In der Hafencity entsteht Hamburgs modernstes Wohngebiet. Zurzeit leben dort 700 Flüchtlinge in Containern. Demnächst wird die Unterkunft teuren Wohnimmobilien weichen müssen. 

Ruhig gleitet die Hamburger U4 in die neue Endstation an den Elbbrücken. Passagiere steigen aus und suchen sich ihren Weg heraus aus dem modernen Diamantgewölbe aus Stahl und Glas. Über die Insel um den Baakenhafen erstrecken sich karge weite Flächen aus Schutt, Erde und Sand. Entlang der einzigen stark befahrenen Straße laufen Männer wie Frauen, herumtollende Kinder und musikhörende Jugendliche. Sie alle kommen aus der Richtung der Innenstadt; womöglich aus der Schule, von der Arbeit, oder sie tragen ihre Einkäufe nach Hause. Bis zu 720 geflüchtete Menschen dürfen seit 2016 in der Containersiedlung in der Hafencity leben. Die Leute grüßen, wenn man durch die tristen olivgrünen Kastenbauten geht. Viele Fahrräder stehen herum, es duftet nach deftigem Essen.

Mohanned Hessen wohnt seit drei Jahren mit seiner Mutter in der Flüchtlingsunterkunft in der Hafencity. Der 25-jährige Syrer kam Ende 2015 in Deutschland an. Zuerst waren er und seine Mutter drei Monate in einem anderen Flüchtlingsheim untergebracht, wo sie sich mit 14 anderen ein Zimmer teilen mussten. Da hätte man einfach nichts machen können, sagt Mohanned. Jetzt ist die Situation schon besser, da er sich hier ein kleines Zimmer mit seiner Mutter teilen kann. Allerdings sehnt er sich nach wirklicher Privatsphäre, da im selben Container noch vier weitere Flüchtlinge wohnen.

Das Zusammenleben sei in Ordnung, sagt Mohanned; auch wenn sich hier verschiedene Kulturen und Religionen vermischen – „wir sind alles Menschen“. Durch die umliegenden Wasserflächen sei das Containerdorf windig und kalt, sodass man sich nicht einfach irgendwo hinsetzen könne. Er komme nach Hause und wisse nichts mit sich anzufangen. Sie haben zwar einen Fernseher, aber es gibt kein WLAN. Auf seinem Handyhintergrundbild ist ein weißer Hund zu sehen. Sein Hund, den er in der Heimat zurückließ. Ein neuer Hund kommt nicht in Frage, denn Haustiere sind im Flüchtlingsheim verboten.

Neben dem Flüchtlingsheim wächst das Projekt „Stadtgemüse“ der „Was tun! -Stiftung“ heran. Bei dem Integrationsprojekt sollen sich Geflüchtete und Hamburger beim Gärtnern begegnen. Über die Wintermonate finden die wöchentlichen Treffen unter der Projektleitung von Oscar Jessen (22), der Umweltwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre studiert, in einer angrenzenden Holzhütte statt. In familiärer Atmosphäre wird gemeinsam gekocht und gegessen.

Meist syrische, iranische oder afghanische Väter kommen mit ihren Kindern vorbei. Die Mütter bleiben meist zu Hause. Es wird viel gelacht, Pantomime mit den Kindern gespielt und man unterhält sich – auf Deutsch. Den Erwachsenen fällt das oft schwerer als ihren Kindern, die zur Schule gehen dürfen und fließend Deutsch sprechen. Die Väter bemühen sich obwohl sie teilweise noch keinen Deutschkurs gemacht haben. Ein paar Arbeiten, andere warten noch auf ihre Erlaubnis; einer macht sogar eine Ausbildung zum Pfleger. Alle sehnen sich danach, endlich eine richtige Wohnung in der Stadt zu finden.

Auch Mohanned Hessen schaut auf allen möglichen Plattformen nach Wohnungen. Seit Monaten schicke er täglich zehn Anfragen los, sagt er. Im ohnehin schon überstrapazierten Hamburger Wohnungsmarkt habe man als Ausländer und speziell als Flüchtling so gut wie keine Chance. Er ist allerdings froh, seit acht Monaten als Lagerarbeiter im Hafen zu arbeiten. Auch wenn er das in Syrien nie gemacht habe, sei er mit dem Kopf dabei, um Prozesse zu verbessern.

Mohanned hatte in Damaskus drei Jahre Jura studiert, bevor er floh. Mit seinem unabgeschlossenen Studium könne er in Deutschland nichts anfangen, aber er habe einige Ideen um sich selbstständig zu machen. Zum Beispiel könne er in einen Führerschein investieren und eines Tages vielleicht einen Foodtruck aufmachen.

Ein Duzend Kräne stehen am Rande des Flüchtlingsheims.
Kräne neben dem Flüchtlingsheim errichten die neuen Gebäude der Hafencity.

Am anderen Ende der Insel ragen ein Dutzend Kräne in die Höhe und errichten die wohl begehrtesten Wohnungen der Hafenmetropole. Langsam aber kontinuierlich arbeitet sich die Häuserfront in Richtung der Elbbrücken vor. Bis 2025 soll dort das neue milliardenschwere Prestigeprojekt mit dem fast 250 Meter hohen Elbtower fertig gestellt werden. Der Sozialdemokrat und ehemalige Bürgermeister Olaf Scholz wird von vielen lokalen Medien, aber auch von der Linksfraktion in der Bürgerschaft kritisiert, er habe sich mit der Vergabe der Fläche ein Denkmal hinterlassen wollen, bevor er weiter nach Berlin zog.

In Berlin hat Scholz, der mittlerweile bekanntlich Vizekanzler und Finanzminister ist, kürzlich den neuen Haushaltsplan mit den neuen Zahlen für die Integrationshilfen für Flüchtlinge vorgelegt. Der Bundeszuschuss zu den Flüchtlingskosten soll 2020 nur noch rund ein Viertel der bisher bereitgestellten Gelder umfassen. Darauf folgte heftige Kritik der Länder und aus den Kommunen. Sie sind teils jetzt schon hoch verschuldet und die Mittel reichten „nicht annähernd“ aus, „um eine echte Eingliederung der Flüchtlinge möglich zu machen“, sagt Uwe Brandl, Präsident des deutschen Städte- und Gemeindebundes der Welt.

Das Flüchtlingsheim in der Hafencity wird bis September 2020 bestehen. Danach werden Wohnungen auf die Fläche gebaut. Ob auch Geflüchtete dort eine Wohnung anmieten können, bleibt fraglich. Anders als ihre Mitbewerber können Sie meist kein ausreichendes Haushaltseinkommen nachweisen. Deswegen werden die meisten Flüchtlinge in andere Heime umgesiedelt werden müssen.

Mohanned Hessen hat sich über all das noch keine Gedanken gemacht. Zurückkehren ist keine Option, denn auch wenn der IS mittlerweile besiegt sei, gebe es noch andere Gruppen in Syrien, von denen Gefahr ausgehe. Außerdem sei das Land komplett zerstört. Teilweise gebe es keinen oder nur eine Stunde Strom pro Tag und die Währung sei kaum mehr etwas wert. Es würde noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, bis das Land wieder aufgebaut wäre, glaubt er.

Er möchte aber auch in kein anderes Flüchtlingsheim wechseln, sondern in eine richtige Wohnung, denn der 25-Jährige hat kürzlich seine Jugendfreundin geheiratet, was viele Umstände und Behördengänge erforderte. Er hat sie seit der Flucht aus Syrien nicht mehr gesehen. Sobald er eine Wohnung für seine Mutter und sich gefunden hat, will er sie zu sich holen.

Fotos: Nikolas Baumgartner