Jörn Menge war elf Jahre alt, als sein Opa das erste Mal von „den guten alten Zeiten“ sprach. Dass damit der Nationalsozialismus gemeint war, verstand Jörn erst später. Heute kämpft er mit seinem Verein „Laut gegen Nazis e.V.“ gegen den zunehmenden Rechtsextremismus in der Gesellschaft.

Foto: Mia Holland

Die Flusswellen schlagen sanft gegen den Anleger, ein paar Möwen kreischen. Jörn steht an der Elbe, in Teufelsbrück. Wenn er nicht ans Meer kann, dann kommt er hierher. Es ist einer seiner Lieblingsorte, um für sich in Ruhe nachzudenken. Ganz still. Der Blick auf das Wasser beruhigt ihn, wenn es Probleme oder Sorgen gibt – und davon gab es reichlich in seinem Leben.

Jörn Menge, 55 Jahre alt, leitet seit knapp 17 Jahren den von ihm gegründeten Verein „Laut gegen Nazis e.V.“. Mit diesem engagiert er sich für demokratische Werte: Antifaschismus, Offenheit, Toleranz. Gleichzeitig kämpft er gegen Fremdenfeindlichkeit, Hass, Hetze, Gewalt und gegen die, die all das vereinen: die Nazis.

In seiner Kindheit kam er mit denen in Berührung. Auf beiden Seiten der Eltern gab es in seiner Familie engste Verbindungen zum Nationalsozialismus des Dritten Reichs. Sein Großonkel war Obersturmführer der Leibstandarte von Adolf Hitler, also der Truppe, die dem direkten Befehl des Führers unterstellt war. Sein Opa war Scharführer in der sogenannten Schutzstaffel, kurz SS. Ein weiterer Onkel war Finanzbeamter, der jüdischen Besitz nach Deportationen beschlagnahmte. Sie alle vereinte der fortwährende Stolz auf ihr Tun – den sie auch immer wieder offen zeigten.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Bereits als Elfjähriger merkte Jörn, dass in seiner Familie etwas nicht stimmt. Er erinnert sich genau an die Worte seines Opas auf einer Familienfeier: „Ach damals, das waren noch Zeiten, da haben wir es diesen Drecks-Juden gezeigt.“ Die Gäste der Feier hätten nickend zugestimmt. Sein Opa betonte sein Leben lang, dass er stolz war, die Menschen damals erschossen zu haben. Die Aussagen wiederholten sich. Ständig.

„Laut gegen Nazis“: Einstehen gegen Fremdenfeindlichkeit

Als Kind wusste Jörn noch nicht, was das bedeutete, fragte regelmäßig bei seinem Vater nach. Dieser versprach ihm, alles zu erklären, wenn er etwas älter werde. Als Jörn mit 14 Jahren im Geschichtsunterricht das erste Mal von der NS-Zeit hörte, hielt sein Vater das Versprechen. Er fuhr mit ihm in das Konzentrationslager Neuengamme vor den Toren Hamburgs. Dort erfuhr Jörn, dass sein Opa Scharführer in eben diesem KZ gewesen war. „Ab da verstand ich all die scheußlichen Aussagen meines Opas“, sagt er.

Jörns Vater machte ihm klar, dass die Nazis etwas Schreckliches waren. Bis heute ist Jörn seinem Vater dankbar. Nicht nur dafür. „Er war auch kein typischer Vater, eher ein Freund“, sagt Jörn. Von seinem Vater hätte er auch den Sinn für Zivilcourage und das Einstehen gegen Fremdenfeindlichkeit. Er erinnert sich, wie sein Vater einmal in der Bahn mitbekam, dass ein schwarzer Mann von zwei weißen Männern angepöbelt wurde. Er ging dazwischen. Jörns Augen strahlen beim Erzählen. Immer mehr und mehr Männer hätten sich in der Bahn hinter seinen Vater gestellt. Die Pöbelnden verschwanden schlussendlich kleinlaut. Jörn sagt, er würde sich wünschen, dass es mehr Menschen wie seinen Vater gäbe.

Tiefe Reibeisenstimme, schelmisches Lachen

Sein Verhältnis zur Mutter war schwierig. Es gab viel Streit, Intrigen und Missgunst in der Familie. Schon allein das sorgte für Zoff in der Familie: Sein Vater war überzeugter Sozialdemokrat. „Meine Mutter hingegen hatte immer einen Hang zu den Nazis.“ Als sich seine Eltern trennten, spaltete sich die Familie: Jörn blieb bei seinem Vater. Mit seinem Bruder und seiner Mutter, die beide schon gestorben sind, hatte er ein zerrüttetes Verhältnis. 17 Jahre lang gab es keinen Kontakt.

Jörn zieht an seiner Zigarette. Er raucht schon sehr lange. Aus dem kantigen, verlebten Gesicht schauen die trüben, blass-blauen Augen freundlich. Sie sind umrundet von Lachfalten. Jörn ist ein fröhlicher Mensch, auch wenn nicht alles in seinem Leben leicht war.

Jörn wuchs im Osten von Hamburg auf. Im „sozialen Schwerpunkt“, wie er es nennt. Bereits mit 16 Jahren zog er aus. Landete hinter der Roten Flora in Altona. In seiner Jugend geriet er durch seine erste große Liebe in die Punkszene. Obwohl seine Punkgruppe sehr bedrohlich sein konnte, hatte er aber selbst nichts mit körperlicher Gewalt zu tun. „Anderen Mist“, sagt er, habe er trotzdem angestellt. Das tägliche Standardprogramm: „Kiffen, Saufen und Schule schwänzen.“

Jörn schaffte trotzdem seine mittlere Reife und musste nur ein Schuljahr wiederholen. „Ich war halt schlau, bin immer noch häufig in die Schule gegangen“, erzählt er lachend. Er lacht viel – auch über sich selbst. Seine Augen kneift er zusammen, seine Lachfalten drücken sich noch tiefer in sein Gesicht. Sein Lachen klingt schelmisch, erinnert an das eines Kindes. Wäre da nicht seine eindringlich tiefe Reibeisenstimme. Vielleicht kommt das vom Rauchen – oder dem vielen Mitgrölen der Punk-Lieder.

Raus aus der Punkszene, rein ins Auto

Mit 18 Jahren stieg er allerdings aus seiner Punkgruppe aus. Mit Heroin und Motorraddiebstahl wollte er nichts mehr zu tun haben. Und dass alle anderen mittlerweile Auto fahren konnten, machte ihn auch etwas neidisch. Seine aufregende Jugend in der Subkultur endete, er stieg in das Berufsleben ein. „Von meinem beruflichen Weg könnte ich Stunden erzählen“, sagt Jörn. Er übertreibt nicht. Fragen beantwortet Jörn mit ausschweifend langen Antworten. Denn Jörn erzählt gerne – und zu erzählen, hat er viel.

Nach seinem Schulabschluss probierte er vieles aus: Zivildienst als Rettungswagenfahrer, handwerkliche Arbeit im Hafen, eine kaufmännische Ausbildung. Letzteres war ihm zu steif. Hierarchien mag er nur auf dem Schiff. Oder bei einem Konzert. Über einen Nebenjob bei einem Festival und der Arbeit bei einem Prince Konzert im Millerntor-Stadium gelangte er in die Musikbranche. Lange schrieb er für die Hamburger Clubs „Docks“ und „Große Freiheit“ die (damals noch) analogen Programme, später gestaltete er Showcases für viele Bands auf der Reeperbahn.

Mitte der Neunziger gründete er eine Agentur. Sein siebenköpfiges Team spezialisierte sich auf Marketing, Pressearbeit und Eventmanagement, Jörn war erstmals in einer Führungsfunktion. Er sei ein „Chaos-Chef“ gewesen, sagt er. Zumindest früher. Für die gute Organisation waren die zumeist weiblichen Angestellten in der Agentur verantwortlich. „Die Erfahrung zeigte, dass Frauen im Schnitt einen besseren Durchblick haben, gut organisiert sind“, sagt Jörn. Von außen gab es dafür reichlich sexistische Kommentare. Auf sich sitzen lassen, hat er das nie. Bei solchen Anfeindungen ist er empfindlich. Seine Mitarbeiterinnen zu verteidigen, war für ihn selbstverständlich. Für andere einstehen, das will er auch heute noch.

Kampagne gegen rechte Gewalt: „Das darf nicht sterben“

Sein Verein „Laut gegen Nazis“ entstand aus einer Kampagne des Magazins „Stern“. Unter dem anfänglichen Titel „Mut gegen rechte Gewalt“ sah Jörn die Kampagne auf dem Titelbild der Zeitschrift und fühlte sich angesprochen. Er besann sich auf seine Jugend, die alten Fragen kamen wieder hoch. „Ich wusste sofort, dass ich mein Fachwissen zur Öffentlichkeitsarbeit, was ich gelernt und erfolgreich praktiziert hatte, da viel sinnstiftender nutzen könnte.“ Er engagierte sich. Als die Kampagne eingestellt werden sollte, war Jörn kurzerhand klar: Das darf nicht sterben.

Obwohl seine Agentur Insolvenz anmeldete, erklärte er sich bereit, das Ganze fortzusetzen. Ein Investor unterstütze ihn. Die einzige Bedingung von Jörn: Seine Mitarbeiter:innen müssen mitkommen.

17 Jahre engagiert sich Jörn nun schon

Er führte die Idee erst als Kampagne weiter, gründete 2004 den Verein. Seitdem engagiert er sich mit diesem auf Social Media, in Schulen, bei Demos und Konzerten.

Die Mittel sind so vielfältig wie abwechslungsreich: Von aufklärenden Schulworkshops über T-Shirt-Verkauf bis hin zu Social-Media-Kampagnen gegen Hass im Netz – „Hauptsache machen“, so lautet Jörns Motto. Ein Fokus von ihm ist dabei immer, die vielen weiteren Initiativen, Vereine und vor allem Menschen mitzunehmen, die sich für dieselben Themen engagieren. Ihnen will er die Öffentlichkeit geben, die „Laut gegen Nazis“ bieten kann. „Wir sehen nie die Menschen, die mit Herz und Seele ihr eigenes Leben fast aufgeben, um für eine gute Sache zu kämpfen, um wirklich eine Verbesserung zu erreichen.“

Seit mehr als 17 Jahren macht er das nun. Die längste Sache, die er je gemacht hat. Jörn nimmt einen weiteren Zug von seiner Zigarette. Er dreht den Kopf und schaut zufrieden auf das Wasser.