Wettkampf, Erfolg und vor allem Geld treibt den modernen Profi-Fußball. Die Amateure jedoch kicken für die Menschen aus dem Viertel. Ein Einblick in die familiäre Welt der Oberliga Hamburg.

Freitagabend. Langsam legt sich die Dämmerung über das Stadion an der Dieselstaße in Barmbek. Im Flutlicht wird der einsetzende Nieselregen sichtbar. Aus dem Innenraum des Stadions hallen Stimmen gepaart mit gedämpfter Musik. In einer halben Stunde beginnt das Oberliga-Duell HSV Barmbek-Uhlenhorst, kurz BU, gegen den SC Concordia aus Wandsbek.

Die meisten Zuschauer kommen in Alltagskleidung, viele davon in den Vereinsfarben Gelb und Blau. BU-Fan Rene trägt zu den Spielen seine Jeanskutte, verziert mit unzähligen Aufnähern. Auf ihr finden sich nicht nur Wappen vieler Hamburger Amateurklubs, sondern auch das seiner zweiten Liebe – dem FC St. Pauli. „Pauli hat sich ein bisschen verändert. Da ist alles kommerzieller geworden. Hier bei BU ist das ganz familiär. Die Spieler sind nette Leute, mit denen schnackst du dann nach dem Spiel noch im Klubheim“, sagt Rene.

Mit 13 Jahren war er das erste mal bei BU, sein erstes Fußballspiel überhaupt: „Damals hatte der Amateurfußball noch einen höheren Stellenwert. Da hat BU noch vor mehreren 1000 Menschen an der alten Anfield gespielt.“ Anfield nennen BU-Fans ihre Spielstätte, angelehnt an die legendäre Anfield Road des FC Liverpool.

Jeanskutte mit Aufnähern von Vereins- und Fanklub-Wappen.
Die Aufnäher etlicher Amateur- und Profiklubs scheinen Renes Jeansjacke zusammenzuhalten. Foto: Dustin Balsing

Seit mehreren Jahrzehnten ist Rene den Barmbekern jetzt schon treu. Er kennt hier fast jeden, im Minutentakt verteilt er „Moins“ nach links und rechts. Im Eingangsbereich wächst allmählich die Schlange. Nur noch 15 Minuten bis Anpfiff. Für Rene höchste Zeit reinzugehen.

Auf der überdachten Tribüne sitzen kurz vor Spielbeginn knapp 400 Zuschauer. Nebenan im Stehbereich sorgen rund 40 Männer und ein paar wenige Frauen für die Sprechchöre. Für einen Klub in der Oberliga eine beachtliche Kulisse.

Aus dem Viertel, für das Viertel

Volker Brumm ist seit 40 Jahren in verschiedenen Funktionen für BU tätig. Früher als Spieler und Vorstand, heute als Vorstandsmitglied und Manager. Er hoffe dabei nicht arrogant zu wirken, aber man könne ihn schon als „Gesicht von BU“ bezeichnen. Der Profi-Fußball sei vielen mittlerweile zu organisiert und zu viel Event, glaubt er. „Der Amateurfußball ist ein Stück weit ehrlicher. Der Geruch von Bier und Bratwurst, man ist nah dran.“

Blick auf die Tribüne des Stadions an der Dieselstraße.
Blick durch ein Loch in der Bande auf die Tribüne im Stadion an der Dieselstraße. Foto: Dustin Balsing

Zudem sei der Amateurfußball unheimlich Stadtteil bezogen: „Es kommen sehr viele hier aus dem Viertel. Das ist so ein Bewusstsein, dass man auch zu seinem Amateurverein geht“, erklärt Brumm. Jeder hier ist auch Fan des HSV oder des FC St. Pauli. Diese in Hamburg sonst so präsente Rivalität spielt hier keine Rolle. Im Vereinsheim hängen sogar Schals beider Vereine an den Wänden.

„Mein letztes Geld geb‘ ich für Fußball aus“

In der Oberliga Hamburg lockt nur Tabellenführer Altona 93 mehr Zuschauer ins Stadion als BU. Die Beliebtheit des Barmbeker Klubs liegt auch an der bewegten Vergangenheit: Anfang der 70er war der „kleine HSV“ in der zweiten Liga unterwegs, finanziell unterstützt vom Entsorgungsunternehmer Hermann Sanne. Das Ziel: den FC St. Pauli als Nummer zwei in der Stadt ablösen. Doch daraus wurde nichts. Sanne zog sich zurück und hinterließ Schulden.

Der Verein konnte nur noch durch Spenden gerettet werden. Das Ernst-Deutsch-Theater trat den Erlös aus zwei Vorstellungen an BU ab. Zudem taten sich Schlagergrößen wie Heino, Roberto Blanco und Costa Cordalis zusammen und nahmen die Platte „Stars singen für BU“ auf. Die Einnahmen aus 10.000 verkauften Exemplaren sicherte dem Klub die Existenz. Auch die heutige Vereinshymne von Tony entstammt dem Tonträger: „Mein letztes Geld geb‘ ich für Fußball aus“.

„Klar wünscht man sich, dass BU wieder höherklassig spielt. Aber nicht auf Teufel komm raus, wie andere Amateurvereine, die dann am Ende mit Schulden dastehen“, sagt Rene.
So sieht es auch der verantwortliche Brumm: „Wenn es sich aber sportlich ergibt, würde sich ein Verein wie BU dem Aufstieg immer stellen. Das müssen wir auch, denn BU hat eine gewisse Strahlkraft, einen gewissen Namen in Hamburg.“

Aber: Der Aufstieg in die Regionalliga Nord bedeutet mehr Kosten, etwa für zusätzliche Ordner oder Schiedsrichter. Hinzu kommen längere Anreisen zu den Auswärtsspielen. „Man muss auch Spieler finden, die das mitmachen. Nur weil du aufsteigst, ist nicht gleich mehr Geld da“, sagt Brumm. Vor 15 Jahren spielte BU letztmals eine Liga höher. Damals sei das zu stemmen gewesen, da die Spieler trotz deutlichem Mehraufwand bei gleichen Bezügen dabeigeblieben sind.

In dieser Saison wird sich Brumm nicht damit beschäftigen müssen. Der Aufstiegsplatz ist für BU nicht mehr zu erreichen. Doch heute läuft es gut: BU dominiert vor heimischer Kulisse, lässt Ball und Gegner kontrolliert über den nassen Kunstrasen laufen. Kurz vor der Halbzeit erhöht Abdel Hayat mit einem präzisen Fernschuss auf 2:0. Während in der Pause noch über den Treffer und den Auftritt der Truppe geplaudert wird, herrscht am Bier- und am Würstchenstand Hochbetrieb.

Namesschild aus dem alten BU-Stadion über dem neuen Stehbereich.
Das Schild vom alten Wilhelm Rupprecht Platz prangt über dem neuen Stehbereich. Foto: Dustin Balsing

Auch im Zweiten Durchgang belohnen die Spieler ihre Fans fürs Kommen. Während BU gerade das 3:0 erzielt, schwärmt Rene vom alten Stadion: „Die alte Anfield hatte schon mehr Charme, aber jetzt ist hier was Neues entstanden. Das hab ich dann auch sofort angenommen.“

2015 rollten die Planierraupen über die „alte Anfield“. Auf dem rund einen Kilometer entfernten Areal jenseits der U3-Schienen stehen heute Wohnungen. Fußballklubs haben nach einem Umzug oft Probleme, ihre Identität zu bewahren – hier hat es funktioniert.

Der Verein hat dafür Elemente aus dem alten Stadion in das neue integriert. Das Namensschild vom alten Wilhelm Rupprecht Platz hängt über dem Stehbereich, das Fenstergitter des alten Vereinsheims ziert die neue Tribüne.

Am Ende steht es 4:0. „Jetzt wird gefeiert“, sagt Rene und stellt sich zu den anderen Fans an den Spielfeldrand. Mit Spielern und Trainer wird abgeklatscht und der Sieg bejubelt.

Fans gratulieren BU-Trainer Marco Stier nach dem Sieg.
Alle zusammen: Fans feiern nach dem Sieg mit BU-Trainer Marco Stier. Foto: Dustin Balsing

Nach dem Spiel ist im Vereinsheim Pressekonferenz. Die unterscheidet sich jedoch grundlegend von der im Profi-Bereich. Statt Pressevertretern sitzen hier Fans bei Cola und Bier an den Tischen. Statt der immer gleichen Fragen und glattgebügelten Antworten wird hier die ohnehin schon gut gelaunte Bande noch einmal bespaßt. Concordia-Trainer Frank Pieper, selbst viele Jahre Trainer bei BU, ist angesichts der hohen Niederlage kurz angebunden.

BU-Coach Marco Stier hingegen genießt den Moment. Mehrmals bittet er um Ruhe, während er ausführt, wie stark sein Team an diesem Abend gespielt hat: „Wenn es acht oder neun zu null ausgeht, kann sich heute auch keiner beschweren.“ Die Anwesenden lachen, applaudieren. „Es macht einfach Spaß mit den Jungs zu arbeiten und es macht Spaß mit euch. So kann es weitergehen“, sagt Stier abschließend. Nachfragen gibt es keine. Der Abend ist offiziell eingeläutet.

Durch die Fenster des Vereinsheims sind nur noch die Konturen des Spielfelds zu erkennen, denn das grelle Flutlicht ist längst erloschen. Das Vereinsheim bleibt indes noch lange erleuchtet. Trainer, Spieler und Fans lassen den Abend gemeinsam ausklingen – hier geht es einfach um mehr als nur Fußball.

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Dustin Balsing, geboren 1993, verwandelte als Kapitän seiner Tennismannschaft gleich zweimal den alles entscheidenden Matchball zum Aufstieg. Auch sonst ist er sportbegeistert. Neben Tennis und Basketball gilt seine größte Leidenschaft dem Fußball. Für sein Studium der Publizistik ging er als Numerus-Clausus-Flüchtling von Würzburg nach Wien. Dort schrieb der gebürtige Kölner und Hertha-Fan Beiträge und Moderationstexte für einen Nachrichtensender und arbeitete über ein Jahr als Online-Redakteur beim Sportportal “Laola1”. Wien ist für ihn wie ein riesiges Museum, nicht nur die Stadt, sondern auch der Dialekt machen ihm Spaß. Kölsch, Schwäbisch, Sächsisch, Berliner Schnauze: Dustin spricht zwar nicht jede Sprache, aber dafür so gut wie jeden Dialekt. Bald schnackt er auch wie ein Hamburger Jung. Kürzel: dub