Plakatgenerator. Quelle: Felix Hartig
Plakatgenerator. Quelle: Felix Hartig

Seit jeher hat Technik das Berufsbild des Designers und die damit verbundenen Herausforderungen geprägt. Angefangen vom Buchdruck über die Digitalisierung bis hin zur Automatisierung. Was sind also Chancen und Schwächen des automatisierten Designs?

Der Designstudent Felix Hartig entwickelte eine Maschine, die anhand von festlegbaren Parametern zufällig Plakate gestalten kann. Für ihn sind Zufall und mathematische Programmierung ein großer Reiz. „Jedes Plakat ist ein neues Experiment“, sagt er. Der Plakatgenerator zeigt exemplarisch, welche Möglichkeiten jungen Designern durch moderne Technik offenstehen. Doch jemand muss ihnen zeigen, wie man sie nutzen kann.

Genau dafür setzte sich die Professorin für Typografie Heike Grebin am Department Design der HAW Hamburg schon früh ein. Sie bot vor zehn Jahren erstmals einen Kurs zu programmierter Typografie an, der sich im Laufe der Zeit in ein Labor für zukunfts- und systemorientiertes Design wandelte. „In meiner Berufspraxis muss ich immer noch nicht programmieren. Aber Designer, die jetzt ihren Abschluss machen, müssen wissen, wie sie sich mit dieser Sprache ausdrücken können“, erklärt die studierte Architektin.

Ästhetik, Philosophie und Technik

Interdisziplinarität hält Grebin für den Schlüssel zu progressivem Design. In ihrem Kurs wird deshalb nicht nur über gestalterische Ästhetik gesprochen. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Dr. Timo Orgzal unterfüttert die designtheoretischen Grundlagen mit philosophischen Positionen, während der Programmierer Timo Rychert dabei hilft, Ideen in Codesprache zu übersetzen.

Lucas Kramer, der kurz vor seinem Design-Abschluss steht, hat sich beispielsweise mit der API-Schnittstelle (application programming interface) des Kurznachrichtendienstes Twitter auseinandergesetzt – ohne vorher jemals mit Programmiersprachen in Berührung gekommen zu sein. Sein Programm mit dem Titel „Dekontext“ zieht aus diesen Schnittstellen bruchstückhafte Informationen heraus und gibt sie unkommentiert in Echtzeit wieder.

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„Dekontext“ von Lucas Kramer

Der Ansatz von Pia Schröer ist persönlicher. Sie dokumentierte im Dezember 2016 ihr Leben im Minutentakt. „Ich sammelte Mails, Fotos, meinen WhatsApp-Verlauf und schrieb meine Gedanken auf. Für einiges konnte die App ‚Reporter‘ benutzt werden, die zusätzlich das Wetter und den jeweiligen Standort trackte“, so die Kommunikationsdesignerin. Unter dem Titel „Dymaxion Chronofile“ entwickelte sie, inspiriert von dem US-amerikanischen Tausendsassa Buckminster Fuller, ein automatisch generiertes Tagebuch.

„Dymaxion Chronofile“ von Pia Schröer

Systemorientierter Paradigmenwechsel

Ein gewisses Paradoxon geht mit dieser technologischen Entwicklung einher: Wieso arbeiten die Designer an etwas, das sie theoretisch irgendwann ersetzen könnte? Heben sie ihr eigenes Grab aus? Die Antwort von Heike Grebin lautet: „Nein. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass wir dadurch arbeitslos werden.“ Für sie haben sich selbstbewusste und aktive Designer immer breit aufgestellt und reges Interesse für die Vielgestaltigkeit des Berufs gezeigt.

Ein Paradigmenwechsel findet trotzdem statt. Dadurch, dass Designer auch Programmieren lernen, verändert sich ihr Selbstverständnis. Lucas Kramer ist der Meinung, dass man schlussendlich trotzdem Gestalter bleibe: „Du kannst dem Computer zwar Dinge wie den goldenen Schnitt beibringen, aber dadurch wird das manuelle Handeln der Menschen ja nicht überflüssig.“ Im Sinne von Hegels dialektischer Aufhebung nimmt man das gelernte auf und schafft eine Synthese: Ohne Knospe keine Blüte.

Was sind die Möglichkeiten von automatisiertem Design?

Automatisiertes Design sei für Felix Hartig der verlängerte Arm des Kreativschaffenden, denn die „Maschine kommt auf Ideen und findet Wege, die dem Menschen nicht zugänglich sind“. Er kann sie so als Inspirationswerkzeug nutzen und vielleicht ungeahnte Werke schaffen.

Auch Heike Grebin betont die Effizienz des Computers, der ihn als Werkzeug unerlässlich macht. Große Datenmengen können in einer unglaublich kurzen Zeit verarbeitet und ansprechend visualisiert werden. Und gleichzeitig bedeuten „Neuerungen nicht gleich absolute Verdrängung des Alten“, meint Grebin. Man hört in Bezug auf Algorithmen häufig, dass sie zu programmieren nichts Anderes sei, als ein Rezept zu schreiben. Aber das hat ja bisher die Köche nicht ersetzt.

Wo die Grenzen des automatisierten Designs liegen, weiß Heike Grebin nicht. Das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft: „Zum Beispiel Kriterien wie Stimmhöhe oder Lautstärke können viel differenzierter in der Typografie abgebildet werden.“ Außerdem versucht die Dozentin die Automatisierung in weiteren Bereichen voranzutreiben – zum Beispiel Medizin oder Architektur. Hier ist sie auf der Suche nach visionären Kooperationspartnern, die bereit sind, neue Experimente anzugehen. Es bedarf nur einer präzisen Aufgabestellung, die von Designern gelöst werden sollen.

Doch verliert ein Designobjekt durch die Automatisierung seine Aura, wie Walter Benjamin es in seinem Werk „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ in Bezug auf Foto- und Videografie konstatierte? Eher im Gegenteil. Es bekommt einen größeren Spielraum. Fest steht, dass Designer ihr Berufsbild nicht statisch begreifen sollten, wenn sie überleben wollen.