Warum die EU Hamburger Handwerkerinnen fördert

EU-Förderung in Hamburg: ESF

Das Bild ist eine Montage. Links ist die Europäische Flagge zu sehen, daneben Geld, das in ein Glas geworfen wird. Im Glas ist das Hamburger Rathaus zu sehen.
Montage: Pexels, Unsplash

Der Europäische Sozialfonds Plus fördert Menschen in Hamburg. Eins der Projekte: Traumjob Handwerk. Wie bemerken wir die Europäische Union in Hamburg? Und was genau ist der ESF Plus?

Stille. Luisa Walter hebt ihre Stummschaltung auf. “Klassiker – man merkt, ich bin Handwerkerin. Zoom ist für mich eine Neuheit.” Walter ist Tischlergesellin und nimmt am Projekt Traumjob Handwerk teil. Das heißt: Sie wird von der Europäischen Union gefördert, genauer vom Europäischen Sozialfonds Plus. Ziel der Tischlerin: weiter Karriere machen. Inzwischen steht Walter kurz vor ihrer Prüfung als Holztechnikerin auch dank Traumjob Handwerk. Das Projekt hat sie über die Website der Handwerkskammer gefunden. „Die haben mich auf alle möglichen Weisen unterstützt. Da bin ich bis heute dankbar.” 

Der Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) ist einer von fünf Struktur- und Investitionsfonds der Europäischen Union. Ziel des ESF Plus: Zugang zu Beschäftigung, schulische und berufliche Weiterbildung sowie soziale Inklusion. Die Projekte sollen den Fachkräftebedarf sichern, Armut verhindern und anhaltende Arbeitslosigkeit vermeiden.

Traumjob Handwerk: gegen Sexismus

Traumjob Handwerk berät Frauen im Handwerk zu ihrer Karriere und Themen wie „Wie vereine ich Selbstständigkeit und Familie?“. Dazu finden Netzwerktreffen statt mit Frauen aus unterschiedlichen Gewerben: Dort treffen Elektrikerinnen auf Goldschmiedinnen und Fahrzeuglackiererinnen. Für Walter ist das Projekt sehr wichtig, da das Handwerk noch immer sehr männerdominiert sei. Sie habe ihren ersten Betrieb wechseln müssen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. „Dann habe ich mir einen zweiten Arbeitsplatz suchen müssen”, sagt Walter. Bei der Suche meinte ein Geschäftsführer zu ihr, dass er keine Frauen einstelle.

Dass man Anzeige erstatten kann, wusste Luisa nicht. Heute schon: „Hätte ich damals gewusst, dass es dieses tolle Projekt gibt, hätte ich die Sache bestimmt anders gehandelt.“ Sie habe sich an den Sexismus gewöhnt, hätte nicht gewusst, wie sie mit der Sache umgehen soll. Bei Traumjob Handwerk sei sie auf Verständnis und Unterstützung getroffen. Luisa Walter sagt: „Ich bin schon sehr stolz, dass solche Projekte von der EU gefördert werden und immer mehr Schritte Richtung Gleichberechtigung gehen und auch in die Richtung Frauenquote. Durch das Projekt ist es möglich, dass man die Frauen zeigt, die im Handwerk sind und sie unterstützt.“

Gelder der EU unterstützen Hamburger Projekte

Frauen im Handwerk sind nicht die einzigen, die Geld von der EU bekommen: Der ESF Plus unterstützt auch Hamburger*innen mit körperlicher Behinderung, Geflüchtete oder Jugendliche mit multiplen Problemlagen. Insgesamt fördert der ESF Plus 35 Projekte in Hamburg: In der letzten Förderperiode wurden über 50.000 Menschen erreicht. Das sind drei Prozent der Hamburger Bevölkerung. 

Mareike Weseloh fasst das Ziel des ESF Plus zusammen: „Wo können wir mit Steuergeldern etwas dafür tun, dass es der Gesellschaft besser geht?“. Weseloh ist Projektleiterin vom Projekt Traumjob Handwerk. Das Projekt der Handwerkskammer Handwerk unterstützt nicht nur Gesellinnen auf dem Weg zur Meisterin. Hauptziel des Projekts: Jugendliche zu begeistern, eine Ausbildung im Handwerk anzufangen.  Die Mitarbeiter*innen von Traumjob Handwerk halten Vorträge, bilden Lehrkräfte fort und vermitteln Ausbildungen. Dazu gibt es eine Ferien- & Praktikumsbörse. Traumjob Handwerk spricht dabei spezifisch Frauen an und versucht Stereotype aufzubrechen.

ESF: 137 Millionen Euro für Hamburg

Europaweit umfasst der ESF Plus 100 Milliarden Euro, so viel wie das Sondervermögen der Bundeswehr. Burkhard Strunk, Referatsleiter der ESF-Programmsteuerung, sagt: „Wir haben 55 Millionen für einen Zeitraum zur Verfügung 2021 bis 2027. Das ist die Förderperiode. Das ist das Budget, das die Kommission uns zur Verfügung stellt. Aber nur unter der Bedingung, dass wir auch selbst Geld reinstecken“. 60 Prozent finanziert die Freie und Hansestadt Hamburg, 40 Prozent die Kommission. Hamburg hat deutschlandweit den kleinsten Fördertopf: In der Hansestadt stehen 137 Millionen Euro für sechs Jahre zur Verfügung.

Das Problem: Viele Hamburger*innen kennen den ESF Plus nicht. Mareike Weseloh, Projektleiterin von Traumjob Handwerk, sagt: „Ich würde behaupten 99,9 Prozent unserer Teilnehmenden haben noch nie vorher vom ESF gehört und können sich nichts darunter vorstellen“. Die meisten Teilnehmer*innen erfahren von den Projekten über Mund-zu-Mund-Propaganda, einige über In-App-Werbung oder Plakate. Man müsse die Förderlandschaft kennen, so Weseloh. Das sei ein bisschen wie an der Uni: Da weiß man, wo die Stipendien und Gremien sind. „Da gibt es auch bestimmte Fördertöpfe“. Für viele Projekte sei die Förderung der EU essentiell. Weseloh sagt: „Unser Projekt ist komplett über den ESF finanziert. Das heißt uns und unsere Arbeit würde es nicht geben, wenn wir nicht gefördert werden würden“. Die Ausschreibung für die nächste Förderperiode läuft. Weseloh hofft, dass Traumjob Handwerk weiter gefördert wird.

Jana Rogmann, Jahrgang 2000, aus Kevelaer, ist den Berliner Marathon schon einmal in unter zwei Stunden gelaufen - allerdings auf acht Rollen: im Sportunterricht gab es Inline-Skating als Wahlfach. Nach einem sozialen Jahr an einer Schule in Bolivien war sie sicher, dass sie nicht Lehramt studieren würde. Sie entschied sich für Komparatistik und English Studies in Bonn, arbeitete bei der WDR-Lokalzeit in der Online-Redaktion und moderierte eine Musiksendung beim Uni-Radio. Einzige musikalische Regel: alles außer Schlager. In ihrer Kolumne in der Rheinischen Post schrieb sie mal über “Uni in der Handtasche” in Zeiten der Pandemie, mal über ihr abgeschnittenes Haar. Seit einem Praktikum beim KiKA kann sie perfekt Kinderstimmen imitieren, will aber lieber Journalismus für Erwachsene machen. Kürzel: rog

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