Geplanter Trassenverlauf der Hfenpasaage.
Bild: DEGES

Die Hafenpassage kommt. Ein wichtiger Schritt für die Wettbewerbsfähigkeit des Hamburger Hafens oder eine nicht notwendige Umweltsünde? FINK.HAMBURG-Redakteur Bennet und -Redakteurin Kim sind unterschiedlicher Meinung.

Jahrzehntelang wurde diskutiert, nun ist die Entscheidung in den Koalitionsverhandlungen gefallen: Nach dem West-Ausbau der A26 wird auch die sogenannte Hafenpassage realisiert. Sie soll knapp zehn Kilometer lang werden und zwischen Moorburg an der A7 und Kirchdorf Süd an der A1 verlaufen.

Für Umweltschützer ist das Projekt eine Katastrophe, für die Stadt Hamburg aber eine Verkehrsentlastung und bessere Hafenanbindung. Unsere Redaktion ist sich uneinig:

Pro: Der Hafen muss wettbewerbsfähig bleiben

Kommentar von Bennet Möller

Eine Autobahn in Ost-West-Richtung durch den Hamburger Hafen ist keine neue Idee. Erste Planungen reichen bis in die frühen 1940er Jahre zurück. Über die folgenden Jahrzehnte kamen immer wieder neue Versionen einer im Kern simplen Idee auf: den Hafen durch eine bessere Verkehrsanbindung zu stärken. Heute, knapp 70 Jahre später, haben sich Grüne und SPD in den Koalitionsverhandlungen auf den Bau geeinigt. Die Hafenpassage soll die A26 von Stade in Richtung Osten erweitern und damit die wichtigen Autobahnen A1 und A7 verbinden – endlich.

Wettbewerbsfähig durch gute Infrastruktur

Gute Hinterlandanbindungen sind für die Attraktivität der Hafen- und Verkehrswirtschaft entscheidend. Die leistungsfähige West-Ost-Straßenverbindung wird weiträumige Hafenverkehre bündeln. LKWs müssen nicht mehr den Weg über innerstädtische Quartiere und Stadtstraßen wählen. Das spart Zeit und vereinfacht den schnellen Güterverkehr. Zeit ist die Währung der Globalisierung: je schneller, desto besser. Je besser der Hafen infrastrukturell angebunden ist, desto wettbewerbsfähiger ist die Hafenwirtschaft.

Neben dem Güterverkehr wird auch der Personenverkehr schneller. Potentielle Arbeitnehmer, die lieber auf dem Land als in der Stadt leben, können über die neue Hafenpassage einfacher zum Arbeitsplatz kommen. Im Kampf um Fachkräfte ein wichtiger Faktor.

Hafenpassage nicht nur ökonomisch sinnvoll

Kritiker argumentieren im Wesentlichen ökologisch: Die Erweiterung der Autobahn sei nicht vertretbar, da wertvolle Lebensräume bedroht werden. Das stimmt. Notwendig ist die Maßnahme dennoch – nicht, weil in einer Marktwirtschaft Ökonomie Ökologie sticht, sondern weil die Erweiterung auch ökologische Vorteile bietet. Schnellere Wege im Güterverkehr bedeuten weniger Umwege für Zulieferer, Arbeitnehmer und Abnehmer. Kürzere Wege bedeuten weniger Emissionsausstöße. Die Stickstoffbelastung würde in den teils dicht besiedelten Stadtteilen Harburg und Wilhelmsburg abnehmen. Das ist gut fürs Klima und für die Wohnqualität der Viertel.

Es gibt viele gute Gründe, die für eine Erweiterung der Autobahn sprechen. In den Koalitionsverhandlungen wurde die Umsetzung nun beschlossen.

Kontra: Der veraltete Plan tut der Umwelt richtig weh

Kommentar von Kim Sichert

Mit dem Bau der Hafenpassage wird eine alte Idee umgesetzt. Zu alt. Die Idee ist nicht mehr zeitgemäß und bringt mehr Schaden als Nutzen.

Laut der Verkehrsbehörde soll die A26-Ost die Stadtteile Wilhelmsburg und Harburg von Lärm und Schadstoffemissionen entlasten. In Wirklichkeit ist der Autobahnabschnitt für die Umwelt eine Katastrophe: Die Route soll durch Landschaftsschutzgebiete verlaufen und bedroht damit wertvolle Lebensräume. In der betroffenen Region leben allein 53 Pflanzenarten, die auf der „Roten Liste“ stehen und mehr als 80 Vogelarten, von denen zwölf gefährdet und vier sogar vom Aussterben bedroht sind.

Ein großer Schritt in die falsche Richtung

Außerdem widerspricht der Autobahnbau den Klimaschutzgesetzen. Kein Wunder: Geplant wurde die Trasse bereits in den 1940er Jahren, lange bevor es Klimaziele gab.
2019 wurde entschieden, dass bis 2030 der CO2-Ausstoß um 55 Prozent sinken soll, auch durch Beiträge aus dem Verkehrssektor. Dass durch den Autobahnausbau mehr Verkehr und damit auch mehr CO2-Austoß erzeugt wird, ist selbsterklärend. Will man die Klimaziele erreichen, sollte weniger und nicht mehr Autoverkehr das Ziel sein.

Alter Plan zum falschen Zeitpunkt

Nicht nur bezüglich Klimaschutz sind die Pläne für die neue Trasse veraltet: Die Hafenpassage soll den Hamburger Hafen leichter erreichbar machen. Die Planungen, dass hier überhaupt Bedarf besteht, basieren allerdings auf überholten Wachstumsprognosen. Sie berufen sich auf den Hafenentwicklungsplan aus dem Jahr 2012, der von einem Containerumschlag von 17 Millionen Standardcontainern pro Jahr im Jahr 2020 ausgeht. Im Jahr 2019 waren es jedoch nur 9,3 Millionen Container. Dabei ist nicht einmal eingeplant, dass sich durch die Coronakrise globale Transporte allgemein stark verändern könnten. Wird zudem beispielsweise Chinas Megaprojekt, die neue Seidenstraße, realisiert, werden sich die Transportachsen mit Sicherheit verändern. Ein sinkender Umsatz für den Hamburger Hafen ist nicht ausgeschlossen. Dass die Hafenpassage überhaupt benötigt wird, ist also sehr fragwürdig.

Über 900 Millionen Euro ausgeben, um eines der teuersten Autobahnprojekte Deutschlands zu entwickeln? Anscheinend hat man es ja, oder? Der Abriss der Köhbrandbrücke wurde bereits beschlossen. Der Bund hat aber erst im Februar entschieden, sich finanziell an den Kosten einer Alternative zu beteiligen. In welcher Höhe ist allerdings noch unklar. Ein unterirdischer Tunnel soll rund 3 Milliarden Euro kosten. Zusammen mit der A29-Ost ist das enorm viel Geld, das in die Verkehrspolitik gesteckt wird. Geld, das definitiv anderswo gebraucht und fehlen wird.

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Bennet Möller, Jahrgang 1995, stand schon mal im Finale einer Deutschen Meisterschaft – im Futsal, einer besonders schnellen Form des Hallenfußballs. Das war 2019, als Bennet noch mit dem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg beschäftigt war. Beim Unternehmen Jungheinrich, berühmt für seine Lagertechnik, arbeitete er in der Kommunikationsabteilung – er saß auch schon mal selbst auf einem Gabelstapler. Für das politische Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte er Veranstaltungen mit Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsleuten. Yuval Noah Hararis „Kurze Geschichte der Menschheit“ ist sein Lieblingssachbuch, und überhaupt liest er lieber, als Fernzusehen. Auch Fußball spielt er lieber selbst, als es auf einem Bildschirm zu verfolgen. Kürzel: bem
Zwei Dinge hat Kim Juliana Sichert, Jahrgang 1995, immer in ihrer Tasche, wenn sie unterwegs ist: Tic Tacs und Salz. Neben ihrer Vorliebe für die kleinen Bonbons und salziges Essen hat sie ein Faible für Pferde und Fußball. Lange war sie leidenschaftliche Reiterin, jahrelang hatte sie sogar ein eigenes Pferd. Heute jubelt Kim ihrem Heimatverein Hannover 96 von der Tribüne aus zu – in Hamburg darf es auch St. Pauli sein. Nach dem Abi hospitierte sie beim Bürgerradio „Leinehertz“, produzierte etliche Beiträge und Live-Schalten und berichtete auch über Fußball. Im Anschluss studierte sie Journalismus in Magdeburg. Für ihr Auslandspraktikum verschlug es Kim drei Monate nach Afrika, wo sie eine Radiostimme von Hitradio Namibia wurde. Zum Radio würde sie gerne zurück: Das darf dann auch eine Station im regnerischen Hamburg sein. Kürzel: kis