdringlich und respektvoll porträtiert Rytz das Leben im versinkenden Inselparadies, zeigt Kultur, Hoffnungen und Wünsche.

Eine Familie wandert nach Neuseeland aus. Rytz reist mit. Er begleitet sie zu ihrem ersten Job auf der Kiwi-Farm und erlebt die Geburt des siebten Kindes. Das Leben in Neuseeland ist anders als auf Kiribati: städtischer, hektischer, anonymer. Auch nach vielen Monaten ist die Familie noch nicht richtig angekommen, will aber bleiben – der Zukunft der Kinder wegen.

Rytz stellt keine Fragen. Er interviewt die Protagonisten seiner Dokumentation nicht, während die Kamera läuft. Er lässt sie sprechen, macht sich selbst zum stummen Beobachter.

„Anote’s Ark“ zeigt die langsam schwindende Schönheit Kiribatis und wirft dabei wichtige Fragen auf: Was bleibt, wenn wir untergehen? Was passiert mit der Kultur, den Bräuchen und Traditionen einer Nation, wenn sie kein Land mehr hat? Und warum hilft niemand den Bewohnern Kiribatis, wenn der Klimawandel doch uns alle etwas angeht?

Eine wichtige Dokumentation mit Bildern zwischen Urlaubsparadies und Naturkatastrophe, die aufrüttelt und unruhig macht.

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Hannah Lesch, Jahrgang 1994, überlebte bereits Wildwasser-Rafting mit Krokodilen in Namibia. Dort hat sie auch Bogenschießen gelernt. Nach dem Bachelor im Wissenschaftsjournalismus ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Afrika, um für die „Deutsche Welle Akademie“ Trainings für Medienschaffende anzubieten. Nebenbei organisierte sie ein Festival, bei dem in 48 Stunden Filme produziert wurden. Wissenschaftsjournalistin möchte sie werden, seit sie bei „Jugend forscht“ einen Preis gewonnen hat. Dafür kartierte sie Mauereidechsen. Und nein, mit Harald Lesch ist sie nicht verwandt. Ihren Namensvetter und ihr Idol würde sie trotzdem gerne mal treffen. Immerhin: Seine Gehaltsabrechnung wurde ihr beim Praktikum beim „Bayerischen Rundfunk“ aus Versehen zugestellt. Geöffnet hat sie diese aber nicht. Kürzel: hl