Die freie Enzyklopädie Wikipedia gehört zum Internet wie die Alster zu Hamburg – und das schon seit zwanzig Jahren. Die Hamburger Community erzählt von Offline-Begegnungen, Problemen und Gemeinschaftsgefühl.

Die Autor*innen der deutschsprachigen Wikipedia bezeichnen sich selbst als „Wikipedianer“. Diejenigen, die über einen Wikipedia-Account verfügen, können sich über ihre jeweilige Benutzer*innen-Seite selbst vorstellen und mit anderen in Kontakt treten. 

Der Wikipedia-Kontor ist das offizielle Hamburger Zuhause der berühmten Online-Enzyklopädie. Normalerweise treffen im Gebäude in der Neustadt alte Wiki-Hasen auf interessierte Neulinge, um gemeinsam den digitalen Wissensstand auszubauen. Die Hamburger Wikipedia-Community lebt also von Offline-Kontakten. Doch wie organisiert sie sich während der Corona-Pandemie?

FINK.HAMBURG hat bei vier Wikipedianern nachgefragt – so bezeichnen sich die Autor*innen der Wikipedia selbst. Klarnamen spielen für sie keine Rolle, sie stellen sich unter ihren Nutzernamen vor: Bahnmoeller, Wikipeter-HH, Wosch21149 und Reinhard Kraasch. Sie alle sind seit mehreren Jahren – teils Jahrzehnten – ehrenamtlich bei Wikipedia aktiv.

„Es wird oft beklagt, dass Wikipedia der Bereich der alten weißen Männer ist“, sagt Reinhard Kraasch. „Und wenn wir hier in die Runde gucken, dann stimmt das auch.“ Die vier Herren lachen und schieben dann nach, dass das nicht immer so sei. Wikipeter-HH schätzt, dass etwa vier der zehn bis zwölf Hamburger Stammnutzer*innen weiblich sind. Ganz eindeutig sei das allerdings nie zu identifizieren, schließlich müsse niemand einem offiziellen Verein beitreten oder gar über sein Geschlecht sprechen.

Die User Bahnmoeller, Wikipeter-HH, Wosch21149 und Reinhard Kraasch sind fester Bestandteil der Hamburger Wikipedia-Community. Symbol-Grafiken: Freepik
Im Interview mit FINK.HAMBURG: Die Wikipedia-Nutzer Bahnmoeller, Wikipeter-HH, Wosch21149 und Reinhard Kraasch. Symbol-Grafik: Freepik

Die vier Wikipedianer betonen, dass die Community der Plattform ein Interesse an vielfältigen Nutzer*innen hat und versucht diese anzuwerben. Zum Beispiel über Bannerkampagnen auf der Website, zu besonderen Anlässen wie dem Jubiläum, oder gar an Schulen. Es gebe sogar Arbeitsgruppen, die sich damit beschäftigen, wie man neue Freiwillige anwerben kann.

Immer donnerstags um 18:30 Uhr gibt es ein offenes Online-Treffen für Hamburger Wikipedianer*innen – und solche, die es werden wollen. Teilnehmen können alle, die einen Wikipedia-Account haben. Seinen Klarnamen muss hier niemand verwenden.

Wie wird man eigentlich Wikipedianer*in?

Theoretisch können alle, die Zugang zum Internet haben, an Wikipedia-Artikeln mitschreiben. Das geht völlig anonym, auch unangemeldet, und ist damit für alle Menschen offen. So wachsen die Menge und die Vielfalt an Informationen in der Wikipedia immer weiter.

„Man findet tatsächlich zu fast jedem Thema etwas; es ist gut erklärt und meistens zuverlässig“, sagt Wikipeter-HH. Die Mitarbeit bei Wikipedia gibt ihm das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Als Autor*in bei Wikipedia entdecke man immer wieder neue Wissensbereiche, auf die man sonst nie gestoßen wäre. Außerdem übt man laut Wikipeter-HH nicht nur das Aufbereiten von vielfältigen Informationen, sondern lernt auch, gut zu argumentieren: „Wikipedianer diskutieren gerne und viel.“

Teilnehmende eines Workshops über islamische Kunst im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und Wikipedia Hamburg (2018). Foto: Bahnmoeller via Wikimedia Commons
Teilnehmende eines Workshops über islamische Kunst im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und Wikipedia Hamburg (2018). Foto: Bahnmoeller via Wikimedia Commons

In der Praxis kann der Einstieg bei Wikipedia jedoch auch kompliziert sein, sagen die Hamburger Wikipedianer. Außenstehenden sei oft gar nicht bewusst, wie umfangreich die Richtlinien der Wikipedia sind. Es gibt Regeln für so ziemlich alles – vom richtigen Aufbau eines Artikels, über angemessene Belege, Zitierweisen, Rechtschreibung, Barrierefreiheit bis hin zur Datumsangabe.

„In diesen Richtlinien steckt die Erfahrung aus zwanzig Jahren Wikipedia; es muss ja nicht jeder alle Fehler nochmal machen“, so Wikipeter-HH. Je mehr Menschen bei Wikipedia mitarbeiten, desto notwendiger sei ein umfangreiches Regelwerk. Die Regeln sorgen für eine einheitliche Struktur in den Artikeln, was für Lesende ungemein hilfreich sei. Reinhard Kraasch sieht jedoch noch einen anderen Grund: „Man wird bei Wikipedia fast ausschließlich für das Hinzufügen belohnt. Wer löscht, strafft oder zusammenfasst, nimmt immer etwas weg, was andere geschrieben haben – das wird ungern gesehen.“

Häufig scheitern neue Nutzer*innen laut den vier Wikipedianern jedoch bereits an den sogenannten Relevanzkriterien. Ausschlaggebend für die Relevanz eines Themas ist nach Wikipedia-Regeln das öffentliche Interesse. Außerdem will Wikipedia keine Plattform zur Veröffentlichung von Forschung sein. „Wikipedia soll das etablierte, bekannte Wissen darstellen und nicht das Unbekannte bekannt machen“, erklärt Reinhard Kraasch.

Wie man Frust und Missverständnisse vermeidet

Wenn ein Artikel nach Meinung der Wikipedia-Community nicht in die Online-Enzyklopädie passt, wird er gelöscht. Für diesen Löschprozess gibt es zwar ebenfalls klare Abläufe und Regeln, die sind Neulingen aber oft nicht bekannt. Allein die Struktur der Plattform-internen Kommunikation ist laut Reinhard Kraasch für Außenstehende verwirrend. Nutzer*innen sprechen über Kommentare auf den so genannten Benutzer- oder Diskussionsseiten miteinander, deren Existenz vielen gar nicht bekannt sei. So komme es immer wieder zu Missverständnissen und Frustration bei neuen Autor*innen.

Top-Tipps für Wikipedia-Neulinge:
1. Als Nutzer*in registrieren
2. Anleitungen der Wikipedia-Starthilfe lesen
3. Kontakt zu anderen Wikipedianer*innen aufnehmen, z. B. über den Hamburger Stammtisch oder das Mentoring-Programm

Wer genug Geduld mitbringt, kann laut Wikipeter-HH jedoch viel lernen und Teil einer „tollen Runde“ werden, wie er sagt. Am einfachsten ginge das, indem man sich von anderen Nutzer*innen an die Hand nehmen ließe. Vor Corona konnten Interessierte dafür einfach persönlich im Wikipedia-Kontor vorbeischauen. Aktuell versucht die Hamburger Community, den Neulingen über Videotelefonate zu helfen. „Das ist aber nur die zweitbeste Möglichkeit“, sagt Wikipeter-HH.

Die Hamburger Wikipedia zeigt sich selbstkritisch

Kritik an Wikipedia ist so alt wie die Plattform selbst. Grundlegend ergeben sich viele Probleme daraus, dass die Inhalte der Online-Enzyklopädie immer als wahr empfunden und unkritisch weiterverbreitet werden. Klar, heutzutage lernt man schon in der Schule, dass die Wikipedia als Informationsquelle nicht ausreicht. Trotzdem ist sie fester Bestandteil des Internet-Alltags. In Deutschland landete Wikipedia 2020 auf Platz 7 der meistaufgerufenen Websites.

„Das Wikipedia Versprechen“: Zum 20-jährigen Jubiläum beleuchtet diese Arte-Dokumentation, wie aus dem Wunsch nach frei-zugänglichem Wissen die wohl einflussreichste Enzyklopädie aller Zeiten wurde. Und warum einer der Wikipedia-Gründer heute ihr vielleicht schärfster Kritiker ist.

Besonders problematisch ist das für Menschen, über die Wikipedia-Artikel geschrieben werden. Für sogenannte „Artikel über lebende Personen“ gibt es zwar ausführliche Richtlinien, trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Falschinformationen verbreitet werden, die für die Betroffenen ernsthafte Konsequenzen haben können.

Zum Beispiel wenn Anonyme behaupten, eine Person öffentlichen Interesses sei straffällig oder pädophil. „Und Wikipedia erwartet dann, dass diese Menschen die entsprechende Diskussionsseite aufsuchen und beweisen, dass sie keine Kinderschänder sind – das ist ein Unding“, sagt Reinhard Kraasch. Außerdem müssten auch die Persönlichkeitsrechte von tatsächlichen Straftäter*innen respektiert werden, um einer Resozialisierung nicht im Weg zu stehen.

Schon mehrfach sind Betroffene gerichtlich gegen Wikipedia oder deren Autor*innen vorgegangen. Im Januar verurteilte das Landgericht Koblenz den Wikipedianer mit dem Nutzernamen Feliks zu einer Schadensersatzzahlung von 8.000 Euro. Er hatte einen isländischen Komponisten bewusst und fälschlicherweise als unglaubwürdigen Verschwörungstheoretiker dargestellt. Im Februar hatte der umstrittene Tierschützer Erwin Kessler mit einer Klage vor einem Schweizer Gericht Erfolg: Die Wikimedia Foundation, die gemeinnützige Organisation die hinter der Wikipedia steht, muss „persönlichkeitsverletzende Aussagen“ über ihn löschen.

Wikipedia will keine Werbeplattform sein

Briefkasten von Wikipedia Hamburg. Foto: 1971markus via Wikimedia Commons
Schilder am Briefkasten des Wikipedia-Kontors in Hamburg. Foto: 1971markus via Wikimedia Commons

Ähnlich problematisch ist es, wenn Personen oder Unternehmen Wikipedia nutzen, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von Schleichwerbung und PR-Aktionen zum Beispiel vom WWF Deutschland und dem Energiekonzern RWE. Dagegen will die Community entschieden vorgehen, schließlich schadet so etwas dem Ruf der Wikipedia. „Am besten schreibe ich über alles, außer das Unternehmen, für das ich arbeite“, berichtet Wosch21149 aus eigener Erfahrung.

Laut Reinhard Kraasch kommt es auch immer wieder vor, dass Lebensläufe von Personen öffentlichen Interesses manipuliert werden sollen. Insbesondere Politiker*innen seien „ein Dauerbrenner“ in den Community-Diskussionen. Bahnmoeller berichtet, dass bei einem Tag der offenen Tür im Hamburger Wikipedia-Kontor plötzlich einige Verschwörungstheoretiker*innen auftauchten, die ihre Ideen und Inhalte über Wikipedia veröffentlichen wollten. Die sei man aber durch ermüdende Diskussionen über zulässige Quellenbelege wieder losgeworden.

Die Sache mit der Anonymität

Viele der Herausforderungen scheinen sich aus der Anonymität der Autor*innen zu ergeben. Wieso hält die Plattform daran fest? „Anonymität ist für Wikipedia ein hohes Gut, weil Meinungsfreiheit in anderen Ländern nicht so üblich ist“, erklärt Wikipeter-HH. Die Rangliste der Pressefreiheit des Vereins Reporter ohne Grenzen verdeutlicht, dass es zum Beispiel für Wikipedianer*innen aus China, Saudi-Arabien oder Ägypten möglich sein muss, sich anonym zu äußern. Wer dort in den traditionellen Medien das Regime kritisiert, kann im Gefängnis landen.

Änderungen, die von unangemeldeten Autor*innen stammen, werden durch etablierte Mitglieder der Community überprüft, bevor sie öffentlich sichtbar werden. Auch für Nutzer*innen, die einen neuen Wikipedia-Account haben, greift dieses Prüfsystem. „Man muss sich das Vertrauen erst erarbeiten“, erklärt Wikipeter-HH. „Wer gute Arbeit macht, wird losgelassen und darf später andere Neulinge kontrollieren. Das ist die Wikipedia-Karriere.“

Für registrierte Wikipedianer*innen bedeutet das aber auch, dass sie eben doch nicht ganz so anonym bleiben. „Man kann immer nachvollziehen, was wer wann gemacht hat“, so Bahnmoeller. Die Änderungen jedes Artikels und die Tätigkeiten jedes Accounts werden öffentlich dokumentiert. „So kann man eine ganze Menge über andere Nutzer rausfinden – das ist manchmal auch unangenehm“, sagt Bahnmoeller.

Reinhard Kraasch berichtet, er habe zum Beispiel einmal einen Rechtschreibfehler im umkämpften Wikipedia-Artikel über Kurdistan korrigiert – und kurz darauf einen Anruf bekommen, bei dem jemand sagte „Wir wissen, wo du wohnst.“ Es gebe eine ganze Reihe an Werkzeugen, mit denen man anhand der Wikipedia-Historie auf persönliche Informationen über registrierte Nutzer*innen schließen könne.

Trotzdem empfinden die vier Wikipedianer diese Dokumentation als wichtiges Mittel der Transparenz. Wenn ein Account wiederholt durch manipulatives Verhalten auffalle, habe man dadurch handfeste Argumente für eine Löschung.

Hamburgs Wikipedia-Community lebt von Offline-Kontakten

„Bei Wikipedia sind Klarnamen eigentlich egal“, sagt Reinhard Kraasch. „Man erarbeitet sich über den Account ohnehin eine zweite Identität.“ Für die Hamburger Wikipedia-Community scheint ein wichtiger Teil dieser Identität das Gemeinschaftsgefühl zu sein.

Pre-Corona: Studierende arbeiten gemeinsam im Büro von Wikipedia Hamburg. Foto: Gnom via Wikimedia Commons
Pre-Corona: Studierende arbeiten gemeinsam im Büro von Wikipedia Hamburg. Foto: Gnom via Wikimedia Commons

Vor Corona traf sich der Stammtisch gern zur gemeinsamen Radtour, zum Grünkohlessen oder auf ein Bier in der Kneipe. Einen digitalen Ersatz dafür gibt es bislang nicht. „Alleine vor dem Computer ein Bier zu trinken, ist für mich kein Stammtisch“, sagt Reinhard Kraasch.

Den Wikipedianern fehlt der persönliche Kontakt, aber die Enzyklopädie leidet nicht unter der Pandemie. „Das Projekt funktioniert digital und dezentral“, so Reinhard Kraasch. Trotzdem stehen im März 2021 viele virtuelle Wikipedia-Treffen an. Der Anlass: das 20-jährige Jubiläum der deutschen Wikipedia.

Wiki-Party zum 20-jährigen Jubiläum

Logo zum 20-jährigen Wikipedia Jubiläum. Urheber: BFlores (WMF) via Wikimedia Commons
Wikipedia wird zwanzig Jahre alt und feiert virtuell. Grafik: BFlores (WMF) via Wikimedia Commons

Am 15. Januar 2001 wurde Wikipedia unter der Adresse www.wikipedia.com geboren. Zwei Monate später, am 16. März 2001, ging die deutschsprachige Seite online. Für die Woche vom 15. bis 21. März 2021 sind diverse Veranstaltungen geplant, um das zu feiern – von der offiziellen Geburtstagsfeier über eine virtuelle Ausstellung bis hin zum Geburtstagswichteln.

Wie genau die Hamburger Community sich an den Feierlichkeiten beteiligt, erfährt man über die entsprechende Wikipedia-Seite.

Langeweile im Lockdown? Probier’s doch mal mit einem digitalen Ehrenamt! Neben dem Engagement für Wikipedia Hamburg gibt’s hier weitere Tipps, wie du von Zuhause aus Gutes tun kannst.


Titelbild: 1971markus via Wikimedia Commons

Vorheriger ArtikelStudieren im Ausland – von zu Hause aus
Nächster ArtikelEy Digga, wo is‘ meine E-Ladestation?
Am liebsten genießt Pia Röpke, geboren 1993 in Hamburg, die Ruhe und meditiert. Nach der Ausbildung zur Medienkauffrau beim Spiegel schlug sie ein Jobangebot dort aus und entschied sich stattdessen für die Universität. Beim Thema blieb sie aber: In Lüneburg studierte sie Digital Media, in Hongkong Creative Media. Dort entdeckte sie Achtsamkeit, Yoga und Spiritualität für sich. Das half ihr dabei, sich zu entspannen, wenn die gierige Millionenstadt zu stressig wurde. Seitdem ist sie überzeugt, dass Selbstreflexion nicht nur für sie heilsam ist, sondern auch für den Rest der Welt wichtig wäre, um die Digitalisierung sinnvoll zu gestalten. Um Digitales und Fundraising kümmert Pia sich für die Organisation Kanduyi Children e.V., die Kindern in Kenia Bildung ermöglicht. Kürzel: pia

2 KOMMENTARE

  1. Die Veranstaltung über islamische Kunst fand wegen der hervoragenden Bibliothek im Museum für Kunst und Gewerbe statt. Teilnehmer waren Stipendiaten einer islamischen Studienstiftung. Dort haben wir auch die Veranstaltung „Wiki loves music“ durchgeführt.
    Wir hoffen, das wir nach der Krise unsere Zusammenarbeit mit den Hamburger Museen weiter fortsetzen können. Mitschreiber und Fotografinnen werden immer gebraucht.

    Bahnmoeller

    • Danke für den Hinweis! Ich habe die Bildunterschrift angepasst. Nun sollte es richtig sein?

Comments are closed.