Plaudern, frische Luft genießen, Leute gucken – Marko Schier fährt die Bewohner:innen von Hamburger Pflegeheimen in seiner Rikscha durch die Stadt. FINK.HAMBURG-Redakteur Benedikt Scherm hat den 48-Jährigen dabei begleitet.

Man kommt nicht weit, wenn man mit Marko Schier in der Rikscha durch die Sternschanze fährt. Hier ein Zigarettchen, selbstgedreht, filterlos. Kurzer Schnack über das Impfzentrum und die Kletterwand im Flora-Park. Da einen Kaffee. „Willst du auch einen? Ne? Ok, kein Problem“. Weiter geht’s. Auf der anderen Straßenseite steht ein Kioskbetreiber: „Guck nicht so, heute darfst du nicht mitfahren.“ Lachen. Halt, stopp, umdrehen. „Phillipp!“ „Moin!“ „Bringst du uns ´nen Cocktail?“ „Ne, den kannst du dir schön selber holen. Geht was am Wochenende?“ „Bestimmt, hab noch den Dreh mit K.I.Z., aber ansonsten.“

Lange hat er im Viertel gewohnt und gearbeitet, die Schanze ist seine Gegend. Sobald die Rikscha das Schulterblatt verlässt, wird es ruhiger und so auch Schier selbst. Er fängt an zu erzählen – darüber, wie es ist, mitten in der Corona-Pandemie und damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen eine Institution zu gründen, um Leute zusammenzubringen: Convenit, einen interkulturellen Verein zur Förderung der Völkerverständigung. Dafür hat er sich mit der Jugend- und Seniorenarbeiterin Kathy Hirsch Chibac zusammengetan. Sie sind schon lange befreundet und beide haben eine große Familie: Schier hat fünf Kinder zwischen zwei und neun Jahren, Hirsch Chibac sogar sieben.

Inspiration für Senioren-Rikschas aus Kopenhagen

Zusammen hatten sie die Idee zur Senioren-Rikscha, einem Angebot für Bewohner:innen von Hamburger Altenheimen, die von Ehrenamtlichen mit dem Fahrradtaxi abgeholt werden und dann eine Runde durch die Stadt drehen. Dabei können sie plaudern, „Leute gucken“ und die frische Luft genießen, selbstverständlich kostenlos. Inspiration fand Schier dafür in Dänemark: „Ich hab das in Kopenhagen gesehen. Das flasht so ab. Die sitzen da vorne drin, die Leute winken ihnen zu. Und dadurch haben sie wieder das Gefühl am Start, wieder ein Teil der Gesellschaft zu sein.“

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Auf dem Heiligengeistfeld warten an diesem Mittwochnachmittag bereits die vier Teilnehmenden der Rikscha-Schulung, als Marko Schier mit dem roten Gefährt die große asphaltierte Fläche erreicht. Er trägt Jeans, Hoodie, Regenjacke und seine ergrauten Haare spitzen unter der Mütze hervor. In der Hand hält der 48-Jährige wieder eine Selbstgedrehte – unangezündet. „Murat hat vorhin mein Feuer eingesteckt, die Ratte“, sagt er lachend und erklärt dann kurz die wichtigsten Infos zur Rikscha: „Am Wichtigsten ist das aktive Schalten. Immer ganz runter, sonst kommt ihr nur schwer wieder los!“. Nun dürfen die Freiwilligen selbst ihren ersten Runden und Achter drehen, während sich Schier bei einer neugierig stehengebliebenen Passantin ein Feuerzeug leiht.

Durch den eingebauten Elektromotor kann das dreirädrige Gefährt bis zu 250 Kilogramm transportieren. Einkaufsfahrten oder Arztbesuche sollen aber im Rahmen der Fahrten für Convenit nicht erledigt werden, denn die gemeinsame Zeit steht im Vordergrund. Die 6500 Euro Anschaffungskosten für die bisher einzige Rikscha des Vereins übernahm eine Stiftung, um die Finanzierung für eine zweite kümmern sich der Verein gerade. Die Koordination der rund 20 Fahrer:innen übernahm Schier am Anfang noch selber, inzwischen gibt es einen digitalen Kalender, auf den sowohl Ehrenamtliche als auch die Mitarbeitenden der Altenheime Zugriff haben.

Die Rikscha bringt alte Erinnerungen zurück und weckt Aufmerksamkeit

Vier Hamburger Heime sind bis jetzt dabei und in ihnen leben auch Menschen mit Demenz. Gerade bei diesen wecken die Touren mit der Rikscha Erinnerungen, sagt Schier: „Am schönsten ist es, wenn die hier in der Ecke gewohnt haben. Dann fahren wir da natürlich hin und plötzlich kriegen sie das alte Wissen wieder, fangen an zu erzählen.“

Nach der Schulung können die Ehrenamtlichen selber entscheiden, wann und wie oft sie mit der Rikscha fahren. Passagierin heute: Marta Bartsch, 93, früher begeisterte Handballspielerin. Die Fitness hat sie auch bis ins Alter behalten, wäre da nur nicht dieser blöde Sturz vor ein paar Jahren gewesen, seitdem sind Hüfte und Knie verletzt und sie wohnt im Seniorenheim Stadtdomizil im Schanzenviertel.

Heute soll es mit Chauffeur und Stadtführer Marko in Richtung Hafen gehen, doch nach gut zehn Minuten steht die erste Pause im Wohlers Park  an. Schier hat einen Bekannten getroffen, es ist mal wieder Zeit für einen kleinen Schnack und nebenbei kann der 48-Jährige bei Neugierigen sogar noch Werbung für den Verein machen. Marta Bartsch wartet geduldig und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sie beobachtet das Treiben im Park und genießt die Blicke der passierenden Menschen. Die Rikscha ist Aufmerksamkeitsmagnet und Werbeblock in einem.

Baubiologe, Buchautor und Bilderproduzent

Die Seniorenrikscha ist nur eines von vielen Projekten, an denen Marko Schier beteiligt ist. Der gebürtige Frankfurter ist studierter Baubiologe. Ein Job bei dem man, wie er sagt, kranke Häuser gesund macht und Investoren bei ökologischen Bauvorhaben berät. Zudem produziert er VR-Filme, Drohnenaufnahmen und Musikvideos, etwa für die Berliner Rapgruppe K.I.Z.. Außerdem veröffentlichte er ein Buch über das „Leben in der Natur“, vor allem um seinen Kindern Wissen weiterzugeben.

Wie passt das alles zusammen? „Ich habe schon immer viele Sachen gemacht. Ich habe lange Zeit für Werbefilme gearbeitet, da bist du aber nie zu Hause und mit den ersten Kindern war dann klar, so kannst du nicht weiter machen“, sagt er. So sei er in die Immobilienbranche gekommen, aber das ihm zu langweilig gewesen. Deshalb wechselt er nun zwischen vielen Aufgaben. „Naja und als Producer mache ich quasi das, was ich im Verein auch mache: Leute zusammenbringen“, so Schier.

Hans Albers in der Rikscha

Heute bringt er Marta Bartsch sogar zum Singen: Als die beiden mit der Rikscha in St. Pauli an einem Hans-Albers-Wandgemälde vorbeifahren, stimmt Schier den Klassiker „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ an und die 93-Jährige fällt sofort mit ein.

Nach gut 90 Minuten ist die Rundtour vorbei. Bartsch lässt sich die letzten Strahlen der Abendsonne ins Gesicht scheinen und die Rikscha fährt mit gemütlichen zehn Kilometern pro Stunde zum Stadtdomizil zurück. Das Heim ist mittlerweile eng mit seinem Verein verbunden. Schiers Schwester gibt den Senioren hier regelmäßig Fitnesskurse. Ein Wildkräutergarten im Schanzenpark und eine Veranstaltungsreihe namens „Kochen ohne Grenzen“ sind bei dem Verein ebenfalls in Planung.

Kennengelernt haben sich Schier und seine Mitstreiterin Hirsch Chibac übrigens, als Schier mit seinem Wohnmobil in der Sternschanze ein Parkplatz gesucht hat. Schließlich stellte er sich einfach auf einen abgesperrten Bereich vor dem Haus, in dem Chibac wohnt. „Dann kam jemand runter und wollte mir auf die Nase hauen. Das war Kathys Mann,“ sagt Schier und lacht. Aus dem anfänglichen Disput ist eine Freundschaft geworden.

Heute wohnt Schier mit seiner Familie in Dithmarschen an der Nordsee. Sein Wohnmobil steht auf dem Heiligengeistfeld, wenn er für seine Projekte in Hamburg unterwegs ist, schläft er dort. Durch die Schanze fährt er nur noch selten damit. Dafür gibt es ja jetzt die Rikscha.