Über 90 Teilnehmer:innen entwickelten Anfang Juni in einem offenen Workshop erste Ideen zur Gestaltung dreier Plätze. Das Ziel: Flächen schaffen, an denen sich Menschen gerne treffen und aufhalten und damit eine lebendige Innenstadt fördern.

Grau und ungemütlich – einfach nicht schön. So nehmen Bürger:innen drei Plätze der Hamburger Innenstadt aktuell wahr: Gerhart-Hauptmann-Platz, Gertrudenkirchhof und Bei der Petrikirche. Sie sind weitestgehend ungenutzt und stellen eine leere, verlorene Fläche dar. Doch das soll sich ändern. In diesem Sommer sind Reallabore für eine lebendige Innenstadt angedacht.

Reallabore sind (öffentliche) Räume, in denen Ideen und Projekte temporär erprobt werden. Diese betreffen meist Themen wie die Bau-, Klima-, Mobilitäts- oder auch die Innenstadtwende. Durch Reallabore werden Daten und Informationen gesammelt, die wir brauchen, um Lösungen für unsere Zukunft zu entwickeln.

Bei einem Online-Workshop am 8. Juni legten rund 90 Teilnehmende per Videokonferenz ihre Ideen dar: Open-Air-Kino, Theater im Freien und Platz für einen direkten Austausch sind nur einige der Vorschläge. Den Workshop „Mach Platz – Ideen für lebendige Plätze in der Innenstadt gesucht“ veranstaltete die Patriotischen Gesellschaft gemeinsam mit der Initiative Altstadt für Alle, der Körber-Stiftung und dem Hamburg Konvent. Zusammen rufen sie auf, Ideen für die drei Plätze in der Hamburger Innenstadt zu entwickeln.

Plätze für Bürger:innen, Plätze von Bürger:innen

Wibke Kähler-Siemssen, Geschäftsführerin der Patriotischen Gesellschaft und Mitglied des Sprecherteams der Initiative Altstadt für alle!, moderierte zusammen mit Birgit Detig, Cities Director Berlin, Hamburg und München bei Arcadis, den Online-Workshop. Auch FINK.HAMBURG war dabei.

Die Teilnehmenden teilt sich in drei Videokonferenz-Gruppen, je Platz eine Gruppe. Birgit Detig sagte zu den Teilnehmer:innen zu Beginn des Workshops: „Der Ruf nach einem vielfältigen Nutzungsmix rüttelt uns alle wach. Der Innenraum tritt mit dem Außenraum stärker in Beziehung.“

Die Arbeitsgruppe „Gertrudenkirchhof“ entwickelte Konzepte, die zu einer neuen Platzidentität beitragen sollen. Durch Stühle und Tische in bestimmten Farben oder Mustern könne eine Corporate Identity für den Platz entwickelt werden. Auch die umliegenden Gebäude, Bildungsinstitutionen und das Gewerbe sollen in die Neustrukturierung miteinbezogen werden. Beispielsweise könnten Leinwände an Fassaden zu einem regelmäßigen Open-Air-Kino einladen. Oder die am Platz ansässige Macromedia Hochschule gemeinsam mit der Kunsthalle ein Kulturangebot für den Platz erarbeiten.

Auch das Team „Bei der Petrikirche“ sieht temporäre Möglichkeiten für den Platz: Urbangardening-Projekte mit der anliegenden KITA, eine mobile Platz-Bibliothek mit beweglichen Stadtmöbeln. Auch eine Kooperation von Musik- und Theater-Studierenden mit dem Thalia Theater wurden vorgeschlagen.

Das Thalia Theater war aufgrund seiner Lage besonders in die Gruppe des Gerhard-Hauptmann-Platzes mit eingebunden. Temporäre Bühnen könnten für alle Bürger:innen den Zugang zur Kultur erleichtern. Auch wünschten sich Teilnehmer:innen, den Platz für Floh- oder Nachtmärkte zu nutzen oder leerstehende Läden mit Pop-Up-Stores zu beleben. Ein Lichtkonzept, das sich über alle drei Plätze erstreckt, könnte die öffentlichen Räume gestalterisch miteinander verbinden.

Lebendige Innenstadt: Aufruf zum gemeinsamen Diskurs

Besonders die letzten Monate der Corona-Pandemie haben deutlich gemacht, wie wichtig öffentliche Räume für die Bürger:innen sind. Auch Hamburg hat, wie viele andere deutsche Städte, durch die Pandemie an Attraktivität verloren.

„Gemeinsam wollen wir eine Innenstadt entwerfen, in der was los ist. Wir wollen Platz machen für Begegnungen und Veranstaltungen – auch jenseits von Marathon und Weihnachtsmarkt“, sagen die Veranstalter:innen. Die Stadtentwicklungssenatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt führte im Online-Workshop mit einem Statement an das Thema heran: „Für alle drei Orte sind Anregungen herzlich willkommen. Denn so sehr sich die Ansprüche an die öffentlichen Räume wandeln, so wichtig ist die Kommunikation dieser Bedürfnisse in Richtung Politik und Verwaltung.“

Vor kurzem haben fünf Initiativen, darunter die Esso-Häuser und Sternbrücke, ein Manifest veröffentlicht: „Moin Hamburg, so geht Stadt„. In diesem fordern die Initiativen eine nachhaltige Stadtentwicklung und mehr Mitbestimmungsrechte für Bürger:innen.

Mehr Aufenthaltsqualität durch Begrünung

Frau Dr. Stapelfeldt betonte in ihrem Statement außerdem, dass der Gerhard-Hauptmann-Platz bereits in den letzten Jahren einige Fördergelder erhalten hat: „In den Gerhard-Hauptmann-Platz wurde schon viel investiert. Zuletzt im Rahmen der Sanierung und Aufwertung von 13 Plätzen in allen sieben Bezirken mit einem Investitionsvolumen von rund 10 Millionen Euro seit 2019.“

Laut Stapelfeld sollen nach dem Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft in den nächsten beiden Jahren insgesamt 29 Millionen Euro zur Unterstützung von mehr Wohn- und Nutzungsvielfalt in der Innenstadt zur Verfügung gestellt werden. Zum Beispiel für Projekte wie den Gröninger Hof. Das alte Ziel-Bild, eine autogerechte Stadt zu sein, sei längst überholt und durch neue Ziele ersetzt, sagte die Stadtentwicklungssenatorin. „Ich finde unsere Innenstadt sollte insgesamt mehr Aufenthaltsqualität erhalten. Mehr Aufenthaltsqualität heißt für mich eine intensivere Begrünung des Stadtraums.“

Wie geht es weiter?

Die gesammelten Ideen sollen nicht verpuffen. „Wir wollen die Ideen möglichst schnell voranbringen“, sagt Wibke Kähler-Siemssen. „Unser Ziel ist es, ab August Aktivitäten auf den Plätzen umzusetzen.“ Allerdings komme es auf die Komplexität der finalen Ideen an und darauf, ob diese von der Stadt genehmigt und finanziell unterstützt werden. Die Arbeitsgruppen treffen sich in den nächsten Wochen, um an den Impulsen für die Reallabore weiterzuarbeiten. Interessierte können sich auch jetzt noch über die Patriotische Gesellschaft anmelden. Diese vermittelt Interessierte dann an die Arbeitsgruppen weiter.

„Wenn man Gutes tun will, müssen Rahmenbedingungen stimmen“, sagt Frau Kähler-Siemssen. Falls bei der Umsetzung der Reallabore Hürden entstehen, könne das Projekt letztendlich auch dazu dienen, diese sichtbar zu machen. „Dann kann man sehen, was eine zivilgesellschaftliche Beteiligung an der Mitgestaltung der Stadt gegebenenfalls hindert. Und dieses an die Politik herantragen.“

Titelfoto: Vanessa Schmid/Unsplash