Gängeviertel

10 Jahre Gängeviertel: Vom historischen Arbeiterviertel zum Experimentier-Quartier

Verwinkelte Gassen, renovierungsbedürftige Gebäude, liebevoll künstlerisch gestaltet: Hamburger*innen kennen das Gängeviertel, aber auch in vielen Reiseführern wird das Viertel als „must see“ beschrieben. Ein Blick hinter die Kulissen.

Ein fast vergessenes Hamburg: Geplagt von Cholera und Armut lebten vor etwa 200 Jahren in Hamburgs Innenstadt Arbeiterfamilien in Wohnungen, nicht größer als zehn Quadratmeter. Das Arbeiterviertel erstreckte sich fast über das gesamte Gebiet der Alt- und Neustadt. Heute erinnern nur noch zwölf verbliebene Gebäude an die ehemaligen Gängeviertel, die heute ein Zentrum für alternative Stadt in Hamburg bilden.

Arbeiterviertel innerhalb der Wallanlagen

Ende des 18. Jahrhunderts herrschte in Hamburg noch die Torsperre, die das Betreten der Innenstadt spätabends und nachts nicht möglich machte. Deshalb mussten sich Hafenarbeiter innerhalb der Wallanlagen ansiedeln. Dies führte schnell zur Wohnungsnot, da der Hafen in der Zeit der Industrialisierung als Arbeitgeber viele Arbeiter aus dem Umland anzog.

Bestehende Wohnungen wurden verkleinert, weitere Stockwerke wurden auf Häuser gesetzt. Enge, dichtbesiedelte Gängeviertel entstanden. Menschen, die es sich leisten konnten, zogen nach der Aufhebung der Torsperre um 1860 aus der Stadt raus, Menschen ohne Geld und Gelegenheitsarbeiter blieben.

Grundriss Hamburg 1651 Johannes Mejer
Hamburg und seine Besfestigungsanlage im Jahr 1651 von Johannes Mejer.

Armut und Krankheiten zeichneten das Viertel

Gezeichnet von Armut lebten Hamburger*innen damals dicht gedrängt nebeneinander. Die Wohnungen vereinten oft Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche in einem einzigen Raum – auf etwa zehn Quadratmeter. Ebenso hatten die Bewohner*innen mit schlechten hygienischen Verhältnissen zu kämpfen: Wasser schöpften die Menschen der Gängeviertel aus den Fleeten, die gleichzeitig auch der Abwasser- und Müllentsorgung dienten. Krankheiten und Deutschlands letzte Choleraepidemie im Jahr 1892 waren die Folge.

Die Hamburger Bürgschaft gründete daraufhin eine Kommission zur Überprüfung der gesundheitlichen Verhältnisse, die das Niederreißen der Gängeviertel forderte. So wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Altstadt sowie die Neustadt Süd komplett saniert.

Neuer Wohnraum wurde geschaffen, jedoch waren die angesetzten Mietpreise zu hoch für die bisherigen Bewohner der Gängeviertel. Der letzte bestehende Teil der Gänge in der Neustadt Nord galt in den zwanziger Jahren als Symbol für „politische Radikalisierung, Delinquenten und Prostitution.“

Ulricusstraße zwischen Dragonerstall und Caffamacherreihe
Die Bordellstraße Ulricusstraße, zwischen dem Dragonerstall und der Caffamacherreihe, wurde für den Bau des Unilever-Hauses abgerissen.
Foto: Wikimedia Commons Public Domain

Kulturelle Bespielung seit zehn Jahren

Im zweiten Weltkrieg wurden weitere Gebäude zerstört, andere mussten zwischen 1958 und 1964 für den Bau eines Hochhauses weichen. Danach ist lange nichts passiert.

Anfang der 2000er bemühte sich ein deutscher Investor um die Reste des Gängeviertels. Mehrfach reichte er Bauanträge für die Sanierung der historischen Backsteingebäude ein. Nach mehreren erfolglosen Versuchen und mit drei Millionen Euro verlorenen Planungskosten zog er sich 2007 aus dem Bauvorhaben zurück.

Im Jahr 2008 wurden die verbleibenden zwölf Gebäude dann an den niederländischen Investor Hanzevast Capital NV verkauft. Der Umbau sollte im Sommer 2009 starten, den Mietern wurde gekündigt. Von den verbleibenden Gebäuden des Gängeviertels sollten nur etwa 20 Prozent saniert und umgebaut werden. Die restlichen historischen Gemäuer sollten durch Abriss Platz für Neues schaffen.

Am 22. August 2009 besetzen etwa 200 Aktivist*innen das Gängeviertel, um für den Erhalt der historischen Gebäude zu protestierten. Mehrere tausend Bürger*innen aus Hamburg besuchten das Gängeviertel bereits am ersten Wochenende, um die Besetzung zu unterstützen. Am 15. Dezember 2009 teilte der Senat den Rückzug des Verkaufs an Hanzevast Capital mit.

Initiative Komm in die Gänge

Aus den 200 Aktivist*innen, die im Sommer 2009 das Viertel besetzten, entstand die Initiative Komm in die Gänge. Daraus formte sich die Genossenschaft Gängeviertel eG und der Verein Gängeviertel e. V., die sich seither um die Verwaltung, Nutzung und Sanierung der historischen Orte kümmert.

Nach mehrjährigen Verhandlungen konnten sich die Gängeviertel Genossenschaft 2019 und der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg auf einen Erbbaurechtsvertrag einigen, die eine Zukunft des selbstverwalteten Kulturorts sichern soll. Der Vertrag wurde am 9. August 2019 unterschrieben.

Heute bietet das Gängeviertel verschiedene Projekte für Anwohner, Vereinsmitglieder und Touristen. Die öffentliche Voll-Versammlung tagt zweiwöchentlich.

Die Jubiläumsfeier zum zehnten Geburtstag des Gängeviertels findet vom 22. bis 25. August 2019 statt.

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Melanie Weimann, Jahrgang 1992, ist in ihrem Leben zwölf Mal umgezogen – einmal davon mit dem Flixbus. In Ansbach studierte die gebürtige Fränkin Ressortjournalismus mit Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften. Im Anatomiekurs hielt sie sogar einmal ein menschliches Herz in den Händen. Ihr Studium schloss sie allerdings in der Medienethik ab: mit einer Analyse über Jan Böhmermanns Schmähgedicht und vermutlich dem Weltrekord von Schimpfwörtern in einer wissenschaftlichen Arbeit. Später zog sie von München über Nürnberg nach Berlin, wo sie in einer Agentur und in Startups in der PR und Unternehmenskommunikation arbeitete. Unter anderem betreute sie einen Hersteller von Luxus-Hundebetten, eine Plattform für Smart Home und organisierte Events für die Dating-App Tinder: Mate, Calls und Pitches inklusive. Kürzel: mew
Isabel Surges, Jahrgang 1994, ist bilingual aufgewachsen. Von ihrem Vater hat sie nicht nur die spanische Sprache gelernt, sondern auch ihren venezolanischen Zweitnamen bekommen: Yahaira. In Venezuela war sie zwar noch nicht, dafür allerdings mit dem Rucksack in Australien und für ein Semester in Málaga. Einen Kulturschock erlebte die gebürtige Düsseldorferin aber erst durch ihren Umzug nach Köln. Dort studierte sie Medienkulturwissenschaften sowie Germanistik und experimentierte mit neuen Formatideen im Innovationslabor der Filmproduktionsfirma Ufa. Auf deren Partys spielte sie unter anderem mit Joe Gerner Tischtennis. Als Community Managerin in den Kommentarspalten des WDR lernte sie auch die raueren Seiten des digitalen Diskurses kennen. Zuletzt schrieb sie für die Kulturredaktion der Deutschen Welle – oder wie Yahaira sagen würde: La ola alemana. Kürzel: isu