Gunnar Wulf leitet das Stadtteilarchiv in Hamm. Seit 1987 erzählt er dort die Geschichte des unscheinbaren Stadtteils, der mitten in Hamburg liegt und trotzdem oft in Vergessenheit gerät.

„Vor dem Krieg hat es hier ausgesehen wie in Eimsbüttel oder Winterhude“, weiß Gunnar Wulf. Seit 1987 arbeitet er im Stadtteilarchiv in Hamm. Er ist hier aufgewachsen und kennt den Stadtteil bis ins kleinste Detail.

Wulf hat im Archiv über 30.000 Fotos aus vergangenen Zeiten gesammelt. Sortiert sind sie nach Hamms Straßennamen und aufgeteilt in Vor- und Nachkriegszeit. Auch die Berichterstattung über den Stadtteil mit seinen vielen Backsteinhäusern archiviert er hier bis heute, zusammen mit Dokumenten aller Art, die meist von Privatleuten zur Verfügung gestellt werden.

Bild von Gunnar Wulf im Stadtteilarchiv in Hamburg Hamm, wie er in Karteien blättert.
Gunnar Wulf ist selbst in Hamburg Hamm aufgewachsen und arbeitet seit 1987 im Stadtteilarchiv. Foto: Chantal Seiter

Vollständige Zerstörung im Feuersturm

Die Bilder aus der Vorkriegszeit zeigen einen Stadtteil, den man heute so nicht mehr kennt: Herrschaftliche Villen und verzierte Stadthäuser erinnern an das malerische Winterhude. Schwer zu glauben, dass sie mal im heute so unscheinbaren Hamm gestanden haben.

Im Sommer 1943, während des Feuersturms, wurde das Hamm, das sich auf den alten Fotos findet, fast vollständig zerstört. „Die historischen Details muss man heute suchen“, sagt Gunnar Wulf. Nach dem Krieg war keine Zeit für aufwändigen Wiederaufbau – man brauchte schnell viel Wohnraum. So kam Hamm zu seinen Backsteinbauten und zu den oft kleinen, engen Wohnungen.

Im Flur der Stadtteilinitiative hängen Fotografien aus, die einen Einblick ins alte Hamm liefern.
Im Flur der Stadtteilinitiative hängen Fotografien aus, die einen Einblick ins alte Hamm liefern. Foto: Chantal Seiter

Marsch und Geest mitten in der Großstadt

Alles unterhalb der Hammer Landstraße ist Marschland, ein feuchtes und sumpfiges Gebiet, das eigentlich keine Bebauung zulässt. Oberhalb befindet sich der Geestrücken mit dem Radwanderweg nach Horn und zur Bille, dessen Boden eher trocken und sandig ist und der generell höher liegt als die Marsch. Die Strecke der Linien U2 und U4 verläuft zwischen den Stationen Burgstraße und Rauhes Haus auf der Grenze zwischen Marsch und Geest.

Hamm ist nicht nur eine Stadt in Nordrhein-Westfalen, sondern auch einer der 104 Stadtteile Hamburgs. Das scheint allerdings kaum jemand zu wissen, wie FINK.HAMBURG-Redakteurin Chantal Seiter aufgefallen ist. Zeit also, ihren Stadtteil mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

„Das Marschland wurde trockengelegt und später mit Sand aus den Boberger Dünen aufgeschüttet“, erzählt Wulf. Die Aufschüttung fand um den Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Auf 5,60 Meter über Normalnull wurde das Gelände damals angehoben und bestehende Hauseingänge ins erste Obergeschoss verlegt. Dass sich daran nicht alle Eigentümer:innen beteiligen konnten, sieht man heute vor allem an der leicht hügeligen Landschaft auf dem eigentlich flachen Gebiet zwischen Wicherns- und Hübbesweg.

Hamburgs einziges Bunkermuseum

1993, sechs Jahre nach Gründung des Stadtteilarchivs, sollte ein Buch über die Ereignisse während des Feuersturms 1943 entstehen. Im Zuge ihrer Recherchen erfuhren Gunnar Wulf und sein Team von einem Bunker unter dem Hammer Park. „Der Bunker stand einen Meter unter Wasser“, erinnert sich der Leiter des Archivs. Das Technische Hilfswerk habe ihn damals leergepumpt. „Dann sind wir da rein und haben das Ganze fotografiert. Es war stockfinster.“ Anschließend wurde der Bunker zunächst verschlossen. Ein halbes Jahr später stand er dann wieder unter Wasser.

Eigentlich, so später die Idee, sollte der Bunker für historische Zwecke genutzt werden und Einblicke in das Hamm während des Zweiten Weltkrieges liefern. Also machte sich Gunnar Wulf auf die Suche nach einer vergleichbaren Stätte und wurde schließlich fündig: Im Hof der Wichernkirche im Wichernsweg gab es einen Röhrenbunker, den die Kirche dem Archiv zur Verfügung stellte. Zwei Jahre lang wurde er renoviert bevor er 1997, pünktlich zum zehnten Geburtstag des Stadtteilarchivs, als Museum eröffnet werden konnte.

Der Eingang zum Bunkermuseum in Hamburg Hamm befindet sich unscheinbar im Hof der Wichernkirche.
Der Eingang zum Bunkermuseum in Hamm befindet sich unscheinbar im Hof der Wichernkirche. Foto: Chantal Seiter

In Hamburgs einzigem Bunkermuseum findet man heute vor allem Berichte von Zeitzeug:innen. Das militärische Geschehen soll laut Wulf aber nicht nacherzählt werden. „Wir verstehen unsere Arbeit als einen kleinen Beitrag zur Friedensbildung“, sagt er.

Hamm Unten und Hamm Oben

Wie das alte Hamm ausgesehen hat? Ein paar wenige Altbauten verraten es. Sie stehen in den Straßen nördlich der Hammer Landstraße zwischen der typischen Nachkriegsarchitektur. Die Hauptstraße zieht sich wie eine Grenze durch den Stadtteil und hat ihn auch damals getrennt: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts sprach man von Hamm Unten und Hamm Oben.

Oben, in den Villen und Stadthäusern, lebten einst größtenteils besserverdienende Kaufleute und Beamte, während Hamm Unten das Arbeiterviertel war – das belegen Daten aus alten Adressbüchern. Nach dem Krieg wurde der Stadtteil dann in Hamm-Nord, -Mitte und -Süd unterteilt, seit 2011 aber gibt es nur noch das eine Hamm.

Bild von einem Altbau in der Palmerstraße in Hamburg Hamm.
In Hamburg Hamm findet man, wie hier in der Palmerstraße, trotz der großflächigen Zerstörung noch ein paar wenige Altbauten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Chantal Seiter

Unscheinbares Hamm

Der Krieg hat Spuren hinterlassen in dem einstigen Dorf Hamm, das 1894 zum Stadtteil Hamburgs wurde. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs wurden die kleinen Wohnungen aus der Nachkriegszeit zu eng für viele Familien, die sich nun Größeres, Besseres leisten konnten. So verließ auch Gunnar Wulfs Familie gemeinsam mit zahlreichen anderen jungen Menschen in den 1970er Jahren den Stadtteil. Zurück blieben vor allem die Alten.

Wulf erinnert sich, dass dann, irgendwann im Laufe der Neunziger Jahre, der Wandel kam und Hamm an Attraktivität gewann – nicht zuletzt wegen des, in Teilen bis heute, bezahlbaren Wohnraums unweit vom Stadtzentrum. Mittlerweile tummeln sich auch hier wieder Familien und Studierende und beleben den unscheinbaren Stadtteil.

Warum trotzdem kaum jemand Hamm kennt? „Das kann ich nicht erklären“, sagt Gunnar Wulf. Auch hier gibt es Sportvereine und Gastronomie und die Stadtteilinitiative, zu der das Archiv gehört, hat mit Yoga- und Töpferkursen Einiges im Programm, was man auch im hippen Eimsbüttel findet. Was Hamm fehlt? Neben hübschem Jugendstil manchmal vielleicht ein wenig großstädtischer Trubel – aber den bekommt man auch nach der zehnminütigen U-Bahn-Fahrt in die Hamburger Innenstadt.

Es sind vor allem Ehrenamtliche, die sich in den Räumlichkeiten des Stadtteilarchivs am Sievekingdamm 3 engagieren – und Gunnar Wulf freut sich immer über helfende Hände, die zusammen mit ihm eine Reise in vergangene Zeiten ermöglichen. Infos gibt es unter hh-hamm.de.