Der Lockdown ist vorbei, das Leben ist zurück. Doch so richtig freuen kann sich FINK.HAMBURG-Redakteurin Elena über die Lockerungen nicht. Der Grund? Eine lähmende Mischung aus Corona-Fomo und Reizüberflutung.

Die Sonne strahlt aus allen Knopflöchern, auf Hamburgs Straßen herrscht buntes Treiben und Corona wirkt beinahe wie ein böser Traum. Und ich? Ich sitze Zuhause, auf dem gleichen unbequemen Küchenstuhl, auf dem ich nun schon seit Monaten sitze, starre aus dem Fenster und habe Schweißausbrüche – und das, während mir „der Sommer meines Lebens“ mit der FFP2-Maske in der Hand spöttisch zuwinkt.

Von Corona Lockerungen und schwitzigen Händen

Es wäre zu schön, wenn ich meine klammen Handflächen einfach dem Klimawandel in die Schuhe schieben könnte. Sie mit einem erklärenden „Krass ist das heiß heute!“ gekonnt abtun könnte. Aber nein, nach kurzer Hochphase haben sich Hamburgs Sommertemperaturen wieder auf ihren soliden, nass-windigen 21 Grad eingependelt. Die Ausrede: futsch.

Gut, der wahre Grund für meine Anspannung ist auch ein anderer: Während (gefühlt) der Rest der Welt Aperol-schlürfend um die Häuser zieht und die Corona Lockerungen voll auskostet, scheine ich vergessen zu haben, wie die Sache mit der Freizeitplanung eigentlich funktioniert. Stattdessen fühle ich eine lähmende Mischung aus Neid und Rastlosigkeit – verdammt, ich glaube das ist Fomo, die Angst etwas zu verpassen, die mich lähmt.

15 lange Pandemiemonate haben wir alle ein Leben auf Sparflamme geführt und dabei auf wahnsinnig viel verzichten müssen: Freund:innen treffen, Ausgehen, Urlaub. Ja sogar der Arbeits- oder Unialltag hat schmerzlich gefehlt und tut das teilweise immer noch. Hinzu kamen Existenzängste und Dauersorgen um die Liebsten. Die Lockdown-Monate waren extrem hart, das gilt es nicht infrage zu stellen. Und doch hat diese besondere Zeit, neben allen ihren Entbehrungen, für mich auch Vorteile gehabt.

Lockdown-Blues

Wenn ich auf die Lockdown-Zeit zurückblicke, dann fühle ich mich an meinen Lieblingswochentag erinnert: den Sonntag.

Warum denn gerade Sonntag, der wohl langweiligste Tag der Woche? Eben drum. In Sonntagen steckt so viel Ruhe: Menschen schlafen aus, frühstücken lang, lassen den Tag in Zeitlupe beginnen – es ist schließlich Sonntag, das gehört sich so. Keine Termine, keine Verpflichtungen, dafür Frühstücksbrötchen und ausgedehnte Spaziergänge, vorbei an beruhigend dunklen Schaufenstern. Sonntage stehen für Müßiggang ohne schlechtes Gewissen.

Es ist eben jene Sonntagsruhe, die ich auch am Lockdown so mochte. Das Hamsterrad des Lebens stand für kurze Zeit still, Produktivität galt nicht länger als Maß der Dinge – sofern man von Sauerteig und Sprach-Lern-Apps mal absieht. Eine kurze Atempause für die Hustler-Mentalität. Wenn die Pandemie für eines gut war, dann ja wohl für etwas Entschleunigung. Doch mit der ist es jetzt vorbei: Life is back und ich bin überfordert.

Corona Lockerungen: Sinkende Inzidenz, steigendes Stresslevel

Mit dem stetig sinkenden Inzidenzwert steigt mein Stresslevel ins Unermessliche: essen gehen, Ausstellungen, Kneipen. Es ist der schiere Überfluss an Möglichkeiten, der mich in meiner Post-Corona-Freizeitplanung maßlos überfordert. Doch mein sozialer Akku giert nach Input, will alles auf einmal, so viel wie möglich.

Das Dilemma: Mein Kopf macht da nicht mit. Zu abrupt kam der Wechsel, zu gelernt sind die Pandemie-Verhaltensmuster. Lockerungen hin oder her: Menschenmengen lassen mich immer noch zusammenzucken, in geschlossenen Räumen ohne Lüftungsmöglichkeit beschleicht mich Aerosol-Beklemmung und meine Güte, sind Jeanshosen ungemütlich! Hat mich der Lockdown dauerhaft verkorkst?

Die Devise: Fuß vom Gas

Die Antwort auf diese Frage lieferte der erste laue Sommerabend, ein Tisch in der Außengastro und eine eiskalte Limo: Nein, hat er nicht. Eingelullt in eine Geräuschkulisse aus Gelächter, Geschirrgeklapper und angeregten Unterhaltungen wurde mir plötzlich klar: Alles, was ich brauche ist eine Eingewöhnungsphase. Zeit, mich an dieses neue, alte Leben heranzutasten.

Es ist das Zugeständnis, über Instagram-Stories hinwegzusehen, die Kneipe auch mal Kneipe sein zu lassen und einem #wirbleibenZuhause die Rolle als berechtigte Abendplanung nicht abzusprechen. Und schließlich die Einsicht, dass der neidisch beäugte Rest der Welt wohl kaum dauersozialisierend am Aperitif nippt – sondern vermutlich den genau gleichen Druck verspürt, wie ich.

Wozu die Eile? Das Leben läuft uns nicht davon, ganz im Gegenteil. Wenn der Fuß nicht mehr auf dem Gaspedal liegt, dann können sich Unternehmungslust und Entschleunigung ganz wunderbar ergänzen – so ein bisschen Sonntagsruhe hat schließlich noch keinem Tag geschadet.

Illustration: Catherine Kuhlmann

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Elena Bock geht nie ohne Vorfreude auf ihr Müsli am nächsten Morgen schlafen. Über ihr Lieblingsfrühstück unterhielt sie sich auch schon mal zehn Minuten mit dem Musiker Harry Styles, als er einen Kaffee bei ihr bestellte. Geboren ist Elena 1995 in Karlsruhe. Für ihren Bachelor in Kommunikations- und Multimediamanagement verschlug es sie zunächst nach Düsseldorf. Dort hat sie neben dem Studium in einer Presseagentur gearbeitet und unter anderem ein Onlinemagazin für Immobilien, Kultur sowie Nachhaltigkeit betreut. In Hamburg entdeckte sie durch Praktika – beim Emotion Verlag und „Women‘s Health“ – das journalistische Arbeiten für sich. Wenn Elena mal eine Auszeit braucht, geht sie alleine ins Programmkino oder liest ein Buch. Ihre Lieblingsautorin war schon immer Cornelia Funke, auch die hat übrigens an der HAW studiert. Kürzel: ebo

2 KOMMENTARE

  1. […] Die Corona-Pandemie rückt die Problematik der Einsamkeit verstärkt in den Fokus. Isolation durch Quarantäne, Abstandsregeln und Einschränkungen der Personen bei einem Treffen: Das alles belastet vor allem psychisch kranke Menschen stark. Aber auch Menschen, denen es mental gut geht, geht die Corona-Situation nah. Zum Beispiel durch die ständig wechselnden Regelungen. Mal droht lähmende Langeweile, mal Reizüberflutung. […]

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