Wer gendersensible Sprache akzeptiert hat, kann sich neuen Fragen widmen. Wie etwa: Wird eigentlich auf Gebärdsprache gegendert? FINK.HAMBURG hat beim Gehörlosenverband Hamburg nachgefragt und dabei etwas über Barrierefreiheit gelernt.

Ein Beitrag von Lilly Brosowsky und Marina Schünemann.

Thomas Worseck ärgert sich. Er ärgert sich über zu wenig Teilhabe an den Medien wegen fehlender Untertitel oder Dolmetscher:innen. Auch darüber, dass öfter über hörbehinderte Menschen gesprochen wird, als mit ihnen. Worüber er sich nicht ärgert ist gendersensible Sprache. Die findet er gut.

Worseck ist der Geschäftsführer des Gehörlosenverbandes Hamburg. Er findet, die Gesellschaft sei sehr männerbetont. „Wenn man zum Beispiel Arzt sagt oder Lehrer, dann denken ja doch viele erst einmal an einen Mann und nicht an eine Frau.“ Gendern helfe einen Bewusstseinswandel zu schaffen.

Gebärdensprache ist geschlechtsneutraler

Und wird auf Gebärdensprache gegendert? „Ja, aber wenig“ sagt Worseck. Die deutsche Gebärdensprache (kurz DGS) ist anders als das Deutscheselten geschlechtsbezogen. „Gendern in Gebärdensprache kommt eigentlich vom Dolmetschen genderneutraler Ausdrücke aus dem Deutschen“, sagt Worseck. In der Community wird aber diskutiert, ob auch alle Gebärden diskriminierungsfrei sind. So zeigt der Instagram-Account hand.drauf, dass die Gebärde für Frau körperbetont ist, während die Gebärde für Mann das nicht ist.

Gendern kann auf der deutschen Gebärdensprache unterschiedlich aussehen, wie das unten stehende Video zeigt. In der DGS wird beispielsweise an Berufsbezeichnungen das Geschlecht angehängt. So ergibt sich aus „Lehrer“ „Lehrer-Mann“, „Lehrer-Frau“ oder „Lehrer-Person“. Darüber hinaus gibt es aber auch die Möglichkeit, die Genderform „Lehrer:in“ zu übersetzen. Übrigens gibt es etwa 200 Gebärdensprachen und eine Vielzahl an Dialekten.

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Ist Gendern barrierefrei für hörbehinderte Menschen?

Leichte oder einfache Sprache ist eine leichter lesbare Version der Standardsprache. Beispielsweise werden Fremdwörter, Stilfiguren und Metaphern vermieden. Der Satzbau sollte unkompliziert sein, Sätze möglichst kurz.

Auf die Frage nach Barrierefreiheit sagt Worseck, dass das Gendern kein Problem sei, – anders als zum Beispiel für Blinde und Sehbehinderte oder Menschen, die auf leichte Sprache angewiesen sind. Natürlich spricht Worseck nicht für alle hörbehinderten Menschen, aber gut zu wissen ist trotzdem: Die Gebärdensprache ist das Äquivalent zur gesprochenen Sprache. Eine eigene Schriftsprache gibt es nicht. Und die politische Genderdiskussion bezieht sich häufig auf die Schriftsprache.

Gendern ist für hörbehinderte Menschen laut Worseck also barrierefrei. Dafür gibt es andere Probleme. „Barrieren entstehen da, wo Menschen nicht den vollen Zugang zur Sprache haben“, sagt Worseck. Ein Beispiel zeigt dieses Video der Aktion Mensch: Hörbehinderte Menschen treffen alltäglich auf Sprachbarrieren – zum Beispiel im Aufzug. Unverändert: Gendern ist für hörbehinderte Menschen laut Worseck also barrierefrei. Dafür gibt es andere Probleme. „Barrieren entstehen da, wo Menschen nicht den vollen Zugang zur Sprache haben“, sagt Worseck. Ein Beispiel zeigt dieses Video der Aktion Mensch: Hörbehinderte Menschen treffen alltäglich auf Sprachbarrieren – zum Beispiel im Aufzug.

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Mediale Barrieren

Auf Barrieren treffen hörbehinderte Menschen aber auch in den Medien. Worseck erklärt, dass zum Beispiel viele Videos, Filme und Serien für hörbehinderte Menschen unzugänglich sind, weil Untertitel fehlen würden. „Selbst bei öffentlich-rechtlichen Sendern haben nur vielleicht 50 Prozent der Filme in der Mediathek einen Untertitel. Aber wir zahlen auch Rundfunkgebühren.“

Der Fakten-Check zeigt: In der ARD-Mediathek etwa werden zu diesem Zeitpunkt als Aufmacher der Seite zehn Medienangebote verschiedenster Art vorgestellt. Von diesen zehn Filmen, Serien, Interviews etc. gibt es bei fünfen die Möglichkeit, deutsche Untertitel anzuschalten. Für die anderen fünf ist das nicht möglich.

Die Kombination aus gendersensibeler und barrierefreier Sprache ergibt übrigens diversitätssensible Sprache. Diversitätssensibel bedeutet, dass Vielfalt wahrgenommen und berücksichtigt wird. Wenn es um unsere Sprache geht, stellt das eine Herausforderung für uns dar. Umso wichtiger ist es, im Gespräch zu bleiben.

Deutsch ist eine Fremdsprache

In der Verschriftlichung des Interviews gendern wir bei den Antworten von Thomas Worseck mit dem Sternchen, da das seine präferierte Form ist.

„Die Bundespressekonferenz bietet sogar eine*n Dolmetscher*in an. Aber die Sender können selbst entscheiden, ob die Dolmetscher*innen eingeblendet werden und machen das oft nicht. Weil das andere Zuschauende irritieren würde. Das nennt man Runkfunkfreiheit“, sagt Worseck. Ohne Dolmetscher:innen ist es für hörbehinderte Menschen schwierig am politischen Geschehen teilzunehmen. Das findet nicht nur Worseck, sondern auch Alexander Straub, Dozent für Deutsche Gebärdensprache an der Universität Köln. Er macht sich stark dafür, dass hörbehinderte Menschen in der politischen Kommunikation mehr Beachtung finden.

Ist Besserung in Sicht?

Die neue Regierung verspricht diesbezüglich Besserung, wie der Post des Instagram-Accounts hand.drauf ankündigt. Die hörbehinderten Influencer:innen von hand.drauf berichten über gesellschaftspolitische Themen in Gebärdensprache.

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Wir fühlen uns nicht geschädigt. – Thomas Worseck

Porträtfoto von Thomas Warseck, Geschäftsführer des Gehörlosenverband Hamburg.
Thomas Worseck, Geschäftsführer des Gehörlosenverband Hamburg.

Auch wenn es ganz konkret um hörbehinderte Menschen geht, würde Worseck gerne mehr einbezogen werden. „Es gibt bestimmte Ausdrücke, die wir ablehnen, die ihr aber benutzt. Zum Beispiel: hörgeschädigt. Das Wort hörgeschädigt hat das Wort Schaden in sich. Wir fühlen uns aber nicht geschädigt, wir haben keinen Schaden.“

Mit Wörtern wie geschädigt würde sich ein Stigma bilden. Dazu, was eine diskriminierungsfreie Bezeichnung wäre, gibt es verschiedene Meinungen. Worseck zieht die Bezeichnung hörbehindert vor. Er versteht es so, dass die Gesellschaft ihn behindere. „Durch sprachliche Barrieren behindert sie mich daran teilzunehmen.“ Optimal wäre vielleicht auch das nicht. Es wäre schöner gemeinsam an einer passenden Bezeichnung zu arbeiten, miteinbezogen zu werden. Aktuell würde noch viel über sie gesprochen, statt mit ihnen.

Zur Sprache in diesem Artikel: Im Gespräch erklärte Thomas Worseck, warum einige Bezeichnungen für Gehörlosigkeit unangemessen sind. So bedeutet beispielsweise „taub“ in anderen Kontexten „stumpf“ oder „gefühllos“, deshalb lehnt er es ab. Der Instagram-Account hand.drauf verwendet dagegen die Bezeichnung taub. Das Wort „gehörgeschädigt“ beinhaltet das Wort Schaden, welches dem Selbstgefühl der Menschen mit Gehörbehinderung widerspricht. Einige sagen daher „gehörlos“, das schlägt zum Beispiel auch der Aktivist Raul Krauthausen vor. Worseck findet aber, dass auch dieser Begriff so klingt als würde das Gehör fehlen, als seien die Menschen unvollständig. Er bevorzugt den Begriff „gehörbehindert“, denn dieser lässt eine Dimension zu, in der die Gesellschaft den behindernden Faktor darstellt, dadurch, dass sie nicht barrierefrei ist.

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Lilly Brosowsky, 1994 ist im Schatten der Zugspitze aufgewachsen: in Garmisch-Partenkirchen. Der Höhenlage ist sie lange treu geblieben, hat mal auf 3.640 Meter Höhe in La Paz als Barkeeperin gearbeitet, mal Waliser Schwarznasenschafen auf einer Hochhausalm in München die Klauen geschnitten. Nach sieben Jahren in München musste sie im flachen Hamburg erst einmal lernen, dass sie in einer Bäckerei fragend angeschaut wird, wenn sie Fleischpflanzerlsemmeln bestellt. Dabei ist sie kulinarisch durchaus aufgeschlossen: Als Volontärin kostete sie für „Mit Vergnügen“ bereits kandierte Heuschrecken. Für das Stadtmagazin schrieb sie unter anderem über die Münchner Szene. Als sie den Hype eines Clubs kritisch kommentierte, wurde sie von der „Süddeutschen Zeitung“ auf Instagram zitiert. Vor ihrem Volontariat hat Lilly einen Bachelor in Literaturwissenschaften und einen in Philosophie gemacht. Sie wünscht sich für die Zukunft Feminist:innen wie Sophie Passmann wegen ihrer progressiven Ansichten zu interviewen. (Kürzel: bros)