Ein Land, das noch in diesem Jahrhundert im Ozean versinken wird: Der Schweizer Matthieu Rytz zeigt in „Anote’s Ark“ den Kampf des ehemaligen Präsidenten Anote Tong um die Zukunft seiner Heimat Kiribati im zentralen Pazifik.

Der Dokumentarfilm „Anote’s Ark“ erzählt die Geschichte des versinkenden Inselstaats Kiribati. Durch den Klimawandel wird der Meeresspiegel in den nächsten Jahren so hoch ansteigen, dass die Gruppe von 33 Inseln und Korallenatollen im pazifischen Ozean untergehen wird. FINK.HAMBURG hat den Regisseur Matthieu Rytz getroffen, der seine Doku beim Filmfest Hamburg vorstellte.

Matthieu Rytz, 38, ist in der Schweiz aufgewachsen und lebt in Montreal, Kanada. Für den Fotografen ist „Anote’s Ark“ der erste Film. Dafür verbrachte er über acht Monate auf Kiribati und begleitete den ehemaligen Präsidenten Anote Tong bei seinen Reisen um die Welt. Rytz bezeichnet sich als digitalen Nomaden und fühlt sich in der Welt zuhause. Aktuell arbeitet er an seinem zweiten Filmprojekt.

FINK.HAMBURG: Auf Ihrer Webseite bezeichnen Sie sich selbst als „proud citizen of the world“: Wie sehr würden Sie sich als stolzen Bürger von Kiribati bezeichnen?

Matthieu Rytz: Ich habe fast fünf Jahre mit diesem Projekt verbracht, aber könnte nicht behaupten, dass ich nun ein Bürger Kiribatis bin. Es war allerdings genug Zeit, um die Kultur zu verstehen. Die Geschichte des Klimawandels dreht sich meistens um Daten: Wie hoch wird der Meeresspiegel steigen? Wie viele Gebiete gehen verloren? Ich wollte aber die menschliche Seite des Klimawandels darstellen.

Matthieu Rytz ist der Regisseur von Anote's Ark
Matthieu Rytz sagt, der ehemalige Präsident Kiribatis, Anote Tong, ist ein Botschafter für den Kampf gegen den Klimawandel. Foto: Hannah Lesch

Sie beschreiben, dass die Produktion des Films „Anote’s Ark“ dabei geholfen hat, Wut und das Gefühl von Machtlosigkeit abzuschütteln. Ist das weiterhin der Fall?

Bevor ich angefangen habe, war ich wütend. Jetzt bin ich noch wütender. (lacht) Ich bin nicht deprimiert, denn sonst würde ich aufhören zu arbeiten. Aber ich bin sehr realistisch, vermutlich sogar ein pessimistischer Realist. Als jeder nach der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 gefeiert hat, habe ich nicht gefeiert. Mit den Beschlüssen hat sich nichts für die Menschen in Kiribati geändert. Sie werden ihr Land noch in diesem Jahrhundert verlieren und niemand leitet eine konkrete Handlung ein. Bisher hat kein Land gesagt: „Wir haben dieses Chaos kreiert und so viel Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre gesetzt, also werden wir euch helfen.“

Kiribati ist 13.706,59 Kilometer von Hamburg entfernt. Quelle: giphy.com

Mit Blick auf die Situation in Kiribati: Was muss passieren und wer muss handeln? 

Das ist sehr schwer zu beantworten. Rund um den Film fragen mich viele Leute: Was soll ich tun? Aber ich bin nicht hier, um den Leuten zu sagen, was sie machen sollen. Ich werde nicht sagen: Lebt vegan und fahrt Elektroautos. Mir geht es darum, die Menschen mit der Geschichte Kiribatis zu berühren. Wenn Menschen wirklich verstehen, was die Leute dort verlieren, werden Sie vielleicht ihr Verhalten ändern.

Die neue Regierung von Kiribati wollte die Veröffentlichung Ihrer Dokumentation verhindern. Der Fokus des neuen Präsidenten liegt auf wirtschaftlichem Wachstum und Tourismus. Was halten Sie von diesen Plänen?

Die neue Regierung hat vorher die Opposition zum vorherigen Präsidenten Anote Tong gestellt. Eine weitere Legislaturperiode war für ihn wegen der Verfassung nicht möglich. Nun ähnelt es ein bisschen der Situation in den USA: Dort kämpft die neue Regierung prinzipiell gegen alles, was Barack Obama aufgebaut hat. In Kiribati bedeutet das einen starken politischen Rückschlag. Eine wichtige Botschaft ist: Der Klimawandel darf nicht nur ein politisches Thema sein, denn es geht ums Überleben. Alle Parteien, egal ob links, rechts oder die politische Mitte, sollten den Klimawandel anerkennen. Der Kampf gegen den Klimawandel sollte bei allen Regierungen die höchste Priorität haben. Das Problem ist, dass manche Regierungen – wie in den USA oder Kiribati – davon abweichen.

Was bleibt von der Menschheit nach dem Klimawandel?

Haben Sie deshalb den Film gedreht?

Nicht wirklich. Ich habe mich an dem Tag für den Film entschlossen, als ich Anote Tong getroffen habe. Sein Charisma und die Reise, die vor ihm lag, haben mich beeindruckt. Daher habe ich gesagt: Ich werde diesem Mann folgen.

Was war die größte Herausforderung?

Tatsächlich die Finanzierung. Es waren die letzten zwei Jahre seiner Präsidentschaft. Ich konnte nicht auf potenzielle Geldgeber warten. Also fing ich an, meine eigene Kreditkarte zu nutzen und mich zu verschulden. Als ich genug Material zusammen hatte, wie Szenen vom Treffen mit dem Papst und mit Barack Obama, konnte ich die Geldgeber überzeugen.

Der Titel des Films lautet „Anote’s Ark“. Im Film ist aber keine Arche zu sehen. Woran haben Sie bei dem Titel gedacht?

Er ist offensichtlich mit dem biblischen Begriff der „Arche“ verbunden. Aber eigentlich geht es darum, was bleibt, wenn wir unser Land verlieren. Was können wir bewahren, im Sinne von Spiritualität, Sprache und Kultur? Was bleibt von der Menschheit nach dem Klimawandel?

Vorheriger ArtikelWarum aus Sportschuhen ein Sportplatz wurde
Nächster Artikel„Wir brauchen eine weibliche Bart Simpson“
Anika Schnücke, Jahrgang 1992, stuft sich selber als Gefahr für den Hamburger Verkehr ein. In drei Jahren in der Fahrradmetropole Münster hat sie sich einen rücksichtslosen Fahrstil angewöhnt. Neben ihrem Fahrrad bringt sie ihr Gespür für Lokaljournalismus mit in die Hansestadt. Während ihres Kommunikationswissenschaft-Studiums schrieb Anika in Münster als freie Journalistin für die Lokalzeitung und ein Stadtmagazin. Wie man ernste Themen mit Humor behandelt, lernte sie bei einem Praktikum in der Online-Redaktion der „Heute Show“. Über politische Satire schrieb sie auch ihre Bachelorarbeit. Anika freut sich auf die Einführung von rothaarigen Emojis – obwohl sie findet, dass man sich mit Gifs sowieso viel besser ausdrücken kann. Kürzel: as
Hannah Lesch, Jahrgang 1994, überlebte bereits Wildwasser-Rafting mit Krokodilen in Namibia. Dort hat sie auch Bogenschießen gelernt. Nach dem Bachelor im Wissenschaftsjournalismus ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Afrika, um für die „Deutsche Welle Akademie“ Trainings für Medienschaffende anzubieten. Nebenbei organisierte sie ein Festival, bei dem in 48 Stunden Filme produziert wurden. Wissenschaftsjournalistin möchte sie werden, seit sie bei „Jugend forscht“ einen Preis gewonnen hat. Dafür kartierte sie Mauereidechsen. Und nein, mit Harald Lesch ist sie nicht verwandt. Ihren Namensvetter und ihr Idol würde sie trotzdem gerne mal treffen. Immerhin: Seine Gehaltsabrechnung wurde ihr beim Praktikum beim „Bayerischen Rundfunk“ aus Versehen zugestellt. Geöffnet hat sie diese aber nicht. Kürzel: hl

1 KOMMENTAR

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here