Für 20 Studierende des Departments Design geht das Studium an der HAW zu Ende: Zur alljährlichen Vernissage stellten sie ihre Bachelor- und Masterarbeiten aus. Ein Besuch im Kraftwerk Bille.

Projektoren werfen ratternd Bilder an die Wand, Beleuchtungsinstallationen umhüllen Fotografien in gedimmtem Licht. Kurzfilme laufen. In einem Raum sprechen neun kreisförmig aufgestellte Computerbildschirme miteinander. Ein anderes Zimmer – unter dem Motto Urban Gardening – ist mit Zimmerpflanzen gefüllt. Ein weiterer Raum dient einer Fahrradkampagne und hängt voll mit Postern. Publikationen liegen aus. Wenn 20 Design-Studenten der HAW Hamburg ihre Ideen zusammentragen, kommt dabei ein kreatives Potpourri heraus. So geschehen bei der vierten Absolventenausstellung der Reihe “Call Me” im Kraftwerk Bille.

Einige Projekte sind auf den ersten Blick undurchschaubar, frei interpretierbar – irgendwie mystisch. Absolventin Katharina Spegel beispielsweise hat sich mit der Ästhetik des Absurden beschäftigt und “Dreihundert nicht bedeutende Zeichen” erschaffen. Man wird ratlos zurückgelassen, ohne Antworten auf Fragen – bei maximaler Interpretationsmöglichkeit.

Über der gesamten Ausstellung schwebt die Frage: Was ist Design und wo beginnt Kunst? Konkreter vielleicht: Muss Design verstanden werden, Kunst aber einen Raum für Interpretation lassen?

Fotoprojekt zeigt die Peripherie Hamburgs

Design ist angewandt. Ein Stuhl ist designed. Bei der Kunst habe ich etwas zu sagen, das interpretiert wird”, sagt Janusz Beck, einer der Absolventen. Seine Abschlussarbeit im Master ist das Fotoprojekt “Peripherie”. Der 36-Jährige beschreibt das Alltägliche und von Menschen veränderte Landschaften. “Immer sind Flecken der Natur vom Menschen verwertet, quasi signiert”, sagt er.

Absolvent Janus Beck steht vor seinen Fotografien.
Janusz Beck und die Tristesse in seinen Bildern. Foto: Max Nölke

Beck will die Tristesse der Welt einfangen: “Für mich ist die Welt in erster Linie nicht schön.” Das prägende Element ist das Graue. Seine Bilder zeigen Brücken, die durch Wälder führen, Bagger, die Grünflächen zerwalzen, Betonklötze und schmuddeliges Wetter. Fast schon spektakulär unspektakulär.

Ein Projekt, das nie fertig ist

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der 29-jährige Kommunikationsdesigner Jens Schnitzler. Der Gegenstand seines Projektes ist nicht das Bild, sondern die Schrift. In seiner Arbeit “Die Schrift unserer Zeit” hat er die Einflüsse von Weltanschauungen auf Schriftgestaltung untersucht und sich dabei auf eine Reise durch die Historie der Typografie gemacht. Am Ende dessen steht ein Buch, welches er gestaltet hat. Mit einer selbst erschaffenen Schrift. “Das Projekt wird allerdings nie fertig sein”, sagt er.

Jens Schnitzler
Jens Schnitzler hat sich in seinem Projekt mit Schrift beschäftigt. Foto: Lissy Reichenbach

Ein provisorisches Ende musste er finden, um seine Ideen zu produzieren und sie ausstellen zu können. Dabei ist die Prozesshaftigkeit Teil seines Projektes. So heißt es auch in seiner Arbeit, die Schrift unserer Zeit begleite das Bild unserer Zeit. “Als die Arbeit dann stand, bin ich so ein bisschen zurück in die Realität gekommen.” Natürlich sei der Abschluss ein Meilenstein gewesen, aber genau so seien ihm in “seiner Realität” dann auch Makel an eben dieser aufgefallen.

Von der Schaffensphase zur Gestaltung

Mit ähnlichen Problemen hatte auch die 27-jährige Sofia Mintre bei ihrem Fotoprojekt zu kämpfen. In “White_Gaps” wollte sie “positives Bildmaterial” im Hinblick auf Rassismus schaffen und damit einen Anreiz geben, sich dem Thema zu nähern.

“Es war unheimlich schwer einen Cut zu machen. Wann hört der Schaffensprozess auf? Wann beginnt die Gestaltung?” Herausgekommen sind Fotos, die das Weißsein als fotografische Position und Sehgewohnheit sichtbar machen sollen. “Es ist selbstverständlich, dass man als weiße Person fotografiert, publiziert und Geschichten erzählt, aber die eigene Position dahinter wird gar nicht hinterfragt.”

Dazu hat sie Text-Bild-Karten erstellt, die Anekdoten beinhalten. Inspiriert wurde sie dabei von der Postcolonial Studies, der Schwarzen Deutschen Geschichte und der vorkolonialen Geschichte Afrikas.

Ein Foto von Sofia Mintre zeigt einen farbigen Mann mit Fernglas im Gebüsch stehen.
“White_Gaps” – fotografiert durch eine postkoloniale Linse. Foto: Sofia Mintre

“Was machst du hier eigentlich für ‘nen Dreck?”

Ein bis zwei Jahre saßen die Absolventen an ihren Projekten. Perfekt liefen sie meist nicht, erzählen die drei Absolventen Beck, Schnitzler und Mintre. Jeder hatte mit seinen Problemen zu kämpfen. “Manchmal dachte ich mir auch, was machst du hier eigentlich für ‘nen Dreck?”, sagt Janusz Beck zu seinen Momenten der Verzweiflung. Dann fing er sich wieder. Und erst als seine Fotoausstellung abgeschlossen war, habe sich eine gewisse Zufriedenheit eingestellt.

Bei Jens Schnitzler haperte es eher an der technischen Umsetzung. Er fand lange keine Druckerei, die sich seinem Werk annehmen wollte. “Ich hatte wohl zu viele Extrawünsche.” Das war vor drei Wochen. Da sei er an einen Punkt gekommen, an dem er sich fragen musste: “Ist es nicht umsetzbar, so wie ich es mir vorstelle?”

Schließlich fand er dann doch eine Druckerei, die seine Idee auf Papier brachte. Und heute steht sein eigenes Buch auf einem Sockel, daneben zwei weiße Handschuhe, um es in die Hand zu nehmen. An die Wand hat er einen Film projiziert, der zwei Hände zeigt, die das Werk durchblättern.

Und was kommt jetzt?

Die großen Aufträge erwarten die drei Studenten nach diesem Ausstellungswochenende noch nicht. “Aber meine Fotoausstellung kann jetzt auf Wanderschaft gehen”, sagt Janusz Beck selbstbewusst.

Wie es genau bei Jens Schnitzler weitergeht, weiß er noch nicht. Will er sein Buch publizieren? Kann er seine Schrift über Type Foundries vertreiben? “Diese Gedanken hatten in den letzten Monaten einfach keine Priorität.” Daher müsse er zunächst für sich herausfinden, was genau seine Motivation ist.

Sofia Mintre will auf jeden Fall bei ihrem Thema bleiben. Vielleicht in einem Feld zwischen Bildungsarbeit und Fotografie. Jetzt gerade sind erstmal alle froh, ein Stück weit zurück in der Realität zu sein.

Absolventin Sofia Mintre steht vor ihrer Fotoausstellung.
Absolventin Sofia Mintre vor ihrer Fotoausstellung. Foto: Max Nölke

Um mit den Absolventen in Kontakt zu treten, ist ein Live-Chatbot eingerichtet. Im CallMe#4 Chatbot können Anfragen zu Projekten gestellt werden. So erhält man Bilder, Videos und Sprachnachrichten zu den Projekten und Exponaten.

Ausgestellt sind die Arbeiten nicht mehr. Im Kraftwerk Bille rattert kein Projektor mehr. Die Computerbildschirme sind verstummt. Fotos hängen keine mehr an den Wänden, geschweige denn ist irgendetwas in gedimmtes Licht gelegt. Auch die Kurzfilme sind gestoppt. Manch ein Projekt geht hier vielleicht zu Ende. Für andere Designer springen womöglich erste Aufträge heraus. Auch wenn sie sich zu großen Teilen wohl Künstler nennen dürfen.

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Harald Schmidt hat 1995 gesagt, dass Kinder nur noch Max, Paul oder Leonard heißen. „Namen wie blank geputzte Holztische“. Zu diesem Zeitpunkt war Max Paul Leonard Nölke seit zwei Monaten auf der Welt. Der Dortmunder Knirps teilt mit seinen Namensvettern Hobbys wie Fußball, Musik hören und Freunde treffen. Soweit, so blank geputzt. Markanter ist Max‘ Schreibe. Der herbe Ruhrpott-Schlag gepaart mit seinem Feingefühl brachten ihn in die Redaktionen der Dortmunder “Ruhr Nachrichten” und der Berliner “taz”. In Marburg hat er Sprache und Kommunikation studiert, kann auf Italienisch einen Ramazzotti bestellen und auf Niederländisch eine Frikandel Speciaal. Am liebsten sind ihm aber die Kohlrouladen von Mama. Irgendwann will er mal mit Olli Schulz ein Fischbrötchen verspeisen. Der ist sowieso lustiger als Harald Schmidt. Kürzel: max
Lissy Reichenbach, Jahrgang 1994, hat vier Vornamen. Lissy ist keiner davon. Die Hamburgerin legt sich nicht gerne fest: Sie zog von Hamburg nach Bayern, wechselte von Wirtschaft zur Kommunikationswissenschaft und redet mal über Schrotträder, mal über moderne Malerei. Im Zweitfach studierte sie Kunstgeschichte und lernte beim deutschen Cocktailmeister den perfekten Whiskey Sour zu mixen. Bei Scholz & Friends in Berlin arbeitete sie unter anderem für Amnesty International, Mercedes und Vodafone. Für Montblanc organisierte sie Messen für die neuen Kollektionen in ihrer Heimatstadt Hamburg. Am Wochenende steht sie im Schanzenviertel am Kickertisch oder klappert mit ihrem Rad die Flohmärkte ab, immer auf der Suche nach seltenen Bildern oder neuem Lesestoff. Kürzel: lr

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