Zwölf Partien – zwölf Remis: Bei der diesjährigen Schach-WM endeten alle Spiele ohne Sieger: Magnus Carlsen gewann gegen Fabiano Caruana erst in der Verlängerung. FINK.HAMBURG hat mit dem Internationalen Meister Georgios Souleidis über das Schach der Zukunft gesprochen.

Viele Unentschieden sind im Schach nichts Ungewöhnliches, bereits 1984 musste die Weltmeisterschaft zwischen Anatoli Karpow und Garri Kasparow nach 40 Remis abgebrochen werden. Doch Magnus Carlsen und Fabiano Caruana haben bei der Weltmeisterschaft in diesem Jahr für ein Novum gesorgt. In allen zwölf Partien einigten sich die Spieler auf Remis, sie sahen keine Chance mehr, das Spiel zu gewinnen.

Die Entscheidung musste im Schnellschach gefällt werden, mit verkürzter Bedenkzeit. Dabei haben beide Spieler nur 25 Minuten Zeit zum Überlegen, für jeden Zug erhalten sie einen Bonus von zehn Sekunden. Der amtierende Weltmeister Carlsen gilt als der mit Abstand beste Schachspieler der Welt, wenn die Zeit knapp wird. In den drei Partien gegen Caruana stellte er das eindrucksvoll unter Beweis und verteidigte seinen Titel zum dritten Mal.

Georgios Souleidis ist Internationaler Meister und hat bereits mehrere Schachbücher publiziert. Er spielt für den Hamburger Schachklub in der 2. Bundesliga. FINK.HAMBURG hat mit ihm diskutiert, ob sich der Schachsport verändern muss.

FINK.HAMBURG: Zwölf Partien, zwölf Remis – Magnus Carlsen besiegt Fabiano Caruana erst im Schnellschach – hat Sie dieses Szenario überrascht?

Georgios Souleidis: Jein. Dass Carlsen im Tiebreak gewinnt, war keine Überraschung. Im Schnell- und Blitzschach ist er der eindeutig stärkste Spieler der Welt. Die Spieler der Weltspitze sind inzwischen sehr dicht beieinander. Durch die Nutzung der Computer- und der Schachsoftware haben sie ihr Spiel so perfektioniert, dass sie kaum noch Gewinnpartien produzieren. Deshalb war es eigentlich nicht überraschend, dass es keinen Sieger in den regulären Partien gab.

Die Schachcomputer sind also an den vielen Unentschieden Schuld?

Schachcomputer gibt es seit 30 Jahren. Anfangs wurden sie noch belächelt, weil die Künstliche Intelligenz damals noch nicht so stark war wie die Spieler. Mittlerweile sind sie dem Menschen weit vorausgeeilt und sehr nah an der Perfektion. Die Computer zeigen völlig neue Wege auf. Vor allem zeigen sie, wie man schwierige Stellungen verteidigen kann. Das hat dazu geführt, dass sich das Verteidigungsniveau der Spieler extrem verbessert hat. Das führt dazu, dass die Spieler heute weniger ins Risiko gehen.

Auch bei dieser Weltmeisterschaft?

Ja. Caruana war sehr gut vorbereitet, insbesondere wenn er mit Schwarz gespielt hat. Carlsen ist deshalb häufiger von seiner Strategie abgewichen, wenn er gemerkt hat, Caruana ist auf diese Situation perfekt vorbereitet. Er hat dann das Remis forciert, anstatt ins Risiko zu gehen.

Das heißt, bei den Eröffnungen geht es mehr darum, die Strategien eines Computerprogramms auswendig zu lernen, als selbst zu spielen.

Ja, das ist gang und gäbe im Spitzenschach. Alle Spieler haben die Varianten die sie spielen von Computern geprüft. Es geht dann darum, sich die Varianten zu merken. Was ein gänzlich neues Phänomen ist. Aber natürlich schafft es kein Spieler, sich alle Varianten zu merken.

Werden wir in Zukunft nur noch Unentschieden sehen?

Beim klassischen Schach wird es sicher immer mehr Unentschieden geben. Deshalb wird überlegt, das mit verkürzter Bedenkzeit anzugleichen. Einzelne Turnierveranstalter stellen Schnell- und Blitzschach mehr in den Vordergrund, da ist einfach mehr Dramatik dabei. Denn da werden Menschen immer Fehler machen, das wird sich auch nie ändern.

Machen die vielen Remis das Schach unattraktiver?

Es kommt darauf an, wie sie zustande kommen. Das Problem sind Partien, bei denen sich die Spieler sehr schnell auf Remis einigen, oder wo nichts passiert. Das gab es bei dieser WM kaum, da haben die vielen Unentschieden nicht geschadet.

Ein Turnier in Norwegen will jetzt eine Armageddon-Partie nach jedem Unentschieden einführen. Dabei hat Weiß mehr Bedenkzeit als Schwarz, verliert allerdings bei einem Remis. Ist das eine Option?

Bei der WM wäre das Unsinn. Das würde das Ergebnis ziemlich verfälschen. Denn Weltmeister im Schach bedeutet, dass man sich wesentlich im klassischen Schach durchsetzt. Erst wenn dann nach einigen Partien kein Sieger feststeht, sollte Schnellschach die Entscheidung bringen.

Wie anstrengend ist es, während einer Schach-WM an 13 Tagen Höchstleistungen zu bringen?

Der Laie unterschätzt sicher, wie mental anspruchsvoll so eine Partie über mehrere Stunden ist. Das ist was anderes, als im Büro sitzen und Kaffee trinken. Und auch der Körper ist gefordert, deshalb sind die Spitzenspieler körperlich sehr fit – Sport gehört genauso zur Vorbereitung wie Schach spielen.

Wie viele Stunden Schach spielt ein Profi wie Magnus Carlsen?

Mehrere Stunden täglich. Vielleicht spielt er nicht jeden Tag Schach, aber er beschäftigt sich damit und wenn es nur ist, die internationalen Partien zu analysieren.

Die Schachweltmeisterschaft ist in den letzten Jahren immer beliebter und das mediale Interesse viel größer geworden. Was denken Sie, woran das liegt?

Sicher an Magnus Carlsen. Er ist ein charismatischer, junger Typ und das zieht natürlich. Vor allem in seinem Heimatland Norwegen ist Schach extrem gehypt, da werden die Partien komplett live im Fernsehen gezeigt. Man kennt diesen Hype in Deutschland beispielsweise beim Tennis durch Boris Becker.

Gibt es die Chance, dass bald ein Deutscher um den WM-Titel spielt?

Im Moment nicht. Es gibt den 14-jährigen Vincent Keymer, der Hoffnungen weckt. Der gehört in seiner Altersklasse zu den Top Ten der Welt und könnte ein Weltklassespieler werden.

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Tobias Zuttmann, Jahrgang 1995, ist als Kind so heftig in eine Glastür gelaufen, dass er darin steckengeblieben ist. Heute bewältigt er lieber einen Halbmarathon. Nach dem Ressortjournalismus-Studium im fränkischen Ansbach absolvierte er eine Reihe von Praktika, unter anderem beim WDR, ZDF und „Kicker“. Am längsten blieb er bei ProSiebenSat.1 in der Redaktion der Sportsendung „ran“, denn auf Sport liegt auch im Journalismus sein Fokus. Anschließend folgte die Übernahme als freier Mitarbeiter. Wenn Tobias nicht gerade auf Weltreise ist, kann man ihn während der Football-Saison im ICE auf der Strecke Hamburg-München antreffen, wenn „ran“ wieder mal nach einem kompetenten Sportbericht verlangt. Dafür zeigt er vollen Einsatz: Für acht Stunden Arbeit fährt er innerhalb eines Tages zwölf Stunden Zug. Kürzel: tz

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