ARD und ZDF zeigen Spiele der Fußball-WM in Katar und zahlten dafür 214 Millionen Euro. Gehört die Übertragung aus einem Land, in dem Menschenrechte missachtet werden, zur verfassungsrechtlich geschützten und beitragsfinanzierten Grundversorgung? Ein Kommentar.

Foto: Pexels/ Jeshoots

214 Millionen Euro haben ARD und ZDF nach „Spiegel“-Recherchen für die Übertragungsrechte der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ausgegeben. Damit ist es das zweitteuerste Rechtepaket einer WM in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR). Noch teurer war nur die WM in Russland 2018.

133 Tatorte statt einer Fußball-WM

214 Millionen Euro – dafür könnten ARD und ZDF Tausende kritische Beiträge über die problematische Situation in Katar produzieren. Oder rund 2.635 freien Mitarbeiter*innen eine Festanstellung mit einem Gehalt von 80.000 Euro anbieten. Oder 133 Tatorte drehen.

Stattdessen wird das Geld für die überaus problematische Fußball-WM in Katar ausgegeben. Angesichts lauter Kritik und angekündigtem Boykott drängt sich die Frage auf, ob die Übertragung der Fußball-WM im Sinne der Gebührenzahler*innen ist. Oder anders gefragt: Gehört die Übertragung von WM-Spielen aus einem Land, in dem Menschenrechte missachtet werden, zur verfassungsrechtlich geschützten und beitragsfinanzierten Grundversorgung?

Die Grundversorgung des ÖRR ist ein ewiges Streitthema – besonders im Bezug auf Fußball. Der ÖRR hat laut Medienstaatsvertrag den Auftrag die „demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen“. Zu diesem Auftrag gehört neben Bildung, Information und Beratung explizit auch Unterhaltung, wie Fußball.

Fußball ist im öffentlichen Interesse und trägt zum kulturellen Austausch bei. Auf der anderen Seite kosten die Rechte, die Spiele zu zeigen, eine Stange Geld und finanzieren die irrwitzigen Gehälter von Fußballspielern und -funktionären mit. Das hier nicht gegendert wird, ist Absicht.

Doch dieses Mal ist die Ausgangslage eine andere: Millionen Menschen planen, die WM zu boykottieren.

56 Prozent der Deutschen werden WM nicht gucken

Das Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap hat zu den WM-Plänen der Deutschen eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Das Ergebnis: 56 Prozent der Deutschen ab 18 Jahren geben an, keine Spiele der WM anzuschauen. In absoluten Zahlen gerechnet sind das knapp 40 Millionen Menschen. Und auch von denjenigen, die die WM nicht boykottieren wollen, gaben 15 Prozent an, sich dieses Mal weniger Spiele anzuschauen. Wie viele Menschen letztlich wirklich den Fernseher auslassen, wird sich zeigen. Mit Einschaltquoten von 30 Millionen und mehr, wie bei den Spielen der Nationalelf 2014 in Brasilien, rechnet aber wohl niemand.

„Berichte verbessern Verhältnisse in Katar“

Zu der Entscheidung, die WM zu übertragen, haben ARD und ZDF schon Ende Oktober ein Statement veröffentlicht. Darin heißt es, man würde die kritischen Verhältnisse in Katar durch die große öffentliche Aufmerksamkeit verbessern. Und natürlich ist kritische Berichterstattung über die Situation in Katar eine wichtige Aufgabe, die auch durchaus zum informationellen Auftrag des ÖRR passt. Kritische Formate wie Thomas Hitzlspergers ARD-Doku „Katar, warum nur?“ oder der ZDF-Beitrag „Geheimsache Katar“ von Julia Friedrichs und Jochen Breyer haben durchaus über die Situation in Katar informiert und Debatten angestoßen. Dieser Aufgabe hätte der ÖRR aber auch problemlos nachkommen können, ohne die Spiele zu übertragen. Die Darstellung, journalistische Berichterstattung sei der Grund für die Übertragung, ist schon fast unverschämt.

Warum überlässt der ÖRR die WM dann nicht den privaten Sendern? Dann würden nur diejenigen dafür bezahlen, die die problematische WM auch wirklich sehen wollen. Alle anderen könnten die WM boykottieren, ohne sie indirekt durch ihre Beiträge mit zu finanzieren.

Die WM ist ein emotionales Thema

Sich keine WM-Spiele anzugucken, ist für viele Menschen nicht einfach. Mit der WM verbinden viele emotionale Momente, Mitfiebern, Gemeinschaftsgefühle – eine wohlverdiente Ablenkung vom krisenbehafteten Alltag. Dennoch wird eine beträchtliche Zahl an Deutschen den Ball flach halten aus Protest an Katars Umgang mit Gastarbeiter*innen, den mangelnden Rechten der queeren Community im Land und der Unterdrückung der Frauen in Katar. Wäre es nicht schön, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese politische Geste nicht einfach ausdribbeln würde?

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Wäre sie ein Gericht, dann wäre Lina Gunstmann eine Spargelcremesuppe, sagen ihre Freunde. Das sei schließlich ein elegantes Gemüse. Solange die vegan ist, passt das für die 1997 geborene Kielerin, denn die Umwelt ist ihr wichtig – sie ist sogar Mitglied beim Nabu. Ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaft hat Lina in Münster abgeschlossen und zu den Auswirkungen von Greenwashing auf das Image von Unternehmen geforscht. Neben dem Studium arbeitete sie als Model in Japan, China und Europa. Immer mit dabei: ein spannender Politik-Podcast, etwa zur Lage der Nation – und ihre Stricknadeln. Die Ergebnisse sind auf Instagram zu finden, wo sie den Strick-Blog „Linas Masche“ betreibt. Und nicht nur das: Für das Ballett Kiel betreute Lina zuletzt die Social-Media-Kanäle. Kürzel: lig

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