Die Periode ein Tabuthema, das menstruierende Menschen auf der ganzen Welt beschäftigt und fester Bestandteil ihres Alltags ist. Dennoch wird darüber nicht offen gesprochen. Warum ist das so? Lasst uns endlich über die Periode sprechen.  

Foto: Lisa-Marie Geiger, Claudia Schröder

Was würde passieren, wenn Männer plötzlich menstruieren könnten und Frauen nicht? Für Gloria Steinem ist die Antwort klar, wie sie in ihrem Essay If men could menstruate” beschreibt. Die Menstruation wäre etwas Männliches und Beneidenswertes: Männer würden damit prahlen, wie lange und wie viel sie bluten. Das Einsetzen der Menstruation wäre ein lang ersehnter Beweis der Männlichkeit und würde gefeiert werden. Außerdem vermutet die Autorin, die Versorgung mit Hygieneartikeln wäre dann staatlich finanziert und kostenlos.

Warum ist die Periode in unserer heutigen Gesellschaft ein Tabuthema? Wie kann ein natürlicher Prozess so verurteilt werden? Und warum ist die Periode so sehr von Scham behaftet, wenn doch knapp die Hälfte der Bevölkerung jeden Monat damit zu tun hat? 

Die Periode ist etwas „Schmutziges“

Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ein kurzer Rückblick in die Geschichte der Menstruation. Schon in der Antike war die Periode Sündenbock für alles. Plinius der Ältere glaubte sogar, die Periode könne Ernten vernichten und Wein sauer werden lassen. Auch aus der Bibel lernen wir, dass eine menstruierende Frau unrein ist. So steht im dritten Buch Mose: „Wenn eine Frau ihren Blutfluss hat, so soll sie sieben Tage als unrein gelten.”

Ein paar tausend Jahre institutionalisierte Verachtung des weiblichen Genitals lassen sich nicht so schnell abschütteln: Bis heute gelten menstruierende Menschen als unrein” und werden als weniger kompetent eingestuft. Die Periode wird mit Ekel und Scham verbunden. Die Vereinten Nationen haben Menstruationsscham deshalb 2018 als Bedrohung der Menschenrechte” bezeichnet.

Eine Studie von Plan International, bei der deutschlandweit 1000 Männer und Frauen befragt wurden, fand heraus, dass 97 Prozent einen Blutfleck auf der Kleidung als unangenehm” oder äußerst unangenehm” empfinden. 33 Prozent der Befragten fühlten sich während der Periode unrein”.

Die Scham über die Periode ist Teil unserer Sozialisierung. Außerdem wird sie durch die Medien gestärkt. In der Werbung für Menstruationsprodukte wird statt Blut eine blaue Flüssigkeit eingesetzt. Damit wird vermittelt, dass die Periode etwas ist, dass man verheimlichen soll. Und genau hier liegt das Problem: unsere erlernte Sicht auf die Periode.

Tabuthema Periode in dem Film OH SH*T!”

„Hast du einen Tampon für mich?“ Ein Satz, den wahrscheinlich jede menstruierende Person schon einmal ihrer Freundin zugeflüstert hat. Ganz leise, sodass es keiner mitbekommt. Nicht aber Elsa van Damke. Als sie in einer Vorlesung ihre Periode bekam, entschied sich die 28-jährige Regisseurin dazu ihre Hand zu heben und laut in den Raum zu fragen: „Hat jemand ‘nen Tampon für mich?” Die Reaktion: erstaunte Gesichter, peinlich berührtes Im-Raum-Umherschauen und allgemeines Unbehagen. „Es war wirklich, als hätte ich gesagt, ich habe mein Kind umgebracht.” 

Regisseurin Elsa van Damke
Regisseurin Elsa van Damke. Foto: Julia Kaiser

Ihr wurde klar, dass sich da etwas ändern muss. „Es kann doch nicht sein, dass in einem Raum mit jungen Künstler*innen alle betreten sind, wenn ich das Thema Menstruation anspreche.” Kurz darauf schrieb sie das Konzept für ihren Film „OH SH*T!“, der 2020 erschienen ist.  

Elsa kommt ursprünglich aus Berlin und studiert jetzt an der Hamburg Media School Regie. Ihr preisgekrönter Film „OH SH*T!” zeigt die 27-jährige Maggie auf einem Date bei ihrem Schwarm zu Hause. Als sie plötzlich ihre Periode bekommt, flüchtet sie ins Badezimmer. Dort kämpft sie mit zwei Stimmen in ihrem Kopf: die eine sagt, sie solle ihrem Schwarm gestehen, dass sie die Periode bekommen habe und das ganz natürlich sei. Die andere redet ihr ein, wie peinlich die ganze Situation sei und sie besser abhauen solle.  

„Der Film ist eine Liebeserklärung an die Menstruation!”, sagt Elsa. Gleichzeitig breche er Tabus und spiegle zentrale Themen wie Feminismus wider. Die Regisseurin freut sich, wie viel Aufsehen sie mit dem Film erregen konnte und auch, dass die Kritiken meistens positiv ausfielen.

Ein wenig erschreckend fand sie allerdings, dass vor allem das männliche Publikum den Film für eine Komödie hielt. „No, no no. Das ist ein sehr gesellschaftspolitischer Film!”, sagt sie. „Und genau wie es dargestellt wird, fühlen wir Frauen uns. Diese beiden Stimmen im Kopf, die haben wir wirklich.” 

Menstruationsurlaub als Lösung? 

In Spanien wurde ein neuer Gesetzesentwurf vorgestellt, der Reformen in Bezug auf reproduktive Gesundheit und Selbstbestimmung und geschlechtersensibles Arbeitsrecht vorsieht. In deutschen Leitmedien wird die Debatte verkürzt auf: Spanien plant Menstruationsurlaub.

Der Entwurf sieht vor, dass Frauen mit starken Menstruationsbeschwerden drei bezahlte Krankheitstage bekommen. Sie müssen dafür ein ärztliches Attest vorlegen. Falls das spanische Parlament zustimmt, wäre das eine Neuheit in Europa. Denn bisher gibt es solche Gesetze nur in Japan, Indonesien, Taiwan, Südkorea, Sambia und China. „Hammer”, findet Elsa. „Ich kenne viele Freundinnen, die mehrere Tage im Monat nicht in der Lage sind zu arbeiten.” 

Es gibt auch Gegenargumente zu dem Gesetzesentwurf. Sexistische Klischees könnten durch Menstruationsurlaub wieder aufgegriffen und Frauen dadurch als weniger leistungsfähig wahrgenommen werden. Außerdem hätten Menstruierende möglicherweise noch schlechtere Aufstiegschancen. 

Elsa kann das nachvollziehen. Denn wenn ein ärztliches Attest vorliegen muss, würde menstruierenden Personen viel Vertrauen abgesprochen. Sie selbst würde lieber darauf vertrauen, dass menstruierende Personen das Gesetz nicht ausnutzen, sondern wissen: wenn etwas ist, dann kann ich zu Hause bleiben. Dennoch findet Elsa es gut, dass durch Maßnahmen wie Menstruationsurlaub und die Debatten darum, die Periode in den Fokus gerückt und darüber gesprochen wird.  

Jedes Tabu kann gebrochen werden – Bezieht die Männer ein

Tabus und Stigmata reduzieren und gesellschaftliche Normen verändern das kann nur dann gelingen, wenn alle Menschen daran teilhaben. Verständnis und Unterstützung von Männern und Jungen sind wesentlich, um Vorurteile abzubauen. Deshalb sollten alle für dieses Thema sensibilisiert und bei der Aufklärungsarbeit einbezogen werden. 

Die Enttabuisierung ist bereits im Gange: in sozialen Medien kursieren Hashtags wie #HappyToBleed oder #PeriodPositive. Seit 2013 gibt es auch den Tag der Menstruationshygiene (28. Mai), um auf das Thema aufmerksam machen.

Tabu Periode - Illustration einer lesenden Frau mit Decke
Auch Perdiodenschmerzen sollten normalisiert werden. Illustration: Mira Lou

Am 1. Januar 2020 beschloss die Bundesregierung eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Periodenartikel von 19 auf sieben Prozent, nachdem die Petition #KeinLuxus für Aufsehen gesorgt hatte. Seitdem zählen Periodenartikel als Grundbedarf. Davor wurden sie steuerlich mit Artikeln wie beispielsweise Trüffel gleichgesetzt.

Rot statt blau

Außerdem hat die Periodenmarke „Always” 2021 bekannt gegeben, in Periodenwerbung zukünftig rote statt blaue Flüssigkeit zu zeigen. Ein wichtiger Schritt, um die Menstruation aus dem Tabu- und Ekelecke zu holen.

Das Thema zu enttabuisieren und Blut in der Werbung natürlich darzustellen, findet auch Elsa super. Allerdings findet sie auch: „Es sollte nicht glorifiziert werden. Ich muss meine Periode nicht mögen. Ich will darüber reden können und ich will mich nicht schämen müssen, aber ich muss nicht sagen: Ich freu mich total und mein Blut ist wundervoll.” Denn die meisten Frauen würden unter starken Periodenschmerzen leiden.

Auch auf dem Feld der Hygieneartikel tut sich etwas: als Alternative zu Tampons und Binden sind Menstruationstassen auf den Markt gekommen. Das sind kelchartige Silikonbecher, die wie ein Tampon verwendet werden und das Menstruationsblut sammeln. Anschließend wird die Tasse wieder herausgezogen und das Blut entleert. Die Vorteile: Die Menstruationstasse ist längerfristig günstiger als Einmal-Periodenartikel und umweltschonender.

Menstruationsaktivistinnen

Es gab auch noch andere Aktionen von Aktivistinnen, die zur Enttabuisierung beigetragen haben:

Kiran Ghandi, eine amerikanische Musikerin, lief 2015 den London Marathon während sie ihre Periode hatte – ohne Hygieneprodukte. Das kann Elsa sehr gut nachvollziehen. „Ich fand das super. Du trainierst monatelang für diesen Lauf und stellst dann fest, dass du deine Periode hast. Und dann weißt du nicht, wie läuft es sich sechs Stunden mit einem Tampon? Ja wahrscheinlich richtig beschissen.”

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Kiran Gandhi (@madamegandhi)

Oder Rupi Kaur, eine indisch-kanadische Schriftstellerin, die im selben Jahr ein Bild auf Instagram veröffentlichte, auf dem sie sich in durchbluteter Kleidung zeigt.

Auch in Deutschland gibt es Menstruationsaktivistinnen. Eine davon ist Franka Frei, deren 2020 erschienenes Buch Periode ist politisch” für Aufmerksamkeit sorgte.

Aus diesem Wunder schöpfen

Der Weg zu einem normalisierten Umgang mit dem Thema Periode ist noch weit. Nach wie vor gibt es weltweit hunderttausende Menschen, die aufgrund ihrer Periode diskriminiert werden oder wegen des Tabus in ihrem Alltag eingeschränkt sind.  

Vielleicht sieht die Welt in Zukunft anders aus. Vielleicht müssen wir uns nicht mehr für die Periode schämen und können sie akzeptieren für was sie ist: „ein Wunder”, wie Elsa sagt. „Seit ich einen Teil meiner Scham abgelegt habe und mich und meinen Körper und meinen Zervixschleim besser kennengelernt habe, bin ich viel mehr verbunden mit meinem Körper. So kann ich, können wir, viel mehr aus diesem Wunder schöpfen, das wir da mitbekommen haben.” 

Was du für die Normalisierung der Periode tun kannst:

  1. Sprechen, Sprechen, Sprechen. Rede wann immer möglich mit Familie, Freund*innen und Bekannten über das Thema.
  2. Lesen. Lesen. Lesen. Um zu verstehen, was es bedeutet die Periode zu bekommen, welche Schmerzen menstruierende Menschen dadurch haben und welche Zyklusphasen es gibt.  
  3. Teilen. Teilen Teilen. Folge Menstruations-Aktivist*innen und like, share und kommentiere menstruationsrelevante Beiträge. 
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Für Julia Kaiser, 1995, ist nichts unmöglich – sobald sie ihren ersten Kaffee hatte. Ob Technofestivals im Schwarzwald organisieren, Lampen und Stühle gestalten oder den Industrieroboter Horst online vermarkten – sie springt gern ins kalte Wasser und lernt dann schwimmen. Studiert hat sie in Konstanz: internationales Management mit dem Schwerpunkt Südostasien, weil das spannender klang als BWL. Dafür hat sie ein Jahr in Indonesien und Malaysia gelebt und gearbeitet. Den dort verbreiteten Leitsatz „Jam karet“, was soviel heißt wie: „kein Stress“, hat sie mit zurück nach Deutschland gebracht. Diese Gelassenheit half ihr, als sie im Alleingang für den Onlineauftritt eines Start-ups verantwortlich war. Mit der gleichen Geduld sucht Julia auf Flohmärkten nach Schätzen. Ihr tollster Fund: zwei Cocktail-Sessel, die sie komplett neu bepolstert hat. Kürzel: juk