Anika Grönwoldt hilft im Hamburger Wildtier- und Artenschutzzentrum aus. Verletzte, verwaiste und leider auch zu Unrecht hergebrachte Tiere werden dort rund um die Uhr versorgt. Allerdings schaffen es nicht alle, wieder auf die Beine zu kommen. Dann kommt die Natur zu ihrem Recht. Für Anika eine harte, aber wichtige Lehre.

Anika Grönwoldt sitzt im Auto und tippt eine Adresse in ihr Smartphone ein. Auf der Rückbank des Autos liegt ein Rennrad, an den Reifen klebt getrockneter Matsch. „Ich fahre das schon seit Tagen mit mir rum. Eigentlich soll das in die neue Wohnung, aber für Kleinigkeiten ist gerade einfach keine Zeit da.“

Es ist ein kühler, unbeständiger Sonntagvormittag im April. Die Navigation führt über die A7. Auf die Frage, ob unser Besuch im Hamburger Wildtier-und Artenschutzzentrum ihr nicht die Zeit für den anstehenden Umzug raube, antwortet sie: „Nein, darauf freue ich mich jetzt. Ein bisschen Ruhe im Vergleich zum Chaos der letzten Wochen.“

Pflege, Politik, Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senioren kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als Langweilig, Ehrensache.

Anika ist ungeschminkt. Die braunen, ungefärbten Haare sind offen. Sie trägt alte Vans und ein kariertes Hemd im Holzfäller-Stil über dem grünen Hoodie. Über ihre langen Beine hat sie heute eine alte Jeans gezogen. Die Kleidung muss robust sein, wenn man Wildtiere pflegt. Ihr Blick ist eindringlich, als sie über die Wildtierstation und ihre Beweggründe für den Freiwilligendienst spricht: „Seit ich hier aushelfe, weiß ich, wie viel Irrglauben es zum Thema Naturschutz gibt. Ich hätte mir in der Schule eher gewünscht zu lernen, wann ein Igel hilfsbedürftig ist, anstatt beigebracht zu bekommen, wie man einen Frosch seziert.“

Oberstes Ziel ist die Auswilderung

Sobald sie die Autobahn abfährt, schaltet Anika die Navigation aus. Hier in der Natur kennt die 31-Jährige sich besser aus als auf den Straßen der Hamburger Innenstadt. 30 Kilometer nordöstlich von Hamburg, im Kreis Pinneberg, befindet sich das Wildtier- und Artenschutzzentrum. Mehr als zweitausend in Not geratene Wildtiere werden hier versorgt. Sie sind entweder verwaist, krank oder verletzt. Am Eingangstor der Anlage hängt eine Glocke. Wer ein Tier abgeben möchte, läutet hier. Meistens klingeln Menschen aus Hamburg und Umgebung.

Auch das Ordnungsamt oder die Polizei stehen öfter vor dem Tor. Beschlagnahmte Tiere ohne Papiere, die nicht artgerecht gehalten wurden, finden hier ihr temporäres Zuhause. „Und Tiere, auf die man eben keine Lust mehr hat“, bemerkt Anika kopfschüttelnd. Das oberste Ziel der Wildtierstation ist, die Tiere wieder auszuwildern. Doch einige bleiben für immer, denn sie sind zu zahm und würden in der freien Wildbahn nicht überleben.

Transportboxen säubern tut einfach gut

Anika strahlt, sobald sie das Gelände betritt. Inhaber Christian unterhält sich vor dem Hauptgebäude mit einer Familie, die zu Besuch ist. Anika grüßt die Runde herzlich. Der Ort ist ihr vertraut. Im Pausenraum legt sie ihren Rucksack ab. Darin befindet sich Wasser und geschnittenes Gemüse. Im Sommer bleibt sie manchmal den ganzen Tag: Von morgens um 8 bis nachts um 23 Uhr. Dann ist nämlich Hochbetrieb. „Mein Freund war anfangs etwas verwundert, weil ich immer so spät nach Hause kam. Einmal rief er in der Station an und fragte, ob ich noch da bin. Er hat sich Sorgen gemacht.“ Hier in der Natur vergisst Anika die Zeit. „Wenn man aus dem Bürojob kommt, tut das einfach gut: Transportboxen säubern, Heulager aufräumen, Spenden sortieren.“

„Ich weiß, dass ich damit die Welt ein kleines bisschen besser mache.“

An diesem Tag ist es ruhig: Zuerst ein Rundgang und dann werden die Boxen der Igel gesäubert. Annika kennt fast jedes Wildtier auf dem Gelände und dessen Geschichte. „Man erfährt hier Sachen, die man im Tierpark nicht erfährt. Ich sage mal so: Insiderwissen.“ Tiere habe sie schon immer geliebt und sie weiß, dass Vereine wie dieser von Spenden leben. Doch das Geld hat sie nicht. „Dafür kann ich meine Zeit spenden und helfen. Ich weiß, dass ich damit die Welt ein kleines bisschen besser mache.“

Die Station fand Anika letztes Jahr über Google. Für einen Freiwilligendient kontaktierte sie mehrere Tierheime, aber um dort auszuhelfen, müsste sie eine Schulung machen. Hier im Wildpark ist das nicht nötig. Auf dem 2,6 Hektar großen Gelände ist jede Hilfe gefragt, denn er finanziert sich – anders als die Tierheime – maßgeblich durch Spenden.

Die Waschbären Fred und Frida sind ihre Lieblinge

Anika holt eine Erdnuss aus ihrer Hosentasche, als sie das riesige Waschbärengehege betritt. Fred und Frida werden auf die große Frau aufmerksam. „Das sind meine Lieblinge“, sagt sie. Fred klettert zuerst aus seinem Baumhaus und den großen Ast entlang. Er schnappt sich die Nuss und wird neugierig. Anika lässt den Waschbären auf ihren Rücken klettern. Dass er sie fest mit seinen langen Pfoten greift, stört Annika nicht. Dafür hat sie die dicke Kleidung angezogen. Frida sitzt bereits erwartungsvoll auf dem anderen Ast, sie bekommt die zweite Nuss. An dem Ast ist ein Spielzeug aus einer alten Pfandflasche festgebunden. „Das habe ich gebastelt. Wildtiere in Gefangenschaft müssen beschäftigt werden, damit ihnen nicht langweilig wird.“ Die beiden Waschbären bleiben hier, sie dürfen nicht ausgewildert werden. „Waschbären sind invasiv. Sie gehören eigentlich nicht hierher“, erklärt sie.

Das Härteste ist der Naturzyklus

„Komm, wir schnappen uns den Fuchs und hauen ab“, sagt Anika. Ein Witz, aber man sieht gleichzeitig die Traurigkeit in ihren Augen, als sie das Gehege mit den Adlern verlässt. Für den jungen Fuchs ist das Wildtier- und Artenschutzzentrum heute die letzte Station.

Anika ist mit solchen Situationen bereits vertraut. Seit eineinhalb Jahren hilft sie hier freiwillig aus. Wenn die Zeit es ihr erlaubt, fährt sie mehrmals die Woche hin. Dennoch, solche Momente sind für sie die schlimmsten. Der junge Fuchs ist krank und hat es trotz mehrerer Rehabilitierungsversuche nicht geschafft, auf die Beine zu kommen. Nun soll er Futter für die Greifvögel werden. „Das ist das Härteste, was man hier lernen muss: der Naturzyklus. Das zu verinnerlichen, tut halt weh.“

Einige solcher „letzter Maßnahmen“, wie die mit dem kleinen Fuchs, ließen sich vermeiden. Es kommt vor, dass Personen aufgefundene Jungtiere mitnehmen und zur Station bringen. Was viele aber nicht wissen: Jungtiere werden oft von ihrer Mutter über den Tag allein gelassen. Durch überstürztes Eingreifen werden die Kleinen aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen.

Ein Instagramkanal soll Irrglauben aus der Welt schaffen

Der Instagramkanal der Wildtierstation, den Anika mit der Auszubildenden Sina betreut, soll zusätzlich informieren: „Ich möchte Aufklärungsarbeit leisten. Die Menschen treten immer weiter in die Lebensräume der Wildtiere vor und das ist das Problem.“ Sie wünscht sich ein Tempolimit in bestimmten Gebieten. Das würde helfen, denn viele Greifvögel fliegen gegen Autoscheiben und enden dann mit gebrochenen Flügeln in Pinneberg. „Wir greifen immer weiter ein und dadurch gerät das Ökosystem ins Ungleichgewicht. Jedes Tier hat seinen festen Platz im Kreislauf: ohne Insekten keine Vögel und keine bestäubten Pflanzen.“

Im Sommer letzten Jahres sollte Anika drei Paletten mit männlichen Küken bei einem Bauern abholen. Die werden an die Schlangen, Füchse und weitere Tiere auf dem Gelände verfüttert. Das war kein schönes Erlebnis, erzählt sie ernst. „Aber so ist es in der Natur halt gewollt. Viel schlimmer ist einzusehen, dass man dem Tier nicht mehr helfen kann, obwohl es noch agil ist.“ Anika ist überzeugt: Naturschutz muss verstärkt gelehrt werden und Irrglauben aus der Welt geschaffen werden.