Die Ausstellung „Kleopatra“ verspricht eine Reise ins alte Ägypten: mit VR-Brillen, Metaverse, Animationen und Hologrammen. Doch wie viel wahre Geschichte steckt in dem Spektakel?

Titelbild: Alegria Exhibitions

„Guck mal, die war auch Chemikerin“, sagt Marko Soltau. Der 51-Jährige ist selbst Chemiker. Er steht vor einer hellen Wandtafel, hinter ihm seine Frau Katharina und Nachbarin Hanna Kronenberg. Sie hat das Paar mit zu der Ausstellung genommen. Er liest weiter vor: „Für Haarausfall eine Paste aus verbrannten Mäusen. Da muss man erstmal drauf kommen.“ Katharina Soltau schaut nun auch überrascht auf die beleuchtete Tafel: „Ach du Schande“.

Hinter ihnen flimmert eine projizierte Karte über einen langen Tisch. Wer die Hand darüber hält, löst Animationen aus. Weitere sandfarbene Tafeln und animierte Projektionen bedecken die Wände, während Musik, Geräusche und eine weibliche Stimme aus Lautsprechern tönen. Auf den Tafeln stehen große Überschriften in Grün: „Kleopatras Weisheit und Vermächtnis“, „Das Geheimnis um Kleopatras Gesicht“, „Immersiver Raum“. Es riecht erdig und regnerisch, passend zu einer der Wandprojektionen. Der dunkle Raum erinnert weniger an ein Museum als eine Mischung aus Bühne, 3D-Kino und Disneyland – genau darin liegt der Reiz dieser Ausstellung. Und ihr Problem.

Mit VR-Brille durch das alte Ägypten

Der Rundgang beginnt im Spiegelgang, von dort gelangen die Besucher*innen in einen dunklen Raum mit Bänken. Dort setzen sie Kopfhörer auf: Eine erzählende Stimme, Musik und klirrende Soundeffekte begleiten den ersten Teil der Ausstellung. Vor den Sitzreihen ist ein gläserner Bildschirm, auf dem zum ersten Mal Kleopatra erscheint. Die Stimme und die Vorstellung auf dem Bildschirm führen in die Geschichte der ptolemäischen Dynastie ein und erklären, aus welcher Herrscherfamilie die ägyptische Königin stammt.

Eine Person steht mit ausgestreckten Armen in einem weiten, grauen Raum. Sie trägt eine weiße Virtual-Reality-Brille.
In einem Raum bekommen Besucher*innen eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt. Foto: Alegria Exhibitions

Im nächsten Bereich wird es heller: Texte auf Tafeln erklären, wer an der Ausstellung mitgearbeitet hat. Es riecht nach Parfum. Kurz darauf beginnt der erste Virtual-Reality-Teil: Mitarbeitende setzen den Besucher*innen VR-Brillen auf. Sie laufen durch eine leere Halle, die vor den Augen zur antiken Stadt Alexandria oder zur Schlacht von Actium wird. Säulen, Statuen und Götterbilder stehen dort, wo in Wirklichkeit nur grauer Boden ist.

Später folgen Artefakte, interaktive Spiegel und ein Raum, der wie Kleopatras Privatgemach wirken soll. Der Höhepunkt ist der 360-Grad-Raum: Acht Meter hohe Projektionen zeigen die Bibliothek von Alexandria, Kleopatra auf einem Thron oder ihre Begegnung mit Cäsar. Wieder erklingen eine weibliche Erzählstimme, Musik und Soundeffekte aus Lautsprechern.

Am Ende der Ausstellung setzen die Besucher*innen sich noch einmal hin: In einer VR-Sequenz geht es unter Wasser, durch das zerstörte Alexandria und auf die Suche nach Kleopatras verlorenem Grab.

Was ist der Unterschied zwischen VR und AR?

Virtual Reality, kurz VR, ersetzt die reale Umgebung weitgehend durch eine computergenerierte Welt. Wer eine VR-Brille trägt, sieht also vor allem den digitalen Raum. Augmented Reality, kurz AR, ergänzt die reale Umgebung durch digitale Elemente. Die Wirklichkeit bleibt sichtbar, wird aber durch Bilder, Texte oder Animationen erweitert. In einer Ausstellung kann AR etwa eine reale Fläche zum bewegten Bild machen, während VR ganze Räume, Städte oder Landschaften simuliert.

Hamburg und der Boom immersiver Ausstellungen

Immersive Ausstellungen sind in Hamburg viel zu sehen. In der HafenCity läuft mit „Wunderwelt Ozean“ ein immersiver Tauchgang durch digitale Meereswelten. Zuvor gab es mit „Titanic: Eine immersive Reise“ einen Blick in das versunkene Schiff. In Altona folgt „Kleopatra“ des Ausstellers Alegria Exhibition auf frühere Inszenierungen zu Tutanchamun oder Wikingern, oft mit ähnlichem Aufbau: große Räume und Projektionen mit interaktiven Elementen.

Hanna Kronenberg, 75, hat dieses Konzept überzeugt: „Die Möglichkeiten, die es heutzutage gibt mit der 3D-Brille, dass man das miterlebt, so hautnah. Das ist wirklich ein Erlebnis.“ Die Wikinger-Ausstellung habe sie bereits mit ihren Kindern und Enkeln besucht. „Die war so toll. Und deshalb wollten wir jetzt gemeinsam diese Ausstellung auch besuchen“, sagt die Rentnerin. Sehr lehrreich findet sie die Ausstellung zu Kleopatra und schaut im Raum umher, auf die zahlreichen Projektionen.

„Die Möglichkeiten, die es heutzutage gibt mit der 3D-Brille. Das ist wirklich ein Erlebnis.“

Was heißt „immersiv“?

„Immersiv“ leitet sich vom lateinischen immergere ab und bedeutet „eintauchen“. Gemeint ist das Eintauchen in eine Umgebung oder Erfahrung, körperlich, emotional oder medial. Besonders häufig wird der Begriff heute für virtuelle Erlebnisse, Gaming, Film, Kunst und moderne Ausstellungskonzepte verwendet. Immersive Formate arbeiten oft mit VR, AR, 360-Grad-Bildern, Surround-Sound, Licht oder interaktiven Elementen. Ziel ist, dass die Grenze zwischen realem Raum und inszenierter Welt für einen Moment weniger deutlich wirkt.

Wo antike Quellen enden und Fiktion anfängt

Prof. Dr. Kaja Harter-Uibopuu, Professorin für Alte Geschichte an der Universität Hamburg, sieht die Ausstellung kritischer. In ihrem Büro im 13. Stock des Philosophenturms sitzt sie mit dem Rücken zum Fenster. Sie hält immersive Ausstellungen grundsätzlich für eine Chance, gerade weil sie Sinne ansprechen, die klassische Quellen kaum bis gar nicht liefern: Geräusche, Bewegung, räumliche Nähe – Aspekte, die „Kleopatra“ klar erfüllt. Ihr Problem liegt dort, wo Spektakel wie belegte Geschichte aussehen.

„Wenn man Fiktion als Geschichte verkauft, ist für mich eine Grenze überschritten“, sagt sie. Bei der Figur von Kleopatra ist der Umgang mit Fiktion und belegter Geschichte schwierig, weil die Quellenlage viele Lücken lasse. Über ihr alltägliches Leben wisse man fast nichts. Trotzdem erzeuge die Ausstellung das Gefühl, wir sehen Kleopatra, wie sie wirklich gelebt habe.

Kleopatra und die Paste aus verbrannten Mäusen

Die Professorin kritisiert Details, die auf den ersten Blick klein wirken: In einer animierten Szene der Ausstellung liegen bei Cäsar Bücher unter dem Schreibtisch. „Cäsar hat in Rollen und nicht in Büchern gelesen, Punkt“, sagt Harter-Uibopuu. Auch Cäsars Ermordung werde räumlich falsch inszeniert, eher wie in einem offenen Theater. Die übergroße weiße Schlange, die Kleopatra in einer weiteren Animation verschlingt, rutsche für sie ins Märchenhafte. Ein Spektakel sei diese Darstellung natürlich, aber dass Kleopatra durch einen Schlangenbiss starb, sei historisch ohnehin nicht gesichert.

Weiter sagt sie, Alexandria sei natürlich ein Ort gewesen, an dem Wissenschaft eine Rolle gespielt habe. Aber Quellen dafür, dass Kleopatra selbst in dieser Weise tätig war, gebe es nicht. Dass jemand ein Mittel empfehle, mache ihn noch nicht zum Forscher. Vor der Antwort kommt ein „Pff“: Mit derselben Berechtigung könne man Influencer*innen als Naturwissenschaftler*innen bezeichnen, nur weil sie Produkte empfehlen.

Eine Person steht in einem dunklen Raum. Sie steht mit dem Kopf unter einer Laterne, in dem ein Rundumbild zu sehen ist. Das Rundumbild zeigt eine Szene mit vielen Menschen im alten Ägypten.
In einem Raum können sich Besucher*innen unter eine Art Laterne stellen. Foto: Alegria Exhibitions

Menschen im alten Ägypten haben wie viele Finger?

Zurück in der Ausstellung scheint unter einer Art Laterne ein gelb-weißes Licht. Wer sich darunter stellt, steht mitten in einem Rundumbild mit sandigen Farben, handelnden Menschen und Alexandrias Turm – eine Szene aus dem alten Ägypten. Immersiv soll es sein, aber je länger man hinsieht, desto seltsamer wirken die dargestellten Menschenkörper: Finger und Zehen gehen ineinander über, Seile liegen ohne erkennbare Logik im Bild, der Hintergrund bleibt unklar.

Auch bei einer Darstellung Kleopatras in einem späteren Raum verschmelzen Zehen, Hieroglyphen im Hintergrund wirken uneinheitlich. „Idealisiertes Bild von Kleopatra“ steht unter dem Bild. Ob die Darstellungen mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz erstellt wurden, ist nicht angegeben. Sichtbar ist nur: Manche Bilder wirken wenig wie sorgfältige Rekonstruktionen als wie von der gegenwärtigen popkulturellen Vorstellung inspirierte, fehlerhafte Fantasie.

Am Ende glänzt der Shop

Zum Schluss wird Kleopatra zur Popkultur: Eine Tafel erzählt von der Schauspielerin Elizabeth Taylor, die die ägyptische Königin 1963 in dem US-amerikanischen Monumentalfilm „Cleopatra“ spielte und ihr Bild bis heute mitprägt. Daneben sind zwei kleine Gucklöcher. Wer hineinsieht, erkennt eine digitale Szene: Kleopatra sitzt dort, wie ein Standbild aus einer Animation. Danach kommt der ausgeleuchtete Shop: Bücher, Schmuck, Souvenirs. Annette Ausfeld, 52, bleibt vor einer im Licht glänzenden Kette stehen. Sie findet die Ausstellung gelungen. Der Erzieherin ginge es ums Ereignis an sich: „Man kennt es aus verschiedensten Urlauben, Reisen, dass man sich so ein bisschen Kultur angesehen hat und über die Persönlichkeit auch Bescheid weiß.“

Und was genau bleibt hängen: Die Tauchfahrt durch das versunkene Alexandria, die auch die Professorin als gelungen empfindet? Der Geruch von Regen und die schönen Projektionen? Die Bücher unter Cäsars Tisch? Kleopatras Empfehlung einer Paste aus verbrannten Mäusen? Die Althistorikerin zieht eine harte Grenze: „Vermittelt es historisches Wissen? Nein. Es vermittelt sogar falsches Wissen.“

„Vermittelt es historisches Wissen? Nein. Es vermittelt sogar falsches Wissen.“

Die Pressestelle der Ausstellung verweist auf Nachfrage zu den genutzten Quellen schriftlich auf fachliche Begleitung. Die Ausstellung sei „in Zusammenarbeit mit Historikern, Kuratoren sowie mit Unterstützung des Ägyptologen Nacho Ares und dem britischen Kleopatra-Experten Dr. Chris Naunton sorgfältig kuratiert“ worden. Eine konkrete Quellen- oder Literaturgrundlage zu einzelnen Darstellungen nennt die Pressestelle auf Nachfrage nicht. Auch wie genau Fachleute in die finale Prüfung von Texten, Szenen und Bildern eingebunden waren, wird nicht beantwortet. Damit bleibt ausgerechnet die Frage offen, die für die Ausstellung entscheidend ist: Wie lässt sich für Besucher*innen erkennen, was tatsächlich historisch belegt ist?

Was der Ägyptologe dazu sagt

FINK.HAMBURG schreibt den britischen Kleopatra-Experten an. Naunton verweist auch auf den spanischen Ägyptologen Nacho Ares. Ares bestätigt schriftlich auf Spanisch, hier ins Deutsche übersetzt, er habe das Ausstellungsskript und die Tafeltexte verfasst. „Das immersive Erlebnis ist eine Mischung aus historischen Fakten und anderen nachgebildeten Elementen, die jedoch auf historischen Hinweisen aus verschiedenen Quellen beruhen“, schreibt Ares.

„Das immersive Erlebnis ist eine Mischung aus historischen Fakten und anderen nachgebildeten Elementen.“

Gleichzeitig macht Ares deutlich, wie viel Interpretation in der Ausstellung steckt: Manche Szenen, etwa Kleopatras Krönung in Memphis, ihr Tod oder ihr Grab, seien rekonstruiert und stützen sich nur auf indirekte Hinweise. Die Ausstellung richte sich an ein breites Publikum und arbeite deshalb mit vielen Freiheiten. Wie Kleopatras Gesicht, Marcus Antonius oder die Städte und Landschaften wirklich aussahen, wisse man nicht. Man könne sie aus zeitgenössischen Beschreibungen ableiten, aber es seien „keine Fotografien“.

Wo sich die Ausstellung Freiheiten nimmt

Bei Nachfragen zu einzelnen Darstellungen wie die Szene mit Büchern unter Cäsars Schreibtisch, die Harter-Uibopuu kritisiert, nennt Ares keine konkrete Quelle. Es handle sich um eine erzählerische Freiheit, nachzubilden, wie ein Schreibtisch ausgesehen haben könnte. Auf die Bücher geht er nicht ein. Auch die Darstellung von Cäsars Tod ist bewusst nicht streng rekonstruiert. Der Raum, der nach Harter-Uibopuu in der Ausstellung an ein Theater erinnert, sei gewählt worden, weil das Publikum ihn als offenen Raum verstehe. Eine genaue Rekonstruktion des Senats wäre laut Ares dunkel und wenig attraktiv gewesen. Auch das nennt er eine Freiheit in der Darstellung.

Auf die Frage nach Künstlicher Intelligenz schreibt Ares, in der Ausstellung seien keine KI-Werkzeuge verwendet worden. Zum allgemeinen Einsatz von KI in historischen Ausstellungen wolle er sich nicht genauer äußern, weil er damit nicht gearbeitet habe. Er halte KI aber grundsätzlich für ein weiteres Werkzeug, das für diejenigen nützlich sein könne, die es verwenden.

In einem weiten Raum stehen mehrere Menschen. Auf die Wände und den Boden werden Szenen mit Cäsar und dem Senat projiziert.
Auch Szenen mit Cäsar werden in der Ausstellung gezeigt. Foto: Alegria Exhibitions

Ob Besucher*innen erkennen sollten, wann eine Szene auf Quellen beruht, nur aus indirekten Hinweisen abgeleitet ist oder frei rekonstruiert wurde? Ares hält solche Hinweise nicht für nötig. Er schreibt erneut, dass die Ausstellung sich an ein breites Publikum richte. Außerdem wisse man nicht einmal, ob das, was die Quellen berichten, tatsächlich wahr sei. Niemand wisse, wie groß Cäsar war oder welche Schuhgröße Kleopatra hatte – solche Differenzierungen seien aus seiner Sicht nicht notwendig. Sinngemäß sei es eine erzählerische Freiheit, eine „licencia literaria“.

„Es una licencia literaria.“

Die Antwort von Ares liefert zwar eine grobe historische Einordnung, aber sie bestätigt auch das Grundproblem der Ausstellung: Für Besucher*innen ist nicht sichtbar, wo belegte Überlieferung endet und wo Inszenierung beginnt. Aussagen von Besuchenden zeigen, wie schnell aus einer Angabe in einer historischen Ausstellung ein fester Eindruck wird. Als Erlebnis ist „Kleopatra“ eindrucksvoll. Als Geschichtsvermittlung bleibt die Ausstellung wacklig. Nicht, weil es keine Quellen gibt. Sondern weil nicht sichtbar wird, was Quelle ist, was Rekonstruktion und was vor allem nur gut aussieht.

Patricia Schnoor, geboren 2002 in Hamburg, war als Kind entweder beim Karate oder Reiten, liebt Horrorfilme und hat als Teenie alle Wände ihres Zimmers bemalt. Ursprünglich wollte sie Ärztin werden, doch dann kam BookTok dazwischen. Nach dem Abi begann sie dort Illustrationen und Buch-Reviews zu veröffentlichen. Keine zwei Jahre später bekam sie Illustrations-Aufträge von den Big Five der Publishing-Häuser sowie aus neun Ländern, darunter Malaysia und die USA. Parallel hat sie Medienwissenschaft mit dem Nebenfach Kommunikation und Journalistik an der Universität Hamburg studiert. In ihrer Bachelorarbeit widmete Patricia sich ihrer Leidenschaft BookTok auch wissenschaftlich. Karate macht sie heute nicht mehr, dafür haut jetzt ihre Berichterstattung um.
Kürzel: pal

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