Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum möchte während der Fußball-WM das Land als modernen und progressiven Co-Gastgeber präsentieren. Doch inmitten der WM-Euphorie kämpft Mexiko mit alten Problemen.
Co-Gastgeber Mexiko befindet sich trotz WM-Ausscheidens im Ausnahmezustand. Auf Social Media kursieren unzählige Videos, in denen Mexikaner*innen und Fußballfans aus der ganzen Welt friedlich zusammen feiern. FIFA-Präsident Gianni Infantino spart in einem vom Weltverband veröffentlichten Zwischenfazit nicht mit Superlativen und spricht von einem großartigen Ambiente sowie der erfolgreichsten Veranstaltung der Geschichte.
Doch ein Blick in die Gastgeberstädte Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey zeigt die gravierenden Probleme, mit denen das Land alltäglich zu kämpfen hat: Eine Verkehrskatastrophe jagt die nächste, Angehörige von verschwundenen Menschen demonstrieren in der Öffentlichkeit, und bei einem Teil der sonst so fußballverrückten Bevölkerung scheint die Welle der WM-Euphorie nicht ganz angekommen zu sein.
Per Gesetz gegen das Verkehrschaos
Täglich versinkt Mexiko-Stadt in einem Verkehrschaos: Kilometerlange Staus und überfüllte Busse sowie U-Bahnen, die regelmäßig ausfallen. Einem Ranking des Geodatenanbieters TomTom zufolge stehen die Bewohner*innen von Mexiko-Stadt rund 184 Stunden pro Jahr im Stau – weltweiter Spitzenwert. Der überfüllte ÖPNV macht es Millionen von Menschen in der Hauptstadt vor allem in den heißen Sommermonaten oft nicht leicht. Mit der Weltmeisterschaft kommen nun die internationalen Tourist*innen hinzu – eine noch größere Belastung des Nahverkehrs. „Schon ab sieben Uhr morgens sind jetzt sehr viele Menschen unterwegs“, schreibt Mariajose Castillo Cervantes FINK.Hamburg. Die 25-jährige arbeitet in Mexiko-Stadt und wohnt unweit des stark frequentierten Stadtzentrums.
Dabei wollte die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum per Dekret bereits zu Beginn der WM der Überbelastung des Nahverkehrs in Mexiko-Stadt und im zweiten Austragungsort Guadalajara entgegenwirken. Per Gesetz wurde angeordnet, dass Arbeitnehmende eine Woche lang aus dem Homeoffice arbeiten sollten. Darüber hinaus bekamen Schüler*innen von Grund- und weiterführenden Schulen im selben Zeitraum schulfrei.

Demonstrierende verschaffen sich auf internationaler Bühne Gehör
Inmitten des extrem hohen Verkehrs- und Menschenaufkommens brach noch vor Beginn der WM eine Protestwelle aus, die eine Diskussion um die Sicherheitslage im Land in Gang brachte. Die Gewerkschaft der Lehrer*innen CNTE und die Regierung einigten sich zunächst auf eine Lohnerhöhung von neun Prozent statt der geforderten 100 Prozent. Daraufhin blockierten erboste Lehrer*innen Hauptstraßen in und um Mexiko-Stadt im Vorfeld des WM-Starts. Demonstrierende versuchten im Zuge der Proteste ein Gebäude des Bildungsministeriums mit Laternenmasten als Rammböcken zu stürmen, berichtete die Deutsche Welle.
Auch andere Gruppen wie beispielsweise Angehörige von verschwundenen Personen, Bäuer*innen sowie Kraftwagenfahrer*innen protestierten. Präsidentin Sheinbaum bot den Protestierenden Gespräche an. Doch die Demonstrierenden wollen die internationale Bühne nutzen, um auf die nationalen Probleme im Land aufmerksam zu machen. Laut Cervantes wurden die Proteste ständig von einem großen Aufgebot von Polizei und Nationalgarde begleitet: „Auf der gesamten Avenida Juárez sind viel zu viele Polizisten. Fast einer pro Meter.“
Auch im Zuge des Pride Months wurde in der Hauptstadt demonstriert. Am 27. Juni gingen anlässlich des jährlichen „Marcha de orgullo“ (Marsch des Stolzes) hunderttausende Menschen aus der LGBTQ+-Community auf die Straße. In einem stark patriarchal geprägten Land werden queere Personen systematisch diskriminiert, ausgegrenzt und müssen teils sogar um ihr Leben fürchten. Dem Nachrichtenportal amerika21 zufolge wurden vergangenes Jahr zwei bekannte Aktivisten auf dem Rückweg vom „Marcha de orgullo“ gezielt erschossen.
Bei bisher jedem Spiel der mexikanischen Nationalmannschaft protestierten verschiedene Gruppen in unmittelbarer Nähe der Stadien oder auf öffentlichen Plätzen. Die Demonstrationen machen sich laut Cervantes auch im Stadtbild bemerkbar: „Gebäude, Denkmäler und Geschäfte sind mit Brettern vernagelt, da es so viele Demonstrationen gibt, dass alles ziemlich trostlos aussieht.“

In Mexiko werden 135.000 Menschen vermisst
Trotz der vielen teils gewaltvollen Proteste fühlen sich die Menschen während der WM nicht unbedingt unsicherer: „Es gibt Demonstrationen und viele wütende Menschen, aber sie sind wütend auf die Regierung. Ja, es gibt Unsicherheit, aber die gab es schon immer: verschwundene Menschen und Frauenmorde“, schreibt die 27-Jährige Studentin Karla Danney Alvarez Hérnandez aus Mexiko-Stadt. Sie spricht ein leidiges Thema Mexikos an: Laut der Nationalen Suchkommission sind 135.000 Personen seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1952 verschwunden. Allein in der ersten Woche der WM kamen 221 Vermisste hinzu. Das geht aus Angaben des mexikanischen Innenministeriums und der nationalen Suchbehörde hervor. Beim Eröffnungsspiel demonstrierten Tausende Mütter für ihre verschwundenen Kinder, berichtet die Deutsche Welle.
Verantwortlich für verschwundene Personen sind mutmaßlich meist Drogenkartelle, die junge Erwachsene zu Rekrutierungszwecken entführen. Auch Bandenkriege fordern viele Opfer. Immer wieder werden im ganzen Land sterbliche Überreste von Verschwundenen entdeckt. Die behördliche Fahndung nach Vermissten steht in der Kritik. Das UN-Verschwundenenkomitee berichtete Anfang April von der Überforderung der Behörden: „Es sind weiterhin dringend Strukturreformen erforderlich, um das Verschwinden von Personen zu verhindern und die Rechenschaftspflicht sicherzustellen.“
Neben Behörden suchen Suchkollektive nach den Vermissten und stellen Leichname und Leichenteile sicher. Die Kollektive bestehen meist aus Angehörigen von Vermissten. Auch am WM-Stadion von Guadalajara haben sie schon Leichenteile entdeckt. Allein vom September 2025 bis Ende Mai haben Angehörige dort 450 Leichensäcke befüllt, berichtete der Spiegel.
WM-Tickets für Mexikos Bevölkerung unbezahlbar
Die 27-jährige Pau Arratia Velarde aus Monterrey schaut mit gemischten Gefühlen auf die Heim-WM. Sie ist die Enkelin von Mario Velarde, Nationalspieler Mexikos während der ersten Heim-WM 1970 und Co-Trainer der Nationalmannschaft bei der zweiten Heim-WM Mexikos 1986. Die Fußballliebe wurde ihr durch ihre Familie in ihrer Kindheit antrainiert. Ihr macht Sorge, wie sich der Fußball entwickelt hat: ,,Als mein Großvater noch Spieler und Trainer war, war Fußball zwar ein Spektakel und Unterhaltungsform, fühlte sich aber dennoch für die breite Masse zugänglich an. Die Spieler waren keine Multimillionäre, und die Eintrittskarten für die Spiele kosteten nicht mehr, als ein durchschnittlicher Arbeiter in sechs Monaten verdient.’’

Das Durchschnittseinkommen pro Jahr in Mexiko liegt, nach Angaben der OECD, bei umgerechnet etwa 11.250 Euro, monatlich wären das rund 937 Euro. Zum Vergleich in Deutschland liegt dieser Wert bei etwa 50.250 Euro im Jahr, pro Monat circa 4.190 Euro. Verglichen mit den vorangegangen Männer-Weltmeisterschaften, haben sich die Ticketpreise verdreifacht. FIFA-Präsident Infantino verteidigte die hohen Preise mit dem Verweis auf die üblichen Preise in der Unterhaltungsbranche sowie die hohe Nachfrage. Bei der aktuellen WM wurde erstmals das „Dynamic Pricing“-Prinzip angewendet, bei dem die Ticketpreise sich an der Nachfrage orientieren. Präsidentin Sheinbaum hat ihr Ticket für das Eröffnungsspiel verlost. Wie der Tagesspiegel berichtete, gewann eine 21-jährige Indigene das Ticket und schaute sich das erste Spiel der mexikanischen Nationalmannschaft aus der Präsidentenloge an. Mit einem normalen mexikanischen Einkommen wäre ein Ticket für dieses und nahezu alle anderen Spiele unbezahlbar gewesen.
Fußball bleibt Teil der mexikanischen Identität
Trotz all dieser Probleme ist die Freude über das Sportevent in anderen Teilen der mexikanischen Bevölkerung groß. „Über den sportlichen Aspekt hinaus ist Fußball in Mexiko wie ein sozialer Katalysator, er ist Teil der Identität. Er schafft eine Atmosphäre der Zusammengehörigkeit und des Feierns“, sagt die 25-jährige Mireyna Armas, die die WM in der Hauptstadt miterlebt. Auch Elías Huarte, 27, aus Guadalajara freut sich: „Ich spiele seit meinem vierten Lebensjahr Fußball, schaue gerne Fußball und die Weltmeisterschaft gehört zu den besten Wettbewerben“.
„El Tri“, wie die mexikanische Nationalmannschaft genannt wird, gibt der Bevölkerung allen Anlass zum Feiern. Sie war bis zum Achtelfinale die einzige Mannschaft, die im laufenden Wettbewerb jedes Spiel gewonnen und kein einziges Gegentor erhalten hatte – doch dann kam das Spiel gegen England. Nach dem Sieg im Sechzehntelfinale gegen Ecuador waren schätzungsweise eine Million Mexikaner*innen in der Hauptstadt unterwegs gewesen und hatten ausgelassen den Einzug ins Achtelfinale gefeiert. Durch die feiernden Menschenmassen wurden sogar Mini-Erdbeben festgestellt, berichtete die Zeitung “El Sol de México”.
Der schwierige Nachbar
Die USA sind neben Mexiko und Kanada Gastgeber des FIFA-Turniers. Unter US-Präsident Trump kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Washington und Mexiko-Stadt. Trump möchte, dass Sheinbaums Regierung stärker gegen Drogenkartelle vorgeht, so t-online. Auch Pau Velarde, Enkelin von WM-Spieler Mario Velarde gibt zu, dass die Zahl der WM-Kritiker*innen sich in Grenzen hält: „Es gibt viele von uns, die Trumps und Infantinos Politik kritisch gegenüberstehen, aber es scheint, als würden unsere Stimmen in einem so fußballbegeisterten Land nicht überwiegen.“
Am vergangenen Sonntag wurde das letzte Spiel der Männer-WM auf mexikanischem Boden ausgetragen. Mexiko verlor 2:3 gegen England im Achtelfinale im berüchtigten Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Insgesamt wurden nur 13 der 104 WM-Spiele im Land ausgetragen. Was bleiben wird, sind die sozialen Notstände, die das Land seit Langem plagen. Vielleicht ist der größte Sieg Mexikos bei dieser WM, dass die Menschen, die gehört werden wollen, durch die weltweite mediale Aufmerksamkeit endlich eine Stimme bekommen.





