Vor zehn Jahren musste Samer Ismailat seine Basketball-Profikarriere verletzungsbedingt beenden. Durch den geplatzten Traum fand er zu seiner zweiten Berufung – dem Streetworking. Heute kämpft er für die Chancengleichheit benachteiligter Jugendlicher in Hamburg.

Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Es ist ein windiger Frühlingsmorgen, als Samer Ismailat (38) das Basketballfeld im Hamburger Park Fiction betritt. Das bunte Viereck mit zwei Körben liegt im Stadtteil St. Pauli, direkt an der Elbe. Von der Mitte des Courts könnte der gebürtige Libanese die Elbphilharmonie bestaunen, den großen schwarzen Docks von Blohm und Voß bei der Arbeit lauschen oder die Kräne des Hamburger Hafens betrachten. Das bunte Panorama lässt Ismailat jedoch kalt. Seine braunen Augen fokussieren nur den Korb. Viermal wirft er aus ungefähr acht Metern – viermal zischt sein Basketball, ohne den Ring zu berühren durch die 3,05 Meter hohe Reuse.

Im Park Fiction beeindruckt Ismailats Treffsicherheit allerdings niemanden mehr. Neben den Bewohner:innen der Hafenstraße, Arbeitskräften der St. Pauli-Kirche, Obdachlosen, Hobby-Basketballspieler:innen und Hundebesitzer:innen ist er schon lange ein Teil des multikulturellen Elbufer-Mosaiks. Jeder kennt ihn und weiß, dass er früher einmal ein Profibasketballspieler war. Viel wichtiger ist jedoch, was Ismailat heute tut: Neben seiner Tätigkeit als Sportlehrer an der Ganztagsschule St. Pauli hat er mit seinem Verein „St. Pauli Bats“ in den letzten Jahren sowohl einen sportlichen Zufluchtsort als auch einen Thinktank für soziale Arbeit geschaffen. Seinen schwarzen Trainingsanzug ziert das Fledermauslogo des Vereins.

Flexible Hilfe auf vier Rädern

Seit Anfang des Jahres arbeitet er an seinem bisher größten Projekt – dem „Bats Bus 3×3“. Hinter dem kryptischen Namen verbirgt sich ein ausgereiftes Konzept. „3×3 Streetball“ ist eine neue olympische Disziplin des Basketballs, bei der zwei Mannschaften á drei Spieler gegeneinander auf einen Korb spielen. Der „Bats-Bus“ soll eine mobile Korbanlage beherbergen und Geflüchteten aus Hamburger Notunterkünften, Jugendlichen aus Siedlungen ohne Sportmöglichkeiten und Kindern im Rollstuhl einen Ligabetrieb ermöglichen. Gleichzeitig soll er als mobiler Arbeitsplatz eine Anlaufstelle für Hausaufgaben-, Bewerbungshilfe und gesellschaftliche Teilhabe sein.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Ein ambitioniertes, aber laut Ismailat notwendiges Projekt. In Hamburg leben aktuell knapp 32.000 Geflüchtete in über 100 Notunterkünften. Diese sind meist nicht mit WLAN ausgestattet und bieten keinen Raum für Privatsphäre. „Für Jugendliche aus den Notunterkünften war es auch vor der Pandemie schon extrem schwer, konzentriert zu lernen oder auf die eigene Bewegung zu achten“, sagt er. „Die aktuellen Einschränkungen haben die Zustände nun noch deutlich verschlimmert.“ Chancengleichheit für geflüchtete Jugendliche sei unter diesen Bedingungen eine Utopie. Der Bus soll nun einen kleinen Teil dazu beitragen, dies zu ändern.

Für seine Vision sammelt Ismailat Spenden. Der Großteil seiner Arbeit besteht deshalb aktuell aus Telefonaten und Organisationsmeetings via Videotelefonie. Die Gespräche mit Behörden und potenziellen Geldgebern sind oft anstrengend und kräftezehrend. Sein sportlicher Ehrgeiz scheint ihn jedoch unermüdlich anzutreiben. „Wenn man hartnäckig seine Ziele verfolgt, wird man am Ende immer belohnt“, ist sich Ismailat sicher. Wenn der Familienvater von seiner Arbeit spricht, bebt manchmal seine Stimme. Obwohl er sich seinen Berufsalltag in jungen Jahren ganz anders vorstellte, fühle er sich mittlerweile „berufen“ jungen Menschen zu helfen.

Eine Berufung über Umwege

„Eigentlich wollte ich immer Basketball spielen, bis ich nicht mehr laufen kann und danach Rollstuhlbasketballer werden“, sagt Ismailat, dessen energische Stimme keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Aussage aufkommen lässt. Obwohl er für seinen Sport lange als zu klein galt und erst mit 17 Jahren intensiv zu trainieren begann, kämpfte er sich über seinen Heimatverein „MTV Aurich“ Mitte der Nullerjahre in den Fokus des deutschen Profibasketballs. 2009 konnte er mit den „Cuxhaven Bascats“ in die Bundesliga aufsteigen und zählte zu den besten Dreipunktwerfern des Landes. Nach einem geplatzten Engagement im Libanon wollte er seine Karriere 2011 mit einem Wechsel in die zweite spanische Basketballliga krönen. Kurz vor Vertragsunterzeichnung zwang ihn dann jedoch eine Verletzung zum Karriereende.

„Zum Glück habe ich während meiner Karriere schon gecoacht und wusste, dass ich in diesem Bereich eine Zukunftsperspektive haben könnte.“ In Hamburg und Cuxhaven arbeitete er anschließend als Basketball-Trainer. Eine Zeit, die ihn prägte und auch an diesem Donnerstagmorgen in Hamburg mal wieder einholt. „Jo Samer“, ruft ein junger Mann quer durch den Park Fiction. Ismailat dreht sich um und lächelt. Einer abgeklärten Begrüßungsfaust folgt ein kurzer Plausch, dann ein herzlicher Abschiedsgruß. „Das war einer der Jungs, die ich vor sieben Jahren in Cuxhaven trainiert habe“, erklärt er. Den Stolz in seiner Stimme kann er nicht verbergen. „Er lebt jetzt hier und spielt in der dritten Liga. Ich freue mich, dass er immer noch Profi werden will und ich ihn auf seinem Weg begleiten durfte.“

(Über)Lebenstraining

Um junge Menschen auch abseits des Basketballfeldes zu unterstützen, ist Ismailat neben seinen Trainerjobs ab 2011 drei Jahre für eine geringe Aufwandsentschädigung mit einem sozialen Projekt durch Hamburgs Brennpunkte gefahren. Nach dieser für ihn autodidaktischen Streetworker-Ausbildung gründete er 2015 die „St. Pauli Bats“. Neben seinen Großprojekten veranstaltet er seitdem Basketballcamps und trainiert am liebsten junge Menschen, die vom Rest der Gesellschaft schon abgeschrieben wurden.

Laut Ismailat besteht sein Training nicht aus der reinen Weitergabe von Basketballwissen. Vielmehr ist es sein Ziel, über den Sport Werte und Tugenden zu vermitteln, die Jugendlichen auch in ihrem späteren Leben helfen. „Ich bin mir sicher, dass einige Kids ohne mein Training schon in die Kriminalität oder Arbeitslosigkeit abgedriftet wären. Basketball gibt vielen das Selbstvertrauen zurück, das sie durch die Schule oder Behördengänge verloren haben.“ Das Pathos, das häufig in seinen Worten mitschwingt, kann Ismailat sich leisten: Er selbst weiß nämlich genau, wie sich viele seiner jungen Klienten fühlen.

Fremd zu sein, keine Privatsphäre und vermeintlich keine Perspektive zu haben – all das hat er auch schon erlebt. Als er fünf Jahre alt war, ist er mit seiner Familie vor dem Krieg im Libanon geflohen. In Deutschland angekommen, teilte er sich jahrelang mit seinen vier Brüdern ein Zimmer – einen deutschen Pass erhielt er erst 2007. Hätte er im Sport damals keinen Halt gefunden, wüsste er nicht, wo er heute stehen würde. „Aktuell machen Tausende Jugendliche dieselbe Erfahrung durch“, sagt er. Nun könne er mit seiner eigenen Geschichte ein Vorbild sein. Ein Beispiel, dass die kulturelle und soziale Herkunft nicht Vorentscheider der Zukunft sind.

Der Weg zum Ziel

Ismailat ist ein Mann mit großem Herz, großem Ego und großen Plänen. In seinem Kopf ist er dem Status quo seiner Projekte manchmal schon weit voraus – auch wenn diese in der Realität teilweise stagnieren. Von den 275.000 Euro, die er Anfang April als Crowdfunding-Ziel für den „Bats-Bus 3×3“ ausrief, sind aktuell erst 9.140 Euro gesammelt. Keine optimale Ausbeute. Den Kopf in den Sand stecken kommt für ihn jedoch nicht infrage – das verbieten ihm seine Geschichte, sein sportlicher Ehrgeiz und sein Wille.

Ismailats scheinbar unzerstörbare Zuversicht ist ansteckend. Auch wenn sein Ziel aktuell noch in weiter Ferne liegt, nimmt man ihm ohne Weiteres ab, dass er die Umsetzung des „Bats-Bus“ am Ende so einfach aussehen lassen wird, wie seine perfekte Wurfbewegung an diesem windigen Donnerstagmorgen.