Im Pottkieker gibt es mittags für Menschen mit geringem Einkommen ein warmes Essen. Vielmehr aber zählt das Zusammensein. Seit der Corona-Krise ist alles anders geworden. Fink.Hamburg war in der sozialen Stadtteilküche zu Gast.

Ein unscheinbarer Hinterhof in Dulsberg. Von einer kleinen, engen Metalltreppe an einem ebenso unauffälligen Haus führt eine Schlange von Leuten über den Hof. Sie macht eine Kurve, schlängelt sich weiter durch den mit Graffiti besprühten Durchgang und endet am Backsteintor vorn an der Straße. Alle halten Abstand, tragen eine Gesichtsmaske und die meisten eine kleine, braune Papiertüte in der Hand. Aus dem Haus dringen laute, fröhliche Stimmen nach draußen. Der Hamburger Dialekt ist nicht zu überhören.

„Vor Corona hatten wir Gäste, die kamen um zwanzig nach elf und gingen mühsam um viertel nach zwei wieder raus“, erzählt Carmen Krüger, die Projektleiterin vom Pottkieker. Der Pottkieker ist eine soziale Stadtteilküche in Dulsberg. Hier gibt es für Menschen mit geringem Einkommen, vor allem aber für ältere Leute mit kleiner Rente, ein warmes Mittagessen. Heute auf dem Speiseplan: Spargel für 2,50 Euro. Das Dessert kostet 50 Cent extra.

17 Tage lang, vom 30. März bis zum 16. April, war der Pottkieker aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Jetzt dürfen wieder bis zu elf Gäste gleichzeitig im Speisesaal essen. Gerade müssen alle für ihr Essen anstehen, weil sie auf einen freien Platz warten oder ihr Gericht mit nach Hause nehmen. Um Plastikmüll zu vermeiden, werden hierfür recycelbare Verpackungen verwendet.


Zwischen dem Trubel in der Küche nehmen sich Petra N. und Kerstin K. aus dem Pottkieker-Team Zeit und erzählen, was sich seit Corona verändert hat:

Das Herz vom Pottkieker ist weggefallen

Krüger wirkt gelassen und rastlos zugleich: Einerseits strahlt sie Ruhe aus, andererseits schweift ihr Blick prüfend durch den Raum, als schwirren viel zu viele Gedanken durch ihren Kopf. In der Küche nimmt sie sich eine kleine Schale. Skeptisch kostet sie den Inhalt,  mit jedem Löffel wirkt sie zufriedener. Ihre knallige, orangefarbene Hose unterstreicht ihr offenes, beherztes Auftreten: Sie scheint jeden zu kennen und begrüßt alle mit freundlichen Worten, die trotz der erschwerten Umstände von Maske, Abstand und hohem Alter der Gäste jeden erreichen.

Projektleiterin Carmen Krüger steht am Eingang vom Pottkieker, der sozialen Stadtteilküche Dulsberg.
Carmen Krüger ist Projektleiterin vom Pottkieker, der sozialen Stadtteilküche in Dulsberg.

„Der Pottkieker ist für viele hier das Tageshighlight. Uns fehlen viele Kunden, wo ich ziemlich sicher weiß, dass die jetzt allein zu Hause sitzen“, sagt Krüger mit besorgter Stimme. Es gehe nicht nur im das Essen, sondern auch um das Zusammensein und Klönen.

Vor Corona kamen zwischen 70 und 90 Leute zum Mittagessen im Pottkieker zusammen. Heute holen sich die meisten ihr Essen ab. Kaum eine*r setzt sich noch in Ruhe hin und plaudert mit anderen Gästen. „Das Herz vom Pottkieker ist weggefallen“, so Krüger.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der Pottkieker besteht seit 22 Jahren in Dulsberg. Mookwat e.V. ist der Trägerverein des gemeinnützigen Projektes. Die Statteilküche wird gefördert von der Sozialbehörde und der Patriotischen Gesellschaft sowie von privaten Spenden. Zudem spendet die  Hamburger Tafel e.V. einen kleinen Teil der Lebensmittel.

Die Menschenschlange vom Hof führt durch den Speisesaal bis hin zum großen Fenster, durch das man in die helle Küche schauen kann. „Das ist auch ein Stück Pottkieker: Dass jeder hier sieht für wen er arbeitet. Und dass man sich kennt. Es ist Teil unseres Ansatzes zu sagen: Ich bin wichtig, die Gäste wie die Mitarbeiter“, erklärt die Leiterin. Der Pottkieker bietet also nicht nur ein warmes Mittagessen an und die Möglichkeit sich zu begegnen, sondern seinen Mitarbeitenden auch eine bereichernde Beschäftigung. Die meisten waren vor ihrer Zeit beim Pottkieker lange arbeitslos. „Hilfe zur Selbsthilfe“, nennt Krüger das Konzept: „Selbststärkung funktioniert immer da, wo die Leute merken, dass sie etwas Gutes tun.“

Essen auf Distanz

Im Speisesaal sitzen fünf Menschen bei ihrem Mittagessen. Zwei Männer unterhalten sich mit angestrengter, lauter Stimme, weil sie so weit auseinander sitzen. Sie sind jünger als die meisten Gäste. „Jetzt kommen eher die Fitteren“, so Krüger. Gegenüber der Eingangstür sitzt ein Mann alleine an einem großen Tisch. Auf der anderen Seite des Raumes isst ein älterer Herr, seine Krücken lehnen am Tisch, sein linkes Bein ist weit ausgestreckt. Ihm gegenüber sitzt eine Frau. Sie schaut ihn an, aber beide reden nicht. Vielleicht weil schon die lauten Stimmen der zwei Männer den Raum füllen. Oder weil ein Gespräch über einer Distanz von zwei breiten Tischen mit zunehmendem Alter schwierig ist. Zwischen den beiden steht eine einsame Orchidee aus Plastik auf der nackten Tischplatte.

Eine einsame Plastik-Orchidee steht auf einer nackten Tischplatte.
Der Pottkieker ist leerer geworden: Nur noch wenige Gäste können sich die Zeit nehmen, in Ruhe im Speisesaal zu essen.

„Normalerweise sieht der Gastraum ganz anders aus: Tischdecken liegen aus und der Raum ist mit Blumen geschmückt, aber das geht ja jetzt gerade alles nicht“, sagt Krüger seufzend. Ein Mann mit wilden Locken steht geduldig an. „Stefan, sag doch mal, warum du hier so gerne isst“, fordert Krüger ihn auf. Stefan N. ist verunsichert, seine Haut unter der Maske färbt sich dunkelrot. Er kneift die Augen zusammen, überlegt kurz und erwidert schüchtern: „Na, weil es schmeckt.“

Ein Mann steht am großen Küchenfenster, um sich sein Essen zu holen.
Endlich: Nach geduldigem Anstehen kann sich Stefan N. sein Essen am großen Küchenfenster abholen.

Das Grinsen hinter der Maske

Die Köchinnen kichern und scherzen miteinander. Die Maske verdeckt zwar den Mund, aber die Augen verraten das breite Grinsen – obwohl die Lage nicht leicht ist: „Der Mundschutz ist manchmal eine Qual beim Kochen, wegen der Hitze“, gesteht Petra N. aus dem Küchenteam. Insgesamt sind 14 Mitarbeiter*innen beim Pottkieker beschäftigt. Während des Lockdowns stand das Team teilweise nur zu fünft zwischen Kochtöpfen und heißen Herdplatten.

„Wir haben die gleichen Probleme wie die gesamte Gastronomie Hamburgs: das Problem mit dem Personal und das Problem mit den Kosten“, sagt Krüger. Vor Corona gingen schätzungsweise 200 bis 220 Essen über die Theke und an kirchliche Einrichtungen. Jetzt sind es etwa 70.

Dazwischen gehen

Trotz der guten Stimmung unter den Mitarbeitenden ist die Atmosphäre anders als sonst: „Die Gäste fanden das ja immer toll hier: Man konnte sich unterhalten, zusammen essen. Aber jetzt müssen wir dazwischen gehen. Und das ist unangenehm.“ Eigentlich freuen sich die Mitarbeiter*innen, wieder bekannte Gesichter zu sehen. „Wobei ich auch Sorge habe, dass wir zu früh leichtsinnig werden. Die Menschen in unserer Zielgruppe sind ja älter und vorbelastet“, so die Projektleiterin. Die Ziel- und Risikogruppe fallen im Pottkieker zusammen.

Altersarmut als Frauenproblem

Obwohl gerade fünf der sechs Gäste im Speisesaal Männer sind, stehen laut Krüger vornehmlich Frauen am Küchenfenster: davor, um sich ein erschwingliches Essen zu kaufen und dahinter, nachdem sie lange arbeitslos waren. „Ich glaube, dass Altersarmut ein frauenspezifisches Thema ist. Auch hier sind mehr Frauen als Männer.“ Sie selbst gehe nächstes Jahr in Rente und werde dann arm sein, sagte sie und lächelte wieder dabei, vermutlich damit ihre Aussage weniger drastisch klingt.

Das Beitragsfoto zeigt Cirsten L. während ihrer Arbeit in der Pottkieker-Küche. Fotos: Caterina Klaeden