Am 18. Mai ist Party auf dem Spielbudenplatz. Auf St. Pauli vergibt Deutschland die Punkte an die Finalisten des 64. Eurovision Song Contest. Bei FINK.HAMBURG gehen die Meinungen über den ESC auseinander.

Unter dem Motto „Dare to Dream!“ findet am Samstagabend der 64. Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv statt. Für Deutschland stehen die S!sters Laurita und Carlotta auf der Bühne und performen ihren Song „Sister“.

Der NDR schmeißt die größte Party zum Eurovision Song Contest Deutschlands und vermeldet die deutschen Punkte live vom Spielbudenplatz in Hamburg. Moderiert wird das Ganze von Barbara Schöneberger.

Bei den FINK.HAMBURG-Redakteuren Simon und Laura gehen die Meinungen zum ESC weit auseinander.

Simon – „Ich liebe den ESC“:

Für mich ist der ESC eines der schönsten Ereignisse des Jahres. Ich schaue die Songs auf Youtube, abonniere die Spotify-Playlist und habe die ESC-App auf meinem Handy. Oft ernte ich ungläubige Blicke und den Kommentar, die Show sei albern und langweilig. Nur ein paar Freunde wollen verstehen, warum ich so ein Fan bin.

Für mich steht der Eurovision Song Contest für eine kritische und tolerante Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Blicken wir dafür mal auf die letzten zehn Jahre zurück.

2009 fand der ESC in Moskau statt. Georgien verzichtete auf seinen Platz, nachdem Putins Regierung gegen die Zeile „We dont wanna put in“ vorging und die Sänger der Gruppe Stefane & 3 G disqualifiziert wurden.

2012 kommentierte Anke Engelke in Hamburg das politische System Aserbaidschans mit den Worten „Europe is watching you“. 2014 widmete Conchita aus Österreich ihren Sieg allen, die an Frieden und Freiheit glauben. 2018 gewann Netta aus Israel mit ihrem Song „Toy“. In der ersten Zeile heißt es: „Look at me, I’m a beautiful creature“.

Diese drei Beispiele (und es gibt weit mehr) zeigen, es geht hier nicht nur um Musik und Einschaltquoten. Es geht um Meinungsfreiheit und das Recht Mann, Frau oder Divers zu sein und zu lieben, wen man möchte. Egal aus welchem Land man kommt.

Im ESC zeigt sich aber auch, wie unterschiedlich Länder sein können. Island rockt dieses Jahr mit einer Lack-und-Leder-Nummer, der Portugiese sieht aus wie ein explodierter Baum und die Niederlande präsentiert sich mit einem ruhigen, aber kraftvollen Song.

Manch eine Performance ist vielleicht überspitzt, dadurch aber auch ein lauter Aufschrei. Viele der Teilnehmer*innen kämpfen mit ihrem Song für Offenheit und Toleranz. Sie wollen auf sich aufmerksam machen und sind deswegen bunt und schräg.

Darum ist es auch so wichtig, dass Länder wie Aserbaidschan, Ungarn oder Polen mitmachen. Auf der Bühne stehen Künstler*innen und nicht die Politiker eines Landes. Hier können sie sich kritisch äußern. Und welches andere Event bietet ihnen eine so große Reichweite wie der ESC? Ein besseres Sprachrohr für Toleranz gibt es nicht.

Wir sollten uns fragen: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wie wichtig ist uns Toleranz, Liebe und Freiheit?

Dafür steht der Eurovision Song Contest. Kein anderes Event ist so frei, liebevoll und dabei so politisch.

Kennt ihr schon Deutschlands Song?

Laura – „Ich bin von dem ESC-Hype genervt“:

Ich bin von dem jährlichen ESC-Hype genervt. Bis ich ein Teenie war, hat mir die bunte Show noch Spaß gemacht – spätestens als Lordi’s Horrorshow die Welt verstörte, war das vorbei.

1982, als sich Nicole in die Herzen Europas sang, war die Eurovision-Welt noch in Ordnung. Fans hätten abgestritten, dass der ESC etwas mit Politik zu tun haben könnte.

Schon damals eine Lüge: „Ein bisschen Frieden“ von Nicole war ein politisches Zeichen. Organisatoren halten bis heute dagegen: Der ESC sei nicht politisch. Das müssen sie sagen, sonst wäre es nicht möglich, Länder wie die Ukraine und Russland, Aserbaidschan und Armenien oder Griechenland und Mazedonien auf eine Bühne zu bekommen. Die sind nämlich für gewöhnlich nicht einer Meinung. 

Aber den Ländern geht es noch um etwas ganz anderes, oder? Nämlich um den krampfhaften Versuch, anders zu sein. Trotzdem sind sie alle gleich. Während quietschbunte Menschen auf dem Spielbudenplatz dem Bildschirm zujubeln, werden auf der Bühne Stereotypen dermaßen überspitzt, dass es lächerlich wird: blonde Frauen mit tiefem Dekolleté, die für Polen Butter schlagen, zum Beispiel.

Nebenbei werden Akzeptanz und Toleranz demonstriert. Die Länder greifen Jahr für Jahr Themen wie Body Shaming, Homosexualität und Diskriminierung auf und stellen sie aufs Plakativste dar. Auf Zwang wird Normalität zur Schau gestellt, die längst normal sein sollte. Der Schrei nach Aufmerksamkeit lässt uns für drei Minuten vergessen, dass manche dieser Länder genau diese Minderheiten unterdrücken.

Und dann wäre da noch die unglaublich langweilige Punktevergabe. Manch ein Zuschauer erwischt sich dabei, loszulachen, wenn Osteuropa wieder einmal alle Punkte unter den Nachbarn verteilt. Funfact: Serbien und Montenegro vergaben in den letzten 16 Jahren nicht einen einzigen Punkt nach Deutschland. 

2019 wird der ESC in Tel Aviv ausgetragen, nur zwei Autostunden vom Gazastreifen entfernt. Israel, ein Land, das gerade eigentlich andere Probleme hat, investierte Millionen für ein riesiges Eurovision-Dorf. Der ESC ist von großer symbolischer Bedeutung für die Region, denn ein Hauch von westlicher Normalität soll gefeiert werden. Die bunte Show des ESC kann trotzdem nicht davon ablenken, dass nebendran Raketenabwehrbatterien stehen, die vor einem Beschuss der Palästinenser schützen sollen.

Titelfoto: Ilia Yefimovich/dpa

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Simon Schröder, Jahrgang 1992, fehlt als Schönwetter-Surfer nur eines an seiner geliebten Heimatstadt: Dauersonne. Deshalb entflieht er jeden Sommer Hamburgs Schmuddelwetter und arbeitet als Wellenreitlehrer an der französischen Atlantikküste. Sein Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg war ihm zu theoretisch. Praktische Arbeit fand er nach seinem Abschluss bei den Online-Magazinen "Zeitjung" und "Bento". Mit seinem Gespür für Menschen interviewte er Pornoproduzenten, Freier und Lehrer. Wenn er es an seinem Schreibtisch nicht mehr aushielt, kochte er im Nil und Salt & Silver. Für seine zwei Mitbewohner macht er noch heute seine raffinierte Bolognese. Geheimzutat: Schokolade. Das würde er aber nie jemandem verraten. Kürzel: sis
Laura Bieler, Jahrgang 1997, kennt jeden Pizzaofen ihrer Heimatstadt Hamburg. Hier studierte sie International Business Management mit Schwerpunkt Marketing und Kommunikation. Während eines Auslandssemesters in Paris perfektionierte sie ihr Französisch und besuchte die Paris Fashion Week. Direkt im Anschluss übernahm Laura bei einem Praktikum auf Mallorca die Marketing-Leitung eines Immobilienbüros. Reiten, Leichtathletik und Volleyball: Ihr sportliches Repertoire konnte sie auf der Insel noch um Surfen und Stand-Up-Paddling erweitern. Zurück in Hamburg arbeitete sie als Online-Redakteurin bei “Fit For Fun” und schwitzte beim Testen von Fitness-Apps. Kürzel: lab