Eine Tradition lebt wieder auf: Die LAN-Party. Am Campus Berliner Tor spielen Studierende die Nacht durch. FINK.HAMBURG war dabei.

Ein Beitrag von Elisabeth Birkner und Melissa Hertwig.

An der Decke ein Gewirr aus blau blitzenden LED Lichtern und Kabeln, einige schlängeln sich herunter und versorgen blinkende, bunte Standrechner. Die Szene erinnert an die Schlafkapseln aus „Matrix“, doch wir sind hier nicht in einer Science-Fiction-Dystopie, sondern in der Mensa am Campus Berliner Tor der HAW. Es ist Freitagabend, die fünfte HAW LAN-Party in Präsenz ist in vollem Gange.

Durch die stickige Luft wabert der Geruch von Popcorn. Im Vorraum steht eine Maschine im Retro-Design, die von einem Sponsor kommt. Offensichtlich sind die Gamer:innen eine geeignete Popcorn-Zielgruppe.

Die 90er haben angerufen

LAN-Partys – eigentlich ein Relikt aus den 90ern. Damals haben sich Teenager:innen noch in Turnhallen oder den Wohnzimmern ihrer Eltern zusammengefunden, um sich Energydrinks und Biermischgetränke vor dem PC reinzukippen. LAN steht für Local Area Network, also ein lokales Netzwerk, in dem sich Computer ohne Internet vernetzen. Gamer:innen bringen für die Partys ihre eigenen PCs mit und müssen dann noch Mitspieler:innen finden, die auf den gleichen Titel Lust haben. Als das Internet noch Neuland war, gab es für Gaming-Fans keine andere Möglichkeit, zusammen zu zocken. 

In der Mensa am Berliner Tor sind es unter anderem die Shooter „Counter-Strike“ und „Call of Duty – Warzone“. Wer eher strategisch veranlagt ist, sucht sich Spieler:innen für „League of Legends“ oder „Age of Empires“ zusammen. Laute Musik wie bei einer typischen Party gibt es nicht. Sich zu unterhalten, ist in der großen Halle trotzdem schwierig, ein Headset gehört zur Grundausstattung.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) und Sponsor:innen finanzieren das Event, das zum fünften Mal in Präsenz stattfindet. Nicht nur Studierende der HAW Hamburg, auch Externe zocken die Nacht in der Mensa durch. „Die Hälfte der Leute bleibt bis sechs, sieben Uhr morgens“, sagt Max aus dem 20-köpfigen Orga-Team. Gegen Mitternacht zählt er 175 Gamer:innen auf der LAN-Party. 

Gamer Hendrik hinter seinem PC auf der HAW LAN-Party
Gaming-Fan Henrik hinter seinem PC auf der HAW Lan-Party. Foto: Elisabeth Birkner.

LAN-Partys: Gamer:innen unter sich

Hasan, Luqman, Camilo und Henrik, eine Gruppe aus vier Männern haben in der hintersten Ecke der Mensa ihr Lager aufgeschlagen. Alle mit ihren PCs, die durch LED-Leisten oder Lüfter mit RGB-Leuchtmitteln bunt erschimmern. Der 26-jährige Henrik hat sogar eine Medaille in seinem PC ausgestellt, wie ein Schmuckstück in einer Vitrine. Die bunten Lichter spiegeln sich in Streifen auf der polierten Oberfläche.

Bei der zweiten HAW LAN-Party im Oktober 2018 hat Henrik den zweiten Platz im „Counter Strike – GO“-Turnier erreicht. Er ist offenbar stolz auf sein Setup: Er kommt auch deshalb gerne, weil man auf LAN-Partys seine Technik ein bisschen präsentieren kann, sagt er. Auch wenn sie zwischendurch ausfällt. Die Gaming-PCs an den Mehrfachsteckdosen ziehen so viel Strom, dass zwei Kabeltrommeln überhitzen. In der Ecke riecht es nach verbranntem Plastik.

Ganz links am Fenster sitzt Fahrzeugbau-Student Luqman. Endlich wieder vor Ort mit Freunden spielen und Menschen direkt kennenlernen. Die letzten drei LAN-Partys waren nämlich gar keine richtigen LAN-Partys. Wegen Corona fanden sie online statt. Zwar habe er ein paar seiner Freunde online getroffen, aber: „Beim Online-Zocken sieht man niemanden. Es geht halt viel verloren, in Person bekommt man mehr mit“, erklärt er.

Etwas für alle

Die LAN-Partys seien eine Möglichkeit, sich anders kennenzulernen als mit Alkohol, sagt  der 23-jährige Mitorganisator Henry. In der Mitte der Mensa steht eine Art Insel mit Retro-Konsolen. Wer möchte, kann hier „Fifa“, „Mario Party“ oder „Guitar Hero“ spielen. Für alle, die eine Bildschirmpause brauchen, steht ein Tischkicker neben der Popcorn-Maschine.

Pixel-Art an der Fensterscheibe während der HAW LAN-Party
Mit Haftnotizen klebte das Orga-Team das Pokémon Glumanda und ein Yoshi-Ei an die Fensterscheiben. Foto: Melissa Hertwig.

Viele, die hier spielen, studieren an der Fakultät Technik und Informatik – ein Studienbereich, in dem Frauen nur vereinzelt zu finden sind. Auf der LAN-Party aber spielen heute deutlich mehr Frauen. Die Veranstalter mussten sogar eine zweite Frauentoilette im ersten Stock aufschließen lassen – zum ersten Mal.

Viele Leute, eine Community

Der 22-jährige Hasan hat sich schon Wochen vorher auf das Zocken mit seinen Freunden und anderen Studierenden gefreut. „LAN-Partys sind einfach Tradition“ sagt er.

An die Fenster der Mensa hat das Orga-Team liebevoll mit Haftnotizen Pixelart-Ornamente geklebt. Drinnen ist es schwül, draußen die klare Herbstluft. Der Popcorn-Geruch weicht und die Augen gewöhnen sich wieder an das natürliche Licht. Die nächste LAN-Party findet erst im nächsten Semester wieder statt. Bis dahin heißt es wohl allein spielen. Doch für Hasan steht fest: „Zocken macht besonders in Gesellschaft Spaß.“

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Elisabeth Birkner, Jahrgang 1994, hat sich zweimal zum Halbmarathon angemeldet, konnte aber nicht hingehen. Einmal kam ihr Corona dazwischen. Das „Berlin City Girl“ gibt allerdings nicht auf, sondern trainiert schon für den dritten Anlauf. In der Zwischenzeit hält sie sich mit Yoga fit. Ihr wichtigstes Thema: Nachhaltigkeit. Sie setzt sich für Initiativen wie Foodsharing oder Critical Mass ein. Die Entscheidung für ihren Bachelorstudiengang Umweltwissenschaften in Lüneburg war somit recht einfach. Nach Auslandserfahrungen in Ecuador und Peru ging es zurück in die Hauptstadt, um im Bereich Unternehmenskommunikation zu arbeiten, etwa für eine Softwarefirma. Wenn Elisabeth nicht auf einer umweltpolitischen Demo ist, zeichnet sie auf ihrem Tablet – am liebsten Landschaftsbilder. Kürzel: elb

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