Die Ausstellung „Sport.Masse.Macht.“ zeigt, wie die Nazis entschieden, wer im Sport Karriere machte – und wer nicht. Eines der beleuchteten Schicksale: die Ausnahmeathletin Lilli Henoch. Das Leben der Jüdin nahm im dritten Reich eine tragische Wendung.

Die Ausstellung „Sport.Masse.Macht.” zeigt, wie eng Sport und Politik miteinander verbunden sind. Die Nationalsozialisten nutzen den Sport, um auszugrenzen, zu diskriminieren und ihre Politik voranzubringen. Die Ausstellung gastiert in Hamburg, nachdem sie bereits in Berlin zu sehen war. Anlässlich der Fußball-WM der Männer soll sie den Fußball kritisch betrachten. Die Stiftung Historische Museen Hamburg ist beteiligt, genauso wie die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte sowie der World Jewish Congress.  

Die ermordete Leichtathletin Lilli Henoch

Es ist der 29. Januar 1933 in Berlin – der Vorabend der Machtübernahme durch die Nazis. Die jüdische Leichtathletin Lilli Henoch wird zur Vorsitzenden der Damenleichtathletikabteilung des Berliner Sport-Clubs (BSC) gewählt. Sieben Monate lang darf sie dieses Amt ausführen, bis die Nazis es ihr verbieten. Sie wird aus dem Verein ausgeschlossen. Weil sie Jüdin ist. Im Spätsommer 1942 wird sie zusammen mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und dort kurz nach ihrer Ankunft ermordet.

Lilli Henoch ist ein Ausnahmetalent. In den Disziplinen Diskuswurf, Weitsprung, Kugelstoßen und mit der Vier-mal-100-Meter-Staffel ist sie deutsche Meisterin. Auch im Hockey und im Handball gehört sie zu den besten Sportlerinnen ihres Vereins. Als erste Frau erhält sie 1921 vom BSC die höchste Auszeichnung des Vereins: den goldenen Adler. Ab Sommer 1933 arbeitet sie als Sportlehrerin an der Jüdischen Volksschule im Prenzlauer Berg.  

Sie bekommt Angebote aus den Niederlanden und den USA, um dort als Trainerin zu arbeiten. Doch sie bleibt. Eine Entscheidung, die für sie mit dem Tod endet. 

Neben Lilli Henochs Schicksal sind noch eine Handvoll weitere in den Räumen der Ausstellung zu sehen.

Die Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart

Frau steht vor einem Bildschirm un hört mit Kopfhörern einer Frau zu, die auf dem Bildschirm etwas erzählt.
Fatou Touray-Loos macht die Geschichte von Lilli Henoch erlebbar. Foto: Mara Mennekes

Aber warum ist sie nicht gegangen? Warum hat sie die Möglichkeiten, die ihr geboten wurden, um zu flüchten, nicht wahrgenommen? Diese Fragen hat sich Fatou Touray-Loos gestellt, als sie das Schicksal Lilli Henochs für die Ausstellung „Sport.Masse.Macht.“ vertonte. Touray-Loos war selbst jahrelang Leichtathletin. Jetzt unterrichtet sie angehende Sportler*innen am Schul- und Leitsungssportzentrum in Berlin. „Aber wäre ich gegangen? Ich weiß es nicht“, sagt sie.

Touray-Loos erzählt, sie habe an ihrer Schule einen Vortrag über Diskriminerung im schulischen Umfeld gehalten. “Danach kam die Projektleiterin der Ausstellung auf mich zu“, sagt sie. Weil sie selbst Leichtathletin war, sei es ihr anfangs leicht gefallen, sich mit Lillis Geschichte zu identifizieren. Sie hat Geschwister, sie wuchs in Berlin auf, sie wurde Sportlehrerin – ein Leben, das auch Lilli lebte.

Doch irgendwann unterscheiden sich die Biografien der beiden Frauen immer drastischer. Lilli Hennoch gehört einer verfolgten Minderheit in Deutschland an. Die Ausübung ihrer Tätigkeiten in ihrem Sportverein werden ihr untersagt. Sie wird ausgegrenzt. Der Sport wird von den Nationalsozialisten instrumentalisiert um zu diskriminieren.

Sport und Nationalsozialismus  

„Nur wenn man sich als Einzelperson gegen Diskriminierung und Ausgrenzung einsetzt, kann man als Gruppe etwas schaffen”, sagt Touray-Loos. Durch gute Aufklärung könnten wir vielleicht verhindern, dass so etwas wie damals (nicht) nochmal passiert. Die Ausstellung „Sport. Masse. Macht.“ setzt hier an.  

„Die Ausstellung erinnert an verbotene Vereine unter dem Nationalsozialismus und an jüdische Sportler*innen, die verfolgt, entrechtet und ermordet wurden“, schreibt die Stiftung Historische Mussen Hamburg auf ihrer Webseite. Es geht um Fußballspiele im Konzentrationslager – ein Aspekt der NS-Geschichte, der kaum bekannt ist. Die Häftlinge spielten dabei gegeneinander aber auch gegen Mannschaften bestehend aus den Aufsehern. Diese Fußballspiele sollten vor allem den Schein einer Normalität wahren – auch nach außen. Das Ziel war, die Häftlinge zu demütigen. Manchmal war das Gegenteil der Fall. Die Ausstellung zeigt, wie widersprüchlich der Umgang mit Sport sein konnte. Einzelne Schicksale berühren besonders.  

Trikots, Audiospuren und mehr  

Im Ausstellungssaal hängen Trikots. Aus diesen Vereine sind Mitglieder*innen zur Zeit des Nationalsozialismus “verschwunden”. Im Raum befinden sich wenige Bilder, aber die Grafiken und Audiogeschichten mit Biografien einzelner Sportler*innen reichen aus, um eine bedrückende Stimmung zu erzeugen.  

Ein Ausstellungsstück zu Plakaten und Bannern aus Fankurven gegen Rassismus und Diskrimierung im Fußball.
Banner in Fankurven zeigen Haltung gegen Diskriminierung. Foto: Anna Hillmann

Die Ausstellung endet nicht 1945. Sie endet mit aktuellen Sportbildern: Menschen zeigen Hitlergrüße bei Spielen. Ihnen sind Bilder gegenübergestellt, die Menschen mit antifaschistischen Flaggen oder Plakaten gegen Rechtsextremismus zeigen. Fatou Touray-Loos findet die Parallele in die Gegenwart passend. „Wie ist es heute? Was hat sich positiv verändert? Und was ist leider immer noch da und braucht positive Veränderungen?“, fragt sie.

Dr. Andreas Kahrs, Geschäftsführer der gemeinnützigen Orgaisation What Matters GmbH, die Anti-Rassismus- und Antisemitismusarbeit macht, war der Bogen in die Gegenwart wichtig. „Die nationalsozialistische Geschichte reicht bis in die Gegenwart“, sagte er. Führungen durch die Ausstellung, insbesondere für Sportvereine, Jugendmannschaften und Schulklassen, werden angeboten, um aufzuklären.  

Und heute? Diskriminierung im Mannschaftssport

„Ich selbst habe im Sport keine direkten Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht. Aber ich war auch Einzelsportlerin, bei Mannschaftsportarten ist das häufig anders“, sagt Touray-Loos. Trotzdem hätte sie sich immer eine Person gewünscht, der sie sich anvertrauen kann. Genau diese Person versucht sie für ihre Schüler*innen zu sein. Viel gehe es um Rassismus im Alltag. Bei den Jugendlichen, die Fußball spielen, ist die Problematik präsent – in der Fankultur, auf dem Platz, durch Anti-Rassismus-Logos auf den eigenen Trikots oder Banner auf den Tribünen.  

„Wir können uns glücklich schätzen in welcher Situation wir jetzt sind aber wir müssen immer wieder mahnen, damit so etwas nicht nochmal passiert“, sagt Fatou Touray-Loos. Die Geschichten, die in der Ausstellung erzählt werden, zeigen Parallelelen. Gleichzeitig enden sie alle unterschiedlich. Bei der Vorbereitung auf die Vertonung stellte sich Fatou immer wieder eine Frage: „Warum ist Lilli nicht gegangen?“ Die Möglichkeit zur Flucht hatte sie – mehrmals. 

Appell an die Zukunft

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, sprach beim Eröffnungstag von „Sport.Masse.Macht.“ warnende Worte: „Bestimmte menschenverachtende Positionen werden erfolgreich, weil sie normal werden. Deshalb ist es wichtig, sich durch Ausstellungen wie diese zu sensibilisieren.“ Diese Ausstellung könne Menschen zeigen, wie es damals war, damit niemand sagen könne, dass nicht gewusst zu haben.

Antisemitische Vorfälle häufen sich: 2025 ereigneten sich 24 antisemitische Vorfälle pro Tag. In den letzten beiden Jahren wurden etwa gleich viele Fälle erfasst, jedoch gab es 2024 und 2025 mehr als drei Mal so viele registrierte Vorfälle wie vor dem Angriff der Hamas auf Israel im Jahr 2023.  

Silke Muelherr, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation, die das Projekt fördert, srach ebenso beim Eröffnungstag der Ausstellung. Ausgrenzung gehe von Menschen aus, die wir kennen. Es würden Entscheidungen getroffen, gegen die sich niemand auflehne, so Muelherr.

Lilli Hennochs Schicksal steht stellvertretend für viele Einzelschicksale. Ihre Geschichte ist in der Ausstellung im Hamburger Kultur Kontor noch bis zum 5. August erlebbar.

Wer wissen will, wo es den besten Kuchen Hamburgs gibt, fragt am besten Mara Mennekes, geboren 2001 in Moers: Ein Jahr lang war sie als Social-Media-Redakteurin für das Stadtmagazin „Mit Vergnügen“ in der Gastroszene unterwegs. Ihren Bachelor in Modejournalismus machte sie in Düsseldorf, parallel gab sie geflüchteten Kindern Deutschunterricht. Mara fotografiert professionell, derzeit vor allem die „Rabauken“ vom Kids Club des FC St. Pauli, wo sie zuvor ein Social-Media-Praktikum gemacht hat. Mit den „Rabauken“ verbindet sie noch etwas anderes: Mara ist schon seit ihrer Kindheit St.-Pauli-Fan. Jetzt ist sie mit ihrer Kamera bei jedem Heimspiel dabei. Kürzel: mim

„Bücher sind nicht immer besser als ihre Verfilmungen, aber oft”, sagt Anna Hillmann, Jahrgang 2002. In ihrem Geburtsort Lüneburg hat sie im Rahmen ihres Studiums der Kulturwissenschaften schon Filmszenen neu verfilmt, ihre Bachelorarbeit schrieb sie zum Thema BookTok. Für die Leuphana entwickelte Anna Memes und andere Formate für Instagram. Nach dem Bachelor absolvierte sie Praktika im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit in einer Werbeagentur in Hannover und im Lüneburger Literaturbüro. In ihrer Freizeit tanzt Anna gern, am liebsten zu Afrobeats. Bücher und Filme haben einen hohen Stellenwert in ihrem Leben: Jedes Jahr im Herbst sieht sie „Gossip Girl”, einmal pro Jahr liest sie „Rubinrot” von Kerstin Gier. Das Buch ist besser als der Film, findet Anna. Kürzel: ahi

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