Gendersensibel und barrierefrei: Sprache trifft auf unterschiedliche Bedürfnisse. Besonders dann, wenn sie im Wandel ist. FINK.HAMBURG Redakteurinnen Marina und Lilly haben mit blinden Menschen über das Gendern gesprochen.

Ein Artikel von Lilly Brosowsky und Marina Schünemann.

In der Genderdebatte, in der es oft nicht mehr um das ob, sondern um das wie geht, hörte man zuletzt öfter, dass der Doppelpunkt als Genderzeichen zu bevorzugen ist. Denn für blinde und sehbehinderte Menschen wäre er barrierefrei. Begründet wird das so: Die Sprachausgabe von Screenreadern, die Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung verwenden, liest den Doppelpunkt automatisch als Pause vor.

Er funktioniere also ähnlich wie der sogenannte Glottisschlag in der gesprochenen Sprache, also der Pause zwischen der Wortendung und der weiblichen Endung „-innen“. Der Stern und der Unterstrich würden von der Sprachausgabe dagegen als „Stern“ und „Unterstrich“ vorgelesen. Diese beiden Genderzeichen würden Wörter verlängern und wären daher hinderlich.

Klingt schlüssig, stimmt aber nicht

Das klingt nachvollziehbar, scheint aber nicht zu stimmen: Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat schon 2019 eine Stellungnahme zum Gendern veröffentlicht. Darin heißt es, dass alle Genderformen mit Satz- und Sonderzeichen, also Stern, Unterstrich und auch der Doppelpunkt, problematisch für blinde und sehbehinderte Menschen sind. Wie ist das denn nun mit dem Doppelpunkt? Woher kommt das Argument? Und welche Genderform wünschen sich blinde und sehbehinderte Menschen?

Die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit und Informationstechnik (BFIT-Bund) hat 2022 erstmals die Genderzeichen Asterisk (Genderstern) und Genderdoppelpunkt in einer repräsentativen Studie mit blinden und sehbehinderten Menschen geprüft. Das Ergebnis: „Beide Worttrennzeichen zeigen als typographische Zeichen in Bezug auf ihren technischen Stand der Barrierefreiheit keine Vorteile zueinander.“

Dass gegendert wird, ist für mich gar keine Frage. – Robert Sandberg

Wir haben mit Robert Sandberg vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und Annalena Knors, der Gründerin von Corporate Inclusion, gesprochen. Beide sind blind und nutzen Screenreader zum Lesen von Texten. Und beide gendern. Sandberg nutzt beforzugt neutrale Formulierungen: „Team“ statt „Kolleg:innen“, das ist gendersensibel und barrierefrei.

„Neutrale Formulierungen funktionieren natürlich nicht immer, aber öfter als man denkt“, so Sandberg. Dass gegendert werden sollte, ist für ihn gar keine Frage. Laut der Studie des BFTI-Bund teilt er diese Meinung mit 60 Prozent der blinden und sehbehinderten Befragten.

Umfrage BFIT-Bund zeigt, dass 60 Prozent der befragten blinden- und sehbehinderten Menschen das Gendern für wichtig halten.
Die Umfrage des BFIT-Bund zeigt, dass 60 Prozent der befragten blinden- und sehbehinderten Menschen das Gendern für wichtig halten.

Der Doppelpunkt ist nicht barrierefrei

Dass Menschen den Doppelpunkt zum Gendern verwenden, um blinden Menschen das Lesen zu erleichtern, findet Knors schön. Unglücklich wäre nur, dass dies blinden Menschen nur bedingt diene. Sandberg sieht das ähnlich: „Ich versteh gar nicht, warum eines dieser Zeichen – Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt – mehr barrierefrei sein soll als das andere. Das leuchtet mir nicht ein“, sagt der Hamburger.

Er erklärt: Die Sprachausgabe von Screenreadern liest den Doppelpunkt als ziemlich lange Pause, denn er dient eigentlich dazu, am Ende eines Satzes aufmerksam zu machen. „Die Pause dauert so lange, dass man kurz denkt ‚Oh, was ist jetzt?‘. Das stört ungemein den Lesefluss“, findet Sandberg. Er könnte bei seinem Screenreader einstellen, wie Sonderzeichen vorgelesen würden. Ob also der Doppelpunkt als Pause, oder als Doppelpunkt gelesen wird.

Asterisk und Unterstrich

Eine kürzere Pause liest der Screenreader bei einem Stern oder einem Unterstrich. Wenn er entsprechend eingestellt ist. Denn entgegen der Argumentation ist es möglich, dass auch Stern und Unterstrich nicht vom Screenreader vorgelesen werden. Das ginge bei allen Satz- und Sonderzeichen.

Das Problem hierbei: Nicht alle Menschen nutzen Screenreader. Sprachausgaben wie Alexa oder Siri wären schwieriger einzustellen. Aber auch nicht alle Menschen, die Screenreader nutzen, wären gleichermaßen technisch versiert. Nicht alle könnten diese Einstellungen einfach so vornehmen oder hätten Lust diese ständig zu ändern.

Denn das wäre notwendig: „Der Unterstrich würde mir bei dieser Einstellung auch dann nicht angesagt, wenn ich ihn wissen will. Also wenn er zum Beispiel in einer E-Mail-Adresse vorkommt. Und beim Sternchen ist es genauso, das dient oftmals dazu, in Webformularen Pflichtfelder zu markieren – das würde mir dann nicht angesagt“, erklärt Sandberg und macht klar, warum keines der Satz- und Sonderzeichen für blinde und sehbehinderte Menschen leicht zu lesen ist.

Über Genderzeichen stolpern alle

Porträtfoto von Annalena Knors. Sie nutzt einen Screenreader beim Lesen von Online-Inhalten.
Annalena Knors, Gründerin von Corporate Inclusion

Knors hat ihren Screenreader so eingestellt, dass Doppelpunkt, Stern und Unterstrich immer vorgelesen werden. Dass sie beim Zuhören darüber stolpert, wenn diese Zeichen zum Gendern verwendet werden, findet sie nicht schlimm. „Ich glaube, dass man visuell auch stolpert und dass das vielleicht gewünscht ist“, sagt sie und lacht.

Knors spricht aber nicht nur über ihre Erfahrung mit Genderzeichen. Neben dem sprachlichen Zugang, birgt das Internet weitere Hindernisse für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. So ist etwa der Zugang zu Webseiten, digitalen Texten und Social-Media-Kanälen für sie immer noch beschwerlich. Dabei können kleine Änderungen wie Alternativtexte für Fotos auf Webseiten oder Bildbeschreibungen auf Instagram schon helfen, teilzuhaben. Es müsste mehr darüber gesprochen und aufgeklärt werden. Insofern ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass bei der Gender-Diskussion die Barrierefeiheit eine Rolle spielt.

Alternativtexte, kurz ALT-Texte, beschreiben Bilder. Das ist super für blinde und sehbehinderte Menschen, aber auch für Sehende, wenn ein Bild mal nicht lädt. Tipps für ALT-Texte gibt es hier und hier. Um die Richtlinien für barrierefreie Webseiten geht es hier.

Nicht ein Bedürfnis gegen das andere ausspielen

„Das eigentliche Thema beim Gendern ist aber die geschlechtergerechte Darstellung, nicht ihre technische Umsetzung“, findet Knors. Was die Diskussion um die Barrierefreiheit gendersensibler Sprache angeht, sind sich Sandberg und Knors einig: In erster Linie sollte es dabei um die Sichtbarkeit non-binärer Menschen gehen. Also darum, welches Genderzeichen die geschlechtliche Vielfalt gut ausdrückt. Es sollte nicht darum gehen, das Bedürfnis nach Gendersensibilität gegen das Bedürfnis nach Barrierefreiheit auszuspielen.

Natürlich gäbe es nicht die eine Haltung der Blinden zum Thema Gendern. Es passiert marginalisierten Gruppen oft, dass sie in einen Topf geworfen werden, so Sandberg. Und weiter: „Dabei sind die Blinden genauso divers wie die Sehenden.“ Es gibt also verschiedene Meinungen zum Thema barrierefreies Gendern. Die Studie der BFIT-Bund hat nun ergeben, dass 60 Prozent der blinden und sehbehinderten Befragten trotzdem den Asterisk bevorzugen. Klar bleibt aber, dass auch dieses Genderzeichen eine Herausforderung für blinde und sehbehinderte Menschen birgt.

Grafik, welche die Anzahl der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland darstellt.
Quelle: Statista, 2022.

Es passiert marginalisierten Gruppen oft, dass sie in einen Topf geworfen werden. – Robert Sandberg

Sprache ist dynamisch, so Knors. „Das, was vor zehn oder 100 Jahren politisch korrekt oder sensibel war und nicht hinterfragt wurde, das ist heute ganz anders. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir als Gesellschaft permanent über unsere Sprache reflektieren.“ Zuletzt fügt Knors an, dass eine Einigung von allen Seiten zum Thema Gendern helfen würde. Sandberg stimmt zu. Gäbe es ein einheitliches Genderzeichen, könnten Screenreader entsprechend eingestellt werden.

Ein neues Genderzeichen: Geht das?

Ein Portraitfoto von Robbie Sandberg. Er hat lange braune Haare und einen Schnauzbart. Er lächelt in die Kamera.
Robert Sandberg vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband

Noch besser wäre aber ein ganz neues Zeichen, findet Sandberg. Ein Zeichen, das kein geliehenes Satz- oder Sonderzeichen wäre, sondern ausschließlich dafür eingesetzt würde die geschlechtliche Vielfalt darzustellen. „Dann könnte man diese ganze Diskussion darüber, welches Zeichen nun das bessere ist, begraben.“ Natürlich müssten Screenreader entsprechend angepasst werden, aber Sandberg wäre erleichtert, wenn er sein Gerät dann nur noch ein einziges Mal einstellen müsste und nicht für jeden Text neu.

Auch für sehende Menschen könnte ein neues Genderzeichen leicht eingeführt werden. Smartphones könnten ein Tastatur-Update bekommen und die Tastaturen von Laptops und Rechnern könnten eine Art Update über den Unicode erhalten. Er hält alle Schriftzeichen in codierter Form fest, beziehungsweise als Tastenkürzel. Genauso leicht wie über [Alt]+[c] ein ç entsteht, das nicht auf allen Tastaturen zu sehen ist, könnte ein neues Genderzeichen eingefügt werden.

Wie sich das anfühlt, wenn man Schülys sagt, oder Lehrys. – Annalena Knors

Gendern mit Y-Endung

Seit 30 Jahren schreibt der Künstler Hermes Phettberg in seiner Kolumne der Wiener Wochenzeitung „Falter“ genderneutral – mit Y-Endung.

Ganz ohne neue Tastaturen oder Coding kommt eine Idee aus, die Knors interessant findet: Die Gendervariante mit der Y-Endung. Statt Schüler und Schülerin gäbe es bei dieser Genderform das Wort „Schüly“ und im Plural „Schülys“. „Diese Variante finde ich wirklich großartig. Ich würde mir wünschen, Menschen würden solche Sachen einfach mal auszuprobieren: Wie sich das anfühlt, wenn man „Schülys“ sagt, oder „Lehrys“. Ob das überhaupt über die Zunge geht“, sagt sie und lacht bei der Vorstellung.

„Sich sensibilisieren lassen“

Gleichzeitig hätte sie den Eindruck, dass die Debatte aktuell überhitzt wäre und die Leute müde. „Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Lust haben zu reflektieren, anderen zuzuhören, ihnen und ihren Wünschen. Ja und vielleicht auch Lust haben, sich überzeugen und sensibilisieren zu lassen“, sagt Knors.

Zur Sprache in diesem Artikel: Laut dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverein  sind die Bezeichnungen „blinde und sehbehinderte Menschen“ sowie „Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung“ diskriminierungsfrei. Mehr dazu gibt es hier zu lesen.

2 KOMMENTARE

  1. Leider typisch für solche Artikel, dass nur Blindheit als Problem genannt wird. In der Form auch behindertenfeindlich, weil Seh-, Lesebehinderte und Autist nicht genannt werden, die eine wesentlich größere Gruppe ausmachen. Würde auch zur Ausgewogenheit gehören, einen blinden Befürworter zu fragen. Schade, eine Chance zur Barrierefriheit vertan.

    • Liebe Frau Müller, vielen Dank für Ihr Kommentar. Dieser Artikel bezieht sich auf ein sehr konkretes Problem blinder und sehbehinderter Menschen mit typografischen Genderzeichen. Er gehört zu einer Reihe an Artikeln, welche sich mit verschiedenen Perspektiven befassen. So ist beispielsweise ein Artikel über die Sichtweise von gehörbehinderter Menschen in Arbeit. Auch Interviews mit dem Büro für leichte Sprache in Hamburg sind in Planung.

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