Fürs Radfahren als Mobilitätsalternative macht sich in Hamburg der Erste Bürgermeister persönlich stark. Peter Tschentscher eröffnete eine Kampagne für mehr Räder im Verkehr, die sich die Stadt Millionen Euro kosten lässt. Die fließen allerdings nicht in die bestehenden Probleme.

Seit 2018 gehört Hamburg nicht mehr zu den lebenswertesten Städten der Welt – zumindest laut dem jährlichen Städtevergleich des englischen Magazins “The Economist”. Im “Global Liveability Index 2018” rutschte Hamburg von Platz 10 auf Platz 18 ab. Neben Bildung, Gesundheitsversorgung und Kultur spielte dabei das Verkehrsnetz eine große Rollle. Auch im Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) schneidet Hamburg nicht gut ab. Kritisiert wurden vor allem die Qualität der Radwege, die Fahrbahnreinigung, Fahrraddiebstähle – und die Sicherheit der Radlerinnen und Radler. Jedes Jahr sterben Radfahrer auf den Straßen der Stadt.

Jetzt will die Stadt gegensteuern. Zumindest, was den öffentlichen Umgang mit dem Thema Rad angeht: Eine Marketingkampagne von Jung von Matt/Sports soll die Hamburger mit neuer Website und eigenem Song in den Sattel bringen, das Klima zwischen unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern verbessern.

Hamburger Bürgermeister
Erster Bürgermeister Peter Tschentscher führt die Fahrradtour nach St. Pauli an. Foto: Lissy Reichenbach

Die Kampagne ist auf drei Jahre angelegt. Mehrere Millionen Euro will Hamburg dafür ausgeben, mal ist von vier, manchmal sogar von über sechs Millionen die Rede. Das Geld fließt aber nicht etwa in neue Radwege – sondern nur in eine Werbekampagne.

Vorgestellt wurde die bei einer Radtour vom Rathausmarkt zum Spielbudenplatz. Angeführt von Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher sowie Kirsten Pfaue, Radverkehrskoordinatorin der Stadt Hamburg, und dem Geschäftsführer der Hamburg Marketing GmbH, Michael Otremba. Auch Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) und der Fraktionsvorsitzende der Grünen Anjes Tjark radelten mit.

“Alle, die aus dem Auto und auf das Rad steigen, machen für alle anderen Straßenraum frei”, sagte Tschentscher. Fahrräder könnten helfen, mit der “Mobilität in Hamburg insgesamt voran zu kommen.”

Auf den Straßen und im Netz

Umgesetzt wird die Kampagne ab Mitte Mai auf den Straßen in Form von drei verschiedenen Anzeigenmotiven auf City-Light- und Großflächenplakaten und online – alle zeigen irgendwie sehr glückliche Menschen mit Fahrrädern. Auf der Website Fahrrad.Hamburg gibt es Magazin-Artikel über das Thema Radfahren. Dort soll man zudem Informationen über die Fortschritte der geplanten Ausbauten und Verbesserungen, zum Fahrradleihsystem Stadtrad oder Luftstationen einsehen sowie Fahrradausflüge planen können.

Fahr ein schöneres Hamburg
(vlnr) Kirsten Pfaue, Dr. Peter Tschentscher und Michael Otremba präsentieren die neue Fahrradkampagne auf dem Spielbudenplatz. Foto: Lissy Reichenbach

Geworben wird mit alldem auch für das, was Hamburg außer Werbung noch vorhat: Ende 2020 sollen 14 stadtweite sternförmige Velorouten mit einer Gesamtlänge von rund 280 Kilometern das Zentrum mit den äußeren Stadtteilen verbinden.

“Radfahren ist einfach toll für die Stadt und verändert Hamburg positiv”, sagte Kirsten Pfaue.

Anderswo ist die Begeisterung weniger ausgeprägt. “Es handelt sich um eine Imagekampagne, und Werbung hat oft wenig mit der Realität zu tun.” Die Kampagne vermittele vielleicht “gute Stimmung und positive Zukunftsvisionen”, vor allem aber müsse der Senat seine Versprechen “auch endlich umsetzen”, sagte Dirk Lau, Sprecher und stellvertretender Vorsitzender des ADFC.

Für das gute Radfahrgefühl hat die Stadt sogar ein Musikvideo produzieren lassen: “Von Hamburg bis zum Meer“, komponiert und gesungen wurde der Song von Hamburger Musikern wie Nico Suave, Tonbandgerät und Chefboss.

Quelle: Youtube/Hamburg

Neben dem Online-Portal und den Plakaten sind weitere Aktionen geplant: Für einen Tag soll 2020 ein Radweg über der Binnenalster errichtet werden, ausgewählte Straßenkreuzungen sollen von Künstlern bunt gestaltet werden.

Dass Reklametafeln, bemalter Asphalt und singende Radler die Situation in Hamburg nachhaltig verbessern, bezweifelt Dirk Lau, mehr noch: “Neu gebaute Velorouten-Abschnitte bringen keine Verbesserung für den Radverkehr, sondern wurden autogerecht geplant und sind daher nicht sicher und komfortabel mit dem Rad zu befahren.”

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Lissy Reichenbach, Jahrgang 1994, hat vier Vornamen. Lissy ist keiner davon. Die Hamburgerin legt sich nicht gerne fest: Sie zog von Hamburg nach Bayern, wechselte von Wirtschaft zur Kommunikationswissenschaft und redet mal über Schrotträder, mal über moderne Malerei. Im Zweitfach studierte sie Kunstgeschichte und lernte beim deutschen Cocktailmeister den perfekten Whiskey Sour zu mixen. Bei Scholz & Friends in Berlin arbeitete sie unter anderem für Amnesty International, Mercedes und Vodafone. Für Montblanc organisierte sie Messen für die neuen Kollektionen in ihrer Heimatstadt Hamburg. Am Wochenende steht sie im Schanzenviertel am Kickertisch oder klappert mit ihrem Rad die Flohmärkte ab, immer auf der Suche nach seltenen Bildern oder neuem Lesestoff. Kürzel: lr

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