Herbertstraße, Feldstraßenbunker und das ehemalige Chinesenviertel: Das St. Pauli-Archiv ist das Gedächtnis des Stadtteils. Anwohnerinnen sammeln dort seit 40 Jahren alles, was gedruckt ist und mit St. Pauli zu tun hat. 

An den Wänden stehen Regale mit Büchern, auf einem niedrigen Schrank liegen ausgewählte Titel: „Die Sternbrücke. Ein Hamburger Denkmal zwischen Abriss und Erhalt“ oder „Den Nazis ein Dorn im Auge“. Darüber hängen historische Fotografien der Ausstellung „Mahlzeit St. Pauli“. 

Sanftes Zeitungsblättern und gelegentliche Schnitte einer Schere sind zu hören. Die Sonne scheint auf einen großen Holztisch. Auf diesem stehen drei Wasserflaschen, Flyer liegen dort und ein Stapel Exemplare des „Hamburger Abendblatts“. Davor sitzt eine Frau Anfang 60. Sorgfältig schneidet sie alle Artikel mit St. Pauli Bezug aus der Zeitung und klebt sie auf. Es ist ein typischer Vormittag im St. Pauli-Archiv. 

Das Bild zeigt zwei Hände, eine schreibt auf ein weißes Papier. Auf einem braunen Tisch. Dort stehen außerdem eine Tasse, ein Klebestift und eine Schere. Es liegen noch weitere Zeitungen und Zettel auf dem Tisch,
Sorgfältig werden alle Artikel des “Hamburger Abendblatts” mit St. Pauli Bezug ausgeschnitten. Foto: Luise Beyer

Das St. Pauli-Archiv befindet sich auf der Paul-Roosen-Straße, gegenüber von einem Café und einem Restaurant und zwischen einer Bar und einem Kiosk. Das Archiv ist in einer ebenerdigen Ladenfläche mit großen Fenstern untergebracht, die Fassade ist dicht bewachsen. Das Wohnhaus und der Eingang sind, wie viele andere in der Gegend, mit Graffiti bemalt. Hier wird die Geschichte des Stadtteils seit fast 40 Jahren bewahrt, von Anwohnenden für ihre Nachbar*innen.

Die Geschichte des Stadtteilarchivs 

In den 1970er Jahren gründeten sich die ersten Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive in Hamburg – heute gibt es 21 davon. Die Motivation dieser Bewegung war, die Erinnerung von Zeitzeug*innen lokal vor Ort zu sammeln und zu bewahren. Dadurch haben Geschichtswerkstätten „wichtige Impulse für die NS-Forschung geliefert“, erklärt der freie Historiker Lars Amenda, der auch Mitglied im St. Pauli-Archiv ist.  

Das Bild zeigt einen Hauseingang. Das Haus ist hellgelb und mit Grafitti bemalt. Die Tür steht offen. Über der Tür hängt ein Schild: St. Pauli-Archiv.
Das St. Pauli-Archiv befindet sich mitten auf der Paul-Roosen-Straße, die Tür steht oft offen. Foto: Luise Beyer

Das St. PauliArchiv ist 1987 entstanden. Die längste und einzige Mitarbeiterin ist Gunhild Ohl-Hinz. Sie ist eine kleine, 64-jährige Frau mit kurzen Haaren und Brille. Schlicht gekleidet, stechen ihre lila-grünen Adidas-Spezials hervor. Der Verein des Archivs zählt heute rund 60 Mitglieder. 

Auf die Frage, wie das St. Pauli-Archiv finanziert wird, antwortet Gunhild: „Das fragen wir uns auch häufig“ und lacht. Sie erklärt, dass es eine Zuwendung des Bezirks gebe, die aber nicht ausreiche für die laufenden Kosten. Einige Mitglieder würden dem Verein ihr Weihnachtsgeld zur Verfügung stellen, andere zahlen einen Mitgliedsbeitrag von 15 Euro im Jahr. Darüber hinaus seien sie deswegen auf Spenden und Förderungen angewiesen, beispielsweise von Quartiersbeiräten. 

Quartiersbezogene Beiräte sind offene Treffen von Vertreter*innen der Fraktionen der Bezirksversammlung und allen Nachbar*innen und Institutionen, die teilnehmen wollen. Sie sollen eine Beteiligung der Bürger*innen gewährleisten. So können sie Finanzierungen kleiner Projekte bestimmen. Wie die Beiräte arbeiten, wird von der Bezirksversammlung entschieden, da diese auch für die finanzielle Unterstützung zuständig ist. 

Seit kurzem ist die Teilzeitstelle von Gunhild tariflich gesichert und somit das Fortbestehen des St. Pauli-Archivs wahrscheinlich auch, wenn Gunhild demnächst in Rente geht. Der Gesamtetat reiche allerdings nicht aus, „um Stelle, Miete und Energiekosten zu bewältigen”. Deswegen muss dass Archiv auch immer wieder Vorauszahlungen für Projekte machen. Beispielsweise für ein Buch über den Flakbunker, welches das Archiv mit herausgegeben hat und das vergangenes Jahr erschienen ist.

Das Foto zeigt links im Bild ein Bücherregal deckenhoch. Rechts ist ein niedriger Schrank, darüber hängen Fotografien.
Verschiedene Titel liegen aus und an der Wand hängen Fotos der Reihe „Mahlzeit St. Pauli”. Foto: Luise Beyer

Der Bestand des St. Pauli-Archivs 

Gesammelt wird nur Gedrucktes. „Ich glaube, wir haben zwei Astra Gläser und dann ist gut“, sagt Gunhild bestimmt. Es gäbe nicht den Raum dafür, auch Gegenstände zu sammeln. Konkret heißt das: Bücher, Flyer, Zeitungen, Postkarten, Fotos und Plakate dürfen ins Archiv. Die meisten Bücher sind gekauft. Viele Materialien waren aber auch Spenden von Anwohnenden. Allerdings würden sie nicht alles annehmen, berichtet  Gunhild. Der Bestand ist gut strukturiert, Gunhild räumt regelmäßig auf. 

Auf Anfrage kann jeder ins Archiv kommen. Dadurch sei das Anegbot  deutlich niedrigschwelliger als beispielsweise Staatsbibliotheken erklärt Historiker Amenda: „Die Tür steht wirklich oft und im wahrsten Sinne des Wortes offen.“  

Ein Stapel Stühle steht vor einer Wand an der zwei Plakate hängen. rechts ist ein Aktenschrank und links ein Bücherregal
Im St. Pauli-Archiv gibt es eine strukturierte Ordnung. Bei Bedarf kann der Raum für Veranstaltungen genutzt werden. Foto: Luise Beyer

Das Archiv hat auch schon einiges digitalisiert, aber der Prozess dauert. „Das Digitalisieren selbst ist nicht das Thema“, sagt Gunhild. Die korrekte Beschriftung sei das Problem – beispielsweise bei historischen Fotos herauszufinden, wo genau diese geschossen wurden. 

Seit seiner Gründung hat das St. Pauli-Archiv viele Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert. So wurden aktuelle Gedenktafeln zum Beispiel am Semra-Ertan-Platz und in der Schmuckstraße in Gedanken an das ehemalige Chinesen Viertel errichtet. Das nächste große Projekt soll sich in Zusammenarbeit mit einer Sex-Arbeiterin mit der Geschichte der Herbertstraße befassen. Zusätzlich bietet das St. Pauli-Archiv kleinere Veranstaltungen und Projekte an, wie den jährlichen Kalender mit historischen Fotos des Stadtteils oder wiederkehrende Rundgänge auf St. Pauli.

Rundgang am Feldstraßen-Bunker 

An einem ungewöhnlich windigen Tag Ende April findet einer dieser Rundgänge statt. Gunhild gibt diesen Rundgang, der sich mit der Geschichte des Flakbunkers an der Feldstraße befasst, öfters. Das Publikum besteht aus unterschiedlichen Menschen, jung und alt, von Student*innen über Tourist*innen zu geschichtsinteressierten Nachbar*innen.  

Zwei Hände halten ein Foto in DinA4. Das Foto ist eine Visualisierung des Bunkers an der Feldstraße, im Prozess der Begrünungsplanung.
Gunhild hat verschiedene Fotos dabei um den Rundgang visuell zu stützen. Foto: Luise Beyer

Die Teilnehmenden stehen im Eingangsbereich des Bunkers, gelegentlich kommen Menschen rein oder gehen raus und dann zieht ein kalter, nach Zigarettenrauch riechender Wind durch das Treppenhaus. Gunhild hat eine orangene Mappe mit Bildern dabei, die den Bunker im Laufe der Jahre zeigen. Sie erzählt die Geschichte des Gebäudes, von der NS-Zeit bis heute ohne Notizen. Daten und Fakten kennt sie ganz genau und kann auch alle Fotografien und deren Details problemlos einordnen.

Während des Rundgangs entsteht eine Diskussion zwischen einer Teilnehmerin und Gunhild. Gunhild findet die Aufstockung und Begrünung des Bunkers profitorientiert, das Gedenken würde zunehmend in den Hintergrund rücken. Die Teilnehmerin sieht das anders und verweist darauf, dass zum Beispiel auch durch Infotafeln die Geschichte sichtbar gemacht werden soll. Die unterschiedlichen Ansichten lassen sich nicht auflösen. Ist der Bunker also eher ein Gedenk- oder ein Eventort? Gunhild lädt die Teilnehmenden dazu ein, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden.

St. Pauli im Wandel 

Und mit welchem Blick schaut sie auf St. Pauli? Der Stadtteil habe sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert. „Ich habe das Gefühl, die ganzen türkischen Gemüseläden gibt es nicht mehr. Jetzt ist sehr viel Gastro hier, das gab es zuvor nicht.” Die Wohlwillstraße oder die Paul-Roosen-Straße zum Beispiel seien für sie Wohngebiete gewesen, sagt Gunhild.

Das Bild zeigt rechts eine Wand voller Bücherregale. Die linke Wand hat Bodentiefe Ladenfenster. Davor steht ein Tisch mit Stühlen.
Das St. Pauli-Archiv ist in einer einladenen, ebenerdigen Ladenfläche untergebracht. Foto: Luise Beyer

Für St. Pauli wünscht sich Gunhild wieder mehr Respekt. Insbesondere auch, weil mit dem Stadtteil so viel Geld verdient wird. Er verändere sich nicht immer zum Positiven. Viel drehe sich nur noch um Vergnügen. “Mit Kultur hat das nicht mehr viel zu tun”, sagt Gunhild. “So werden Leute verdrängt, die eigentlich einen positiven Effekt für den Stadtteil hätten.” Im Haus gegenüber des Archivs habe ein Punk-Musiker gewohnt, berichtet sie. “Dem war das irgendwann einfach zu nervig hier.” Wo einst eine Familie untergebracht war, sei heute eine trendiges Café.

Den Wandel des Stadtteils zu dokumentieren, ist weiterhin ihre Leidenschaft. Dabei geht es ihr nicht nur darum, die Geschichte von St. Pauli zu dokumentieren und zu erzählen, sondern auch darum, einseitige Ansichten zu hinterfragen. “Urban” gelte immer schnell als “hip”. “Man könnte auch einfach sagen, es ist laut. Laut und dreckig. Nervig. Das ist urban in St. Pauli“, sagt sie.

Was sie sich wünscht? “Mehr Normalität und weniger Menschen, die sich hier nur kurz aufhalten”, sagt sie. Und ergänzt: “Dass St. Pauli ein Arbeiterstadtteil ist, wissen ja viele nicht. Wir finden, dass die Geschichte im Blick behalten werden und der Wandel dokumentiert werden muss.” 

Luise Mia Beyer, Jahrgang 2002, liebt ihren Geburtsort St. Pauli, war aber schon viel unterwegs. Als Pfadfinderin wanderte sie quer durch Europa, mit einem Holzboot reiste sie in Indonesien von Insel zu Insel, in ständiger Angst vor einer Havarie. In Norddeutschland betreute sie Kinderschauspieler*innen auf einem Filmset und in Hamburg lieferte sie im Smart Pizza aus. Ihren Spaß am Skifahren und Surfen verband sie an der Leuphana mit Social Media: Sie produzierte Reels über Hochschulsportreisen. Nach dem Bachelor in Kulturwissenschaften machte sie ein Praktikum im Bereich Kultur- und Wissenschaftskommunikation bei Holtzbrinck Berlin. Beim Goethe-Institut in San Francisco betreute Luise die digitale Kommunikation und wohnte drei Monate im Turm der Feuerwache aus "The Princess Diaries". Jetzt, endlich, lebt sie wieder auf dem
Kiez. Kürzel: isi

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