Ein evangelischer Pastor soll über Jahrzehnte Mädchen missbraucht haben. In Hittfeld sprach nun eine Betroffene über die Taten, um den Missbrauch in der Kirche aufzuarbeiten.

Zehn Jahre lang hat ein evangelischer Pastor das Vertrauensverhältnis zu einer ehemaligen Konfirmandin ausgenutzt. Er belästigte sie sexuell und missbrauchte sie. Erst als Studentin konnte sie sich von dem 30 Jahre älteren Mann lösen. Zwei Jahrzehnte lang trug die Frau aus der Gemeinde Rosengarten (Landkreis Harburg) dieses Geheimnis mit sich rum.

Nun traute sich Katarina Sörensen – so ihr Pseudonym – gemeinsam mit der Kirche an die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit Vertreter*innen der evangelisch-lutherischen Kirche gab Sörensen am Montag eine Pressekonferenz, um Betroffenen Mut zu machen und die Aufklärungsarbeit zum Missbrauch in der Kirche voranzubringen.

Hilfe für Betroffene

Zentrale Anlaufstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und in der Diakonie
zentrale@anlaufstelle.help
Telefon: 0800 5040112
Terminvereinbarung für telefonische Beratung
Mo: 16.30 – 17.30 Uhr
Di bis Do: 10.00 – 12.00 Uhr
www.anlaufstelle.help

Weitere Beratungsstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt stellt die Stadt Hamburg hier vor.

Die Übergriffe auf Sörensen waren offenbar kein Einzelfall. Eine zweite Frau aus der Region habe sich vor einigen Monaten bei der Kirche gemeldet, sagte Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch, Leiter der Rechtsabteilung des Landeskirchenamtes Hannover. Zudem hätten sich seit Bekanntwerden der Pressekonferenz zwei weitere Betroffene gemeldet, „die von dem Pastor zumindest belästigt wurden“. Des Weiteren soll es weitere Fälle in Wolfsburg-Detmerode geben, wo der Pastor von 1972 bis 1986 gearbeitet hat. Auch dort soll es zumindest um sexuelle Belästigung gehen.

Der Pastor war 2013 im Alter von 70 Jahren gestorben. „Ich bin mir heute sicher, dass er von Anfang an geplant hat, sexuelle Übergriffe an Mädchen zu begehen“, sagt Sörensen.

Übergriffe systematisch gesteigert

Sörensen selbst war 15 Jahre alt, als der Pastor sie zum ersten Mal missbrauchte. Zwischen 1988 und 1997 vergriff er sich immer wieder an ihr. Sie beschreibt, wie der Pastor seine körperlichen Übergriffe langsam steigerte. Bei einer Massage fasste er jungen Konfirmandinnen an den Po, Umarmungen wurden immer drängender: „Er hat uns eng an sich herangedrückt, sodass unsere Brüste an seinem Körper waren“, sagt Sörensen. „So was ist immer wieder passiert und es ist damit irgendwie normal geworden, dass es solche Berührungen gibt.“

Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers arbeitet seit mehreren Jahren Fälle sexualisierter Gewalt auf. Laut Mainusch sind insgesamt 123 Fälle bekannt. Die evangelische Kirche Deutschland (EKD) beschloss im Juni eine groß angelegte Aufarbeitungsstudie. Sörensen selbst hat sich auf eine Mitgliedschaft im Betroffenenrat der EKD beworben. Auch eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene ist Teil des Maßnahmenpakets gegen Missbrauch in der Kirche.

Im Sommer 2015 hatte sich Sörensen an die Anlaufstelle gewandt. Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers zahlte ihr später Schadensersatz in Höhe von 35.000 Euro. Der Landeskirche zufolge ist dies die höchste Summe, die sie bislang in einem Missbrauchsfall ausgezahlt hat.

pia/dpa

Titelbild: Freepik

Vorheriger ArtikelThioune wird neuer HSV-Trainer
Nächster ArtikelZoos tragen zum Erhalt von Wildbienen bei
Am liebsten genießt Pia Röpke, geboren 1993 in Hamburg, die Ruhe und meditiert. Nach der Ausbildung zur Medienkauffrau beim Spiegel schlug sie ein Jobangebot dort aus und entschied sich stattdessen für die Universität. Beim Thema blieb sie aber: In Lüneburg studierte sie Digital Media, in Hongkong Creative Media. Dort entdeckte sie Achtsamkeit, Yoga und Spiritualität für sich. Das half ihr dabei, sich zu entspannen, wenn die gierige Millionenstadt zu stressig wurde. Seitdem ist sie überzeugt, dass Selbstreflexion nicht nur für sie heilsam ist, sondern auch für den Rest der Welt wichtig wäre, um die Digitalisierung sinnvoll zu gestalten. Um Digitales und Fundraising kümmert Pia sich für die Organisation Kanduyi Children e.V., die Kindern in Kenia Bildung ermöglicht.