Asmara Habtezion vor der
Asmara Habtezion vor dem Hauptquartier von Asmaras World. Foto: Anton Peter

Drittstaatler die aus der Ukraine geflohen sind, haben es schwer Anerkennung zu finden. Die Organisation „Asmaras World“ setzt sich für das Bleiberecht von internationale Studierenden in Hamburg ein.

Eine Frau steht vor der Ausländerbehörde und filmt sich von schräg unten: Zopf, verspiegelte Sonnenbrille, grüner Hoodie. Sie räuspert sich, schaut triumphierend in die Kamera und fragt: „Ladies and Gentlemen, we got it?“.

Die Kamera schwenkt auf eine Gruppe junger Leute, die sich jubelnd vor der dem hohen Empfangsschild der Hamburger Ausländerbehörde versammelt hat. Die Frau heißt Asmara Habtezion. Sie ist Initiatorin der Migrantenselbstorganisation „Asmaras World“ und fröhliche Szenen vor der Ausländerbehörde eigentlich nicht gewohnt.

Asmaras World

Zwischen einer Kinderkrippe und einem Kiosk liegt die „Safe City“, das Hauptquartier von Asmaras World. Innen verstreute Tische und Stühle, in der Ecke eine halbvolle XXL Packung Baklava. An den Wänden stehen Begriffe wie „Vertrauen“, „Zusammenhalt“ und „Vielfalt.“ Asmara rührt sich eine Tasse Wiener Melange an. „Man braucht keine Milch besorgen, ist schon alles drinne. Super entspannt.“

Hier drinnen geht’s um Solidarität, hier geht’s um Migration, hier geht’s ums Klarkommen in einem neuen Land. Alleine sein, frustriert sein, den Tag überleben. Das ist unser Kampf, jeden Tag.  (Asmara Habtezion)

Seit 2014 kümmert sich Asmara zusammen mit einem Netzwerk aus Organisationen und Helfer*innen um „Newcomer“, wie sie es sagt. Um Migrant*innen, die nach einem langen Weg in Hamburg ankommen und versuchen, sich in einem neuen Land zurechtzufinden. „Wir sind kein typischer eingetragener Verein. Wir sind eher wie eine Familie.“

Ukraine-Flüchtlinge aus Drittstaaten: Beyond Evacuation

Als Asmara am 24. Februar von dem Angriff Russlands auf die Ukraine erfährt, ist ihr sofort klar, was auf Hamburg zukommt. Sie beginnt Schlafsäcke zu organisieren, macht sich bereit, Menschen aus der Ukraine aufzunehmen: „Alle waren ready to rumble“. Doch dann trenden Hashtags wie #africansinukraine und Bilder von schwarzen Menschen, die aus Zügen an der ukrainisch-polnischen Grenze gezerrt werden. Teilweise von Polizisten, teilweise von der Zivilbevölkerung selbst.

Ein nigerianisches Mitglied von Asmaras World erzählt Asmara von seinen Kommiliton*innen, die es über die Grenze geschafft haben, aber nun in Warschau festsitzen. Junge Menschen, die auf den ersten Kilometern ihrer Flucht erfahren mussten, dass weiße Ukrainer*innen auf ihrem Weg bevorzugt werden. Menschen, die nicht wissen wohin mit sich, weil sie von den Beschlüssen der europäischen Staaten nicht mitgedacht werden.

„Ich war im Eskalationsmodus 3000, derbst am Kochen“. Asmara ist mit ihrer Wut nicht allein. Zusammen mit Unterstützer*innen aus der Hamburger Politik, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Aktivist*innen plant sie die Aktion „#EvacuateAfricansFromUA“ – ein Konvoi, der die betroffenen Menschen nach Hamburg bringen soll. Innerhalb eines Tages kommen über 10.000 Euro zusammen.

48 Stunden nachdem die ersten Bilder der rassistischen Übergriffe durch die sozialen Medien gehen, fährt Asmara mit Helfer*innen und 120 leeren Plätzen nach Warschau, um den Migrant*innen eine sichere Fahrt nach Hamburg zu garantieren.

Reality-Schelle in Hamburg: Stress und Überforderung

Der Konvoi kehrt mit 120 Menschen aus Warschau zurück. Die meisten von ihnen sind Student*innen aus Nigeria, die zum Studium in die Ukraine gezogen sind. Andere sind Studierende aus Ghana, Marocco, Ägypten, dem Sudan oder Yemen. Die Aktion „Beyond Evacuation“ war eine spontane Reaktion auf den Rassismus an der polnisch-ukrainischen Grenze. Für Pläne, wie man sich nach der Rückkehr um die Menschen in Hamburg kümmert, fehlte die Zeit. Asmara und ihre Mitstreiter*innen müssen feststellen, dass niemand in Hamburg auf sie gewartet hat.

„Natürlich haben wir nach Schlafplätzen gesucht und gedacht: Erst mal ankommen, atmen, schlafen. Das war eine krasse Reality-Schelle oben drauf: Die Regierung hatte sich keine Gedanken gemacht, was mit international Studierenden passiert oder mit Migranten. Als ob es in der Ukraine keine Migranten gibt. Das war schon hart zu schlucken.“

Eine Organisation, die normalerweise ca. drei bis fünf Personen bei den ersten Schritten in einem fremden Land unterstützt, steht plötzlich vor der Herausforderung, 120 Menschen zu versorgen. 120 Menschen, das sind 240 Mahlzeiten oder 120 Betten täglich. „Es schlaucht, jeden Tag so viele Menschen zu versorgen und nicht zu wissen, wie es weitergeht“, sagt Asmara.

Ukraine-Flüchtlinge aus Drittstaaten: Solidarität mit Abstrichen

Im März 2022 ist Europa solidarisch mit den Menschen, die aus dem Krieg in der Ukraine fliehen. Die Bundesregierung bemüht sich darum, den Neuankömmlingen eine schnelle und unbürokratische Aufenthaltserlaubnis zu geben. Nicht inbegriffen: Drittstaatler aus sicheren Herkunftsländern wie Ghana, Marocco, Ägypten oder Nigeria.

Die Student*innen kommen aus Familien, die ihr ganzes Leben dafür gespart haben, eines ihrer Kinder nach Europa zum Studieren zu schicken. Hinter den jungen Menschen stecken ganze Familienschicksale. Eine sofortige Rückkehr ist so für die jungen Erwachsenen keine Option: „Asmara was machen wir jetzt? Asmara, was wird aus meinem Leben? Asmara, we’re fucked right?“ Asmaras World entschließt sich, für die Zukunft der Studierenden zu kämpfen.

Eine neue Erfahrung

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

Die prekäre Situation hat für Asmara aber auch positive Seiten. „Man hat gesehen, wie gut das Zusammenspiel zwischen den Organisationen mittlerweile funktioniert“. Der paritätische Wohlfahrtsverband, kirchliche Organisationen, der Hamburger Studentenschaft und Akteure aus der Politik und Verwaltung unterstützen die geflüchteten Studierenden.

Die AstA fordert den afrikanischen Studierenden zu ermöglichen, ihr Studium in Hamburg fortzusetzen. „Angesichts des Fachkräftemangels macht es keinen Sinn, dass die geflüchteten Studierenden keinen Aufenthaltsstatus erhalten“, so Sarah Rambatz von der AstA Hamburg. Die Initiative der Universität Hamburg „UHHhilft“ schafft neue Angebote auf Englisch, damit sich die Flüchtlinge bei der Studiengangswahl besser orientieren können.

Auch kirchliche Einrichtungen wie Fluchtpunkt Hamburg helfen dabei, Unterkünfte und Mahlzeiten zu organisieren. „Es war krass zu sehen, wie groß das Netzwerk mittlerweile in Hamburg ist, und wie viele mit uns verbunden sind“, so Asmara.

Neben den konkreten Hilfestellungen für die international Studierenden verändert sich aber auch der Kontakt zwischen der Migrantenselbstorganisation und den Behörden. Akteure aus Politik und Verwaltung waren selbst schockiert über die Vorfälle an der polnisch-ukrainischen Grenze und haben „Beyond Evacuation“ von Anfang an unterstützt.

Direkter Draht in die Politik

Für Asmaras World ist das eine neue Situation: Es bildet sich eine Art Lobby, welche die Perspektive der Migrant*innen stark macht. Forderungen der Flüchtlinge können so direkt in die politischen Gremien eingebracht werden. „Das sind Gespräche, die wir sonst nie führen“ sagt Asmara.

So ist für Asmara im Frühling 2022 das erste Mal politischer Wille für die Belange von Asmaras World spürbar. Am 20. April teilt ein Sprecher der Hamburger Innenbehörde dem NDR mit, dass die Studierenden ihr Studium in Hamburg unter bestimmten Bedingungen fortsetzen könnten.

Während die Studierenden laut den Beschlüssen der Bundesregierung wohl in ihre Herkunftsländer zurückkehren müssten, macht Hamburg von seinem Ermessensspielraum Gebrauch: Die Studierenden können in Hamburg bleiben – vorausgesetzt sie verfügen über einen Studienplatz und sehr gute Deutschkenntnisse.

Entgegenkommen des Senats: Rückenwind oder heiße Luft?

Für Heiko Habbe vom Fluchtpunkt Hamburg ist diese Entscheidung ein wichtiges Entgegenkommen. Damit die Studierenden aber eine echte Chance zum Bleiben erhielten, bräuchte es jetzt konkrete Unterstützungen wie Sprachkurse und eine Anpassung der Zulassungsregeln für internationale Studierende. Ob diese Unterstützungsangebote für die Studierenden wirklich ernst gemeint sind, werde sich noch zeigen.

Für Asmara ist der Beschluss des Hamburger Senats ein Erfolg: Am 26. April bekommen die Studierenden ihre vorläufige Aufenthaltserlaubnis. Nach und nach kommen die Jugendlichen mit ihrem Zettel in der Hand zu Asmara, die vor der Hamburger Ausländerbehörde wartet. Sie zückt ihr Handy, schaut triumphierend in die Kamera und räuspert sich.