Beim Sex auf öffentlichen WCs von der Polizei beobachtet: Für Schwule war das in Hamburg Realität – bis Corny Littmann mit anderen Aktivist*innen 1980 die Überwachung aufdeckten. Wie eine Installation daran erinnert und was Littmann heute dazu sagt.

Titelfoto: Mike Gräf

Grelles Neonlicht, einfache Toiletten, glänzende Pissoirs, funktionale Waschbecken. Der Raum gleicht einem klassischen öffentlichen WC für Männer, doch die Toilette benutzen will hier niemand. „Haben alle die Schutzbrille auf?  Drei, zwei, eins!”, sagt die Ausstellungsführerin Sarah Plochl. In ihrer Hand hält sie einen Hammer, holt aus und lässt ihn gegen die Spiegelscheibe über dem Waschbecken prallen. Es ertönt ein lauter Schlag, ein helles Scherbenklirren. Dann Schweigen. Im Hintergrund dröhnen sphärische Klänge. Rund 15 Besucher*innen nehmen Fotos auf. Hinter der zerschlagenen Scheibe befindet sich ein kleiner, düsterer Büroraum, in dem fremde Menschen – weitere Besucher*innen der Installation – stehen. Beide Seiten schauen sich durch das Loch in der Wand an. Manche Besucher*innen wirken überrascht, andere verlegen oder ernst. Parallel fegt das künstlerische Team in Arbeitsmontur die Scherben auf.

Blick von oben: Scherben der zerschlagenen Spiegelscheibe liegen in Waschbecken und auf dem Boden der nachgebauten Toilettenanlage auf Kampnagel.
Scherben der zerschlagenen Spiegelscheibe. Foto: Mike Gräf

Der 02. Juli 1980

Eine ähnliche Szene spielte sich vor 46 Jahren ab, am 02. Juli 1980. Mit der Installation „Hammerschlag” haben der Künstler Simon Schultz und sein internationales Team einen temporären Erinnerungsort geschaffen. Vom 16. bis 19. April war die immersive Ausstellung auf Kampnagel im Rahmen des Queer History Month zu sehen. Mit der authentisch nachgebauten Toilettenanlage auf Kampnagel lebt der 2. Juli 1980 wieder auf.

Damals deckten etwa sieben Aktivist*innen der „Homosexuellen Aktion Hamburg“ – unter ihnen Corny Littmann, heute Intendant der Schmidt Theater und von 2003 bis 2010 erster schwuler Vereinspräsident des FC St. Pauli – eine polizeiliche Überwachungspraxis auf. Sie ist als Hamburger Spiegel-Affäre bekannt geworden. Littmann zerstörte mit einem Hammer einen Spionagespiegel auf einer öffentlichen Männertoilette am Jungfernstieg, durch den die Polizei Schwule bespitzelt hatte. Das Aufdecken der skandalösen Polizei-Praktik markierte einen Wendepunkt in der queeren Geschichte Hamburgs.

Schwule im Visier der Polizei

Heute schildert Littmann das Geschehen im Juli 1980 im Detail. Er ist per Videoanruf aus Brasilien zugeschaltet, wo er seinen Urlaub verbringt. Mit einer E-Zigarette in der Hand berichtet er, vor dem sogenannten Hammerschlag innerhalb der schwulen Szene von Hinweisen auf die Polizeiüberwachung gehört zu haben. Der Verdacht: Die Polizei spioniere in öffentlichen Toiletten in Hamburg mithilfe eingebauter Einwegspiegel schwule Männer aus. Diese Toiletten wurden als Treffpunkte von Schwulen für sexuelle Handlungen genutzt.

Mit der Entschärfung des § 175 StGB in den Jahren 1969 und 1973 konnten sich homosexuelle Männer erstmals öffentlich organisieren. Gleichzeitig blieben sie im Visier der Behörden und wurden weiterhin verfolgt.

Der § 175 StGB stellte männliche Homosexualität bis 1969 in der Bundesrepublik Deutschland generell unter Strafe. Er basierte auf dem Reichsstrafgesetzbuch von 1872. 1969 wurde der Paragraph durch die Reform des Strafgesetzbuches erstmals in der Bundesrepublik entschärft. Homosexualität ab 21 Jahren war seitdem keine Straftat mehr. 1973 war Homosexualität ab 18 Jahren legal, Jugendlichen wurde die Reife für homosexuelle Handlungen aber weiterhin abgesprochen. Bis in die 1990er Jahre wurde der Paragraph 175 angewendet, erst im März 1994 wurde er endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Littmann und seine Mitstreiter aus der Homosexuellen Aktion Hamburg waren selbst nicht von der Polizeiüberwachung betroffen, da sie sich nicht auf den öffentlichen Toiletten bewegten. Als studentisch geprägte Gruppe trafen sie sich regelmäßig, um politische Fragen zu diskutieren und erfuhren zufällig von der mutmaßlichen Überwachung. Doch die Information reichte ihnen, um aktiv zu werden. Die Gruppe um Littmann wusste, dass eine medienwirksame Aktion nötig ist, um den Skandal ans Licht zu bringen. Nach einem gescheiterten Versuch am Spielbudenplatz suchten sie am 2. Juli 1980 eine öffentliche Toilette am Jungfernstieg auf. Alles lief nach Plan: Ausgestattet mit einem Hammer und begleitet von zwei Fotografen zerschlug Littmann demonstrativ einen der Spiegel. Als damaliger Spitzenkandidat der Grünen bei der anstehenden Bundestagswahl habe er keine Anzeige wegen Sachbeschädigung befürchtet. Dann die Gewissheit: Hinter der zerstörten Scheibe verbarg sich eine Observationskammer der Polizei. Es waren keine Beamten zu sehen, da sie zu dem Zeitpunkt außer Dienst waren.

Die nachgebaute Observationskammer der Polizei auf Kampnagel ist mit einer Spiegelscheibe ausgestattet. Sie zeigt einen direkten Einblick in die Toilettenanlage. Vor der Scheibe hängen mehrere Dokumente.
Blick durch die Spiegelscheibe in der nachgebauten Observationskammer der Polizei auf Kampnagel. Foto: Lisann Leopold

 „Heute wäre das völlig anders.”

Bescheiden erzählt Littmann vom Moment des Hammerschlags: „Es war ganz unspektakulär, und zwar, ich geh da rein und auf Kommando zertrümmer‘ ich den Spiegel. Selbst wenn dahinter Polizeibeamte gewesen wären, wäre deren Schreck größer gewesen als unserer.“ Die Bildbeweise führten rasch zum Skandal. Viele Hamburger Medien berichteten über den Hammerschlag, unter anderem „Der Spiegel“ und das „Hamburger Abendblatt“. Die öffentliche Empörung war zunächst groß. Hans-Ulrich Klose, der damalige Erste Bürgermeister, stellte die Polizeiüberwachung sofort ein. Die Spiegel wurden entfernt und die Toiletten umgebaut.

Littmann gibt zu bedenken: „Heute wäre das völlig anders. Heute würde das im Internet – national und international – kursieren und gebe einen riesigen Aufschrei. Aber damals ist das ziemlich schnell in der Versenkung verschwunden.” Auch die Aufarbeitung und Suche nach Verantwortlichen habe sich als schwierig erwiesen. „Als der Skandal offensichtlich wurde, wusste keiner mehr von irgendwas. Alle haben gesagt, nee, nee, das haben wir nie gewollt, das haben wir nicht gewusst. Es war schlichtweg gelogen.“ Der Archivar Ulf Bollmann ist Experte auf dem Gebiet der Homosexuellenverfolgung in Hamburg. 2013 hat er gemeinsam mit dem Historiker Gottfried Lorenz die Ausstellung „Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945″ umgesetzt. Er bestätigt per Mail: „Bei den politischen Verantwortlichen gab es keine personellen Konsequenzen.“

Corny Littmann steht vor dem Schmidt-Theater. Er trägt ein weißes Hemd und eine rote Anzugjacke.
Corny Littmann. Foto: Julia Schwendner

Die Überwachung war kein Einzelfall

Im zweiten Teil der Ausstellung geht die Gruppe weiter in die dunkle nachgebaute Observationskammer der Polizei. Ein altes Telefon und Akten liegen auf einem Tisch hinter zwei Durchsichtspiegeln, die einen direkten Einblick in die Toilette bieten. Um den Tisch hängen weitere Dokumente, unter anderem ein Strafbefehl. Ausstellungsführerin Plochl erklärt, dass die Polizei schon seit den 1960er Jahren insgesamt zehn öffentliche Toiletten überwachte, darunter Anlagen am Großneumarkt und Berliner Tor.

Die Dokumente im Raum vergegenwärtigen ein System, das als „Rosa Listen“ bezeichnet wurde: Die Polizei registrierte Homosexuelle in Karteien. Männer, die Sex mit anderen Männern hatten, mussten oft ihre Personalien aufgeben und wurden in Listen gespeichert. Auch Obdachlose, die sich auf den Toiletten aufhielten, wurden manchmal in den Listen erfasst. Ebenfalls sprachen die Beamten Verwarnungen an Toilettennutzer aus, die sich – aus damaliger Sicht der Polizei – „auffällig“ auf den Toiletten verhielten, also homosexuelle Handlungen vornahmen. Wer sich nochmals „auffällig“ auf einer Toilette verhielt, musste mit einem Hausverbot rechnen. Auch Strafanzeigen wegen des Verstoßes gegen das Hausverbot wurden erstattet. Das Ziel: Homosexuelle abschrecken.

Ein metallischer Bürotisch, auf dem unter anderem Akten und ein Telefon liegen. Weitere Dokumente sind aufgehängt. Der Tisch steht hinter zwei Spiegelscheiben.
Nachgebaute Observationskammer der Polizei auf Kampnagel. Foto: Lisann Leopold

Zwischen queerer Geschichte und Gegenwart

Zurück auf Kampnagel, April 2026: Nach dem Rundgang durch die Ausstellung sagt ein männlicher Besucher: „Das Besondere ist, dass wir in einer Zeit leben, in der wir alle Freiheiten genießen können, die andere für uns erkämpft haben. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass diese Freiheit nicht normal ist. Und dass viele Menschen früher wirklich leiden mussten, damit wir jetzt in einer freien Welt leben können.“ Um solche Eindrücke zu vermitteln, setzt Künstler Simon Schultz auf ein realitätsnahes Nachempfinden der Vergangenheit. Zeitzeug*innen, die das Jahr 1980 als Erwachsene miterlebt haben, seien heute schon im Rentenalter – umso wichtiger sei es, ihre Erinnerungen jetzt sichtbar zu machen.

Für die Installation verwendet Schultz Zeitzeug*innen-Interviews, Unterlagen aus dem Staatsarchiv, Fotografien und Funde aus Privatarchiven. Die Recherche erwies sich als aufwendig: Viele Polizeidokumente seien Täterquellen. Er stellt in Frage, ob die Quellen als neutral bewertet werden können und es fehle ein zentrales Archiv zu dem Thema. Hinzu kommen viele mündliche Erzählungen und Legenden über den Hammerschlag, die teils widersprüchlich seien. Heute gilt der Hammerschlag als einer der wichtigsten symbolischen Akte queerer Geschichte in Hamburg. Viele sehen ihn auch als Gründungserzählung von Hamburg Pride.

Lisann Marie Leopold, geboren 2001 in Hamburg, wäre am liebsten die neue Stimme des HVV: „Ich hab richtig Lust zu sagen: nächste Haltestelle Landungsbrücken.“ Ihre Affinität zur Sprache konnte sie schon beim NDR in Lüneburg zeigen. An der Leuphana lernte sie im Studium der Kulturwissenschaften, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. Zum Beispiel, ob Männer bei Instagram lernen können, feministisch zu denken (eher nein). Für FINK schaut Lisann da hin, wo Journalismus oft nicht hinsieht: in die Lebensrealität von Menschen, die etwa von Armut oder Rassismus betroffen sind. Lernen will sie außerdem, Videoreportagen zu vertonen - und so schön zu sprechen wie die Stimme der U-Bahn. Kürzel: leo

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