Dreimal im Jahr veranstaltet die Motte in Ottensen eine Kleidertauschparty. Wer die Schlange von Menschen vor dem Eingang sieht, fragt sich: Gibt es hier etwas umsonst? Nicht ganz – aber shoppen, ohne Geld auszugeben, ist einfach verlockend.

„2013 hatten wir beide die pubertäre Idee, eine eigene Partei zu gründen, um etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Wir wollten einfach mal etwas Anderes machen“, erzählen Hannah Dietz und Rieke Zeich. Beide lachen. Aus der Partei ist nichts geworden. Seitdem hat sich trotzdem viel getan. Ihr erster “KlaMOTTEn Tauschrausch” im Kultur- und Stadtteilzentrum Motte e.V. in Hamburg-Ottensen begann mit 15 Teilnehmerinnen. Damals kamen junge Frauen, die sich neue Kleidung kaum leisten konnten. Heute sind 1.500 Menschen allein an der Facebook-Veranstaltung interessiert.

Die Märzsonne scheint an diesem Sonntag das erste Mal seit Langem wieder in Ottensen. Es ist kurz nach 12 Uhr. In der Rothestraße warten viele Menschen vor den Eingangstüren der Motte. Um sie herum stehen blaue Ikea-Taschen, randvoll mit Klamotten. „Es ist nicht besonders schlau, früh hier zu sein. Die coolen Teile kommen doch sowieso erst später mit den Leuten“, sagt Rieke Zeich, während sie stirnrunzelnd hinaussieht.

Wer die Motte betritt, sieht es sofort: Ein selbstgemaltes Plakat. „Spielregeln“ steht groß in bunter Schönschrift darauf. Jeder Teilnehmer darf höchstens 25 saubere Kleidungsstücke mitbringen, erhält dafür eine Stempelkarte und darf genauso viele Teile wieder mitnehmen. Tauschen eben. „Manchmal haben Teilnehmer komische Ansprüche an uns. Wir sollen professioneller sein und die Kleidung nach Größen sortieren“, erzählt Hannah Dietz. Die 23-Jährige ist Studentin der Philosophie und Gebärdensprache und betreut außerdem eine Gruppe von schwerhörigen und gehörlosen Mädchen in der Motte. Professionalität ist nicht das Ziel: Alle Helfer haben einen persönlichen Bezug zum Kulturzentrum und arbeiten heute ehrenamtlich für den gemeinschaftlichen Zweck.

Auf dem Tresen am Eingang der Motte stehen Kekse und Kaffeekannen. Daneben sitzt eine kleine pinke Sparschwein-Ente, die „Spente“. Eine kurze Treppe führt hoch vorbei an dutzenden Bilderrahmen auf der einen und Plastikkisten auf der anderen Seite. Eine große Retro-Stehlampe gibt einem das Gefühl, ein gemütliches Wohnzimmer zu betreten. Überall stehen Spiegel sowie Kleiderstangen und Tische voll mit Klamotten.

Aus den Musikboxen dröhnt Wonderwall, woanders klackern Kleiderbügel. Eine Kleiderstange schwankt gefährlich, hält den vielen Kleidern und Mänteln aber stand. Es hängen goldene Teller von der Decke. Sie sorgen für Orientierung im Chaos, denn sie sind mit Schlagwörtern wie Kinder, Röcke, Hosen beschriftet. Ein Mann mit langen schwarzen Haaren, einem Zylinder auf dem Kopf und einem Baby auf den Rücken, stöbert durch die Kinderkleidung. Er stopft einen Strampler in seinen Fairtrade-Jutebeutel.

„Männer haben ein anderes Verhältnis zu Kleidung”

Die Motte-Helfer beeilen sich, die immer wieder neuankommende Kleidung zu sortieren, ohne dabei im Weg zu stehen. Eine Meisteraufgabe, denn es tummeln sich um die 100 Menschen in den kleinen Räumlichkeiten. Wer nicht gerade mit einer Freundin fachsimpelt, ob der Pullover nun aus Polyester oder Wolle ist, spricht nebenbei über Yoga, das sonnige Wetter oder Avocados. Die grünen Trendfrüchte finden sich übrigens auf erstaunlich vielen T-Shirts wieder.

Von Wonderwall geht es über zu Hey Pippi Langstrumpf. Das Geträller wird unterbrochen. Jemand macht eine Ansage: Einlassstopp! Die Schlange vor dem Eingang ist 200 Meter lang. Wer fertig getauscht hat, möchte bitte den Wartenden Platz machen. Maria Schüle ist das egal. Es ist nicht ihre erste Kleidertauschparty. Sie weiß mittlerweile, dass man Geduld und Zeit mitbringen muss, um besondere Teile mit nach Hause nehmen zu können. „Deshalb bleibe ich manchmal sogar mehrere Stunden“, gesteht die 28-Jährige und sieht ihren Freund mitleidig an. Der lacht nur und sagt: „Heute gibt es keine Bundesliga, schon in Ordnung.“

Schlange wartender Menschen vor dem Gebäudeeingang des Kulturzentrums Motte e.V. in Hamburg-Ottensen
Wartende Menschen vor dem Kulturzentrum Motte e.V. in Hamburg-Ottensen. Foto: Laura Bieler

„80 Prozent unserer Teilnehmer sind weiblich. Männer haben eben ein anderes Verhältnis zu Kleidung. Ihr Motto ist eher: Ich trage das Shirt solange bis es auseinanderfällt und kaufe mir dann ein Neues“, sagt Christina Harms, lacht und streicht sich eine rotgefärbte Strähne aus dem Gesicht. „Aber Frauen shoppen viel und gern, sodass der Kleiderschrank oft bald platzt. Deshalb kann man das, was man nach ein paar Wochen ohnehin nicht mehr trägt, hierherbringen. Wegwerfen wäre Irrsinn. Hier macht man stattdessen anderen und sich selbst eine Freude.“ Die 25-jährige gelernte Schneiderin leitet zurzeit die Motte-Mädchenwerkstatt, in der Mädchen zwischen 14 und 27 Jahren wöchentlich handwerken können.

„Schatz, magst du die Bluse?“, fragt Maria Schüle ihren Freund. Gerade hat der sich an den Rand des Treibens gesetzt, das ihn viel zu sehr an den Sommerschlussverkauf bei Zara erinnert. Er sieht kurz von seinem Handy auf und sagt: „Hübsch. Die steht dir bestimmt.“ Nach kurzer Diskussion und abschließendem Augenrollen landet das Teil trotzdem wieder auf dem Grabbeltisch. Sofort greift die Nächste nach dem schwarzweiß gepunkteten Volant.

Was übrig bleibt, geht an die Alimaus

Nach Pippi Langstrumpf übernimmt ein DJ-Pärchen namens „Moiselle und Wolfke“ aus Lüneburg und untermalt den guten Zweck mit Bummeltechno. Sie sind durch Facebook auf die Kleidertauschparty aufmerksam geworden. „Wir sehen den Aspekt des Tauschens und Teilens als eine gesellschaftliche Qualität, die wieder mehr Verbreitung finden sollte, Stichwort: Sharing Economy. Und wir teilen zusätzlich gute Musik! Obendrein trifft man  nette Leute.“ Danièle Dondé und Simon Dreßler studieren Kulturwissenschaften.

„Kleidertauschpartys sind ein Trend, den wir unbewusst mit großgemacht haben“, sagt Rieke Zeich, die Mitgründerin des Klamotten Tauschrauschs. „Unser ursprüngliche Gedanke, dass die Kleidung an Menschen geht, die sie wirklich benötigen, bleibt trotzdem bestehen.“ Übrig gebliebene Klamotten spendet die Motte nämlich an die „Alimaus“ auf der Reeperbahn. Dort werden dann die bis zu 15 Säcke voll Kleidung an Obdachlose und Hilfsbedürftige verteilt.

Maria Schüle steht am großen Wühltisch für T-Shirts. Sie hält ein graues Teil mit Pailletten hoch, betrachtet es aber gar nicht mehr. Sie hat die gepunktete Bluse von vorhin entdeckt. Achtlos lässt sie das graue Shirt liegen. Nach kurzem Posieren vorm Spiegel darf das Teil doch in ihrer Ikea-Tasche mit nach Hause. „Ich habe nicht ein einziges Mal darüber nachdenken müssen, was die Bluse kostet. Ich habe nicht einmal ein Portemonnaie dabei“, sagt sie, grinst und überlässt endgültig anderen Tauschwütigen das Feld.

Diese Kleidertauschparty findet demnächst in Hamburg statt:

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