Während des russischen Angriffs berichteten Influencer*innen aus der Ukraine direkt aus dem Kriegsgebiet – persönlich, emotional und individuell. So auch Mariia Bilenka aus Charkiw, die vorher Beiträge über Skincare postete.

Text und Fotos: Julia Kaiser

Große ringförmige Lampen hängen von der Decke eines Hamburger Bürokomplexes herab. Sie geben goldenes Licht von sich und bilden dabei einen schönen Kontrast zu der royal blau gefliesten Fassade des Foyers. Mariia Bilenka passt gut in dieses edle Ambiente: Sie trägt einen braunen Trenchcoat, einen rot karierten Schal, Jeans und Sneaker. Die 25-Jährige ist ukrainische Influencerin. Seit 2018 informiert sie ihre Follower*innen über Themen, die ihr am Herzen liegen: Zero Waste, Skincare – und jetzt auch den Krieg.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

„Wach auf. Der Krieg hat begonnen“

24. Februar 2022 – 6:30 Uhr
Mariia wird von ihrer Mutter geweckt.
„Masha, Masha wach auf. Der Krieg hat begonnen.“

Dass es wirklich zu einem Krieg kommt, hat Mariia nicht geglaubt. Am 23. Februar zeigt sie sich auf ihrem Instagram-Kanal noch zuversichtlich. Am nächsten Morgen dann das böse Erwachen.

Mehrere Stunden warten sie, um Wasser und Medikamente zu bekommen – ungeschützt vor Angriffen. Es ist erschreckend ruhig auf den Straßen Kiews. Das verstärkt nur die Panik, die Mariia spürt.

Ein Koffer und Fotoalben – das ist alles, was Mariia und ihre Mutter mit sich nehmen. Ein paar Erinnerungen an ihr früheres Leben, Kleidung und einige weitere Habseligkeiten, die sie zur Not zu Geld machen können. Mit dem Zug flüchten Mutter und Tochter über die Stadt Lwiw in die Slowakei, nach Prag und schließlich nach Deutschland. Die Stimmung an den Bahnhöfen war angespannt: „Die Menge an Menschen war verrückt. Die Leute haben geschrien, geweint und sich gegenseitig geschubst“, so Mariia. Ihre Flucht hat sie auf Tiktok dokumentiert.

@mariia_white I will never forgive people who support putin. Never. #standwithukraine #warinukraine #standwithukraine🇺🇦 ♬ Обійми – Океан Ельзи

Es geht nach Deutschland, weil Mariia in Hamburg einen neuen Job gefunden hat, nachdem sie ihren alten wegen des Krieges verlor. Für ein Startup, dessen Produkte sie früher selbst auf ihrem Instagram-Kanal promotet hat, ist sie nun für das Influencer Marketing zuständig.

„Ich hatte das Bedürfnis, mich zu äußern“

Leiser Lofi-Hiphop klingt aus Lautsprechern und wird durch das Tippen auf Tastaturen komplimentiert. Menschen sitzen konzentriert vor ihren Computern und arbeiten. Mariia wischt sich eine Träne aus dem Auge, holt tief Luft. Die Ukrainerin sitzt auf einem Sessel im Besprechungsraum ihres neuen Büros – die Beine überschlagen, der Blick stark, die Haare hinter die Ohren gestrichen.

Der Entschluss, ihre Geschichte über sozialen Medien zu teilen, ist Mariia leicht gefallen: „Ich hatte das Bedürfnis, mich zu äußern. Mein Feed bin ich. Ich bin mein Feed. Mein Leben spielt sich auf Instagram ab“, sagt sie. Zu ihrem Leben gehöre jetzt auch der russische Angriffskrieg.

Influencer aus der Ukraine: Der Instagram Feed von Mariia
Von der Skinfluencerin zur Geflüchteten: Die Veränderung von Mariia’s Instagram Account ist deutlich zu erkennen.

Mariia hat etwa 70 Tausend Follower auf Tiktok und knapp 30 Tausend Follower auf Instagram. Diese Rechweite nutze sie nun, um Menschen auf der ganzen Welt an ihrem Leben teilhaben zu lassen. „Es war mir immer klar, dass ich posten muss“, so Mariia. „Ich habe so um Hilfe geschrien. In meinem ersten Post zum Krieg ging es darum, wo man Geld spenden kann.“

Das Posten sei ihre Art zu kämpfen. Gegen Russland, für Freiheit und Gerechtigkeit. „Ich bin zwar nur eine Mikroinfluencerin, aber ich kann trotzdem nützlich für mein Land sein“, sagt sie. Seit Mariia begonnen hat über den russischen Angriffskrieg zu schreiben, verzeichnet ihr Kanal einen Rückgang von Follower*innen. Mariia vermutet, dass dies an Menschen aus Russland liegt, die ihr aufgrund ihres Contents entfolgten.

Außerdem postet Mariia seit Beginn des Krieges ihre Beiträge auf Englisch und Ukrainisch. Davor hat sie auf Russisch und Englisch gepostet. Mariia ist in Charkiw, nahe der russischen Grenze aufgewachsen. Im Osten der Ukraine sei es normal gewesen, Russisch zu sprechen. All ihre Freunde und ihre Familie haben das getan. Heute ist Mariia froh in der Schule Ukrainisch gelernt zu haben. Die Sprache gibt ihr ein Gefühl von Identität, Unabhängigkeit und Abgrenzung.

Die Rolle von Influencern aus der Ukraine in Krisenzeiten

Ukrainische Influencer*innen spielen während des aktuellen Krieges eine wichtige Rolle, so Marcus Bösch, Experte für soziale Medien, vor allem für die Plattform Tiktok: „Auf Social Media kann ich mich als User*in viel individueller abholen lassen und kann an dem Prozess teilhaben. Beispielsweise vom Leben im Keller, auf der Flucht – bis zum Ankommen.“ Dies sei eine andere Qualität von Berichterstattung und Bindung, die es so noch nicht gegeben habe.

Auch Mariia sieht das so: „Wenn du aufrichtig mitteilst, was in dir und in deinem Land vor sich geht, hilft das den Menschen da draußen, die Situation zu verstehen und Hilfe anzubieten“, sagt sie. Die ukrainische Seite wisse die Klaviatur der sozialen Medien gut zu spielen, so Bösch. Die gesamte öffentliche Meinung im Westen zur Ukraine sei auch nach mehreren Monaten Krieg sehr positiv gestimmt. Für Bösch ist die Rolle der Content Creator*innen aber nicht kriegsentscheidend. Trotzdem hätten Bilder und Videos einen Einfluss.

Oft wird dieser Tage von sogenannten Warfluencern gesprochen und geschrieben. Streng genommen könnte man auch Mariia dazu zählen. Schließlich postet sie seit dem 24. Februar 2022 Bilder von Anschlägen auf ukrainische Städte oder von Menschen auf der Flucht. Marcus Bösch hält von dem Begriff dennoch nichts, da diese Art von Kriegsberichterstattung ein temporäres und unfreiwilliges Phänomen ist. „Junge Nutzer*innen haben ja nicht entschieden, jetzt eine laute Stimme im aktuellen Krieg zu sein“, sagt Bösch. „Sie haben eine Reichweite gekriegt, weil sie ihren schrecklichen Alltag dokumentieren.“

„Meine Superkraft? Ich bin ukrainisch“

Mariia Bilenka an ihrem Schreibtisch: "Ich verstehe mich als ukrainische Influencerin"
„Ich verstehe mich als ukrainische Influencerin“ – Mariia Bilenka. Foto: Julia Kaiser

Als ukrainische Influencerin bitte ich um Hilfe, um diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden, sagt Mariia. „Meine Superkraft? Ich bin ukrainisch“, Mariia ist stolz – auf ihr Volk, ihre Armee, ihren Präsidenten und ihr Verhalten. „Auf alles, was wir tun“, so die junge Frau. „Models, Influencer*innen, Schauspieler*innen – einige Tiktok-Creator*innen sind sogar zur Armee gegangen, um uns zu beschützen. Sie sind Helden.“

Mariia möchte sich weiterhin für die Ukraine einsetzen. Auf ihre Art – mit Posts zu ihrem Make-up, blau-gelben Socken oder selbstgemalten Bildern. „Ich kann nur versuchen, mein Bestes zu geben“, sagt sie. Es ist ein warmer Nachmittag im Frühling, der Himmel ist blau, die Bäume blühen. Die Sonne geht langsam unter und scheint Mariia ins Gesicht. Sie schließt die Augen und lächelt. Hamburg im Frühling. Gold und blau.

Mariia teilt in ihren Story Highlights auf Instagram Informationen für ukrainische Geflüchtete: Wo finde ich einen Job?  Wie kann ich im Ausland studieren? Wie finde ich eine Unterkunft? Außerdem stellt sie dort Informationen über ukrainische Bücher und Musik und Spendenmöglichkeiten vor.