Isabelle Mann hat das nachhaltige Stricklabel Faible and Failure gegründet und fertigt Klamotten – auf Anfrage pass- und wunschgenau. In ihrem Laden in der Glashüttenstraße verkauft sie ihre Fair Fashion. FINK.HAMBURG-Redakteurin Marieke Weller hat mit Isabelle übers Stricken, zertifizierte Wolle, das Gründen und eine eigene Schafzucht gesprochen. 

Alte, blau-weiß gemusterte Kacheln am Boden, flauschige Strickpullover und -Cardigans in verschiedenen Farben hängen an Stangen von der Decke. Hinten im Laden ein Tresen mit grüner Marmorplatte. Darauf eine Vase mit Eukalyptusblättern und zarten Blumen. Isabelle Mann steht dort am Tresen. Sie begrüßt mich mit einem freudigen Lächeln. Vor ihr liegt eine blaue Wollmütze. „Die habe ich gerade von der Strickmaschine genommen und muss sie noch vernähen“, sagt Isabelle.

Fair Fashion on demand

Isabelle ist 28 Jahre alt und hat das Fair Fashion Strick-Label Faible and Failure gegründet. Sie absolvierte ihren Bachelor in Modedesign in Berlin. Aktuell studiert sie an der HAW Hamburg den Master Multichannel Trade Management und steht kurz vor ihrem Abschluss. Stricken lernte Isabelle bereits als Kind von ihrer Mutter. Diese besaß in den 80er Jahren einen eigenen Wollladen. Und das, obwohl zu der Zeit Stricken ziemlich out war. Das sieht heute anders aus. In der Glashüttenstraße, im Karolinenviertel, finden Hamburger:innen und Tourist:innen seit März 2019 bunte Strickpullover, Cardigans, Mützen, Schals und Scrunchies – das sind geraffte Haargummis aus Stoff oder Wolle.

Fair Fashion und Nachhaltigkeit bei Isabelle Mann: Faible and Failure in der Glashüttenstraße 5. Foto: Marieke Weller
Fair Fashion und Nachhaltigkeit bei Isabelle Mann: Faible and Failure in der Glashüttenstraße 5. Foto: Marieke Weller

Eine Besucherin betritt den Laden: „Ich wollte fragen, ob es hier Stulpen gibt.“

Isabelle: „Noch nicht, aber das ist ein guter Punkt. Ich mache gerade noch kleinere Sachen als Weihnachtsgeschenke. Also falls du Zeit hast und in zwei Tagen nochmal vorbeikommen kannst, kann ich dir gerne welche stricken.“

Besucherin: „Ah ja! Ok.“

Isabelle: „Willst du eher kurze oder lange Stulpen?“

Besucherin: „Also vor allen Dingen nicht so buschelige. Einfach in Schwarz, die so unauffällig sind. Nicht so monströse Teile, einfach dass dieser Übergang zwischen Schuh und Hosenbund ein bisschen mehr gegen die Kälte geschützt ist.“

Isabelle: „Ich guck mal, was ich machen kann.“

Begegnungen schaffen Produkte

FINK.HAMBURG: Das ist ja toll. Dann gibt es öfter solche Begegnungen und du fertigst Ware „on demand“?

Isabelle Mann: Ja, das ist das Schöne an dem Laden. Deshalb war es ein wichtiger Schritt, den Laden zu eröffnen. Denn nur durch die Begegnung mit den Leuten kann ich wissen, was sie wirklich brauchen. Ich bekomme direktes Feedback. Und ich kann wirklich sehen: Wer kauft die Sachen, welche Details sind denen lieb und wichtig?

Wer kauft die Produkte von Faible and Failure?

Es sind meistens berufstätige Frauen ab 35, ungefähr. Die haben Spaß daran, sich eine eigene Farbe auszusuchen. Die sagen, die Qualität finde ich sonst nirgendwo, und ich bin bereit was dafür zu bezahlen. Auch minimale Änderungen – die Ärmel sollen ein bisschen kürzer sein oder sie sollen besonders lang sein – können meine Kundinnen mitbestimmen. Das sind Dinge, die hier funktionieren aber im normalen Einzelhandel natürlich nicht.

Wie bist du darauf gekommen, Faible and Failure zu gründen? 

Ich habe während des Studiums ein Praktikum bei Black Velvet Circus gemacht und war für das Strickdesign verantwortlich. Parallel dazu habe ich mich in ein Atelier in Altona eingemietet. Dort habe ich ein bisschen rumprobiert: Die ersten Pullover gestrickt, mit der Strickmaschine experimentiert. Ich habe mich immer mal wieder nach Räumlichkeiten umgesehen, ohne dass der konkrete Plan da war, einen Laden aufzumachen. Dann war dieser Laden bei Ebay-Kleinanzeigen drin. Ich habe ihn besichtigt. Zwei Wochen später war ich hier drin.

Alltag bei Faible and Failure

Ein Kundenpaar betritt den Laden:

Die Frau greift eine orangene Wolljacke: „Was kostet so ein Stück?“

Isabelle: „Die kostet 390 Euro. Das ist jetzt tatsächlich auch die teuerste, die Sie sich da ausgesucht haben. Klassiker: immer das Teuerste.“

Frau und Mann lachen: „Ja!“

Frau: „Was ist das für ein Material?“

Isabelle: „Das ist Mohair und Seide.“

Mann: „Die sieht echt toll aus! Was ist das Besondere an dieser Mohair-Seide?“

Isabelle: „Die ist vor allem sehr langlebig. Da ist keine Kunstfaser mit drin.“

Mann: „Das heißt, die ziehen sich dann nicht in die Länge? Manche ziehen sich mit der Zeit, die labbern dann so aus.“

Isabelle: „Ja, das stimmt. Das machen die nicht. Aber vor allem ist es angenehmer zu tragen. Ich finde es verhält sich auch besser, wenn man sie länger trägt. Wenn man was mit Acryl oder Polyamid hat, das sieht dann einfach irgendwann nicht mehr schön aus. Das zieht richtig die Fusseln an. Bei Mohair und Seide ist das nicht so. Außerdem ist das Material sehr pflegeleicht. Man kann die Jacke waschen, auch in der Maschine.“

Mann: „Wirklich?“

Isabelle: „Ja, also jetzt nicht bei 60 Grad, aber im Wollwaschprogramm, möglichst kalt. Ich wasche so eine Jacke möglichst ohne Schleudern. Dann nehme ich sie heraus, drücke das Wasser aus und lege sie auf ein Handtuch. Das Handtuch wickele ich dann zu, sodass fast schon alles an Feuchtigkeit im Handtuch ist. Und dann am besten liegend trocknen.“

Mann: „Prima, vielen Dank für die Info.“

Das Material bestimmt, in welche Richtung es geht

Isabelle Mann achtet bei der Materialauswahl auf Transparenz, Lokalität und Nachhaltigkeit. Foto: Marieke Weller
Isabelle Mann achtet bei der Materialauswahl auf Transparenz, Lokalität und Nachhaltigkeit. Foto: Marieke Weller

Das Mohair-Seiden-Garn bezieht Isabelle bei einer Händlerin, die zwischen Berlin und Hamburg sitzt. „Mit ihrem Großhandel ist sie spezialisiert auf nachhaltige Garne. Sie ist recht streng in dem was sie abnimmt.“ Die Händlerin kenne die Leute, die das Garn produzieren sehr gut. Die Produzent:innen haben kleinere Mohair-Ziegenfarmen, die deren einziges Kapital seien. „Die Ziegen werden also liebevoll behandelt. Das fand ich einen fairen Punkt. Zusätzlich ist das Garn eben auch in der Qualität sehr hochwertig,“ sagt Isabelle.

„Bei mir bestimmt das Material am Ende oft, in welche Richtung es geht“, sagt sie. „Das Design entsteht während des Tuns.“ Normalerweise arbeiten Designer:innen andersherum: Erst zeichnen sie einen Entwurf, anschließend wählen sie einen passenden Stoff aus. Danach macht jemand den Schnitt und so weiter. Bei Isabelle entstehen die Stücke in Zusammenarbeit mit dem Material.

GOTS steht für „Global Organic Textile Standard“. Damit werden Fasern aus ökologischem Landbau sowie umweltfreundliche Produktions- und Verarbeitungsverfahren zertifiziert. Außerdem steht die GOTS-Zertifizierung für die Verbesserung und Einhaltung von Arbeitsbedingungen.

Isabelle ist Transparenz sehr wichtig. „Die Leute können mich bei ihrem Einkauf alles fragen, ich gebe ihnen die Antworten dazu und sie können selbst entscheiden: Ist mir das genug oder nicht,“ sagt sie. Neben Transparenz spiele auch Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit für alle in der Lieferkette eine entscheidende Rolle. Besonders wichtig ist ihr, dass die Materialien möglichst langlebig sind. Mittlerweile habe sie viele Garne, die nach GOTS-Maßstäben produziert seien, die sie aber leider aus Kapazitätsgründen nicht so bewerben könne. 

GOTS-Materialien müssten von nicht-zertifizierten Materialien in Plastik verpackt, getrennt voneinander gelagert werden, erklärt Isabelle. Sie bräuchte also einen separaten Raum für GOTS-zertifizierte Wolle. Hinzu komme, dass sie sich dann auch noch selbst GOTS-zertifizieren lassen müsste, um die Wolle als solche offiziell benennen zu dürfen. „Das sind Sachen, die können kleine Händler, Produzenten und Manufakturen gar nicht gewährleisten. Ich auch nicht.“ Genauso erkläre sie das auch ihren Kund:innen.

Woher die Wolle (nicht) kommen sollte

Mulesing ist eine Praktik, die bei Merinoschafen angewendet wird. Merinoschafe sind so gezüchtet, dass sie möglichst viel Haut haben, um möglichst viel Wolle zu produzieren. Weil es in Australien so heiß und feucht ist, nisten sich zwischen den Hautlappen Fliegenmaden ein. Um dies möglichst zu vermeiden, werden bereits Jungtieren Hautlappen weggeschnitten. In Australien wird diese Praktik weiterhin durchgeführt, in Südafrika ist Mulesing seit 2009 verboten. 2010 hat auch Neuseeland das Verfahren weitestgehend eingestellt.

Ihre Wolle und Garne bezieht Isabelle aus Südafrika, Südamerika und Italien. „Die Mohair-Wolle kommt aus Südafrika – da gibt es Mohair-Ziegen. Die gibt es sonst noch in Neuseeland, aber dort nutzen sie die Mohair-Wolle komplett selbst.“ Anders sei es in Australien, dort werde das sogenannte Mulesing angewendet. Diese Vorgehensweise möchte Isabelle nicht unterstützen. Daher bezieht sie ihr Garn aus Südamerika, wo Mulesing nicht praktiziert wird. „Außerdem haben wir noch viel aus einer Garnmanufaktur aus Italien.“ Italien sei bekannt für deren Spinnereien. „In Italien habe ich jetzt zum Beispiel ein Leinengarn gefunden, über das ich total happy bin. Damit kann ich endlich veganen Strick anbieten. Das normale Leinengarn ist ganz glatt und eng versponnen. Und diese italienische Firma hat einen Weg gefunden, wie es luftiger versponnen wird, sodass es voluminöser ist und auch mit größeren Nadeln verstrickt werden kann.“

Eine eigene Schafzucht für Strickgarn „Made in Germany“

Fair produzierte Materialien für fair produzierte Produkte. Isabelle behält bei der Materialauswahl neben dem Tragekomfort auch das Tierwohl im Blick. Foto: Marieke Weller
Fair produzierte Materialien für fair produzierte Produkte. Isabelle behält bei der Materialauswahl neben dem Tragekomfort auch das Tierwohl im Blick. Foto: Marieke Weller

Wolle aus Deutschland sei viel zu rau und kratze zu stark, als dass sie diese für ihre Produkte verwenden würde, sagt Isabelle. „Tatsächlich wird deutsche Schafswolle entweder verbrannt oder als Dämmmittel eingesetzt.“ Gemeinsam mit ihrer Freundin Clara plant sie eigene Schafe zu halten.

Claras Schwiegervater besitzt ein Gelände in Brandenburg und möchte dort eine Photovoltaikanlage bauen. Dafür brauche er einen Rasenmäher. Bei seiner Recherche kam er auf die Idee, dass man am besten Schafe einsetzen könne. Und weil seine Schwiegertochter Clara auf Wolle steht und gerne strickt, hat er sie gefragt, ob sie Wollschafe halten wolle.

Jetzt sind Isabelle und Clara auf der Suche nach alten Schafrassen. Die haben besonders weiche Wolle und werden immer seltener. Mittlerweile haben sie Kontakt zu einer Spinnerei und die Pläne werden konkreter. Die eigene Wolle möchten Isabelle und Clara biozertifizieren lassen. Sie planen die Wolle mit Naturfarben zu färben. Aus dem Garn sollen dann auch Produkte für Faible and Failure entstehen. „Transparenter geht’s dann wohl kaum,“ sagt Isabelle.

Faible and Failure ist Verkaufs- und Produktionsraum in einem. Foto: Marieke Weller
Faible and Failure ist Verkaufs- und Produktionsraum in einem. Foto: Marieke Weller

Die Seele von Faible and Failure: Der Wert von handgemachter Strickware

Deutsche Handarbeit und individuelles Design hat seinen Preis. Isabelle möchte trotzdem, dass möglichst viele Menschen ihre Produkte kaufen können. „Was ist nicht nur nach Außen gerechtfertigt, sondern womit fühle ich mich auch wohl?“ Pullover für 500 Euro seien in der Branche nicht unüblich. Bei Faible and Failure bewegen sich die Stücke jedoch in einem Preissegment von etwa 300 Euro. Auch wenn sich Kund:innen oft erst mal über den Preis wundern würden, werde ihnen meist schnell bewusst, warum der Preis gerechtfertigt ist. Dahinter steckt regionale Handarbeit, denn Isabelle arbeitet bei erhöhter Auftragslage auch mit Hobbystrickerinnen zusammen. Diese bezahlt sie wertschätzend und fair. Ein Aspekt, der bei Fast Fashion keine Berücksichtigung findet.

„Wenn die Preise zu niedrig sind, weiß man: Irgendwas ist schief gelaufen. Irgendjemand bezahlt dafür. Wenn nicht man selbst, dann leider jemand anderes – meist die Arbeiter irgendwo aus Asien.“

Stricken ist im Trend

Corona hat auch dazu beigetragen, dass der Do-it-yourself-Trend sich verfestigt hat. „Die Leute wollen wissen, wo Produkte herkommen. Und sie konsumieren im Allgemeinen weniger. Ich glaube, da gehört auch dazu, dass sie wissen möchten, wie handwerkliche Produkte hergestellt werden,“ sagt Isabelle. Interessierte können bei ihr in Workshops stricken lernen. Für Fortgeschrittene findet regelmäßig ein Strick-Club im Laden von Faible and Failure statt.

Vom Scheitern und Gewinnen beim Stricken

Neben Pullovern und Cardigans bietet Isabelle auch selbstgestrickte und selbstgenähte Scrunchies an. Foto: Marieke Weller
Neben Pullovern und Cardigans bietet Isabelle auch selbstgestrickte und selbstgenähte Scrunchies an. Foto: Marieke Weller

Isabelle probiert selbst viel Neues aus. Als sie im Sommer 2018 viel Zeit an der Strickmaschine verbrachte, kam sie auf den Namen ihres heutigen Labels. „Faible and Failure heißt für mich: Während des Tuns, also während des Strickens, scheitert man immer mal wieder“, sagt Isabelle. Mal werde das Muster nicht so, wie geplant, die Ärmel viel zu lang oder der Pullover insgesamt zu kurz.

Sie zeigt auf die blaue Mütze, die auf dem Verkaufstresen liegt: „Auch diese Mütze wird wahrscheinlich ein bisschen zu kurz sein – gar nicht schlimm – wenn sie fertig ist und ich sie aufsetze, sieht sie vielleicht doch ganz gut aus.“ Es gehe bei Faible and Failure also auch um das Scheitern und die neuen Blickwinkel, die das Scheitern nahelegen. Und darum, trotzdem weiterzumachen.

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