Queerness ist im Fußball immer noch ein Tabu. Vom Glauben an Jesus bis zum öffentlichen Coming-Out: Wie queerfreundlich ist die diesjährige Männer-WM?
Das öffentliche Coming-Out eines aktiven Profifußballers in Deutschland ist im Jahr 2026 immer noch eine Ausnahme. Nationalspieler Thomas Hitzlsperger war im Jahr 2014 der erste Profi, der öffentlich erklärte, dass er homosexuell sei – allerdings erst nach seiner aktiven Karriere. Bis heute hat sich kein aktiver deutscher Profi öffentlich als homosexuell geoutet.
Im März outete sich der U19-Trainer des FC St. Paulis, Christian Dobrick, als homosexuell. Gegenüber RTL sagt Dobrick, sein Coming-Out sei ein längerer Prozess gewesen. Er sei sich unsicher, welche potenziellen Folgen dies für seine Karriere als Trainer habe und auch nicht überrascht, falls er deswegen beschimpft werde.
„Dass Fußball für Queers nicht unbedingt ein Safe Space ist, sollte niemandem neu sein“, sagt Taser Film, der unter seinem Künstlernamen ein queeres Public Viewing in Hamburg kommentiert hat. Er findet den Umgang der FIFA mit Queerness kritikwürdig und hofft, dass queere Menschen im Fußball zukünftig sichtbar wären. Sein Wunsch: „Outet euch mal! Fußball ist doch für alle da?“ Queerness ist im Fußball also noch ein heikles Thema. Wie queerfreundlich ist dann eigentlich die diesjährige Männer-WM?
Queere Fangruppe boykottiert WM in den USA
Laut der LGBTQ-Risikokarte 2026 gelten 91 Länder als Hochrisikogebiet für LGBTQ-Personen. Die Karte wurde von dem schwedischen Dienstleistungsunternehmen für Reisesicherheit „Safeture“ und dem dänischen Risikoanalyseanbieter „Riskline“ veröffentlicht. Die WM wird dieses Jahr in Kanada, Mexiko und den USA ausgetragen. Die Risikokarte zeigt, dass sich zuletzt besonders die rechtliche Situation in vielen Ländern verschlechtert hat – darunter auch Nordamerika.
In den USA wurde unter Präsident Donald Trump durchgesetzt, dass Reisepässe wieder das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht ausweisen müssen. Transgeschlechtliche Menschen können ihren Geschlechtseintrag somit nicht mehr frei an ihre Geschlechtsidentität anpassen. Das Auswärtige Amt warnt Trans-Personen deshalb vor der Einreise in die USA, denn dies könne zu erheblichen Problemen führen. Queere Fußballfans sind davon natürlich auch betroffen.
Die aktuelle Lage in den USA ist auch Anlass für den Protest einer Fangruppe: „Three Lions Pride“ ist die offizielle LGBTIQ-Fangruppe der englischen Fußballnationalmannschaft. Die Gruppe kündigte im Januar an, nicht sichtbar bei der diesjährigen WM präsent zu sein. „Three Lions Pride“ erklärt, sie habe kein Vertrauen mehr darin, dass während der WM ein sicheres und inklusives Umfeld geboten werden könne. Gegenüber Amnesty International spricht ein Mitglied von „Three Lions Pride“ von einem Rückschritt bei der Einhaltung der Menschrechte in den USA – vor allem im Hinblick auf die Rechte von Trans-Personen. Sollten transgeschlechtliche Menschen an der WM teilnehmen, seien diese einem enormem Risiko von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.
Queerness in Mexiko und Kanada
Neben den USA ist auch in Mexiko die Lage für queere Menschen angespannt. Laut einem Bericht des Sin Violencia LGBTIQ war Mexiko im Jahr 2024 das zweitgefährlichste Land der Welt für queere Personen. Mit 80 Fällen stiegen demnach die tödlichen Gewalttaten um 23 Prozent im Vergleich zum vorherigen Jahr, zeigt der Bericht. Trotzdem verzeichnet Mexiko auch Fortschritte: Seit Ende 2025 ist die gleichgeschlechtliche Ehe in allen mexikanischen Bundesstaaten legalisiert. Ebenfalls werden seit vergangenem Jahr Femizide an Trans-Frauen in sechs der 32 Bundesstaaten Mexikos als Straftatbestand anerkannt.
In Bezug auf Fußball kommt es in Mexikos Stadien trotzdem immer wieder zu homophoben Beleidigungen – das bestätigt auch die Deutsche Presseagentur (DPA) in der Süddeutschen Zeitung. Der mexikanische Fußballverband Federación Mexicana de Fútbol (FMF) hat deswegen kurz vor dem WM-Turnier eine Kampagne gegen die homophoben Rufe gestartet.
Neben den USA und Mexiko gibt es jedoch auch ein Positivbeispiel in der diesjährigen WM: Kanada zählt laut dem Gay Travel Index 2026 zu einem der queerfreundlichsten Länder der Welt. Gleichgeschlechtliche Ehen sind seit 2009 erlaubt und auch der Schutz vor Diskriminierung ist in Kanada bundesweit verankert.
Christentum auf dem Rasen
Auch Glaube spielt bei der diesjährigen WM eine Rolle. Felix Nmecha aus der deutschen Nationalmannschaft ist streng gläubig und hat deswegen in der Vergangenheit bereits polarisiert: Welt berichtet, dass der gebürtige Hamburger einen Social-Media-Beitrag teilte, in dem die LGBTQ-Bewegung mit dem Teufel verglichen wurde. Darüber hinaus spricht die Zeitung von einem weiteren Beitrag des US-Rechtsextremisten Matt Walsh, der sich gegen LGBTQ-Rechte stellt – diesen habe Nmecha ebenfalls geteilt. Auch der Tagesspiegel spricht von mehrfach unmissverständlichen queerfeindlichen Äußerungen.
Nmecha bestreitet die Vorwürfe. „Ich glaube nicht, dass ich homophob oder transphob bin, nicht mal annähernd“, sagt der 25-Jährige 2023 in einem Interview mit Sky. Im Zuge der aktuellen WM hat sich auch DFB-Chef Bernd Neuendorf zur Kritik an Nmecha geäußert. In einem Interview mit RTL/ntv sagt Neuendorf, er glaube Nmecha und gehe davon aus, dass der Profi mit seinem Glauben eine positive Intention verfolge und für Menschlichkeit sowie Respekt stehe.
Auch kontrovers: Nmecha ist eines der Gesichter von „Ballers in God“ – einem Netzwerk christlicher Fußballspieler. Der Gründer von „Ballers in God“, John Bostock, hat Verbindungen zu Predigenden von evangelikalen Freikirchen. Diese stehen unter anderem wegen Positionen gegen Homosexualität und Transidentität in der Kritik.
Das tut die FIFA
Die WM wird von der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) organisiert. Der Weltfußballverband führt eine Anti-Diskrimierungs-Kampagne unter dem Namen „No Discrimination“. Hierbei leistet die FIFA nach eigenen Angaben unter anderem Aufklärungsarbeit und will Teams vor Anfeindungen auf Social Media schützen. So unterstütze der Verband beispielsweise die Weltmeisterschaft des internationalen schwul-lesbischen Fußballverbands (IGLFA) 2024 in Argentinien. „No Discrimination“ wirft jedoch auch Fragen zur Glaubwürdigkeit auf: Denn während der Klub-WM, die 2025 in den USA stattfand, verzichtete der Verband auf die Kampagne.
Der britische Menschenrechtsaktivist Peter Tatchell kritisiert den Weltfußballverband in Bezug auf die aktuelle WM. Er fordert die FIFA in einem Schreiben auf, gegen Teilnehmerländer vorzugehen, in denen Homosexualität strafbar ist. Im Mittelpunkt stehen die WM-Teilnehmer Iran, Ägypten, Saudi-Arabien, Ghana, Senegal, Katar, Tunesien, Marokko, Irak, Usbekistan und Algerien. In diesen Staaten wird Homosexualität strafrechtlich verfolgt – es drohen Gefängnisstrafen bis hin zur Todesstrafe.
Kein Schutz auf dem Spielfeld
Laut der Peter Tatchell Foundation äußerte sich die FIFA zur Kritik von Tatchell differenziert: Diskriminierung jeglicher Art, darunter auch aufgrund der sexuellen Orientierung, habe keinen Platz bei den Spielen. Ebenso seien Fans aller sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten bei der WM willkommen. „Die FIFA schützt die Sichtbarkeit von LGBT+-Personen auf den Tribünen, versäumt es jedoch, LGBT+-Spieler auf dem Spielfeld zu schützen“, sagt Tatchell daraufhin gegenüber der Foundation.
Für queere Menschen scheint Fußball bis heute ein schwieriges Umfeld zu sein. Ein Coming-Out ist ein Risiko. Christian Dobrick hat sich dieses Jahr geoutet. „Im Profifußball gelten Schwule noch immer als Außerirdische“, sagt der U19-Trainer des FC St. Pauli im Interview dem Stern.
Sarah Tietz, geboren 2001 in Langenhagen, hat ein bisschen Höhenangst, wäre für die "Hannoversche Allgemeine" aber trotzdem fast einmal mit einem Heißluftballon gefahren. In Köln studierte sie Online-Redaktion und lernte dort, Social-Media-Content zu produzieren und zu programmieren. Für die "HAZ" hat Sarah als freie Mitarbeiterin seitdem unter anderem eine Selbstbedienungs-Hundewaschanlage besucht und ganz investigativ die Clubs der Landeshauptstadt getestet. Die nächste
Angst, der sie sich für FINK stellen will, ist die vor dem Telefonieren. Kürzel: tiz







