Früher jagte er für die Kinderserie „Die Pfefferkörner“ in der Speicherstadt Gauner und Verbrecher, heute arbeitet er in der Logistik. Cem-Darsteller Ihsan Ay spricht im Interview mit FINK.HAMBURG über Allüren, Abschiede und Ängste.

Sie waren die ersten „Pfefferkörner“. Drei Staffeln lang ermittelten Fiete, Natascha, Cem, Jana und Vivi in der TV-Serie und schnappten Räuber und Gangster, bis die nächste Generation sie in ihrem Hauptquartier ablöste. 2018 startete das mittlerweile zehnte Detektiv-Team. Bis heute sind die jungen Ermittler Vorbilder für viele Kinder. Ihsan war zwölf, als die Dreharbeiten zur ersten Staffel begannen. Das war vor knapp 20 Jahren.

FINK.HAMBURG: Hast du noch Kontakt zu deinem „Pfefferkörner“-Team?

Ihsan Ay: Leider gar nicht. Dabei war ich mit Julian, der den Fiete gespielt hat, auf einer Wellenlänge. Vielleicht auch, weil wir die einzigen Jungs in der Serie waren. Aber es war dann wie so oft: aus den Augen aus dem Sinn. Heute frage ich mich aber schon manchmal, was Julian so macht. Der müsste inzwischen ja auch 33 sein. Hat er studiert? Hat er Kinder? Lebt er überhaupt noch in Deutschland?

Und was war mit den drei anderen?

Mit den Mädels kam ich auch gut klar. Aber wie in jeder großen Familie gab es auch bei uns mal Streit. Wir waren fünf Teenager in der Pubertät. In der Zeit muss auch jeder seinen eigenen Weg finden, natürlich kam es da zu Reibereien am Set. Aber es war schon eine tolle Zeit – anstrengend, aber toll. Und es waren einfach geile Leute.

Dann fiel dir der Abschied bestimmt schwer?

Ich weiß noch, dass wir nach der ersten Staffel gemeinsam in einem Restaurant gefeiert haben. Ich war mit meinen Eltern da und einer der ersten, der gehen musste. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich viele ja gar nicht wiedersehe – Leute, mit denen ich so intensiv zusammengearbeitet habe, sind wie 20 Mommys und 20 Daddys für mich geworden. Ich habe so heftig geweint, ich wollte diese Leute einfach nicht verlassen. Meinen Eltern tat das auch leid, aber sie meinten: „Ja, wir müssen irgendwann gehen. Wir haben ein Zuhause.“

Als ich dann gehört habe, dass eine zweite Staffel gedreht wird, bin ich komplett ausgerastet und dachte: „Geil, wir ziehen das noch weiter durch.“ Nach der dritten Staffel war ich ehrlich gesagt froh, dass es vorbei war. Wir wurden gefragt, ob wir noch eine vierte Staffel machen wollen, aber wir haben „Nein“ gesagt. Da war ich auch schon fast 16. Ich wollte nicht mehr durch die Speicherstadt laufen und Detektiv spielen.

Die „Pfefferkörner“ sind also erwachsen geworden.

Ja. Es wurde auch immer schwieriger, innerhalb dieser Fünfer-Clique auf einen Nenner zu kommen. Die Mädels bekamen Starallüren. Bestimmt haben die dasselbe über uns gedacht. Eine hat sich auch in Julian verliebt. Er wollte aber nicht – dann war die Stimmung im Arsch. Es ist zwar nicht das Tischtuch gerissen, aber irgendwann reicht’s. Wir hatten eine gute Zeit, aber eine vierte Staffel musste ich nicht mehr haben.

Und dann hast du aufgehört mit der Schauspielerei?

Nicht sofort, aber ich habe schon zum Ende meiner Zeit bei den „Pfefferkörnern“ gewusst, dass ich kein Schauspieler werden möchte.

Warum?

Weil das hier in Deutschland ein ziemlich unsicherer Beruf ist. Es gibt sehr viele Schauspieler, die arbeitslos sind und dann auch zum Arbeitsamt gehen müssen, weil sie nichts anderes gelernt haben. Das haben viele nicht verstanden. Die dachten, ich hätte ausgesorgt, weil ich bei den „Pfefferkörnern“ mitgespielt habe. Das ist Quatsch.

Wie ging es stattdessen für dich weiter?

Nach dem Abi wollte ich eigentlich VWL studieren, aber mein Schnitt war zu schlecht. Ich hatte keinen Bock auf zehn Wartesemester und habe stattdessen eine Ausbildung zum Speditionskaufmann gemacht. Mit dem Hamburger Hafen haben wir hier viel Import und Export – das ist eine sichere Branche, da wird es immer Bedarf geben.

Hättest du nochmal Lust zu schauspielern?

Da müsste schon ein sehr gutes Angebot kommen und ich bin mittlerweile ja auch zwölf Jahre raus. Ich weiß gar nicht, ob ich das noch könnte. Man soll niemals nie sagen, aber ich würde nicht aktiv nach Rollen suchen.

Wie hast du die Rolle des Cems damals überhaupt bekommen?

Ich war auf dem Gymnasium Altona, in dem später auch „Die Pfefferkörner“ gedreht wurden. An einem Tag kam die Produktionsleiterin in unsere Klasse. Sie hat uns von einer geplanten Detektivserie in der Speicherstadt erzählt und dass es ein offenes Casting gibt. Sie hat auch speziell einen Türken gesucht, beziehungsweise jemanden mit Migrationshintergrund, für die Rolle des Cems.

Ich wollte da eigentlich gar nicht hingehen, das Casting war an einem Samstag um neun oder halb zehn morgens. Da hatte ich gar keinen Bock drauf. Aber mein älterer Bruder wollte unbedingt mitmachen und dann hat mich meine Mutter quasi genötigt mit ihm zum Casting zu gehen. Als ich dann da war, habe ich auch meinen damaligen besten Freund und ein paar Mitschüler getroffen. In der Schule hatten alle noch erzählt, dass sie da nicht hingehen und samstags etwas Besseres zu tun haben.

Als ich zu Hause war, habe ich sofort einen Anruf bekommen, dass ich es unter die Top Drei geschafft habe. Beim nächsten Vorsprechen sollte ich dann eine gemeinsame Szene mit Julian spielen. Bei ihm stand schon fest, dass er Fiete spielen soll und das Team wollte gucken, wie wir harmonieren.

Eigentlich wollte ja dein Bruder die Rolle haben. War er sauer, dass du sie bekommen hast?

Ich glaube schon, aber er hat mich das nicht spüren lassen. Trotzdem hat es uns als Brüder eher entfremdet. Auch in der Familie war es so, dass meine Schauspielerei immer angesprochen wurde. Meine Eltern waren total stolz und haben es bei jeder Gelegenheit erwähnt. Mein Bruder hat dann mehr sein eigenes Ding gemacht und mich nicht in seinen Freundeskreis reingelassen. Vielleicht aus Angst, da auch in den Hintergrund zu geraten. Heute verstehe ich das und das Verhältnis ist wieder besser.

Und wie sind deine Mitschüler damit umgegangen?

Das war zu Anfang schon etwas heftig. Als die ersten Folgen ausgestrahlt wurden, haben mich alle auf dem Schulhof angeschaut – alle. Aber niemand hat mich angesprochen. Die haben nur untereinander getuschelt. Es war schon komisch, von allen angegafft zu werden. Vor allem, weil ich mir die Folgen selbst gar nicht angesehen hatte.

Echt? Hast du gar keine Folgen angeschaut?

Doch, vielleicht zehn oder 15. Die anderen habe ich mir nie angeguckt.

Weißt du denn, wie viele Zuschauer die Serie insgesamt hatte?

Ich hatte damals nach der ersten Staffel mit dem Produktionsleiter geschnackt. Er meinte zu mir, es seien 300.000 bis 400.000 pro Folge. Das war wohl damals ziemlich viel.

Dann wurdest du in der Öffentlichkeit bestimmt häufig angesprochen.

Ja, auf Partys, in der Diskothek, auf dem Dom – es war völlig egal. Das hat sich hingezogen bis ich 24 war. Die Leute haben mich immer noch erkannt, immer noch angesprochen: „Hey, du bist doch Cem von den Pfefferkörnern. Ich habe dich im Fernsehen gesehen.“ Irgendwann hat es genervt, an jeder Ecke angeguckt oder angesprochen zu werden – immer mit den gleichen Fragen. Die Leute gucken zu einem hoch, aber das konnte ich damals nicht nachvollziehen.

Inzwischen passiert dir das aber nicht mehr?

Manchmal haben mich noch Kunden auf der Arbeit erkannt. Das hat mir beruflich auch Türen geöffnet, weil sie mich mit ihrer Kindheit verbunden haben. Da sprichst du dann gar nicht mehr über das Geschäft, sondern über viele private Dinge. Ich habe da oft von profitiert, viele meinten: „Wir kennen Ihsan so lange, er ist mittlerweile ein guter Freund.“

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Björn Rohwer, Jahrgang 1993, liebt drei Dinge: Sport, Musik und Technik. Während er beim Sport lieber zuschaut, ist er bei der Musik mit vollem Einsatz dabei. Seit seinem sechsten Lebensjahr singt der studierte Musikwissenschaftler im Knabenchor, spielt Klavier, Saxophon und Klarinette. Zum Journalismus hat ihn seine dritte Leidenschaft gebracht: die Technik. Für verschiedene Gamingformate rezensiert er Videospiele, führt Interviews und verfasst Hintergrundberichte. In seinem 2014 erschienenen Buch „Unnützes Wissen für Gamer“ gibt er die Antwort darauf, warum Super Mario einen Schnauzbart trägt oder wieso Lara Croft eine große Oberweite hat. Das Buch hat er während eines Kreuzbandrisses geschrieben, den er sich beim Schulsport zuzog. Das Ende der Sportlerkarriere war der Anfang des Schreibens. Kürzel: bro
Paula Loske-Burkhardt, Jahrgang 1995, dippt gerne italienische Pizza in Apfelmus. Bislang war PR ihr Spezialgebiet: Ihren Bachelor in Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation machte sie an der FH Kiel. Während des Studiums hat sie bei einer Fluggesellschaft und in der Pressestelle der Hochschule gearbeitet. Der höchste Berg, den sie je bestiegen hat, ist über 4000 Meter hoch und steht auf Borneo, jedes Jahr wandert und klettert sie in den Alpen. Sie hat ein Jahr in Brasilien gelebt und reist auch sonst gern durch Lateinamerika. Unterwegs übernachtet sie auf den Couches von Fremden. In Griechenland hat sie drei Tage bei einer 90-Jährigen und deren Sohn gewohnt, obwohl sie sich mit beiden rein gar nicht verständigen konnte. Immerhin musste sie so nicht am Strand schlafen. pal

1 KOMMENTAR

  1. Richtig gutes Interview,es wäre richtig cool wenn ihr auf mit den anderen Pfefferkörnern aus der ersten Generation ein Interview führen könntet

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