Seit einem Jahr gibt es in Hongkong Proteste gegen die chinesische Regierung. Hongkonger*innen in Hamburg fürchten das Ende der Demokratie in ihrer Heimat – und warnen Deutsche vor den Konsequenzen.

Bo (links) und Lian (rechts) mit einer Flagge der Hongkonger Demokratiebewegung. Sie sprechen über die Proteste in Hongkong und Hamburg. Foto: Pia Röpke.
Bo (links) und Lian (rechts) sprechen über die Proteste in Hongkong und Hamburg. Foto: Pia Röpke.

Lian* (25) und Bo* (27) leben in Hamburg, beide kommen aus Hongkong. Seit einem Jahr finden in ihrer Heimat Massenproteste statt. Die Demonstrierenden fordern Unabhängigkeit von der Volksrepublik China, die seit Jahren versucht, ihren Einfluss auf Hongkong zu vergrößern. Auch Lian und Bo wurden im Sommer 2019 aus der Ferne aktiv: Mit sechs Bekannten gründeten sie die Initiative „Hong Kong Hamburgers“. Gemeinsam organisierten sie Proteste in der Hansestadt und legten eine Facebook-Seite an.

Ein Land, zwei Systeme

Seit den britisch-chinesischen Verhandlungen 1997 ist Hongkong eine Sonderverwaltungszone und hat – im Gegensatz zum Rest der Volksrepublik China – eine freie Marktwirtschaft, eine eigene Währung, ein eigenes Rechtswesen, eigene Gesetze und ein politisches System mit demokratischen Elementen und Rechten wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit. Dieser Sonderstatus erlischt offiziell im Jahr 2047.

Der erste Massenprotest in Hongkong fand am 9. Juni 2019 statt. Wegen der Corona-Pandemie war es um die Demonstrationen ruhiger geworden. Ein Jahr später kam es erneut zur Eskalation, die Proteste dauern noch an. Der Anlass: Die chinesische Regierung plant, ein nationales Sicherheitsgesetz für Hongkong zu erlassen. Damit würde sie in das Hongkonger Grundgesetz eingreifen, denn das Gesetz soll daran angefügt werden.

Das Gesetz würde Hongkongs Status als autonome Sonderverwaltungszone und dem Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“ widersprechen. Es könnte dafür sorgen, dass weitere Proteste und auch das Bitten um internationale Unterstützung hart bestraft werden. Kritiker*innen sehen darin das Ende der Demokratie in Hongkong; die Wirtschaft rechnet mit schweren negativen Folgen.

Wie fühlt es sich für Lian und Bo an, all das aus ihrem deutschen Alltag heraus zu beobachten? FINK.HAMBURG hat mit ihnen gesprochen.

Wie die Proteste von Hongkong nach Hamburg kamen

Seit vier Jahren lebt Bo in Deutschland, seit zwei Jahren studiert und arbeitet er in Hamburg. Lian lebt seit acht Jahren in Hamburg, sie hat hier ihren Abschluss gemacht und spricht fließend Deutsch. Sie fühlt sich in Hamburg zu Hause. Bo geht es nicht so. Er vermisst Hongkong. „Weil du noch keine deutsche Freundin hast“, sagt Lian. „Das kommt noch!“ Beide lachen.

Näher kennengelernt haben sich Lian und Bo erst vor einem Jahr, als sie die „Hong Kong Hamburgers“ ins Leben riefen. Normalerweise seien Hongkonger*innen in Deutschland nicht sehr vernetzt. „Ich bin ja nach Deutschland gekommen, um etwas über eine neue Kultur zu lernen, nicht um in meiner eigenen Blase zu bleiben“, sagt Lian.

Im Juni 2019 meldeten die „Hong Kong Hamburgers“ ihre erste Demonstration bei der Stadt Hamburg an. Zur Erinnerung: Damals war es hierzulande nicht erlaubt, maskiert zu demonstrieren. Für die Hongkong-Demo machte die Stadt eine Ausnahme. Offiziell, weil die Maske ein Symbol der Solidarität mit Hongkong sei. Den Demonstrierenden ging es jedoch vor allem darum, ihre Identität zu schützen, sagen Lian und Bo. Sie fürchteten den langen Arm der chinesischen Regierung – und die Gegendemonstration.

Etwa vierzig Menschen nahmen an dem Protest für Hongkong teil. Etwa einhundert Pro-China-Demonstrierende traten ihnen entgegen. Die Hamburger Polizei habe die Situation gut unter Kontrolle gehabt, sagen Lian und Bo. Deshalb wurde niemand körperlich verletzt.

Bedroht wurden Lian und Bo trotzdem. Die Gegendemonstrierenden filmten und fotografierten die Hongkonger*innen und kündigten an, das Material der chinesischen Regierung zu geben. Lian ist sich sicher, dass sie als Aktivistin bekannt ist. Bei der Demonstration wurde sie provoziert und riss sich schließlich die Maske vom Gesicht. „Das war dumm von mir. Aber ich sollte das doch tun können!“

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, hat die Bundesregierung bestätigt, dass von chinesischer Stellen versucht werde, die Meinungsfreiheit und Unversehrtheit der Demonstrierenden in Deutschland zu beeinflussen. Auf eine Frage der Grünen-Bundestagsfraktion antwortete die Bundesregierung laut SZ, ihr seien „solche Versuche der Einflussnahme bekannt“. Es sei Aufgabe der Bundesländer, damit umzugehen.

Sollte Deutschland sich für die Proteste in Hongkong interessieren?

„Ich glaube die Hongkonger*innen sind sehr wütend darüber, wie Deutschland mit der Situation umgeht“, sagt Bo. „Normalerweise stehen die Deutschen in Sachen Menschenrechte an vorderster Front. Aber dieses Mal sind sie ziemlich leise.“ Lian ist enttäuscht und sagt: „China verstößt immer wieder gegen die Menschenrechte – zum Beispiel mit den Konzentrationslagern, sogenannten Umerziehungslagern – aber die Menschen schauen einfach weg und kaufen weiter chinesische Produkte.“

Bo findet, dass Deutschland sich dringend unabhängig von China machen muss. Essenzielle Güter sollten nicht von dort bezogen, sondern in Europa hergestellt werden. „Durch Automatisierung könnten auch die Produktionskosten sinken, sodass ‚Made in Germany‘ oder ‚Made in EU‘ günstiger und wettbewerbsfähig wird“, sagt Bo.

Das Mercator Institute for China Studies (MERICS) veröffentlichte 2018 eine Studie dazu. Ihr Fazit: China nehme systematisch Einfluss auf europäische Regierungen, Universitäten und Medien. Europa müsse „schnell und entschieden handeln“, um dem entgegenzuwirken. Im Mai 2020 sprach Angela Merkel von einem „großen strategischen Interesse daran, die Zusammenarbeit mit China aktiv zu gestalten.“

„Ich glaube die Europäer*innen unterschätzen, wozu die Kommunistische Partei Chinas bereit und fähig wäre“, sagt Bo. „Wir Hongkonger*innen wissen das auch nur, weil bei uns Pressefreiheit herrscht. Im Westen sind diese Informationen offenbar nicht so populär.“

Lian und Bo betonen, dass China mit seinem Verhalten in Hongkong einen offiziellen Vertrag mit Großbritannien gebrochen hat. Das zeige, dass China nicht bereit sei, die Regeln der internationalen Gemeinschaft zu respektieren und ein verantwortungsbewusster Teil dieser zu sein.

Gyde Jensen (FDP), menschenrechtspolitische Sprecherin im Bundestag, richtete im Mai gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ ähnlich deutliche Worte an die Bundeskanzlerin: Die chinesische Regierung sende ein klares Signal, „dass sie auf die Einhaltung internationaler Abkommen nichts gibt“. Die bisherige Reaktion der Bundesregierung sei „beschämend“. Außenminister Maas (SPD) kündigte an, dass man beim EU-China-Gipfel im September darüber sprechen werde. Der Gipfel wurde nun auf unbestimmte Zeit verschoben – wegen der Corona-Pandemie.

Wie geht es weiter, mit Hongkong und in Hamburg?

In Hongkong sind Demonstrationen nicht selten. 2003 gab es Proteste, 2014 die sogenannte Umbrella Revolution. Doch seit 2019 erreichen die Demonstrationen ein neues Maß an Gewalt. Die Polizei schießt mit Tränengas und Gummigeschossen. Demonstrierende werfen Molotowcocktails und verwüsten Geschäfte. „Als Hongkonger bricht es mir das Herz, die Zerstörung zu sehen. Aber ich verstehe auch die Wut der Demonstrierenden“, sagt Bo.

Lian und Bo glauben nicht, dass es in Hongkong zu etwas Vergleichbarem wie dem Tian’anmen-Massaker kommen wird. Dafür sei Hongkong zu weit weg vom Regierungssitz Chinas. Am 4. Juni 1989 hatte die chinesische Regierung einen demokratischen Aufstand in Peking blutig niedergeschlagen. Seitdem findet in Hongkong eine jährliche Gedenkfeier statt – außer in diesem Jahr. Wegen der Corona-Pandemie wurden entsprechende Versammlungen untersagt. Tausende Hongkonger*innen hielten trotzdem öffentliche Mahnwachen ab.

Hongkongs ungewöhnliche Geschichte im Überblick

Die Situation in Hongkong ist komplex. Sie beruht auf zwei Jahrhunderten einer außergewöhnlichen, politischen Geschichte. National Geographic erzählt diese in Illustrationen.
Die Geschichte hinter den Protesten in Hongkong ist komplex. Bild: Freepik.com.
Bild: Freepik.

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Hongkonger*innen so sehr und so ausdauernd für Demokratie kämpfen würden. Das beeindruckt mich“, sagt Bo. Lian ergänzt: „Vor 2014 hat sich niemand für Politik interessiert. Aber jetzt ist wirklich jede*r politisch aktiv.“

Manche deutsche Medien sprechen aktuell vom „Ende Hongkongs, wie wir es kennen“. Bo denkt, dass es das Ende von Hongkongs Freiheit ist. „Aber es wird nicht das Ende Hongkongs in den Herzen der Menschen sein“, sagt er. „Selbst unter einem totalitären Regime würde der Geist Hongkongs erhalten bleiben. Glaube ich. Hoffe ich.“

„Es wäre das Ende Hongkongs, wenn alle wahren Hongkonger*innen die Stadt verlassen würden“, wirft Lian ein. „Das wäre das Ende der Hongkonger Kultur.“

Bo möchte eigentlich wieder in Hongkong leben, er vermisst vor allem seine Großeltern. Seine Entscheidung hängt davon ab, wie genau das nationale Sicherheitsgesetz letztlich aussieht: „Bis jetzt sind die Formulierungen sehr vage. Vielleicht werden auch wir dafür bestraft, dass wir hier einen Protest organisiert haben, wenn wir zurückgehen.“

Lian bleibt wahrscheinlich in Hamburg. Sie will die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Zuvor müsste sie in die chinesischen Botschaft gehen, um ihre Hongkonger Staatsbürgerschaft aufzugeben. Bei dem Gedanken wird ihr mulmig.

* Namen von der Redaktion geändert.

Das Gespräch fand größtenteils auf Englisch statt. Übersetzung von Pia Röpke.

Titelbild: Hongkongerin Iris Wang 王紫綾, September 2019.

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Am liebsten genießt Pia Röpke, geboren 1993 in Hamburg, die Ruhe und meditiert. Nach der Ausbildung zur Medienkauffrau beim Spiegel schlug sie ein Jobangebot dort aus und entschied sich stattdessen für die Universität. Beim Thema blieb sie aber: In Lüneburg studierte sie Digital Media, in Hongkong Creative Media. Dort entdeckte sie Achtsamkeit, Yoga und Spiritualität für sich. Das half ihr dabei, sich zu entspannen, wenn die gierige Millionenstadt zu stressig wurde. Seitdem ist sie überzeugt, dass Selbstreflexion nicht nur für sie heilsam ist, sondern auch für den Rest der Welt wichtig wäre, um die Digitalisierung sinnvoll zu gestalten. Um Digitales und Fundraising kümmert Pia sich für die Organisation Kanduyi Children e.V., die Kindern in Kenia Bildung ermöglicht.

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