Jede Flinta kennt das Problem: die Blase drückt – schnell auf die Toilette! „Nur kurz” geht bei weiblich gelesenen Personen selten. Oft dauert die Suche nach einer Toiletten lange oder die Schlange davor ist endlos. Doch die Toiletten-Revolution ist auf dem Vormarsch: Seit 2018 gibt es ein Frauenurinal zum Hocken.

Von Julia Kaiser und Laura Grübler / Foto: Lena Olvedi

Während bei Männern das „Wildpinkeln“ gang und gäbe ist, müssen Flinta* in der Regel ein Café oder auf eine kostenpflichtige öffentliche Toilette ausweichen. Das Problem? Lange Warteschlangen und unhygienische Oberflächen. Wie also könnten öffentliche Toiletten für Flinta gerechter und hygienischer gestaltet werden? 

Das Problem mit den Toiletten

Männer haben durch zusätzliche Urinale neben dem gänigen Wasserklosett mehr Auswahlmöglichkeiten, um sich zu erleichtern. Hinzu kommt, dass Flinta in etwa zweimal so lange brauchen für den Klo-Besuch wie Männer. Das liegt nicht etwa daran, dass sie zu langsam sind, immer zu zweit in der Toilettenkabine verschwinden oder zu viel tratschen. 

Flinta werden öfter von Kindern und von älteren oder behinderten Menschen begleitet. Flinta müssen außerdem aus verschiedenen Gründen einfach häufiger auf die Toilette. Beispielsweise wegen der Periode, Schwangerschaften oder Blaseninfektionen. 

* Was bedeutet Flinta?

FLINTA steht für Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen, die eine andere Geschlechtsidentität als cis hetero männlich haben. Der Begriff Flinta wird oft verwendet, um einen Safe Space (Schutzraum) für Menschen zu schaffen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden. Neben Flinta sind auch die Begriffe FLTI (Frauen, Lesben, Trans, Inter) oder FLINT (Frauen, Lesben, Inter, Nicht-binär, Trans) gebräuchlich.

Eine gerechte und gleichstellende Aufteilung von Damen- und Herrentoiletten wäre also nicht 50:50, sondern mehr Möglichkeiten für Flinta. Doch, egal ob im Club, im Restaurant, im Büro, oder in der Öffentlichkeit – die Realität sieht oft anders aus. 

Diese Missstände können darauf zurückgeführt werden, dass Branchen wie Sanitärtechnik, Architektur und Stadtplanung von Männern dominiert werden. Dadurch werden die sanitären Bedürfnisse von weiblich gelesenen Menschen oftmals nicht berücksichtigt. So sagte schon Taunya Lovell, ehemalige Juristin und Vizepräsidentin der Black Women Lawyer’s Association of Houston, in ihrem 1991 erschienenen Artikel „Toilets are a feminist issue”: „Ich bin davon überzeugt, dass fast alle öffentlichen Toiletten von Männern entworfen worden sind. Diese Männer sind entweder frauenfeindlich oder haben den Bedürfnissen von Frauen auf der Toilette nie viel Aufmerksamkeit geschenkt.”

Das Frauenurinal "Missoir" im Südpol
Das Frauenurinal im Südpol. Foto: Laura Grübler

Mit Frauenurinalen Gleichberechtigung schaffen

Dass die gleichmäßige Toilettenaufteilung nicht gerecht ist, sieht Lena Olvedi genauso. Lena ist die Erfinderin vom Missoir einem Frauenurinal. Die Idee hatte Lena 2018. Mittlerweile hat sie sich selbstständig gemacht und baut ihr Team und das Missoir-Projekt weiter aus. „Es sollte Unisex-Kabinen geben. Egal für welches Geschlecht und welches Geschäft. Dazu dann noch Steh- und Hockurinale”, findet sie. Die meisten Toiletten im öffentlichen Raum werden „für’s Pullern” aufgesucht. Daher sollte es allgemein mehr Urinale als Toiletten geben, so die Missoir-Gründerin. 

Die Idee für ein Frauenurinal kam Lena im Club: Sie wollte ihre Zeit nicht in Warteschlangen vergeuden, nur um dann an eine Kloschüssel zu kommen, auf die sie sich nicht setzen wollte. „Berührungsvermeidungsstrategieen wie die Ski-Fahrerin oder Türgriff festhalten, kosten Nerven und Zeit.“ Und oft verbrauchen herkömmliche Toiletten auch mehr „Ressourcen wie Wasser und Toilettenpapier”, sagt Lena. 

Frauenurinal: Missoir im Design von Künstlerin Xenia Minkina
Ein Missoir im Design von Künstlerin Xenia Minkina. Foto: Lena Olvedi

Am bequemsten und natürlichsten urinieren Flinta in der Hocke. Daher war Lena von Anfang an klar, wie ein Missoir gestaltet sein muss: Das Missoir ist länglicher als eine herkömmliche Hocktoilette und ist zudem mit Haltestangen und einem Spritzschutzgitter ausgestattet. Außerdem funktioniert das Urinal ohne Wasser. Das sei nicht ihre Erfindung. Trockenurinale gäbe es auch für Stehpinkler, aber eben nicht für Flinta. Mit Trockenurinalen könne eine Menge an Wasser eingespart werden, denn „wir verbrauchen bis zu zwölf Liter Trinkwasser pro Toilettengang.”

Allgemein kommt das Missoir sehr gut an: „Es ist einfach das Schönste zu sehen, wenn die Frauen mit strahlenden Augen aus dem Missoir kommen. Das ist so eine empowernde Stimmung”, sagt Lena. Die Nachfrage ist groß und auch Warteschlangen gibt es regelmäßig. Im Gegensatz zu normalen Dixis ginge es aber immerhin im Schritttempo vorwärts.

Don’t worry, pee happy

Das weibliche Urinieren ist negativ konnotiert und mit Scham behaftet – wie so Vieles, das mit dem weiblichen Geschlecht zu tun hat. Lena setzt einiges daran, mit einem „Ha-pee-ning” gegenzusteuern. So bietet sie beispielsweise „Prosecco Pipi-Partys“ oder „PeeJs“ an und verkauft in ihrem „Peepapo Shop“ Accesoires wie Vulva-Ohrringe. Der Gang zur Toilette soll nicht immer mit Ärger und Ekel verbunden sein.

„Viele Frauen sind erstmal skeptisch”, erzählt sie. „Aber wenn ich frage ‘Wofür schämst du dich?’ dann rattert es und es macht klick.” Und wer seine Privatsphäre dennoch nicht hergeben will: „Das Missoir soll die herkömmliche Toilette ja nie ersetzen, sondern ergänzen”, meint Lena.

Missoir-Gründerin Lena Olvedi und ihre Pipilottas
Missoir-Gründerin Lena Olvedi und ihre Pipilottas bei Rock am Ring. Foto: Missoir

Von alternativen Urinierhilfen wie Urinella oder Pipilotta, die es Frauen ermöglichen, im Stehen zu urinieren, hält Lena nichts. Diese Hilfe ist oft ein trichterförmiger Gegenstand, der den Urin über den Trichterausgang ableitet. Es sei ja nicht so, dass Mutter Natur etwas vergessen habe bei ihr. „Warum muss ich mir als Frau schon wieder etwas kaufen – am besten dann noch in Pink – um mich den Männern am Stehurinal anzupassen. Und nach drei Versuchen klappt es dann auch, ohne sich nass zu machen… Darauf habe ich keine Lust.”

Bisher ist das Trockenurinal primär auf Festivals vertreten. Der Startschuss für dieses Jahr war das Festival Rock am Ring gefolgt vom Wurzelfestival, Hedoné und der Fusion. „Wir sind jedes Wochenende auf Tour, um alle Blasen zu erleichtern”, freut sich Lena.

Barrierefreies Pinkeln

Leider ist das Missoir nicht für alle geeignet, muss Lena gestehen. Aber auch ein herkömmliches Pissoir sei nicht barrierefrei. Es gibt Toiletten, die extra behindertengerecht sind und die muss es auch immer geben, so Lena. 

Nichtsdestotrotz versucht das Missoir für alle Körperformen und Altersklassen zugänglich zu sein. „Ich hatte schon schwangere Frauen im Missoir, eine Frau mit gebrochenen Bein und Omis mit Krückstock. Mein absolutes Highlight war, als eine Frau mit Rollstuhl ins Missoir gefahren ist.” Damit hätte Lena nicht gerechnet. „Ich kann nicht für alle Grade der Behinderung dienen, aber es wurde schon sehr gut genutzt. Auch von Leuten, die nicht 0815-gesund sind.”

Auch während der Periode stellt die Nutzung des Hockurinals kein Problem dar. Sollte es Blutstropfen auf dem Gitter geben, wird einmal drüber gewischt. Zudem werden an den Missoirs kostenlose Tampons angeboten. Lediglich das Wechseln der Menstruationstasse ist noch nicht möglich, da das Missoir ein wasserfreies Urinal ist. „Aber auch da suchen wir eine Lösung.”

Südpol: Der erste Club in Hamburg mit Frauenurinal

Auch der Hamburger Club Südpol will seinem weiblich gelesenen Publikum mehr Möglichkeiten geben, sich zu erleichtern und so mehr Gleichberechtigung schaffen. Der Club liegt im Stadtteil Hammerbrook und grenzt an den Alster-Bille-Elbe-Park. Die Toiletten-Anlagen dürfen gleichermaßen von den Park- und Club-Besucher*innen genutzt werden. Seit dem Re-Opening nach der Coronapause im April gibt es für Flinta gleich mehrere Möglichkeiten sich zu erleichtern: zwei Hockurinale von Missoir und zwei Stehhockurinale von dem Sanitärunternehmen Finzio.

Anna Lafrentz, Mitarbeiterin im Süddpol
Anna Lafrentz setzt sich für mehr Frauenurinale in Hamburg ein. Foto: Laura Grübler

„Der alte Toilettenanhänger sollte eh ausrangiert werden und Komposttoiletten waren aus ökologischen Gründen auch schon in der Planung”, erzählt Südpol-Mitarbeiterin Anna Lafrentz. Darüber hinaus ist der Club mit dem Bezirk Mitte einen Deal für ein Pilotprojekt eingegangen. Der Bezirk unterstützt die Sanitäranlagen des Clubs finanziell und im Gegenzug dürfen die Anlagen unter der Woche von Besucher*innen des anliegenden Alster-Bille-Elbe-Parks genutzt werden.

Anna vom Süpol ist begeistert von den Urinalen: „Ich finde dieses offene Konzept total super. Es ist die beste, hygienischste, schnellste, einfachste und würdevollste Art und Weise als Frau pinkeln zu gehen“.

Und Anna will noch mehr erreichen: „Meine Mission ist es mit dem Bezirk Mitte zu sprechen und vorzuschlagen eben solche Hockurinale auf dem Kiez zu installieren, um eine hygienische Pinkel-Möglichkeit abseits von Männer-Pissoirs zu schaffen.“ Wie schnell und erforlgreich sie ihre Pläne durchsetzten kann, wird sich zeigen, aber sie glaubt, dass „sich im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs kein Mann mehr erlauben kann, so etwas nicht zu befürworten.“ Außerdem sei in den Bezirken bereits ein Generationswechsel spürbar. Zwar könnte der formale, bürokratische Akt nervig werden aber Anna glaubt, dass es umsetzbar ist: „Ich habe einen langen Atem“, sagt sie und lacht.

Eine weitere Alternative: Das Unisexurinal 

Neben den Hockurinalen von Missoir, gibt es im Südpol auch zwei Hockstehurinale. Entwickelt wurden diese von Finizio. Florian Augustin, Geschäftsführer von Finizio sagt über das Stehhockurinal: „Dieses Urinal kann gleichermaßen in der Stehkocke von Frauen und im Stehen von Männern genutzt werden.” Es ist also ein Unisexurinal. 

Das Feedback für die Unisexurinale sei bisher positiv. „Wichtig ist, dass das Becken auf der richtigen Höhe (circa 50 cm) aufgehängt ist. Es ist eigentlich dieselbe Haltung, die die meisten Frauen eh auf jeder öffentlichen Toilette einnehmen, bloß ergonomischer und mit keinerlei Berührungskontakt.”

Das Unternehmen konzipiert nachhaltige Sanitäranlagen und hat eine deutschlandweite, einzigartige Humanfäkalien-Verwertungs-Anlage erfunden. Unter anderem verwandeln sie Toiletteninhalte in Humusdünger. 

Das Frauenurinal von Finizio
Im Hamburger Club Südpol gibt es auch Unisex Stehhockurinale. Foto: Laura Grübler

Frauenurinale: Die Richtung stimmt

Die Idee vom Unisex- oder Frauenurinal ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert gab es Frauenurinale mit automatischer Spülung. Diese Art von Toiletten war einfach zu realisieren und zu installieren und sparte dazu noch Wasser ein. 

Erlebt das Frauenurinal jetzt eine Renaissance? Zumindest gibt es jetzt mehrere Möglichkeiten, um gegen das Patriarchat zu pinkeln. Sanitäre Unisexanlagen und (Steh)hockurinale sind wichtige Schritte in Richtung Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit. Ob sich die Toilettensituation auch in Zukunft ändern wird, bleibt dennoch abzuwarten. 

Lena und Anna sind sich aber einig, und wünschen sich mehr Urinale für alle – auf Festivals, im Club und im öffentlichen Raum.

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