Wer Hebamme werden will, kann dafür seit September in Hamburg studieren. Wissenschaft und Praxis sollen dabei vereint werden. FINK hat nachgefragt, wie das im Studienalltag – trotz Corona – funktioniert.

Akademisierung des Berufsstandes der Hebammen: Entsprechend der EU-Richtlinien, müssen angehende Hebammen ab 2020 studieren. In Deutschland geht das bislang an 29 Standorten. Für die bisherige Berufsausbildung gilt eine zweijährige Übergangsfrist. Bis 2022 kann man also auch noch ohne Hochschulzugangsberechtigung Hebamme werden. Allerdings wird dieser berufliche Abschluss nicht mehr automatisch EU-weit anerkannt.

Anfang September ging das Studium für 66 Pionierinnen los. Der Studiengang „Bachelor of Science Hebammenwissenschaft“ wird dual und hochschulübergreifend unterrichtet. Alle Studierenden sind in einem von vier Partner-Krankenhäusern als Auszubildende angestellt und bekommen ein Gehalt. Im Wechsel mit diesen Praxisphasen lernen sie akademisches Hintergrundwissen an der HAW Hamburg und der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg.

Unter den angehenden Hebammen sind auch Magdalena (24), Selina (24), Katharina (25) und Anouk (33). Heutzutage muss man studieren, um Hebamme zu werden. Die vier finden das richtig. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie vielschichtig dieser Beruf ist“, sagt Magdalena. „Ich hoffe, dass das dank der Akademisierung mehr anerkannt wird.“ Im Studium bekämen sie – zusätzlich zur Berufsausbildung – ein umfangreiches Verständnis für den gesamten menschlichen Körper und den aktuellen Forschungsstand. Nur zu wenig Studienplätze gäbe es, vor allem angesichts des hohen Bedarfs an Hebammen.

Hunderte Bewerber*innen wollten Hebammenwissenschaft studieren

Das Interesse an dem neuen Studiengang ist deutlich: Dr. Nina Reitis und Janna Stromann, Studiengangskoordinatorinnen der HAW Hamburg, sprechen von etwa 600 bis 700 Bewerbungen – auf 66 Studienplätze. Bevor sie an der HAW tätig wurde, arbeitete Reitis unter anderem an der Hebammenschule Hamburg. Auch da habe es stets deutlich mehr Bewerbungen als Ausbildungsplätze gegeben. Reitis glaubt nicht, dass die Akademisierung eine neue Hürde für Interessierte darstelle. „Meiner Erfahrung nach kamen auch zuvor schon 95 bis 100 Prozent der Bewerbungen von Personen mit Abitur“, sagt sie.


Anfang 2020: Magdalena informiert sich über den neuen Studiengang B.Sc. Hebammenwissenschaft

Der Anteil an männlichen Bewerbern auf die neuen Studienplätze lag laut den Studiengangskoordinatorinnen unter einem Prozent. Keiner von ihnen schaffte es, sich gegen die weibliche Konkurrenz durchzusetzen. Das solle aber auf keinen Fall so bleiben. Jede Schwangere sei anders und habe ganz eigene Wünsche an eine Hebamme, sagt Stromann. Bei der Auswahl der angehenden Hebammen gelte daher: „Je bunter, desto besser!“

Gut zu wissen: Unabhängig von der Geschlechtsidentität nennt man alle Hebammen „Hebammen“. Der männliche Begriff „Entbindungspfleger“ wurde offiziell abgeschafft. Generell spielt Geschlechtsidentität eine wachsende Rolle in der Welt der Hebammen. Im Studium soll dafür sensibilisiert werden, damit die Studierenden alle schwangeren Menschen offen und individuell unterstützen können.

Der Auswahlprozess verlief anders als geplant

Dass im Auswahlprozess Männer diskriminiert würden, ist laut Reitis – besonders in diesem Jahr – ausgeschlossen. Aufgrund der Corona-Pandemie fand der Bewerbungsprozess 2020 ausschließlich online und anonym statt. Die Studierenden wurden anhand des sogenannten CASPer-Tests ausgewählt. Diese Abkürzung steht für „Computer-Based Assessment for Sampling Personal Characteristics“.

Auf Magdalena, Selina, Katharina und Anouk wirkten die Test-Fragen seltsam oder gar einschüchternd. „Ich hab‘ zunächst daran gezweifelt, ob ich in diesem Format zeigen kann, warum ich für den Studiengang geeignet bin“, sagt Anouk. Viel lieber hätten die vier im persönlichen Gespräch ihre Motivation dargelegt. So war es eigentlich für den zweiten Schritt des Bewerbungsprozesses geplant, doch der entfiel aufgrund der Pandemie kurzfristig. Das bedauern auch die Studiengangskoordinatorinnen. Nächstes Jahr solle das anders laufen.

Praxisnah trotz Corona – wie soll das gehen?

Eine angehende Hebamme übt im Skills Lab der HAW Hamburg.
Die angehenden Hebammen können im Skills-Lab der HAW Hamburg üben.
Quelle: The Way We Grow

Der Bewerbungsprozess im März fand genau zu der Zeit statt, als die Pandemie Hamburg erreichte. Die zweite Infektionswelle kam dann fast pünktlich zum Studienbeginn im September – aber eben nur fast. „Die Hochschule hat sehr viel Wert daraufgelegt, dass wir die ersten zwei Wochen in Präsenz da sein durften“, berichtet Katharina. So konnten die Studentinnen einander und die Hochschulräume wenigstens kurz persönlich kennenlernen.

Auf die Orientierungseinheit folgte zunächst der erste Praxiseinsatz in einer Klinik. Aktuell finden Vorlesungen und Seminare für die angehenden Hebammen online statt – mit Ausnahmen. Auf dem Campus der HAW Hamburg hatten die Studentinnen bis vor Kurzem die Möglichkeit, in Kleingruppen im so genannten Skills-Lab zu üben. Das ist ein realistisch ausgestatteter Übungsraum, in dem die Studierenden mit Simulatoren die physischen Abläufe ihrer Arbeit proben können, aber auch kommunikative und psychologische Fähigkeiten trainieren sollen.

Auch in der Pathologie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) wurden die angehenden Hebammen schon – unter strengen Hygieneauflagen – unterrichtet. Anhand von Körperspender*innen soll hier ein Gesamtverständnis für die menschliche Physiologie entwickelt werden. Von ausgelernten Hebammen wissen die Studentinnen, dass solche Erfahrungen bislang nicht Teil der Ausbildung waren. „Es ist ein Privileg, dass wir echte Körper von innen sehen dürfen und diese nicht nur aus dem Lehrbuch kennen“, sagt Katharina. Die Studentinnen empfinden das als essenziell, um später mit Mediziner*innen auf Augenhöhe sprechen zu können, statt als Hilfskräfte betrachtet zu werden.

Kontakt mit Schwangeren ist Teil des Lehrplans

Eine weitere Besonderheit des neuen Studiengangs ist das Projekt „Schwangere erzählen“. Die Idee: Ein bis zwei Studierende tun sich mit einer Schwangeren zusammen und begleiten sie bis zur Geburt. Mindestens einmal im Monat treffen sich diese Tandems zum Gespräch – im Moment natürlich virtuell.

„Die Schwangeren haben dadurch von Anfang an eine besonders interessierte und motivierte Bezugsperson, der sie sich anvertrauen und Fragen stellen können“, sagt Reitis. Für die Studierenden sei es eine wertvolle Erfahrung, eine Schwangerschaft vollständig und auf persönlicher Ebene zu begleiten. Ein paar Studentinnen wurden sogar schon zu den Geburtsterminen eingeladen, erzählt Magdalena.

Wegen Corona sind die Gelder knapp

Wie genau es für den Studiengang weitergeht, bleibt abzuwarten. Die Teams der beiden Hochschulen sind noch in der Findungsphase. Laut Reitis und Stromann ist die Motivation aber hoch, diese besondere Kooperation bestmöglich zu nutzen und auszubauen.

Dass es im nächsten Jahr zusätzliche Studienplätze gibt, ist allerdings unwahrscheinlich. Die Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke (BWFGB), will zunächst die Erfahrungen aus dem Studienbeginn abwarten. Für ein Zwischenfazit sei es noch zu früh. Letztlich entscheidet das Geld über die Anzahl der Studienplätze: „Infolge der COVID-19-Pandemie ist davon auszugehen, dass derzeit keine zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung stehen“, so die BWFGB.

Hebammen wollen sichtbar werden

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Was die Akademisierung langfristig mit dem Beruf der Hebamme macht, ist schwer absehbar. Klar ist: Die Hamburger Studentinnen wollen diesen Prozess aktiv mitgestalten. Deshalb haben sie die Initiative „The Way We Grow“ ins Leben gerufen. Über einen Instagram-Account teilen die angehenden Hebammen ihre persönlichen Erfahrungen und Beweggründe mit der Welt. Per E-Mail sind sie für Interessierte unter thewaywegrow.hh@gmail.com zu erreichen.

Die Studiengangskoordinatorinnen der HAW Hamburg waren zunächst überrascht von diesem Engagement – aber begeistert. „Wir finden es toll, dass die Studierenden solche Kanäle nutzen, um sich und die Profession sichtbar zu machen“, sagt Reitis. So könne die gesellschaftliche Anerkennung für den Hebammenberuf ausgebaut werden.

Den Studentinnen selbst geht es vor allem darum, mit Außenstehenden ins Gespräch zu kommen. Dabei scheuen sie sich auch nicht, den Status Quo zu hinterfragen und Tabu-Themen anzusprechen. Angelehnt an die Bewegung Roses Revolution beschäftigten die Studentinnen sich zum Beispiel mit Gewalt in der Geburtshilfe. „Wenn man Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, was unbequem ist, kriegt man vielleicht erst mal Gegenwind“, sagt Selina. „Aber ich glaube, dass wir dafür einen sanften und kraftvollen Weg finden können.“


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