Sarah Timmann ist Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und deutschlandweit die jüngste SPD-Landtagsabgeordnete. Auch gemeine Kommentare einiger Altpolitiker:innen ändern nichts daran, dass sie etwas bewegen will.

Unscheinbar liegt das Abgeordnetenbüro von Sarah Timmann zwischen einer leerstehenden Ladenfläche und dem Eingang eines Mehrfamilienhauses in Hamburg-Dulsberg. Der Raum ist spärlich beleuchtet, ein Lamellenvorhang vor der großen Fensterfront bricht das Tageslicht. Doch das karge Umfeld scheint Sarah nicht zu stören. Sie setzt sich an den großen Konferenztisch in der rechten Hälfte des Raumes und sieht zufrieden aus. Schließlich ist ihr eigenes Büro ein Zeichen für den ersten großen Erfolg in ihrer politischen Karriere.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Im März 2020 wurde Sarah mit 22 Jahren als Abgeordnete für den Wahlkreis Barmbek-Uhlenhorst-Dulsberg in die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Seitdem ist sie bundesweit die jüngste SPD-Landtagsabgeordnete. Von da an ist viel passiert: Mittlerweile ist die heute 24-Jährige verbraucherschutzpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sitzt in den drei Ausschüssen Sport, Justiz und Verbraucherschutz sowie Umwelt, Klima und Energie. Ihr Ziel hinter ihrem politischen Engagement ist groß: „Ich möchte die Welt ein Stückchen besser machen“, sagt Sarah. Sie lacht und schließt an: „Das hört sich vielleicht klischeehaft an, ist aber so.“

„Junge Menschen sind die Zukunft“

Die Jugend nehme eine wichtige Rolle in der aktuellen Politik ein, so Sarah. Sie wirkt plötzlich sehr ernst. „Wir entscheiden jetzt schon darüber, wie wir in späteren Jahren leben werden.“ Das gelte nicht nur für das Klima, sondern auch für finanzielle Entscheidungen, Modernisierungen und Investitionen. „Viele Entscheidungen, die wir jetzt treffen, sind später einfach nicht mehr aufzuheben.“

Politik ist ein Ringen um den richtigen Weg – und das wird auch häufig mal persönlich.

Sarah Timmann beim Interview in ihrem Abgeordneten Büro
Sarah Timmann beim Interview in ihrem Abgeordneten Büro. Foto: Alina Pinckvoß

Doch gerade ihr Alter macht der jungen Politikerin häufig zu schaffen. Auf die Frage, ob sie sich von den älteren Politiker:innen immer ernstgenommen fühlt, antwortet sie noch bevor die Frage gestellt ist: „Nein.“ Und weiter: „Es gibt viele Sprüche“, sagt die 24-Jährige. Sie senkt den Kopf. Sie habe nie Probleme gehabt, sich in die neuen Themen einzuarbeiten, Anträge zu schreiben, neue Prozesse zu lernen oder sich mit den Haushaltstechniken auseinanderzusetzen. Doch Kommentare wie „Du bist noch jung und naiv, ich zeig dir mal, wie das geht“ nicht an sich heranzulassen, sei ihr am Anfang sehr schwer gefallen.

„Politik ist ein Wettbewerb um Ideen und Ringen um den richtigen Weg – und das wird auch häufig mal persönlich.“ Sarah versucht es ins Positive zu verkehren: „Ich finde, es ist auch eine gute Charaktereigenschaft von mir, dass ich mir Sachen zu Herzen nehme.“ Sie möchte eine gute Balance finden: konstruktive Kritik annehmen, degradierende Kommentare ausblenden.

Zuspruch motiviert

Aber natürlich gibt es auch andere Reaktionen. Ihr Gesicht erhellt sich, als sie vom Vorstandsvorsitzenden der Verbraucherschutzzentrale spricht. Er habe sich sehr gefreut, dass eine junge Person den Sprecherposten für Verbraucherschutz übernimmt. Das bringe noch einmal frischen Wind.

Solche Aussagen motivieren Sarah. Und die Veränderung, die sie schaffen kann. „Ich habe früh gemerkt, dass man viel bewegen kann.“ Euphorisch erzählt sie von ihren politischen Themen wie der Garantieverlängerung für Verbraucher:innen oder der Förderung von Leistungs- und Breitensport für Kindern und Jugendliche in sozial schwachen Stadtteilen. Sie wirkt entschlossen, gestikuliert energisch. Die 1,61 Meter große junge Frau scheint nun ganz in ihrer politischen Rolle aufzugehen. Die kühle Atmosphäre des Büros tritt in den Hintergrund und auch der fast leere Konferenztisch sieht plötzlich gar nicht mehr so groß und einsam aus.

Spagat zwischen Ausbildung und Politik

Sarah Timmann vor ihrem Abgeordnetenbüro
Sarah vor ihrem Abgeordnetenbüro in Hamburg Dulsberg. Foto: Alina Pinckvoß

Sarah möchte mehr soziale Gerechtigkeit schaffen. Dafür nutzt sie nicht nur die Politik: Seit 2015 studiert sie Jura. Wenn sie gerade keine Arbeitskreistreffen, Fraktions- oder Bürgerschaftssitzung hat, findet man Sarah vertieft in ihre Gesetzbücher. „Schon seitdem ich sechs bin, wollte ich Richterin werden“, sagt sie. Ein zweites Standbein neben der Politik zu haben, sei für die junge Politikerin sehr wichtig. Sie möchte sich eine berufliche Zukunft unabhängig von der Politik aufbauen. Eine Karriere, mit der sie auch ohne Regierungsmacht Einfluss auf das Land haben kann.

Im August tritt Sarah zum ersten Staatsexamen an. Das zweite Mal. Nicht, dass sie es beim ersten Versuch nicht geschafft hätte. Das Ergebnis war gut – aber sie will sich noch weiter verbessern: „Ich kann mehr“, sagt sie. Danach möchte sie promovieren. Alles neben der Arbeit als Bürgerschaftsabgeordnete natürlich. „Ich habe schnell das Gefühl, dass ich zu wenig mache, obwohl ich schon wirklich viel mache.“

Der Weg in die Politik

Dass Sarah ehrgeizig und zielstrebig ist, zeigt sich früh: Mit zehn beginnt sie mit dem Leistungsschwimmen, wechselt dazu an die Eliteschule des Sports in Hamburg und trainiert zehn Mal die Woche. „Ich wollte das unbedingt packen.“ Doch für Olympia reicht es nicht. Als sie mit 15 Jahren merkt, dass der ganz große Erfolg ausbleiben wird, legt sie ihren Fokus um. „Wenn ich nicht mehr im Kader bin, will ich auch gar nicht mehr dabei sein“.

Sie geht ins Ausland. Möchte sich danach aufs Abi konzentrieren. Aber das Jahr in den USA verändert sie. Sowohl ihre Schule als auch ihre Gastfamilie und Freunde sind dort politisch sehr konservativ bis rechts eingestellt. Rassistische Äußerungen gehören zum Alltag und Sarah erlebt, wie Homosexuelle öffentlich diskriminiert werden. „Ich habe in der Zeit eine starke Abneigung gegen diese Zustände entwickelt“, sagt Sarah. Als sie zurück nach Deutschland kommt, ist für die Schülerin klar: „Ich muss mich engagieren.“

2013 macht Sarah ein Praktikum im Bundestag. Die damals 16-Jährige ist fasziniert von der Politik, den Prozessen und den Menschen. Ihren Platz findet Sarah bei den JuSos Hamburg, den jungen Sozialdemokraten der SPD. Neben dem Abitur engagiert sie sich beim Kreisverband Hamburg-Nord. Ihr wird schnell Verantwortung übertragen. Sie ist auch damals schon die Jüngste.

Der Wahlabend 2020

Sarah sitzt immer noch am Konferenztisch in ihrem Büro. Eigentlich soll hier ihr ganzes Team Platz finden. Aufgrund der Corona-Pandemie spielt sich gerade vieles im Homeoffice ab. Sarah seufzt. Seit Corona habe sich die Arbeit als Bürgerschaftsabgeorndete verändert. „Der Spaßfaktor an der Politik ist eigentlich weggefallen und die Arbeit ist sozusagen geblieben,“ sagt Sarah. Sie vermisst die Teamsitzungen, Ausfahrten mit der Fraktion und gemeinsame Veranstaltungen.

Sarah betrachtet ein Bild vom Wahlabend im Februar 2020. Auf dem Foto ist sie zusammen mit Peter Tschentscher – Hamburgs Erstem Bürgermeister – und einer anderen Parteikollegin zu sehen. „Das war ein legendärer Abend“, sagt Sarah. Sie wirkt immer noch ergriffen, als sie von dem Gefühl der Gemeinschaft erzählt, dass sie erlebt, als klar ist, wie erfolgreich ihre Partei abschneidet – und wie schlecht die AfD. „Als es vorrübergehend hieß, die AfD würde es nicht in die Bürgerschaft schaffen, haben wir uns alle so doll gefreut, Luftsprünge gemacht und alle haben rumgeschrien“, sagt sie.

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Von Barmbek nach Berlin?

Als es die Pandemie im letzten Sommer zulässt, besucht Sarah die Vereine und verschiedenen Institutionen im Wahlkreis und erfährt aus erster Hand, wo sie helfen kann. „Das hat großen Spaß gebracht“, sagt Sarah. Sie fühlt sich verbunden mit ihrem Wahlkreis, ist selbst in Barmbek-Nord aufgewachsen und auf dem Dulsberg zur Schule gegangen. „Wir haben hier sehr schöne Orte und auch von den Menschen her sind wir ein unfassbar schöner Stadtteil“, sagt Sarah. „Ich bin sehr froh, dass ich diesen Wahlkreis repräsentieren darf.“

Leute, die eine politische Karriere planen, machen etwas falsch.

Trotzdem: Sarah möchte noch weiter. Wohin genau ihr Weg sie führen soll, weiß sie heute noch nicht. Sie könne sich sowohl eine Karriere in der Politik, als auch als Anwältin oder Richterin vorstellen. Auf die Frage hin, ob sie wie Olaf Scholz auch von Hamburg nach Berlin möchte, lacht sie. Politik sei nichts, was man planen könne: „Ich glaube, Leute, die eine politische Karriere planen, machen etwas falsch“.

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