Gehen, Drehen, Hüpfen: Im Tanzklub Dance Well tanzen Menschen mit Parkinson. Viele Teilnehmende fühlen sich durch die Bewegung wohler in ihrem Körper. Aus dem europaweiten Projekt ist eine Aufführung auf Kampnagel entstanden.

„Ich bin stolz auf dich, Mama!“, ruft ein kleiner Junge in den sich leerenden Saal. Menschen stehen von ihren Sitzen auf, ziehen Jacken über, umarmen sich, winken einander zu. Weißer Tanzboden reflektiert das Bühnenlicht. Es riecht nach Parfüm, Schweiß und Holz. Eine Wasserflasche rollt über den Boden und bleibt liegen.

Jürgen Klimmeck geht mit seinem Jugendfreund lachend Richtung Ausgang. Er trägt einen Rucksack auf dem Rücken, den Pullover locker über den Arm gelegt. Noch vor wenigen Minuten stand er auf der Bühne – zusammen mit der Mutter des Jungen und zwölf weiteren Tänzer*innen des Tanzklubs Dance Well.

Jetzt setzt er einen Fuß vor den anderen. Langsam, konzentriert. Draußen liegt die ehemalige Maschinenfabrik in kalter Abendluft. Klimmeck tastet kurz nach dem Reißverschluss seines Rucksacks. „Vertraut euch selbst“, hatte die Choreografin Venetsiana Kalampaliki während der Proben gesagt. Vor einigen Wochen hätte er nicht gedacht, dass er heute auf einer Bühne tanzen würde. Klimmeck lächelt seinen Freund an: „Ich bin stolz darauf, dass ich mich getraut habe, etwas Neues auszuprobieren, trotz Parkinson“, sagt er.

In düsteres Licht getaucht stehen Personen auf einer Bühne und schieben weiße Kisten hin und her. Ihre Gesichter sind aufgrund von Gegenlicht und Nebel nicht erkennbar.
Während der Aufführung schieben die Tänzer*innen immer wieder weiße Kisten auf die Bühne. Foto: Jonas Fischer

Nicht nur Profitänzer stehen auf der Bühne

Im großen Saal von Kampnagel in Hamburg-Winterhude läuft an diesem Abend „Anatomy of Words“. Viermal wurde das Stück gezeigt. Entwickelt hat es die Tänzerin und Choreografin Venetsiana Kalampaliki in einer Co-Produktion mit dem Zentrum für Choreographie K3 und den Teilnehmenden des Tanzklubs Dance Well. Der Tanzklub entstand vor vier Jahren aus einem europaweiten Praxis- und Forschungsprojekt: Ein Tanzangebot für Menschen mit und ohne Parkinson.

Gehen, schieben, ziehen, drehen, hüpfen, fallen. Wörter bilden die Grundlage der Aufführung. Aus ihnen entstehen Bewegungen, Musik und Text. Noch bevor das Stück beginnt, dürfen die Zuschauer*innen selbst auf die Bühne. Kalampaliki fordert sie auf, einzelne Wörter körperlich zu erkunden. Manche strecken vorsichtig die Arme aus. Andere drehen sich lachend im Kreis. Niemand bewegt sich gleich. „Da merkt man erst, wie schwer Bewegung sein kann“, sagt später ein Zuschauer.

In blaues Licht getaucht, sind zwei Personen von der Seite aufgenommen, die sich anschauen und ihre Arme auf die Schultern der jeweils anderen legen.
Sich gegenseitig zu vertrauen, ist ein Hauptbestandteil von Dance Well. Foto: Jonas Fischer

Was Parkinson mit dem Körper macht

Rund 400.000 Menschen leben in Deutschland mit Parkinson, weltweit sind es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) mehr als zehn Millionen. Die Erkrankung beginnt oft schleichend. Schlafstörungen, ein nachlassender Geruchssinn oder Verdauungsprobleme können erste Hinweise sein. Ursache ist das Absterben jener Nervenzellen im Mittelhirn, die den Botenstoff Dopamin produzieren und Bewegungen steuern. Typische Symptome wie verlangsamte Bewegungen, Muskelsteifheit oder Zittern treten meist erst auf, wenn bereits ein Großteil der Nervenzellen verloren gegangen ist.

„Heilen lässt sich Parkinson bislang nicht.”

„Heilen lässt sich Parkinson bislang nicht“, sagt Brit Mollenhauer, Professorin für Neurologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Das Problem: Die Krankheit werde meist erst diagnostiziert, wenn bereits rund 70 Prozent der Dopamin produzierenden Nervenzellen abgestorben sind. „Wir diagnostizieren Parkinson zu spät“, sagt sie. Eine Heilung sei nur möglich, wenn es gelingen würde, deutlich früher einzugreifen. Bislang könnten Therapien vor allem die Symptome lindern.

Medikamente sollen den Dopaminmangel ausgleichen oder den Abbau des Botenstoffs bremsen. Für ausgewählte Patient*innen komme zudem die tiefe Hirnstimulation infrage. Implantierte Elektroden senden dabei elektrische Impulse an bestimmte Hirnregionen, um die Aktivität der Nervenzellen zu regulieren. Laut Mollenhauer wird das Verfahren allerdings in der Regel nur bis zum 70. Lebensjahr eingesetzt. 

Neben medikamentösen und operativen Behandlungen spielt Bewegung eine zentrale Rolle. Physiotherapie, Ergotherapie und Tanz gelten inzwischen als wichtige Bestandteile der Therapie. Körperliche Aktivität kann neuroprotektive Prozesse fördern, die Beweglichkeit stabilisieren und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Gemeinsam mit Sprachtherapie ermöglichen moderne Behandlungsansätze vielen Betroffenen über Jahre eine gute Lebensqualität.

Tanzen ohne Bewertung

Seit vier Jahren gibt es den Tanzklub am K3 in Hamburg. Inzwischen ist das ursprüngliche Forschungsprojekt abgeschlossen. Ziel war es, an verschiedenen europäischen Tanzhäusern Angebote für Menschen mit und ohne Parkinson zu etablieren. Zwei wissenschaftliche Partner begleiteten die Umsetzung. Diese Verbindung fehle inzwischen, da der Austausch im Rahmen des Dance Well Projekts nicht mehr stattfinde, sagt Florence Rist, Projektleiterin am K3. „Ich glaube, es gibt weiterhin Interesse aus der Wissenschaft und Medizin. Aber es ist schwierig, sich zusammenzutun.“

Mittlerweile finanziert K3 den Klub über eigene Förderanträge weiter. Die Nachfrage ist groß. „Nach der ersten Bühnenproduktion kamen viele neue Anmeldungen“, sagt Rist. Inzwischen ist der Klub voll. Wer keinen Platz bekommt, landet auf der Warteliste oder besucht die monatliche Open Class.

An diesem Samstagnachmittag ist es wieder so weit. Die Open Class beginnt im Sitzen. Zuerst bewegen die Teilnehmenden den rechten Arm. Dann heben sie ihren linken Arm in die Luft, schwingen ihn hin und her. Die Stühle werden an die Seite geschoben. Die Teilnehmenden laufen durch den Raum, begegnen sich, lachen.

„Für mich ist das hier Therapie. Wirkliche Therapie.”

„Für mich ist das hier Therapie. Wirkliche Therapie“, sagt Gert, 72, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht haben möchte. Im Alltag kontrolliere er jeden Schritt. „Ich achte darauf, mit der Hacke aufzutreten, damit ich nicht schlurfe“, sagt er. Hier denke er nicht darüber nach, wie er gehe.

Eine Person sitzt mit dem Rücken zur Kamera und neigt den Kopf nach rechts. Im Hintergrund sind unscharf mehrere Personen zu erkennen, die in einem Stuhlkreis sitzen.
Im Stuhlkreis wärmen sich die Mitglieder des Tanzklubs auf – so beginnt jede Dance-Well-Klasse. Foto: Matteo Maffesanti

Klaus Bemmé, 63, ist gerne hier. Es sei etwas ganz anderes als Gesellschaftstanz. „Der hat mich überfordert“, sagt er. Bei Dance Well geben die Dozent*innen Impulse. Alles darf, nichts muss. „Mir ist wichtig, dass kein Druck entsteht“, sagt Tanzpädagogin Sahra Bazyar-Planke. Die Übungen sind oft offen angelegt. Das heutige Thema lautet: Wind und Luft.

Bemmé spricht von seiner Lieblingsübung, dem Schwarm. Die Gruppe bewegt sich dabei gemeinsam durch den Raum. Einzelne lösen sich, tanzen kurz allein und werden von der Gruppe wieder aufgenommen. „Dieses Heraustreten, sich zeigen und dann wieder eingliedern und die anderen würdigen“, sagt er und lächelt. „Das ist toll.“ Er hält kurz inne. „Man merkt plötzlich: Alles ist okay.“

Was Bewegung zurückgeben kann

Auch Christine Uhl beobachtet täglich, wie Bewegung Menschen mit Parkinson helfen kann. In einer neurologischen Praxis in Bad Waldsee setzt sie das sogenannte LSVT-BIG-Konzept ein, die Abkürzung setzt sich zusammen aus „Lee Silverman Voice Treatment” und dem englischen Wort „big”. „Ich trainiere mit meinen Patient*innen große Bewegungen, um der für die Erkrankung typischen Verlangsamung und Verkleinerung von Bewegungsabläufen entgegenzuwirken“, erklärt Uhl. Ihre Wurzeln hat die Methode im LSVT, das ursprünglich für die Stimmtherapie konzipiert wurde. „Die Bewegungsamplitude verändert sich“, sagt Uhl. „Viele Patient*innen merken plötzlich: Ich kann ja doch noch etwas.“

Neben dem Training selbst spiele beim Tanz auch die Gemeinschaft eine wichtige Rolle, sagt Mollenhauer. Viele Menschen mit Parkinson zögen sich im Laufe der Erkrankung aus dem sozialen Leben zurück. Beim Tanzen entstehe dagegen ein Gefühl der Verbundenheit.

In einem Tanzsaal stehen Menschen in einem Kreis. Auf dem Boden sitzt die Choreografin mit einem Laptop in der Hand.
Teilnehmende des Tanzklubs bereiten sich auf die Aufführung vor. Foto: Matteo Maffesanti

Dieses Gefühl beschreiben auch Teilnehmende des Tanzklubs. „Ein Programm wie Dance Well sollte in unserer Gesellschaft ein Vorbild für den Umgang miteinander sein“, sagt Klimmeck. Er wurde vor zwei Jahren während einer Parkinson-Behandlung von der dortigen Tanztherapeutin auf dieses Projekt aufmerksam gemacht. „Ich habe mich entschlossen, sofort in die Proben einzusteigen, ohne vorher je getanzt zu haben“, sagt er.

Die Proben und die Aufführung hätten sein Leben bereichert. Der gemeinsame Tanz sei für ihn „ein entscheidender Kraftquell“, um mit der Krankheit umzugehen. „Trotz oder durch die Krankheit ist etwas Wunderbares Neues in mein Leben getreten.“

Als Kind war sie kein Fan ihres Namens, liebte aber die Farbe. Rosa Bort, geboren 1998 in Braunschweig, zog nach dem Abitur nach Köln. Fürs Studium in Medien- und Wirtschaftspsychologie und, wie überall wo sie hinkommt: um dort zu tanzen, am liebsten zu Hiphop oder House. In Köln arbeitete sie nebenbei im Vertrieb und Marketing bei einem Fahrradhersteller. Im Anschluss an ein Praktikum in Prag baute sie den TikTok-Kanal des deutsch-tschechischen Magazins „Landesecho“ auf und wurde 2025 dafür mit dem „Johnny”-Klein-Preis ausgezeichnet. Sie lernte dabei unter anderem, dass Slytherin auf Tschechisch “Zmijozel” heißt. Im Praktikum bei Next Media Hamburg half sie, Workshops und Events für Medienunternehmen zu organisieren. Heute liebt Rosa ihren Namen, aber die Farbe ist ihr zu zart. Kürzel: rot

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