Wer Taxi fährt, sieht die Abgründe der Gesellschaft. Manchmal wird einem bei seinen Fahrgästen aber auch ganz warm ums Herz. Oft heißt es abwägen – zwischen Reden und Schweigen. FINK.HAMBURG Redakteur Jelko Wronski ist eine Nacht lang mitgefahren.
Daniel Lebastchis Hand liegt ruhig auf dem Lenkrad. Draußen rauschen die Backsteinfassaden des Valentinskamp vorbei. Er erinnert sich an seine allererste Tour als Taxifahrer und lacht: „Das war so absurd, das kann ich nicht vergessen”, sagt er.
An einem Samstag vor sechs Jahren hieß es für ihn: Ganz oder gar nicht. Er hatte einen Tag zuvor seinen Taxischein bekommen. Der damals 24-Jährige wollte, dass seine erste Schicht direkt auf die Reeperbahn geht. Seine Mutter, selbst im Taxigewerbe, habe ihn damals gefragt, ob er verrückt sei. Sie traute ihm den Kiez nicht zu. „Willst du wirklich nur eine Schicht fahren und dann lässt du es wieder sein?”, habe sie gesagt.

Doch Lebastchis Entschluss stand fest. Und der Kiez lieferte, wofür er bekannt ist. Ein Mann und eine Frau stiegen ein. Ziel der Fahrt war ein Hamburger Hotel. Während Lebastchi den Wagen lenkte, ging es auf der Rückbank zur Sache. „Ich dachte, holla die Waldfee”, sagt er heute. Dann klingelte das Handy der Frau. Sie wurde ernst. Sie sei noch ein paar Tage länger mit den Mädels in Hamburg, sagte sie.
Nach dem Telefonat trat Stille ein. Die beiden Fahrgäste, eben noch eng verschlungen, saßen so weit voneinander enfernt, wie nur möglich. Und Lebastchi tat das, was man als guter Taxifahrer in solchen Situationen tut: „Aus dem Fenster gucken”, sagt er.
Die guten Gespräche
Damals war Lebastchi noch Student und arbeitete im Taxiunternehmen seiner Mutter. Mittlerweile fährt er für Hansataxi. Er steuert eines von rund 2.900 Taxen, die laut Holger Breidohr, Vorstandsmitglied der Taxen-Union, im Jahr 2026 in Hamburg unterwegs sind. Die Zahl sinke langsam, aber stetig.
Lebastchi fährt meistens „Funk”, wie er sagt. Er nimmt Aufträge an, die per Telefon reinkommen. Heute steht er jedoch „auf Posten”. Er wartet auf Menschen, die spontan Fahrer*innen suchen. Er parkt neben einem blauen Taxi-Schild am Jungfernstieg. Es ist 20 Uhr. Die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich in einer silbernen Münze auf der Mittelkonsole seines Autos wieder. Die Darstellung des Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden, begleitet den 29-Jährigen in seinem Alltag.

Nach etwa 15 Minuten klopft eine Frau an. Sie steigt ein. Schnell entwickelt sich ein Gespräch. Die Rentnerin hat bis vor Kurzem bei Beiersdorf gearbeitet. Eines der Hamburger Unternehmen, die mit Hansataxi kooperieren. Sie habe ihrem Mann versprochen, ein Taxi zu nehmen, damit sie sicher ankomme. „Ich mag es, mit jemandem zu sprechen”, sagt sie. Die nächsten 20 Minuten geht es um Beautyprodukte, das Taxigewerbe und sogar einen Tipp für einen Handwerker hat Lebastchi parat.
Auf dem Rückweg in die Stadt wirkt Lebastchi zufrieden. Gespräche seien für ihn etwas, das seinen Beruf ausmache. Er hat eine ruhige Art. Für viele sei er ein Mix aus Therapeut und Beichtvater, meint er. Manchmal gebe es aber auch Momente, da sei alles zu viel. Beispielsweise als er eine stark blutende Frau ins Krankenhaus fuhr. Zwei Polizeibeamte befragten ihn im Anschluss. Er habe sich gefühlt, wie ein Verdächtiger. Wenn er Abstand braucht, macht er eine Pause vom Job – sitzt aber jedes Mal schnell wieder hinterm Steuer.
Mittlerweile führt Lebastchi das Taxiunternehmen gemeinsam mit seiner Mutter. Selbst zu fahren, sagt er, möchte er aber nie aufgeben. „Die Hansakunden sind extrem treue Kunden, die teilweise seit Jahrzehnten, mit uns fahren. Sie sind auch sehr angenehme Fahrgäste”, sagt er.

Dass die Branche trotzdem in einer Krise steckt, spürt auch Lebastchi. Besonders die längeren Touren, die unter Taxifahrenden begehrt sind, hätten abgenommen. Aber wer fleißig sei, komme zurecht, sagt er. Deshalb arbeitet er bis zu 70 Stunden in der Woche. „Ein bisschen übertrieben”, sagt er auch selbst über diese Anzahl an Stunden.
Eingesperrt auf zwei Quadratmetern
Zurück am Jungfernstieg. Es ist mittlerweile dunkel und kurz nach 23 Uhr. Lebastchi wartet seit 30 Minuten. Das weiße Licht der Laterne scheint auf den leeren Gehweg. Dann klopft es energisch an die Scheibe. Lebastchi fährt das Fenster herunter. „Ist das Taxi noch frei?”, schallt es von außen herein. Nachdem der Fahrgast eingestiegen ist, macht sich sofort der Geruch von Alkohol breit. Diese Fahrt ist ganz anders, als die mit der älteren Dame zuvor. Dieser Fahrgast grunzt, er klopft ungefragt Lebastchis Schultern und verkündet: „Hier biegen wir rechts ab, Chef.”
Nach 30 Minuten ist es geschafft, der Kunde steigt aus. Lebastchis Schultern entspannen sich. Er ist die Fahrt über ruhig geblieben, hat sich nicht auf Diskussionen eingelassen und bedacht geantwortet. „Wir sitzen hier auf zwei Quadratmetern zusammen, die Situation kann schnell kippen”, sagt er. Aber so etwas komme nicht häufig vor. Vielleicht drei von 1000 Gästen seien extrem unangenehm, sagt er. Mindestens einmal pro Woche wird er von einem Fahrgast beleidigt. Die Menschen knallen Türen. Einige werden aggressiv, wenn Fahrer*innen sich verfahren oder in die falsche Spur einordnen.

Falls es hart auf hart kommt, hat Lebastchi einen Panikknopf im Auto. Wenn er den drückt, kommt Unterstützung aus der Taxizentrale. Bisher war das noch nicht notwendig. Ein Trick ist noch, die Kolleg*innen in der Funkzentrale bei der Fahrt mithören zu lassen. Am besten sei es, mit aggressiven Gästen so wenig wie möglich zu sprechen. Meistens seien es Männer, die sich unangenehm verhalten.
Alltag als Taxifahrer: „Uns macht aus, dass wir helfen.”
Lebastchis Schicht endet kurz nach 0 Uhr.
„Uns macht aus, dass wir helfen.” Dazu gehöre auch, eine ältere Dame aus dem dritten Stock abzuholen oder einen Rollator zu tragen, sagt er.
Der Einstieg in den Job sei leicht. Studierende können so gut etwas dazuverdienen. Als Einsteiger*in mit Führerschein zahle man 220 Euro für die Anmeldung zur Prüfung. „Dann kannst du Taxifahren.”, so Lebastchi. Wer einmal den Schein habe, könne dann immer spontan fahren und am selben Tag noch „den Kühlschrank füllen.”
Laut Jan Grupe, dem Geschäftsführer der Taxenunion, laufe auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Hamburg gut: Im Rahmen des Projektes Zukunftstaxi Hamburg seien mehre Millionen Euro Fördermittel in die Elektrifizierung der Taxiflotte geflossen, so Grupe. „Die größte Herausforderung ist aktuell der ungleiche Wettbewerb in vielen deutschen Städten. Während Taxis stark reguliert sind – mit Tarifpflicht, Beförderungspflicht und hohen Qualitätsanforderungen – agieren Plattformanbieter wie Uber über Mietwagenkonzessionen ohne diese Pflichten”, sagt Grupe.

Lebastchi glaubt, dass auch die Konkurrenz „ihre Daseinsberechtigung hat”, wie er sagt. Es sei wichtig, dass man sich ergänze. Lebastchi schlägt vor, wenig befahrene Buslinien nachts durch Taxen zu ersetzen. Fahrgäste mit einem gültigen HVV-Ticket könnten diese nutzen. So könne die Stadt Leerfahrten vorbeugen und den Busverkehr entlasten.
So könne das Taxi auch weiterhin einen Mehrwert liefern, sagt Lebastchi. Und während Hamburg um ihn herum schläft, tritt er seine letzte Fahrt der Nacht an. Die nach Hause.
Vor Jelko Wronski, Jahrgang 2001, sollte man lieber nicht zu langsam gehen. Der gebürtige Oldenburger hat neben 40 Schuh-Paaren eine ausgeprägte Antipathie – und zwar gegen alle die auf dem Gehweg schleichen. Als Autor von Gedichten und Kurzgeschichten, ob über ein Alien auf einer Hausparty oder zwei verliebte Spielzeugfiguren, steht Jelko für Spannung und Tempo. Bei “Brigitte” (Gruner + Jahr) hat er ein Praxissemester gemacht und später als Werkstudent gearbeitet. Für sein Journalistik-Studium in Hannover führte er Interviews mit einer Sekte oder ging ans eigene Limit für einen 24-Stunden-Dreh beim Technokollektiv. Auch für seine Beiträge gilt: Jelko mag keinen Stillstand.
Kürzel: ski







