Filzgleiter oder Hautfetzen? Der Tatortreiniger rätselt mit Freund Didi.
Filzgleiter oder Hautfetzen? Alltagsfragen eines Tatortreinigers. Foto: Letterbox Filmproduktion

Schotty ist wieder da: Ende 2018 erscheint die neue Staffel der NDR-Kultserie „Der Tatortreiniger“. Beim Filmfest Hamburg feierten die ersten drei Folgen Premiere und warfen Fragen zu Kunst, Tod und Filzgleitern auf.  

Folge 1: „Currywurst“

In abgewetzter Kleidung, mit ungepflegtem Bart und zusammengebundenen Haaren schlurft Schotty durch die Ravensbacher Galerie. Die Galeristin, gespielt von Pia Hierzegger, hält den Tatortreiniger für einen zeitgenössischen Künstler: „Was haben Sie denn mitgebracht?“, fragt sie neugierig. „Putzzeug“, ist die knappe Antwort des Tatortreinigers. „Sensationell“, sagt die Galeristin begeistert. Und schon ist man mitten im Thema der Folge „Currywurst“: Was ist Kunst?

Die Galerie Ravensbach hat sich einem besonderen Thema gewidmet: Geld. Ein riesiger Fünf-Euro-Schein, nachgebaut aus echten Geldscheinen, erzürnt Schotty besonders. Materialwert: 120.000 Euro. Das „Kunstwerk“ sei nichts als Hohn für normale Bürger. Die Galeristin freut sich über Schottys Wutausbruch: „Das ist das Schöne an Scolatti. Er lässt niemanden kalt.“

Ein Streitgespräch entsteht, in dem der Tatortreiniger zynisch die Unsinnigkeit der hohen Künste kritisiert. Wieder einmal gelingt es, den Zuschauer zum Lachen zu bringen und zum Nachdenken anzuregen: Ist die Mona Lisa wirklich so besonders wie alle behaupten, oder ist sie nur so besonders, weil es alle behaupten?

Folge 2: „Der Kopf“

Normalerweise nimmt Schotty jede Herausforderung an, doch dieser Aufgabe ist er nicht gewachsen: Während er an einem neuen Tatort putzt, soll er auf den vierunddreißigjährigen Matthis, gespielt von Thomas Niehaus, aufpassen. Das Problem: Nach einem Unfall liegt Matthis im Wachkoma. Er kann nicht sprechen und sich nicht bewegen. Ob er hört, was man ihm sagt, ist ungewiss.

Schotty ist überfordert und so unsensibel, wie man es von ihm aus den vorherigen Staffeln kennt. Als er ausrutscht und stürzt, landet er in Matthis Kopf und trifft dort auf einen optimistischen jungen Mann, der weiterhin kämpft und leben will. Wäre da nicht die Angst vor dem Tod, der hier klischeehaft als Sensenmann dargestellt wird.

Gespräche über Leben und Tod wechseln sich mit albernen Szenen, in denen die beiden Männer gegen den Tod Fußballspielen oder Erinnerungen neu erfinden, ab. Ein schmaler Grat zwischen komisch und makaber.

Dabei wird die Folge dem Thema nicht immer gerecht: Zu bedrückend sind die Szenen, die Matthis sabbernd und hilflos im Rollstuhl zeigen. Zu unbeholfen ist Schotty, der bei seinen Erzählungen betont, wie viel Matthis verpasst und wie sinnlos sein Leben im Koma sei.

Schotty zeigt Mitgefühl – in kleinen Dosen.
Schotty zeigt Mitgefühl – in kleinen Dosen. Foto: Letterbox Filmproduktion

Folge 3: „Rebellen“

Tod, Kunst, Behinderungen, Nazis, Veganer – Folge für Folge klappert Heiko Schotte ein anderes sperriges Thema ab. Was fehlt? Filzgleiter. Sind sie Bremse für Möbelstücke, komprimierte Schafe oder doch nur die Träger toxischer Spießigkeit? In der dritten Folge der siebten Staffel rückt „Der Tatortreiniger“ ein banales Thema in den Mittelpunkt und schlägt am Ende doch wieder den Bogen zu tieferen Fragen.

Drehbuchautorin Mizzi Meyer bürdet dabei Schotty-Darsteller Bjarne Mädel absurd spezifische Dialoge über die Vorzüge verschiedener Filzgleiter-Modelle auf. Bei der an die Premiere anschließende Fragerunde sagte der Schauspieler, dass er die langen Monologe zum Glück wieder aus seinem Gedächnis „verdrängt“ habe – allein für die rasche Aufzählung verschiedener Modellbezeichnung brauchten er und das Team drei Drehtage.

Letztendlich geht es in den Gesprächen über das Sesshaftwerden. Die Folge heißt schließlich „Rebellen“. Der Punk stirbt mit Filzgleitern unter dem Sessel. Ausnahmsweise rückt dabei der Tatort in den Hintergrund und sorgt mit einer überdimensionalen, blubbernden Blutblase nur als Gesprächsstarter.

Statt mit Angehörigen, philosophiert der Tatortreiniger mit alten Freunden. Didi (Olli Schulz) und Frido (Jan Georg Schütte) sind zwar nicht immer mit Schotty einer Meinung, aber auf einer Wellenlänge. Sie können mit seinem rasanten Wechsel zwischen Banalität und Tiefgründigkeit mithalten und sorgen so für die absurdesten Dialoge der Staffel. Der Wechsel aus schnell geschnittener Situationskomik und lang ausdiskutierter Filzgleiter-Philosophie sorgt für eine der lustigsten Tatortreiniger-Folgen.

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Als Fitnesstrainerin spornt Thoya Maria Urbach, Jahrgang 1994, mehrmals in der Woche bis zu 30 Leute zu Höchstleistungen an. Studiert hat sie Kulturwissenschaften in Lüneburg und Barcelona und dabei das Schreiben für sich entdeckt. Bei der „Brigitte“ hospitierte sie in der Onlineredaktion. Während eines Praktikums in der Unternehmenskommunikation bei Deutschlands größter Containerreederei faszinierte sie die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Die Hamburgerin schippert in ihrer Freizeit gerne mit der Fähre über die Elbe, ist aber auch in anderen Städten unterwegs – etwa in St. Petersburg. Denn etwas Russisch kann sie auch. Kürzel: tmu
Tobias Zuttmann, Jahrgang 1995, ist als Kind so heftig in eine Glastür gelaufen, dass er darin steckengeblieben ist. Heute bewältigt er lieber einen Halbmarathon. Nach dem Ressortjournalismus-Studium im fränkischen Ansbach absolvierte er eine Reihe von Praktika, unter anderem beim WDR, ZDF und „Kicker“. Am längsten blieb er bei ProSiebenSat.1 in der Redaktion der Sportsendung „ran“, denn auf Sport liegt auch im Journalismus sein Fokus. Anschließend folgte die Übernahme als freier Mitarbeiter. Wenn Tobias nicht gerade auf Weltreise ist, kann man ihn während der Football-Saison im ICE auf der Strecke Hamburg-München antreffen, wenn „ran“ wieder mal nach einem kompetenten Sportbericht verlangt. Dafür zeigt er vollen Einsatz: Für acht Stunden Arbeit fährt er innerhalb eines Tages zwölf Stunden Zug. Kürzel: tz
Björn Rohwer, Jahrgang 1993, liebt drei Dinge: Sport, Musik und Technik. Während er beim Sport lieber zuschaut, ist er bei der Musik mit vollem Einsatz dabei. Seit seinem sechsten Lebensjahr singt der studierte Musikwissenschaftler im Knabenchor, spielt Klavier, Saxophon und Klarinette. Zum Journalismus hat ihn seine dritte Leidenschaft gebracht: die Technik. Für verschiedene Gamingformate rezensiert er Videospiele, führt Interviews und verfasst Hintergrundberichte. In seinem 2014 erschienenen Buch „Unnützes Wissen für Gamer“ gibt er die Antwort darauf, warum Super Mario einen Schnauzbart trägt oder wieso Lara Croft eine große Oberweite hat. Das Buch hat er während eines Kreuzbandrisses geschrieben, den er sich beim Schulsport zuzog. Das Ende der Sportlerkarriere war der Anfang des Schreibens. Kürzel: bro