Mit „Maria 2.0“ setzen sich Frauen bundesweit für eine Öffnung der Weiheämter in der katholischen Kirche und für eine vollständige Aufklärung im Missbrauchsskandal ein. In Hamburg ist eine Aktion für diesen Dienstag geplant.

Zwei Teller mit Brezeln, eine Schüssel Tomaten, zwei Thermoskannen – die neun Frauen haben sich auf lange Gespräche eingestellt. Geduld haben sie keine mehr. Sie kommen aus verschiedenen Kirchengemeinden Hamburgs, sind alle seit vielen Jahren organisiert. Sie sind Frauen, „denen es in der Seele wehtut“, sagt Brigitte Jaschke. Die 63-Jährige arbeitet bei der „Neuen Kirchenzeitung“ und hat gemeinsam mit Eva-Maria Schmitz das Treffen organisiert.

Keine hundert Meter entfernt, vor dem Hamburger Mariendom mitten in St. Georg, möchten die Frauen sich am morgigen Dienstag mit einer Maiandacht an der Aktion „Maria 2.0“ beteiligen. Damit sind sie zwar einige Tage später dran als andernorts, nehmen so aber Rücksicht auf die Hamburger Pfingstferien. Unter der Überschrift „Maria 2.0“ hatten bereits am Wochenende um den 12. Mai Katholikinnen bundesweit an einem Kirchenstreik teilgenommen. Vor den Kirchentüren protestierten sie vielerorts für einen Zugang zu allen Kirchenämtern auch für das weibliche Geschlecht, eine umfassende Aufklärung des Missbrauchsskandals und für die Aufhebung der Zölibatspflicht.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und lachen.
Brigitte Jaschke und Eva-Maria Schmitz (v.l.) sind die Initiatorinnen von Maria 2.0 in Hamburg. Foto: Sandra Jütte

Diese Forderungen haben bei Brigitte Jaschke „offene Türen eingerannt“. In der Vergangenheit habe sich zwar schon ein bisschen was bewegt, „aber nicht genug“, sagt sie und erhält Zustimmung von ihren Mitstreiterinnen. Bei der Solidarisierung mit „Maria 2.0“ ginge es aber nicht darum, die Frustration der Vergangenheit auszudrücken. Vielmehr möchten die Katholikinnen etwas in „ihrer Kirche“ bewegen. „Wir wollen auch stoppen, dass Frauen austreten, weil sie enttäuscht sind. Wir wollen, dass Kirche wieder Spaß macht – auch jungen Frauen“, sagt die 59-jährige Martina Krysiak aus Harburg.

Initiiert wurde die Aktion „Maria 2.0“ von einer Gruppe Münsteranerinnen, die ihrem Ärger bereits im Januar auf einer eigenen Facebook-Seite Luft gemacht hatte. Der Name spielt dabei auf die am stärksten verehrte Frau in der katholischen Kirche an.

Petition zu „Maria 2.0“ hat 25.000 Unterschriften

Auf der Petitionsplattform „We act“ wandten sich die Münsteranerinnen in einem offenen Brief an Papst Franziskus. Dort sammeln sie Unterschriften für ihre Forderungen – auch zahlreiche Männer unterschrieben die Petition. Nach einem Bericht des Portals katholisch.de soll das Schreiben zum Missbrauchs-Sondergipfel ab Dienstag im Vatikan dem Papst übergeben werden. Bis zum vergangenen Freitag hatten bereits mehr als 25.000 Menschen die Petition unterzeichnet. Darin riefen die Aktivistinnen auch dazu auf, vom 11. bis zum 18. Mai 2019 keine Kirche zu betreten und keine ehrenamtlichen Dienste zu leisten. Der Katholische Deutsche Frauenbund und die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands unterstützen die Aktion.

Die Diskussion über eine Öffnung von Weihämtern für Frauen ist nicht neu: Bereits seit 1996 setzt sich das Netzwerk Diakonat der Frau zumindest für die Einführung eines Diakonats – und damit eines Weihesakraments – für Frauen ein. Dazu findet jährlich am 29. April ein Aktionstag statt.

„Ich könnte nicht in einem Bistum arbeiten, in dem ich das Gefühl hätte, das wird nicht ernst genommen.“

Für Schwester Gudrun Steiß vom Erzbistum Hamburg ist „Maria 2.0.“ vor allem ein „wichtiges und gutes“ Zeichen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Vor allem gegen Machtmissbrauch, der von Männern wie Frauen betrieben werden könne, müsse angegangen werden, sagt die erste Leiterin der Pastoralen Dienststelle – einer der höchsten Positionen, die Frauen derzeit im Bistum erreichen können.

Zur Aufklärung des Missbrauchsskandals passiere in Hamburg aber mit Kommissionen, Beratern und Schutzkonzepten schon sehr viel. „Ich könnte nicht in einem Bistum arbeiten, in dem ich das Gefühl hätte, das wird nicht ernst genommen“, betont sie. So etwas brauche aber Zeit. Eine Studie hat ergeben: In Hamburg sollen zwischen 1946 und 2015 33 Priester insgesamt 103 Opfer missbraucht haben. Laut dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße ist in Fällen von sexuellem Missbrauch die Zusammenarbeit mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden selbstverständlich. Ein kirchenrechtliches Verfahren könne hinzukommen.

„Maria 2.0“ als Impuls für den Dialog

Was Frauen in höheren Positionen der Kirche angeht, habe sich in den vergangenen Jahren in Deutschland ebenfalls etwas getan, erklärt Gudrun Steiß. Weiheämter für Frauen zu öffnen, sei aber eine Entscheidung, „die für die gesamte Weltkirche getroffen werden muss“. „Maria 2.0“ sei da ein guter Impuls, dürfe aber nicht zu einer Spaltung zwischen Männern und Frauen führen.

Erzbischof Heße sagte gegenüber FINK.HAMBURG: „Ich habe Verständnis für den Unmut und für die Anliegen der Frauen, die die Initiative „Maria 2.0″ angestoßen haben oder sich daran beteiligen.“ Für ihn sei die Initiative ein Impuls für den Dialog: „Mir geht es darum, dass unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch kommen. Deshalb werbe ich sehr für eine Beteiligung an unserem synodalen Weg„. Den gemeinsamen Diskussionsprozess über die Zukunft der Kirche hat die Deutsche Bischofskonferenz angestoßen. Er macht Heße zufolge aber nur Sinn, wenn dabei keine Themen ausgeschlossen würden.

Die Bewegung trifft auf unterschiedliche Stimmen

Es gibt auch Kritik an der Kritik von „Maria 2.0“: So heißt es auf der Webseite mariaeinspunktnull.de etwa: „Maria braucht kein Update!“ Die Mutter Jesus solle nicht instrumentalisiert werden. Unter dem Hashtag „#ueberzeugtkatholisch“ rief eine weitere Gruppe katholischer Frauen zu einer einwöchigen Frauengebetsaktion auf. Zum Twitter-Hashtag gibt es bisher rund ein Dutzend Tweets.

„Wir wollen, dass der Domplatz voll wird“, sagt Brigitte Jaschke. Geplant sind neben einer Andacht Gebete, Lieder und eine große Rolle weißes Papier, auf die Interessierten schreiben können, was sie bewegt. Zudem wünschen sich die neun Frauen weiße Kleidung von den Besuchern – als Zeichen der Erneuerung. Denn die Bewegung fange jetzt erst an.

Die Andacht beginnt am Dienstag um 19.15 Uhr vor dem Mariendom.

Titelfoto: Sandra Jütte