Nach zwei Jahren Onlineprogramm findet das 38. Kurzfilmfestival Hamburg wieder in Kinosälen statt. 400 Beiträge, viele nur wenige Minuten lang und bei einigen sitzt das Publikum in der Jury – hier kommt das Programm im Überblick.

Von Marie Arnemann, Francine Sucgang und Maria Gassner
Foto: Kurzfilmfestival/Peter Fischer

Das 38. Kurzfimfestival Hamburg bespielt bis zum 6. Juni mit 400 Kurzfilme verschiedene Kinos in Hamburg. In animierten Beiträgen, Kurzdokumentationen und anhand von fiktionalen Welten werden Themen wie der Klimawandel, menschliche Schutzräume und queeres Leben behandelt. In der alten Postfiliale am Kaltenkircher Platz in Altona befindet sich das Festivalzentrum. Dort erwartet Besucher*innen ein vielfältiges Angebot – etwa den Ausstellungsraum Open Space, ein Freiluftkino und einen Festivalklub, in dem jeden Abend ab 23 Uhr die Bar öffnet. Es darf getanzt werden.

Die drei Hauptkategorien des Festivals sind der Internationale Wettbewerb (IW) mit acht Wettbewerbsprogrammen, der Deutsche Wettbewerb (DW) mit fünf Programmen und der Dreifache Axel – hier sind die Filme nicht länger als drei Minuten. An Personen zwischen vier und 18 Jahren richtet sich das Programm des Festivalablegers Mo und Friese mit Kurzfilmen für Kinder, die ebenfalls von einer Kinderjury ausgezeichnet werden. 

Internationaler Wettbewerb

In acht Wettbewerbsblöcken werden fünf bis sechs Kurzfilme im Zeise Kino und im B-Movie gezeigt. Drei Beispiele:

  • In „Becoming Male in the Middle Ages“ geht es um zwei Paare mit Kinderwunsch. Der Film behandelt Themen wie Unfruchtbarkeit und queere Sexualität.
  • „Displaced“ spielt im Kosovo der Nachkriegszeit. Zwei Tischtennistrainer suchen einen Trainingsplatz, um junge Talente zu trainieren. Dabei finden sie unter anderem Garagen und Hochzeitssäle.
  • Im Science-Fiction-Dokumentarfilm „Odorless Blue Flowers Awake Prematurely“ geht es um eine Explosion in der Industrieregion von Beirut und die Frage, ob Dystopie unsere aktuelle Realität darstellt oder in der Zukunft liegt.

Deutscher Wettbewerb

Die Filme der Kategorie „Deutscher Wettbewerb“ laufen in den Kinos Filmraum, Zeise Kino und 3001. In jedem der fünf Programme werden vier bis sechs Kurzfilme aus deutscher Produktion zwischen vier und 38 Minuten gezeigt – mal dokumentarisch, mal poetisch, mal musikalisch.

Eine herausfordernde Work-Life-Balance steht im Zwanzigminüter „First Work, Then Play“ im Fokus, während „Die Hüter des Unrats. Eine kurze Geschichte des Abfalls“ die Qualität von Müll und gleichzeitig die Zerstörung der Erde durch den Menschen untersucht. In „Unterwegs im Namen der Kaiserin Prequel“ von Jovana Reisinger suchen die Protagonist*innen nach dem Jungbrunnen und verfallen der Vorstellung der ewigen Schönheit.

Dreifacher Axel

In der Sektion „Dreifacher Axel“ sitzt das Publikum in der Jury: Im Kino 3001, Lichtmess und auf dem Open-Air-Kino-Gelände auf dem Kaltenkircher Platz laufen dreiminütige Beiträge, bei denen am Abend die Zuschauer*innen entscheiden, wer die Kategorie gewinnt und mit 1.000 Euro Preisgeld nach Hause geht. In diesem Jahr lautet das Motto „Auf ganz dünnem Eis“ – und die Filme ordnen sich hier ganz unterschiedlich ein: In „Fishing No.: 1“ sucht man mit einem Angler unter einer Eisfläche nach Fischen. „Schöner als Zuhause“ gewährt Einblicke in ein Frauenhaus, ohne die Identität der fünf Protagonistinnen Preis zu geben. Lasst die Hüften gemeinsam mit „Blocks“ kreisen, darin tanzt auch mal einer der Klötze aus der Reihe.

Mo und Friese

Für alle Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 18 Jahren werden Filme gezeigt, die auf Augenhöhe relevante Themen abbilden. Die neun internationalen Wettbewerbsprogramme laufen im Abaton, Zeise Kino, 3001 und im Festivalzentrum.

Auch hier sind in vier Kategorien Gewinner*innen zu küren: Friese-Preis, Mo-Preis und Neon-Preis werden von einer Jury im Alter von sechs bis 18 Jahren vergeben. Die Darstellungsformen sind auch hier vielfältig: von Trickfilm über Realverfilmung bis hin zu künstlerisch gestalteten Filmen.

Zudem finden spannende Workshops statt: In ihnen kann man den Grundwortschatz von Gebärdensprache erlernen, Filme aus der Sicht von Seh- und Hörgeschädigten Menschen wahrnehmen oder ein Drehbuch schreiben.

Labor der Gegenwart

Im „Labor 1“ liegt der Fokus auf Asien, aber auch  LGBTQ+-Themen oder der indonesische Filmemacher Gotot Prakosa finden ihren Platz. Im begleitenden Forum geht es darum, wie viel Bedeutung in die nationale Zugehörigkeit eines Films gelegt werden soll.

Im „Labor 2“ geht es um Ecstasy. Hier wird die Ekstase von gegensätzlichen Seiten beleuchtet. Es laufen sowohl neue als auch restaurierte Filme. Passend dazu wird am Freitag im Forum über die Filmrestaurierung diskutiert.

“Besetzt die Banken!” lautet das Motto im „Labor 3“. Hier geht es aus Hamburger Perspektive um die Themen Wohnen und Obdachlosigkeit sowie kreative Lösungsansätze solcher gesellschaftlicher Fragen.

Archiv der Gegenwart

Im Metropolis und Zeise Kino werden „migrantisch deutsche Filme“ gezeigt, über deren Thesen und Fragen im Forum diskutiert wird. Die Beiträge befassen sich mit dem Anspruch einer Gesellschaft aus der Geschichte gelernt zu haben:

  • In „Privremeni Život“ entfacht ein Konflikt zwischen Gastarbeitenden, die in einem Werk in Köln arbeiten und Anwohner*innen.
  • „A Lover and Killer of Colour“ blickt tief in das Selbstgespräch einer Malerin ein, die Farben vernichtet, um die eintönige weiße Fläche zu brechen.

Unter dem Thema „Indigenious Voices from Asia“ werden drei Filme gezeigt, die sich mit dem Lebensstil einiger indigener Gemeinschaften im asiatischen Raum auseinandersetzen.

  • „Orbit 50: Letter To My Three Sons“ ist ein Videobrief des Regisseurs an seine drei Söhne, in dem er seine Hingabe zur Kultur, Familie und der Natur darstellt.
  • In „32 KM – 60 Years“ geht es um das Dorf eines Stammes in Taiwan, welches fast sieben Jahrzehnte verlassen war, weshalb kaum Straßen dorthin führen.
  • Die Abhängigkeit des Westens von Bildern behandelt „How To Improve The World“ am Beispiel von Menschen im Hochland von Vietnam und mit einem Fokus auf Töne und Musik.

Nähere Informationen sowie Tickets gibt es online auf der Programmseite des Festivals, der Festivalpass ist nur am Infocounter im Festivalzentrum verfügbar.

Preise

Einzelkarte: 8€/7€ (ermäßigt)
5er-Karte: 33€/30€ (ermäßigt)
Festivalpass: 65€/58€ (ermäßigt) (Erhältlich nur am Infocounter im Festivalzentrum)
Mo und Friese Junges Kurzfilmfestival Hamburg: 3,50€/3€ (ermäßigt)

In unserem Kulturguide könnt ihr über weitere Veranstaltungen 2022 in Hamburg mehr erfahren.

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Damit Marie Arnemann, Jahrgang 1994, ihre Reisen nach Thailand, Kambodscha und Indien finanzieren konnte, testete sie wöchentlich 600.000 Sprungfedern auf ihre Funktionsfähigkeit. Mit einer Yoga-Ausbildung in der Tasche kehrte die Hamburgerin zurück und begann Medieninformatik mit Schwerpunkt Film in Flensburg zu studieren. Für die Pressestelle der Hochschule drehte sie Werbeclips und produzierte eine monatliche Talkshow, bei der auch die Bürgermeisterin zu Gast war. Während ihres Studiums drehte Marie am liebsten Kurzfilme. Mit einem zum Thema Plattdeutsch gewann sie bei den Flensburger Kurzfilmtagen sogar den dritten Platz – obwohl sie kein Plattdeutsch spricht. Zurück in Hamburg wagt sie nun den Sprung von der Filmemacherin zur Video-Journalistin. Kürzel: Ari

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