Stadtteile wie Eimsbüttel, Eppendorf und Altona sind Umfragen zufolge besonders beliebt. Farmsen zeigt, dass auch die Hamburger Randgebiete durchaus lebenswert sind.

Im Feierabendverkehr reiht sich Stoßstange an Stoßstange. Den Asphalt sieht man selten in den kurzen Rotphasen der Ampel. Die Buslinie 168 in Richtung Berne fährt, voll bis unters Dach, mit dröhnendem Dieselmotor ab. Es ist der neunte Linienbus innerhalb von fünf Minuten. Schulkinder, Familien und Rentner laufen an der Spielhalle, dem Ein-Euro-Shop und einer McDonalds-Filiale vorbei. Im Kontrast zu dem Verkehrslärm machen die Menschen einen gelassenen Eindruck. Die meisten steuern den U-Bahnhof Farmsen an. Wo war das noch mal? Ist das noch Hamburg? Den Stadtteil im Nordosten mit seinen rund 35.000 Einwohnern haben vermutlich nur wenige Menschen auf dem Schirm, die nicht selbst hier leben.

„Hier kann man ein Mittelmaß finden“, sagt Yvonne Muhle. Sie erzählt von dem Zusammenspiel der anonymen Großstadt und der Nähe der Menschen zueinander. In Farmsen findet sie es besonders ausgewogen. Mit dem Café MaLous, dass sie gemeinsam mit ihrer Frau Marion betreibt, ist sie im September 2018 aus Tonndorf in das Gebäude der Volkshochschule Farmsen gezogen.

Gesellschaftliches Sammelsurium

Heute stehen im MaLous Tortellini auf der Mittagskarte. Reichlich Torte, Kaffee und Tee gibt es immer. Das Café ist das Gegenteil einer Starbucks Filiale – ruhig, persönlich und individuell. Die Naturfotografien an der Wand hat Yvonne gemacht. Auf den Tischen stehen kleine Aufsteller aus Holz. Karl, ein Stammgast, hat sie gebaut. Mit seinem Stammtisch ist er jeden Tag im MaLous zum Kaffeetrinken verabredet.

Aus einigen Gästen sind Freunde geworden, und manchmal lädt Yvonne sie zur Abendbrottafel ein: „Wie man das früher in der Familie gemacht hat. Ordentlich Abendbrot essen.“ Ob sie in Farmsen so engen Kontakt mit den Gästen knüpfen kann wie in Tonndorf, vermag sie noch nicht zu sagen: „Ist ja noch alles frisch hier.“

Theke des Café MaLous mit Tischen im Vordergrund
Langjährige Stammgäste und Laufkundschaft aus den VHS-Kursen treffen im MaLous aufeinander. Foto: Jannik Golek

Farmsen ist ein gesellschaftliches Sammelsurium, sagt Yvonne: Menschen mit Einfamilienhäusern und gepflegten Gärten, aber auch Einkommensschwache leben hier. Eine Eigenschaft, die Farmsen wirklich einzigartig macht, sieht Yvonne nicht: „Im Grunde kriegt man alles überall. Selbst im betonierten Altona findet man sein Grün.“ Für sie ist es die Mischung aus sozialen und kulturellen Unterschieden, die das Leben in Farmsen besonders macht.

Schnell in Hamburg und Berlin

Das nur wenige Meter von der Volkshochschule entfernte Einkaufszentrum ist kein KaDeWe. 1980 eröffnet wirkt das zweistöckige Gebäude etwas in die Jahre gekommen. Anstelle von teuren Boutiquen verteilen sich hier eher zweckorientierte Geschäfte auf die Ladenflächen. „Ich habe mehrere Supermärkte, drei Bäckereien und das Einkaufszentrum, wo ich auch alles bekomme“, sagt Sandra Jütte. Die Studentin der Digitalen Kommunikation und FINK.HAMBURG-Redakteurin ist von Berlin nach Farmsen gezogen. In ihrem Studentenapartment fühlt sie sich wohl. Schreibtisch, Bett, Schrank, Sessel und eine kleine Kochnische genügen ihr. Sie ist sowieso nur abends und unter der Woche zuhause.

Studentin Sandra Jütte auf dem Parkplatz der Volkshochschule, im Hintergrund ein Studentenwohnheim
Schnell in der Stadt, schnell auf der Autobahn in Richtung Osten. Studentin Sandra Jütte genießt die Vorzüge des Stadtrandes. Foto: Jannik Golek

Die Lage im Nordosten Hamburgs macht den Stadtteil Farmsen für Sandra besonders attraktiv: Schnell auf der A24 in Richtung Berlin zu ihrem Freund, schnell mit der U-Bahn in der Innenstadt. „Das hier ist schon mehr eine Wohngegend mit Einkaufsmöglichkeiten. Wenn man zum Beispiel feiern möchte, muss man weiter in die Stadt fahren.“ Unmittelbar vor dem Fenster blüht ein Baum. Im Hintergrund rauschen Autos auf der vierspurigen Hauptstraße vorbei.

„Hier halten die Menschen zusammen“

Unweit vom „Einkaufstreff Farmsen“ sortiert Bura Buluc nach Feierabend seine Scheren und Kämme. Bis kurz vor Feierabend war der Friseursalon, den er gemeinsam mit seinem Bruder betreibt, noch voller Menschen. Auch nachdem die letzten Kunden des Salons sich verabschiedet haben, gibt es noch viel zu tun. Buras Arbeitskollegin bringt einen Beutel voll Haar vor die Tür.

„Man kennt hier fast jeden. Man lernt die Leute kennen, während man die Haare schneidet“, sagt Bura freundlich lächelnd. Zwar lebt er zurzeit in Rahlstedt, ist jedoch in Farmsen groß geworden. Hier hat er seine erste große Liebe kennengelernt. Die Menschen in Farmsen nimmt er anders wahr als  in der Innenstadt: „Hier ist die Atmosphäre gelassen. Hier halten die Menschen zusammen, und das ist sehr schön.“

Bura Buluc in seinem Friseursalon vor einer weißen Tür.
Zu Bura Buluc gehen die Farmsener zum Haare schneiden, aber auch für nette Gespräche. Foto: Jannik Golek

In Bura Bulucs Friseursalon kommen die unterschiedlichsten Menschen. Überwiegend Stammgäste, aber auch Laufkundschaft: „Farmsen ist eine Art Ostzentrale. Von hier kommt man schnell nach Jenfeld und Billstedt.“ Doch auch mit Neukunden auf der Durchreise unterhält sich Bura gerne und schafft eine persönliche Atmosphäre.

Zum Feiern geht es auf die Reeperbahn

„Es wäre schön, wenn man hier mehr machen würde für die jungen Leute. Eine Cocktailbar, das wäre schön“. Früher hat er sich mit seinen Freunden am Bahnhof getroffen. „Heute laufen abends manchmal verrückte Leute rum, mit denen man sich aber unterhalten kann. Die haben alle Redebedarf“. Schlechte Erinnerungen und Gefühle verbindet er mit Farmsen nicht: „Ich kann über Farmsen nicht schlecht reden“, hält Bura fest.

Später am Abend verkleinert sich der Autokorso vor dem Bahnhof. Die Schulkinder und Familien sind verschwunden, es sind aber immer noch viele Menschen unterwegs hier. Ein paar Meter weiter brennt in der Wohngegend um den Berner Heerweg in einigen Häusern noch Licht. Es wird ruhig in Farmsen.

Fotos: Jannik Golek

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Jannik Golek, geboren 1994 in Altona, backt Pizza, die sogar Otto Waalkes schmeckt. Der Hamburger mit kroatischen Wurzeln ist nachtaktiv und morgens passiv, was er durch mindestens fünf Becher Kaffee ausgleicht. Überschüssige Energie baute er bei waghalsigen Bungeesprüngen im australischen Regenwald ab. In Hamburg nutzt er sie für Headbanging im Proberaum seiner Metalcore-Band “Call me home”. Nach dem Studium des Bibliotheks- und Informationsmanagements ist er als Frontend-Entwickler in einer Musikagentur tätig. Für diese hat er eine Website für die DJ-Szene umgesetzt und sich um deren Usability gekümmert. In der KFZ-Werkstatt seines Vaters schraubte er schon als Jugendlicher, seitdem ist er fasziniert von allem, was Motoren und Räder besitzt. Wenn sich das Hamburger Schietwetter erbarmt, ist er auf einem seiner beiden Motorräder unterwegs. Kürzel: jag