Die Hamburger Künstlerin Preach spricht im Interview mit FINK.HAMBURG über ihr Theaterstück „Playback”, Alter Egos im Rap und Mutterschaft.
Jesseline Preach alias Preach ist eine interdisziplinäre Künstlerin aus Hamburg. 2020 veröffentlichte sie ihr Debütalbum „Likör“. Außerdem gründete sie das Rapkollektiv „One Mother“ und inszenierte das Theaterstückes „Playback”. Thematisch beschäftigt sich die gebürtige Ghanaerin mit intersektionalem Feminismus, Rassismus und Empowerment.
Preach spricht im Interview über ihre Ausdrucksformen, ihren künstlerischen und persönlichen Wandel als alleinerziehende Mutter und die Sichtbarkeit von FLINTA*-Personen in der Hamburger Musikindustrie.
FLINTA* werden Personen bezeichnet, die sich als Frauen, Lesben, Intergeschlechtlich, Nicht-binär, Trans oder Agender identifizieren. Der Genderstern bezieht sich auf weitere Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen, die nicht in der Abkürzung enthalten sind.

Preach kultiviert, verarbeitet und präsentiert Themen, die sie beschäftigen. Sie ist nicht allein mit diesen Themen: Viele andere FLINTA*- und BiPoC-Personen in Deutschland erleben ähnliche Erfahrungen der Diskriminierung. Preachs städtischer Alltag in Hamburg wird in dem Kurzfilm “under*score” porträtiert, welcher auch beim diesjährigen Hamburger Kurzfilmfestival ausgestrahlt wurde.
BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) ist eine Selbstbezeichnung von Schwarzen Menschen (B), indigene (I) und nicht weißen Personen (PoC).
Im folgenden Interview spricht Preach über Sichtbarkeit und Zugehörigkeit in Deutschland als Herausforderung für marginalisierte Gruppen. Preach beschreibt Deutschland als „härtestes Casting der Welt“.
Multidisziplinäre Kunst als politischer und persönlicher Ausdruck
FINK.HAMBURG: Preach – dein Name sagt schon viel aus. Als multidisziplinäre Künstlerin in Musik und Kunst, über welche Themen „predigst” du?
Preach: Ich spreche einfach meistens über das, was mich gerade beschäftigt und was in meinem Leben passiert. Meine Kunst ist sehr persönlich. Gerade habe ich zum Beispiel ein Theaterstück namens „Playback” gemacht, das am 14. Mai Premiere hatte. Das Stück handelt von Menschen, die durchs Raster fallen und wie sich Zugehörigkeit anfühlt – oder eben nicht anfühlt. In dem Stück sage ich auch, dass Deutschland sich manchmal wie das härteste Casting der Welt anfühlt – als müsste man ständig beweisen, dass man dazugehören darf. Währenddessen hatte ich mein kleines Baby dabei. Dadurch ging es automatisch viel um Mutterschaft, Kunst, Energie, Überforderung, Inspiration und darum, wie man sich selbst wiederfindet.
In einem Satz formuliert: Was ist das Hauptthema deiner bisherigen Karriere?
Das Einzige, was sich durchzieht, ist Sichtbarkeit. Das man sichtbar ist — und nicht nur auf den Körper reduziert wird. Ich bin Schwarz, ich bin eine Frau, ich bin Mutter, alleinerziehend, Arbeiterklasse, Kind geflüchteter Eltern. Das sind viele Ebenen, die gleichzeitig stattfinden — und die man von außen sieht. Meine Mutter hat trotz 40 Jahren in Deutschland bis heute keinen sicheren Status. Gleichzeitig war ich während der Proben und Aufführungen meines Theaterstückes nicht nur Künstlerin oder Regisseurin, sondern auch Mutter. Ich musste mir mein eigenes System schaffen, um beides gleichzeitig tragen zu können. Das bedeutete oft, mit einem Kind auf dem Arm die künstlerische Leitung zu übernehmen, selbst zu performen, Texte zu schreiben, Musik zu machen und gleichzeitig die Energie im Raum zu halten. Viele Rollen existieren bei mir parallel nebeneinander.
Als Schwarze FLINTA*-Künstlerin, inwieweit verbindest du Musik und Kunst als Ausdruck des intersektionalen Feminismus?
Ich glaube, ich verarbeite in meiner Kunst oft dieses Gefühl, gleichzeitig unsichtbar und extrem sichtbar zu sein. Beispielsweise aus dem Song „ach wie gut, dass niemand weiß”:
„Wo ich herkomm, fall ich auf. Wo ich bin, da falle ich raus. Wo gehöre ich hin, wenn ich nirgendwo auftauch? Ich geh doch schon unter. Was willst du von mir?“
Genau dieses Spannungsfeld begleitet mich schon lange und zieht sich auch irgendwie durch meine Arbeit. Dieses Gefühl, nie ganz irgendwo reinzupassen und trotzdem ständig gelesen, bewertet oder eingeordnet zu werden. Dieses Gefühl von Landlosigkeit.
Intersektionalität (intersektionaler Feminismus) bezeichnet die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsarten, wodurch eine neue Dimension von Diskriminierung ensteht. Die neuen deutschen Medienmacher*innen verwenden folgendes Beispiel: Eine Schwarze Frau erfährt beispielsweise andere Diskriminierungen als eine weiße Frau, da sich Anti-Schwarzer Rassismus und misogyner Sexismus zu einem eigenen Phänomen verbinden.
Du arbeitest mit Alter Egos, welche Facetten repräsentieren oder erweitern diese von dir?
Meine Alter Egos zeigen meistens Facetten von mir, die ich in meiner aktuellen Form oder Persona nicht ausdrücken konnte. Manchmal fühlt sich etwas wie ein Schritt zurück an, wenn ich versuche, bestimmte Dinge unter Preach zu erzählen. Dann brauche ich eine neue Figur, die noch nicht festgelegt ist und sich freier bewegen kann. Sie helfen mir dabei, mich selbst mit etwas Abstand zu betrachten. Sie erlauben mir, neue Rollen einzunehmen und Seiten von mir sichtbar zu machen, die sonst vielleicht keinen Platz hätten. Mein erstes richtiges Alter Ego war damals „fathoeburger”. Das entstand während der Covid-Zeit, kurz nachdem ich Mutter geworden bin. Die Welt und Deutschland im totalen Ausnahmezustand. Ich hatte das Bedürfnis, Musik zu machen und Dinge zu veröffentlichen. Mein Verhältnis zu meinem Körper und zu Beziehungen verändert sich auch jetzt, da ich wieder ein Kind bekommen habe. Da entstehen neue Gedanken, neue Figuren und neue Ausdrucksformen.
In dem Kurzfilm „under*score“ wirst du in deinem Alltag in Hamburg porträtiert. Du bist da mit deinen Freund*innen unterwegs und ihr redet über Musik, Freundschaft und Dating. Was soll das Publikum von diesem Einblick in deine Welt mitnehmen?
Das Spannende ist, dass die Person im Film in dieser Form eigentlich gar nicht mehr existiert. Deshalb fühlt es sich fast wie ein Blick in die Vergangenheit an. Natürlich bin ich das noch immer und es gibt keine klare Grenze zwischen mir, Jesseline und Preach. Aber ich habe mich seitdem verändert. Deshalb ist es auch interessant, den Film selbst anzuschauen und fast wie eine Zuschauerin auf das eigene frühere Ich zu blicken. Im besten Fall verstehen die Menschen, wer dort gezeigt wird und dass Kunst und Alltag bei mir zumindest nicht getrennt voneinander existieren.
Denkst du, dass Menschen, die wenig Kontakt zu FLINTA*- oder BIPoC‑Personen haben, etwas daraus lernen können?
Auf jeden Fall. Man bekommt einen Einblick. Man sieht, wie Leute sich Energie holen, Inspiration, wie wichtig persönlicher Energieaustausch ist, um durch diese Welt zu gehen. Ich hoffe, die Leute fühlen den Film und haben Spaß. Für mich ist es ein Rückblick: Damals dachte ich, ich schaffe diese Lebensetappe nicht – und jetzt bin ich hier.
Wie empfindest du die Musik- und Kunstszene in Hamburg? Werden Schwarze, queere und weibliche Künstler*innen unterstützt?
Preach: Ich kann auch da nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, aber ich habe oft das Gefühl, eher eine Quote zu erfüllen. Natürlich gibt es Menschen und Räume, die mich ehrlich unterstützen, und dafür bin ich dankbar. Aber oft sind es auch immer wieder dieselben wenigen Personen. Außerdem sieht man auf Bühnen noch immer selten Dark-skinned Schwarze Frauen, außer es handelt sich um internationale Stars. Sichtbarkeit allein bedeutet für mich deshalb noch nicht automatisch echte Unterstützung oder langfristige Förderung.
Raus in die Welt wollte Bleona Ramadani schon immer: Das zeichnete sich bereits ab, als sie im Jahr 2000 früher als geplant in Neumünster geboren wurde. Ihren ersten Bekanntheitsgrad erreichte sie schon in der Grundschule als Einradmeisterin. Doch das reichte ihr nicht. Zum Musikbusiness Studium ging es nach Hamburg. Seitdem ist Bleona in der Musikindustrie unterwegs: Bei „365xx records“ mit Female Artists, wo sie die Social Media Kanäle koordinierte und für den internationalen Blog des Labels schrieb. Oder auf ihrem TikTok-Kanal, wo sie Künstler*innen und Musiktrends analysiert. Bei Songs von 432 Hertz schlägt ihr Herz mal langsamer, und sie hat nicht das Gefühl, mit allem früh dran sein zu müssen.
Kürzel: ona







