Hamburg ist für vieles bekannt – jedoch kaum für seine Rolle im Kolonialismus. Carl Hagenbeck richtete etwa im noch heute existierenden Tierpark erste Völkerschauen aus. Zwei junge Hamburger wünschen sich eine bessere Aufarbeitung.

Wenn man vor 100 Jahren in den Zoo ging, konnte man neben Elefanten, Giraffen und Affen auch Menschen anderer Kulturen anschauen. Europäische und amerikanische Veranstalter tourten mit sogenannten Völkerschauen durch die Welt. Vor allem ein Hamburger war mit dieser Geschäftsidee besonders erfolgreich: Carl Hagenbeck. Zusammen mit Tieren aus der Herkunftsregion präsentierte er nicht-weiße Menschen im heute noch existierenden Tierpark. Aufwendige Kulissen wurden gebaut, um die Ausgestellten in einem authentischen Umfeld zu zeigen. Ein unrühmliches Beispiel dafür, welche Rolle Hamburg zu Zeiten des Kolonialismus gespielt hat.

Geraten die Völkerschauen in Vergessenheit?

#notmyhero
Im Juni 2020 startet die Hamburger Fotografin Johanna Brinckmann eine Petition. Das Ziel: die Entfernung der Carl Hagenbeck Statue am historischen Eingang des Tierparks, eine Umbennung der Carl-Hagenbeck-Straße in Stendal, Sachsen-Anhalt und die Erichtung eines Denkmals in Gedenken an die Opfer der Völkerschauen in Hamburg. Unter dem Hashtag #notmyhero ruft sie ihre Community auf Instagram zum Unterzeichenen der Petition auf.

Henri Gnutzmann und Modou Touray, die im Sommer 2020 ihr Abitur in Hamburg absolviert haben, engagieren sich für Erinnerungskultur. Aufmerksam auf das Thema wurden sie, als im letzten Jahr die Kampagne #notmyhero (siehe Infokasten) auf Instagram trendet. Der Hashtag unterstützt eine Petition, die unter anderem die Entfernung der Hagenbeck Statue im Tierpark fordert.

Die Kampagne inspiriert die jungen Männer dazu, mit einer Plakataktion auf die sogenannten „Menschenzoos“ hinzuweisen: An den Schaukästen des Hamburger Tierparks brachten sie historische Werbebilder der Völkerschau an und richteten sich mit einem Appel an die Leser*innen: „Erinnert euch an die Grausamkeiten, die an diesem Ort stattfanden und versteht deren Einfluss auf die heutigen gesellschaftlichen Strukturen, die zutiefst rassistisch, hierarchisch und repressiv sind.⁣

„Meiner Meinung nach ist es die Verantwortung des Zoos, die Geschichte kritisch zu beleuchten und diese Informationen dann auch der Öffentlichkeit bereitzustellen“, erklärt Gnutzmann. „Ich war zusammen mit der Gruppe Aufstehen gegen Rassismus dort und wir haben Flyer verteilt vor dem Eingang, um auf die Geschichte aufmerksam zu machen.“ Dabei hat Henri vor allem festgestellt, dass selbst viele Hamburger*innen die Geschichte Hagenbecks nicht kennen.

Auf die Völkerschauen aufmerksam geworden sind Touray und Gnutzmann nicht durch den Schulunterricht. Dort würde aus ihrer Sicht Kolonialismus zu kurz kommen. „Wir haben sehr viel über die Briten und die Portugiesen gesprochen, weil die sehr viel eingenommen haben. Über die Deutschen wurde kaum gesprochen. Ich finde, das wird nicht so ernst genommen“, sagt Touray. Stattdessen haben sie durch eine Dokumentation bei Arte von Hagenbecks Völkerschauen erfahren.

Mit den Völkerschauen ist Modou Touray schon als Kind in Berührung gekommen:

Den beiden ist schnell klar: Sie wollen etwas verändern. Über ihre Aktion berichtete die Lokalpresse. Im vergangenen Juli sind sie landesweit in einem „Tagesthemen“-Beitrag zu sehen. Aufgrund anhaltender Kritik, reagiert der Tierpark mit einer Stellungnahme gegenüber NDR 90,3: „Aufgrund des aktuellen neuen Interesses an dem Thema Völkerschauen aktualisieren wir derzeit die zur Verfügung stehenden Informationen und planen Anfang August 2020 eine Pressekonferenz mit wissenschaftlicher Begleitung zu diesem Thema.“ Die geplante Pressekonferenz fand – Stand Februar 2021 – nicht statt.

Die Ankündigung „war wohl nur dazu da, um sich den Shitstorm irgendwie vom Hals zu halten“, vermutet Gnutzmann. Auch die beiden sollten bei der Konferenz dabei sein. Touray ist enttäuscht. Er vermutet, dass der Tierpark Angst vor einem Imageschaden hat, wenn die Geschichte der Völkerschauen aufgearbeitet wird: „Wenn man möchte, kann man ja ins Internet gehen und darüber etwas lesen, aber da muss man auch erstmal drauf kommen. Ich hätte es generell gut gefunden, wenn der Tierpark Stellung dazu genommen hätte.“

Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, sich mit Hagenbecks Völkerschauen auseinanderzusetzen, mit denen Touray und Gnutzmann einverstanden wären. Sie wollen vor allem Aufmerksamkeit für die Thematik und könnten sich sowohl Erinnerungskultur in Form einer Informationstafel vorstellen, als auch einen eignen Ausstellungsraum oder Informationswochen mit einzelnen Projekten. Auch wenn sie enttäuscht sind, entmutigen lassen sie sich nicht. Sie wollen weiter machen, aufklären und nicht zuletzt ein klares Statement vom Tierpark Hagenbeck.

Gnutzmann über die Verantwortung des Tierparks in der Aufarbeitung der Vergangenheit:

Quellen

Carl Hagenbeck: Tierhändler auf Abwegen

Carl Hagenbeck (1844-1913) ist auf St. Pauli groß geworden. Sein Vater Gottfried Hagenbeck verdiente sein Geld zunächst als Fischhändler. Später präsentierte er, unter anderem auf dem Hamburger Dom, Seehunde und andere Tiere. Schon früh stieg Carl Hagenbeck im Geschäft seines Vaters ein und übernahm Aufgaben, wie den Handel mit exotischen Tieren. Sein Erfolg lag darin, dass er die Aufträge, Tiere zu fangen, direkt an Reisende vergab und somit die Zwischenhändler vermied. Durch das Engagement des jungen Hagenbecks wurde der Tierhandel zum einen der führendsten in Europa.

Durch die Wirtschaftskrise im Jahre 1870 musste sich Carl Hagenbeck nach neuen Geschäftsmöglichkeiten umschauen. Seine Idee: Völkerschauen. Die bekannteste Erzählung, wie er auf die Idee gekommen ist, geht auf den Tiermaler Heinrich Leutemann zurück. Der Künstler soll die Idee geäußert haben, dass die nächste Lieferung von Rentieren von nativen Lappländern begleitet werden sollte. Das würde ein besonders pittoreskes Bild für den Maler darstellen. Als wahrscheinlicher gilt jedoch, dass Hagenbeck sich in den 1850ern inspirieren lassen hat: Schon damals gab es erste Arten von Völkerschauen auf St. Pauli. Außerdem hatte er Kontakt zum Amerikaner P. Taylor Barnum, der mit seinem Kuriositäten-Kabinett großen Erfolg feierte. Häufig stellte auch er Nicht-Europäer aus.

Hagenbecks erste Erfolge

Hagenbeck verbuchte die erste Völkerschau als großen Erfolg. Zimmeres Buch „Kein Platz an der Sonne – Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte“ zufolge, soll Carl Hagenbeck in seinen Memoiren von der „authentischen Art der Samis“ (native Lappländer) geschwärmt haben. Ihn faszinierte besonders der Umgang mit den Rentieren, der Aufbauen der Zelte, aber auch, wie die Mütter ihre Kinder stillten. Den Berichten zufolge empfand Hagenbeck den Menschenzoo als Möglichkeit, ins Fremde einzutauchen.

Professor Doktor Zimmerer erklärt diese Faszination so: “Wenn man eine ‚Völkerschau‘ besuchte, bestätigte man implizit die eigene Überlegenheit. Man sah dort den oder die ‚Andere‘ als ‚primitiv‘ in Szene gesetzt, und fühlte sich selbst überlegen. Wenn man den oder die ‚Anderen‘, wie es in der postkolonialen Theorie heißt, als ‚unzivilisiert‘ wahrnahm, stabilisierte dies das eigene Selbstbild als ‚zivilisiert‘.” Das erkannte Hagenbeck und machte aus dem Erhabenheitsgefühl ein Geschäft.

Othering/das Andere
„Othering“ ist das Abgrenzen von sich selbst. Es ist eine Art von Vergleich. Der Begriff ist eine postkoloniale Theorie und vor allem durch Autor*innen wie Edward Said und Gayatri C. Spivak geprägt. Andre Gingrich, Ethnologe aus Österreich, hat Othering wie folgt beschrieben: „Darstellung von machtlosen ‚Anderen‘ gemäß den Interessen der Mächtigen“. Es definiert das eigene als das Normale. Das Othering ist ein permanenter Akt der Kategorisierung.

Nach den ersten Erfolgen entschied sich Hagenbeck, weitere Völkerschauen zu organisieren – über die Jahre hinweg mit stetig wachsenden Zuschauer*innenzahlen und mit Menschen von allen Kontinenten. Er war so erfolgreich, dass er mit seiner Ausstellung für mehrere Monate durch Mitteleuropa tourte. “Von 400 Völkerschauen, die in Deutschland stattf[a]nden, hat er 100 veranstaltet. Das ist ein Viertel aller Völkerschauen”, berichtet der Historiker Prof. Dr. Zimmerer gegenüber FINK.HAMBURG. Es war nicht unüblich, dass die Gruppe kleiner zurückkehrte als zuvor. Menschen starben regelmäßig auf den Tourneen. Durch seine bereits bestehenden Kontakte aus dem Tierhandel war Hagenbeck kaum auf die deutschen Kolonien angewiesen.

Hagenbeck legte der Auswahl seiner Darsteller*innen bestimmte Kriterien zugrunde: So war es ihm scheinbar wichtig, dass die Menschen fremd wirkten, aber nicht so fremd waren, dass keiner von ihnen eine europäische Sprache sprach. Außerdem suchte Hagenbeck nach besonders schönen oder außergewöhnlichen Menschen, denn nur das würde hohe Besucher*innen Zahlen garantieren. Das erfuhr man nach seinem Tod, in von ihm verfassten Briefen.

Prof. Dr. Jürgen Zimmerer ist Historiker und Afrikawissenschaftler, seit 2010 ist er Professor an der Universität Hamburg und leitet seit 2014 die Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe. Wir haben ihn gefragt, wie die Ausgestellten nach Hamburg kamen?

Während sich die Rolle Hagenbecks und anderer Völkerschaubetreiber relativ leicht rekreieren lässt, ist dies für die „Ausgestellten“ kaum möglich. Die Erzählungen widersprechen sich oder können nicht verallgemeinert werden. Im späteren Verlauf wurden etwa auch Völkerschauen von People of Color organisiert.

Kolonialismus: Ein Ausbeutungsverhältnis

Spricht man heute von Kolonialismus, ist die historische Phase ab dem 15. Jahrhundert gemeint mit ihrem Höhepunkt im 19. und 20. Jahrhundert. Der Ausdruck beschreibt ein Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis. Hierbei standen große Teile der Welt durch eine gewaltsame Übernahme unter direkter oder indirekter europäischer Führung.

Während Kolonialmächte wie England, Spanien oder Portugal bereits zahlreiche Teile der Welt eingenommen hatten, blieb Deutschland lange Zeit außen vor. Otto von Bismarck war gegen Deutschen Kolonialismus, um das Koloniale Machtgleichgewicht in Europa nicht zu schwächen. Deutlicher ausgedrückt: Er wollte Frieden innerhalb Europas.

Mit großer Hoffnung auf Wirtschaftswachstum und Weltruhm ging Bismark 1884 schließlich doch in erste Planungen deutscher Kolonien. Dazu beriet er sich in der Kongo Konferenz mit führenden europäischen Mächten, den USA und dem damaligen Osmanischen Reich. Die zentrale Frage war: Wie kann man Afrika untereinander aufteilen?

Die native Bevölkerung wurde nicht einbezogen. Diese gewaltsame Übernahme ganzer Länder sowie die Vertreibung und Unterwerfung der dort lebenden Völker macht den Kolonialismus aus. Doch die Folgen dieses Prozesses sind noch sehr viel weitreichender und werden bis heute intensiv erforscht.

Prof. Dr. Zimmerer über die Bedeutung und Forschung zum Kolonialismus:

Der Tierpark Hagenbeck: Alles nur Show?

Nach langem Schaustellerleben eröffnete Carl Hagenbeck 1907 den Tierpark Hagenbeck in Stellingen. Durch das neuerworbene Gelände war es ihm außerdem möglich seinen Traum von der gitterlosen Tierhaltung zu ermöglichen. Er bildete Landschaften aus den jeweiligen Herkunftsregionen der Tiere nach. Außerdem baute Hagenbeck statt Gittern, Gräben und Felsen als Gehegebegrenzung auf. Damit war er einer der Pioniere in dem Bereich.

Doch genau dafür stand er auch schon früh in der Kritik. Wissenschaftler bemängelten, dass es Hagenbeck vor allem um die Show ging und nicht um die korrekte Darstellung der Tiere. Einige Tiere gehörten nicht mal in die für sie nachgebauten Habitate. Durch die Eröffnung des Tierparkes wurden auch die Völkerschau-Tourneen weniger, stattdessen wurden sie fester Bestandteil des Tierparks. Häufig liefen dadurch mehrere Völkerschauen parallel in den passenden Erlebniswelten.

Menschen in der Völkerschaukulisse
Illustration: Sarah Ejim

Hamburgs Rolle im Kolonialismus

Als Hafenstadt war Hamburg über Jahrhunderte eine der einflussreichsten Kolonialmetropolen in Europa. Bei der Afrika-Konferenz in Berlin 1884 bekundeten besonders Hamburger Kaufleute und Reeder großes Interessen an der kolonialen Übernahme Afrikas und der Aufteilung des Kontinents unter den westlichen Kolonialmächten. Zwar legte in Hamburg nie ein so genanntes „Sklavenschiff“ an, jedoch lebten hier wichtige international wirkende Geschäftsmänner, wie der deutsch-dänische Kaufmann und Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann.

Viele Orte zeugen noch heute von der kolonialen Geschichte, etwa das rund 35 Meter hohe Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark oder die Büste von General Lothar von Trotha am Studentenwohnheim der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Von Trotha befahl 1904 die Vernichtung der Völker in der Deutsch-Südwest-Afrika-Kolonie. Dieser Befehl gilt als Grundlage für den Völkermord an den Hereros und Namas.

Der Hamburger Senat beschloss 2014 die koloniale und postkoloniale Vergangenheit der Stadt in den offiziellen Kanon der Stadtgeschichte aufzunehmen. Damit war die Stadt Hamburg die erste in Deutschland, die das tat. Es wurden die Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe / Hamburg und die frühe Globalisierung an der Universität Hamburg gegründet. Die Hamburger Museen sollten fortan die Kolonialgeschichte neu aufarbeiten und präsentieren.

Doch das gelingt nicht immer. Wie Prof. Dr. Zimmerer erklärt, habe er vor einigen Jahren den Versuch unternommen, eine französische Ausstellung über Völkerschauen nach Hamburg zu holen. Ein eigenes Forschungsprogramm sollte die Ausstellung mit Hamburgbezug in den lokalen Kontext Hamburgs setzten. Die wissenschaftliche Arbeit dafür ist abgeschlossen, doch die Ausstellung wurde nie realisiert.

Die schwierige Suche nach einem Ausstellungsort sei der Grund – auch an den Kosten zur Umsetzung, rund 40.000 Euro, scheitere es, so Zimmerer. Er ist enttäuscht: „Ich hätte mir gewünscht dass das [Geld] im Kulturetat der Stadt zu finden gewesen wäre. Die Forschungen konnten wir machen, aber es hilft ja nichts, wenn wir dann nicht den Schritt gehen können, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen öffentlichkeitswirksame Ausstellungen zu machen.“

Drittes Reich: Verbot der Völkerschauen

Der erste Weltkrieg bereitete der stetig steigenden Beliebtheit des Tierparks und vor allem der Völkerschauen ein Ende. Nach dem Tod von Carl Hagenbeck übernahmen Mitte der 1920er seine Söhne und sein Halbbruder die Völkerschauen. Diese konnten aber nie an den vorherigen Erfolg anknüpfen. Zwischenzeitlich besuchten am Wochenende mehrere Zehntausende Menschen die Völkerschauen. Nach dem Krieg nahmen die Zuschauer*innenzahlen ab. Einer der Gründe: Film wurde immer populärer. Zuschauer*innen konnten durch sie ihr Verlangen nach einer fremden Fantasiewelt stillen.

Außerdem glichen sich die Menschen aus den verschiedenen nicht-europäischen Völkern immer mehr an, traditionelle Kleidung wirkte nicht mehr authentisch. Sie wurden immer westlicher und somit weniger interessant für die Besucher der Völkerschauen. Ausgestellte lebten außerdem nicht unbedingt im Tierpark. Einige genossen das Nachtleben in Hamburg und konnten nicht mehr unbefangen in ihre Rolle schlüpfen. 1932 fand die letzte Völkerschau im Tierpark Hagenbeck statt. Kurz darauf erteilte Hitler ein umfassendes Auftrittsverbot von nichtarischen Personen und besiegelte somit das vorläufige Ende der Völkerschauen.

Wird Kolonialismus genug thematisiert in Deutschland?

Hagenbeck: Eine zerstrittene Familie

Bei Hagenbeck bröckelt es an einigen Ecken: Nicht nur das denkmalgeschützte Gelände des Tierparks müsste einen neuen Anstrich bekommen, auch der Familienzusammenhalt. Seit Jahren kommunizieren die zwei Familien-Stränge größtenteils nur noch via Anwälte*innen, wie etwa das „Hamburger Abendblatt“ berichtet. In den letzten zehn Jahren haben sich beide Seiten mindestens 126 Mal vor dem Hamburger Landgericht verklagt.

Über die Jahre hinweg hat fast jedes Familienmitglied einmal den Park geführt, momentan wird der Tierpark das erste Mal von einer familienfremden Einzelperson geleitet: Dirk Albrecht. Seit April 2020 ist der Berater von Claus Hagenbeck der alleinige Geschäftsführer vom Tierpark. Zur Zeit scheint Frieden im Park eingekehrt zu sein, es stehen allerdings noch einige Verfahren zwischen der Familie aus.

Aufarbeitung: Es stockt bei den Akteur*innen

Doch wie begründet der Tierpark die bisher versäumte Aufarbeitung der Völkerschau-Vergangenheit? Wieso wurde die Pressekonferenz bis auf weiteres vertagt? „Wie die anderen Institutionen“, gemeint sind etwa die Kulturbehörde und das Museum MARKK – „setzen wir auf einen gemeinsamen Diskurs, der derzeit von den verschiedenen Stellen erarbeitet wird“, so ein Sprecher des Tierparks gegenüber FINK.HAMBURG. Die Dynamik in diesem Aufbereitungsprozess sei deutlich verringert worden durch den bestehenden Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie. Ein konkreter Termin wurde nicht genannt, lediglich „um Geduld und um Verständnis“ gebeten.

Auch die Kulturbehörde hält sich auf Nachfrage bedeckt: Sie „begrüßen es sehr, dass Hagenbeck die Aufarbeitung seiner Geschichte angekündigt hat“, so eine Sprecher der Behörde. Die Verantwortung hierzu läge beim Tierpark. Gleichzeitig verweist die Behörde auf bereits bestehende Projekte, die sich mit der Aufarbeitung des Hamburger Kolonialismus beschäftigen – darunter die aktuelle Ausstellung des Museum der Arbeit.

Erinnern und Verstehen ist essenziell – da sind sich junge Hamburger*innen wie Henri Gnutzmann und Modou Touray genau so sicher, wie der Historiker Prof. Dr. Zimmerer.

Hier findest du mehr Informationen zu Hamburgs Kolonialgeschichte:

  • In einem früheren FINK-Scrollytelling erfährst du von Wissenschaftlern*innen und Aktivisten*innen welche Spuren der Kolonialismus in Hamburg hinterlassen hat.
  • Die Universität Hamburg führt unter der Leitung von Prof. Dr. Zimmerer eine eigene Forschungsstelle zu Hamburgs kolonialen Erbe. Auf dem eignen Blog, in Veranstaltungen und Podcastformaten informiert das Forscher*innen-Team über Verbindungen und Nachwirkungen des Kolonialismus in der Hansestadt.
  • Dich interessiert welche Hamburger Straßen nach Kolonialakteuren benannt wurden? Die Stadt hat ihre Biografien aufgelistet.

Illustration: Sarah Ejim

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Es gibt keine Zeile im Film „My Fair Lady“, die Aniko Schusterius, Jahrgang 1996, nicht fehlerfrei mitsprechen kann. Trotz dieses Talents, zehn Jahren Gesangsunterricht und ihres großen Interesses für Musicals hat sich die Berlinerin letztlich gegen eine Bühnen-Karriere entschieden. Nach dem Abitur arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin in verschiedenen Kindertheatern. Dort musste sie unter anderem lernen, dass Luftballons auf einem Straßenfest eine hochkomplexe bürokratische Hürde darstellen können. Während ihres Bachelors in Theaterwissenschaften und Niederlandistik lebte sie ein halbes Jahr in Groningen. Dort fühlte sie sich wegen des entspannten Lifestyles wohl, und auch, weil sie mit ihren 1,82 Meter das erste Mal nicht auffiel. Für die „Berliner Zeitung“ veröffentlichte sie erste Kolumnen. Auch mit Radio kennt sie sich aus: An der „Frankfurter Hörfunkschule“ lernte sie texten und einsprechen. Vor dem Start an der HAW sammelte Aniko noch mehr Medien-Erfahrung durch Praktika bei „Radioeins“ und beim Fernsehkanal der „Welt“ in Berlin. Dort lauerte sie auch schon mal frühmorgens vor einem Hotel, um Gesundheitsminister Jens Spahn einen O-Ton zu entlocken. Kürzel: ans